Kultur

Traumschlösser und Millionenschulden

Abrechnungen für einen Escort-Service, Kokain und Falschaussagen zur Erlangung von Bundesgeldern: Wie Erfolgsregisseur Michael Steiner das Prestige-Filmprojekt «Sennentuntschi» in den Sand setzte. Die Verantwortung will er nicht übernehmen.

Von Philipp Gut

Brennende Leidenschaft: «Sennentuntschi»-Hauptdarstellerin Roxane Mesquida. Illustration: Wieslav Smetek

Es hätte das ganz grosse Filmspektakel werden sollen, ein elektrisierender Mix aus Alpenepos, Mystery-Thriller und gruseligem Erotikstreifen. Ein uralter Sagenstoff mit dem Potenzial für einen internationalen Erfolg, verfilmt vom aufregendsten Schweizer Regisseur der Gegenwart. Michael Steiner, bekannt und berühmt geworden durch die Erfolgsfilme «Mein Name ist Eugen» und «Grounding», machte sich daran, «Sennentuntschi» zu verfilmen, ein Stück aus den düster-faszinierenden Etagen der Schweizer Volksseele. Grandiose Aussenaufnahmen machte man im Schächental, im Bergell und in Tirol. Ende letzten Jahres war der Film im Kasten. Wer Ausschnitte sah, geriet ins Schwärmen, die Rede ist von einem Meisterwerk.

Dann kam, im November 2008, der Schock. Wegen akuter Finanznot von Steiners Firma Kontraproduktion AG standen plötzlich alle Arbeiten still. Der Film konnte bis heute nicht fertiggestellt werden, Steiners Unternehmen ist insolvent, Rechnungen in Millionenhöhe stehen aus, die Liste der Gläubiger ist lang. Manche von ihnen, vor allem kleinere und mittlere Betriebe, sehen sich in teilweise existenzbedrohende Schwierigkeiten gebracht. Eine Lösung der verfahrenen Situation steht immer noch aus.

Schulden bis zu fünfeinhalb Millionen

Statt den erhofften Erfolg einzuheimsen, muss Steiner den Geschädigten nun regelmässig Bulletins des Versagens senden. Sein jüngstes Schreiben mit der etwas gewöhnungsbedürftigen Anrede «Liebe Förderer, liebe Koproduzenten, liebe Gewerkschaft und liebe Anwälte» datiert vom August. «Wir sind sehr enttäuscht über das erneute Scheitern des inzwischen dritten Rettungsversuches des Filmes ‹Sennentuntschi›», schrieb Steiner. Der acht Seiten lange Brief schliesst mit den Sätzen: «Wir leben nur noch von der Hoffnung, dass ein Lösungswunder eintrifft. Ansonsten tritt die filmische Diaspora der Kontra-Mitglieder ins Ausland ein.»

Da schwingt, unkonventionell formuliert und mit dem Unterton einer leisen Drohung, die Kränkung eines filmischen Wunderkindes mit, das zum endgültigen Höhenflug ansetzte und nun hart gelandet ist. Die Schulden seiner Firma, teilte Steiner den Betroffenen mit, betrügen 3,4 Millionen Franken, Zinsen nicht berücksichtigt. Im Konkursfall kämen «summa summarum» noch einmal «ca. 2 Millionen [Franken an] Forderungen hinzu». Das ergäbe ein Schuldentotal von rund fünfeinhalb Millionen Schweizer Franken.
Kenner der Szene rechnen mit raumgreifenden Folgen. Steiner selber spricht von einem «nationalen Filmtrauma», das «unheilvolle Fäden ins Ausland» ziehen und auch «Schweizer Kreative» treffen könnte, «die nichts mit der Sache zu tun haben». Bereits jetzt ist der Kollateral- und Imageschaden beträchtlich. Manche Filmleute, wie der Zürcher Produzent Andres Brütsch, rechnen mit «Langzeitschäden für die Branche». Die Geldgeber, vermutet er, würden in Zukunft vorsichtiger. Es werde schwieriger, an Subventionen zu kommen.

Der Traum vom grossen Erfolg

Die Frage stellt sich: Wie konnte es geschehen, dass der gefeierte, hochtalentierte Michael Steiner derart abstürzte? Ausgerechnet er, der gern stolz erzählt, seine Filme spielten «pro Förderfranken am meisten Geld an den Kinokassen ein».

Angefangen hat alles mit einem Traum, vielleicht mit einem unschweizerisch unbescheidenen. Steiner, ein genialer Autodidakt, eine Ausnahmeerscheinung unter den Schweizer Regisseuren, galt vielen als Hoffnungsträger. Ihm traute man zu, dass er den Spagat zwischen Kunst und Kommerz schaffen und hochkarätige Filme drehen könnte, die bei einem breiten Publikum Anklang finden. Weg vom Minderheitenprogramm des drögen Autorenfilms, hin zu Kassenschlagern, die auch ästhetisch überzeugen. Blockbuster, made in Switzerland. Der Lausbubenfilm «Mein Name ist Eugen» und das Swissair-Drama «Grounding» waren ein Versprechen.
Steiners Art des Filmemachens wurde in Bern dankbar und begeistert aufgenommen, sie passte wunderbar ins Konzept von Nicolas Bideau. Der oberste staatliche Filmförderer führte mit «Succès Cinema» eine Form der Subventionsverteilung ein, die populäre und wirtschaftlich erfolgreiche Filme belohnt. Michael Steiner wurde zu Bideaus lieb Kind und zur Symbolfigur der Aufbruchsstimmung im Schweizer Film.
Kreatives Zentrum und künstlerischer Motor der Bewegung sollte Steiners Firma Kontraproduktion werden. «Wir hatten einen Traum», schrieb der Regisseur im zitierten Brief vom August: «Filme aus der Schweiz heraus produzieren, die dem Bildungs- und Fertigungsstandard dieses Landes entsprechen» und «auch auf dem internationalen Markt» bestehen können. «Unser Vorbild war United Artists, und es fühlt sich deswegen besonders absurd an, dass nun ‹Sennentuntschi› das Schweizer ‹Heaven’s Gate› sein soll.»
Der erwähnte Film, ein Western von Michael Cimino, gilt als einer der grössten Flops in der Geschichte Hollywoods. Der Starregisseur, für das Vietnamkriegs-Epos «The Deer Hunter» mit fünf Oscars ausgezeichnet, erhielt weitgehend freie Hand für sein neues Projekt. Er brachte eine eigene Produzentin mit, überschritt das Budget fulminant und trieb durch den Misserfolg des teuren Streifens die Produktionsfirma an den Rand des Ruins. Nach einer angeblichen Geschlechtsumwandlung lebt der einstige Wunder-Regisseur heute in der Umgebung von Los Angeles.
Etwas weniger drastisch, aber nicht ganz unähnlich lief es im Fall «Sennentuntschi». Michael Steiner, dem man wegen seines Flairs für rote Teppiche, Stretchlimousinen und weisse Anzüge nachsagt, er wolle einen Hauch von Hollywood importieren, startete mit Vorschusslorbeeren und – wie sich zeigen sollte – einigem Vertrauensüberschuss in das Produktionsabenteuer. Selber im Aufsichtsgremium der Kontraproduktion sitzend, machte er den Anwalt Dr. Bruno Seemann zum Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsidenten. Der eher zwielichtige Seemann, bereits vorgängig in Konkursverfahren verwickelt, erwies sich als doppelte Hypothek: Er hatte weder die Finanzen im Griff, noch verfügte er über ausreichend Erfahrungen als Produzent. Nachdem das Debakel ans Licht gekommen war, trat er Ende 2008 von seinen Funktionen zurück.

In der Buchhaltung herrschte Chaos

In der Buchhaltung der Kontraproduktion AG herrschten chaotische Zustände. Gelder wurden verjubelt und zum Teil zweckentfremdet. Im Jahr 2007 nahm Verwaltungsratspräsident und Geschäftsführer Seemann die Dienste eines Escort-Service in Anspruch – bezahlt hatte er mit einer Firmenkreditkarte, so dass die frivole Buchung in den Abrechnungen der Kontra auftaucht. Insider, die Einblick in die Rechnungslegung hatten, behaupten gar, die AG habe seit zwei Jahren keinen ordentlichen Abschluss mehr vorgelegt. «Eine eigentliche Buchhaltung», bilanziert ein Beteiligter, «gab es bei der Kontra nicht.»

Steiners Firma war somit bereits in einem fragwürdigen Zustand, als sie für das Projekt «Sennentuntschi» öffentliche Fördergelder beim Bundesamt für Kultur (BAK), bei der Zürcher Filmstiftung und dem Schweizer Fernsehen (SF) beanspruchte. Trotzdem sprach das BAK rund 1 Million Franken, die Filmstiftung rund 600 000 Franken und SF 300 000 Franken, insgesamt fast 2 Millionen.
Am Leutschenbach hegte man allerdings, interessant aus heutiger Sicht, schon damals Bedenken. Die SF-Fachleute waren sich einig: «Sennentuntschi» sei ein «tolles Projekt», Steiner ein «grossartiger Regisseur», aber es gebe ein «Problem». Es mangle an einem professionellen Produzenten. Diese Einschätzung, sagt SF-Redaktor Peter Studhalter, habe sich als «absolut richtig erwiesen». Dennoch sprach auch das Fernsehen einen nicht unerheblichen Betrag.
Warum eigentlich, fragt man sich, wenn doch solche Zweifel an der Seriosität des Projekts bestanden? Studhalter, der erst später Verantwortung für das Dossier übernahm, spricht von einem «unglaublichen Druck» in der Branche. Wer eine Förderung des mit Hoffnungen befrachteten einheimischen Grossprojekts verweigert hätte, wäre schnell einmal als «Landesverräter» verschrien worden.

«Alles im Griff»

Und so nahmen die Dinge, ungehemmt durch kritischen Einspruch, ihren Lauf. Die Schieflage verschärfte sich beim Drehstart. Es war nicht genügend Geld vorhanden, das Projekt war akut unterfinanziert – was man offenbar grosszügig ignorierte. Regisseur Steiner stellt sich heute auf den Standpunkt, er habe von Geschäftsführer Seemann grünes Licht und die Auskunft erhalten, er habe alles im Griff. Etliche Stimmen, darunter auch solche, die Steiner durchaus nahestehen, zeichnen ein differenzierteres Bild.

«Der junge wilde Stier» (Schauspieler Daniel Rohr über Steiner) habe, von seinen Fähigkeiten überzeugt und von brennender Leidenschaft für sein Projekt getrieben, auf den Drehbeginn gedrängt. «Los, das machen wir! Das Geld kommt dann schon.» Mit dieser Haltung sei man ans Werk gegangen.
Ausschlaggebend für das Desaster dürfte laut Experten und Insidern aber zweifellos die völlig unzureichende und stümperhafte Finanzplanung gewesen sein. «Es gab keine saubere Liquiditätsprüfung», sagt ein beteiligter Anwalt und Sanierer. Die gleiche Einschätzung geht aus einem internen Schreiben von Michael Steiner hervor. Am 19. Dezember 2008, nach Abschluss der Dreharbeiten und dem Abgang von Dr. Bruno Seemann, schrieb Steiner eine E-Mail an «meine lieben Schauspieler und ihre Agenten, meine beste Crew, meine geschätzten Lieferanten und Dienstleister». Ohne das ganze Ausmass der Misere auf den Tisch zu legen, gestand er ein, «dass wir heute noch gewisse Sachen zu regeln haben, die üblicherweise vor Beginn des Drehs erledigt werden». So sei «leider der Liquiditätsplan etwas unstrukturiert und muss nun optimiert werden» – zu einem Zeitpunkt, wohlgemerkt, als der Film abgedreht und die Zahlungsunfähigkeit der Kontraproduktion bereits Tatsache war. Dies führe, schrieb Steiner beschönigend, «zu der Situation, dass die Zahlungen später als gewollt getätigt werden».
Daraus wurde bis heute nichts, das Entgelt für ihre Leistungen haben die Betroffenen nie erhalten. Stattdessen bat Steiner die Gläubiger um «Geduld» und «Goodwill». Allein bei den Kleinunternehmen, die für Szenenbilder, Requisiten und Studiobauten verantwortlich waren, steht die Kontraproduktion mit rund 235 000 Franken in der Kreide. Am 22. März dieses Jahres informierten die betroffenen Handwerker die Förderinstitutionen (BAK, Zürcher Filmstiftung, SF) über die ausstehenden Forderungen, verbunden mit der Klage, dass sie «mit einer Produktionsfirma kommunizieren müssen, die keine Informationen von sich aus gibt, die uns mit einer unglaublichen Ignoranz vertröstet und seit vier Monaten noch keine substanziellen Informationen geliefert hat».
Manche Kleinunternehmen hätten ganze Jahreslöhne verloren, sagt Karin Vollrath, Geschäftsführerin des Branchenverbandes Schweizer Syndikat Film und Video. Für den einen oder anderen stehe gar die Existenz auf dem Spiel. René Lang beispielsweise, der mit seiner Firma SLS Illusion + Construktion GmbH Bauten und Dekors für «Sennentuntschi» lieferte, hat Rechnungen über 110 000 Franken offen. Ähnlich ist es bei anderen Geprellten.
Fehler machte Steiners Produktionsfirma auch in Zusammenhang mit der ausländischen Koproduktion des «Sennentuntschi», was neue Löcher in die leere Kasse riss. Der Film sollte von einer französischen und einer österreichischen Firma mitgetragen werden. Damit wollte sich die Kontraproduktion AG erstens EU-Fördergelder sichern und zweitens den europäischen Markt erobern.
Den Part in Frankreich sollte die Avventura S. A. der Zürcher Produzentin Ruth Waldburger übernehmen. Das Scheitern dieses Ansinnens gab bereits Anlass zu gegenseitigen Schuldzuweisungen. Der Weltwoche sagt Michael Steiner: «Waldburger hat es verscherbelt.» Ein Vorwurf, den die erfolgreiche Produzentin nicht auf sich sitzen lässt. «In den Verträgen stand stets, dass wir Koproduzent werden, wenn die Finanzierung gesichert ist.» Und dies sei nicht der Fall gewesen.

An der Grenze des Subventionsbetrugs

Wer hat recht? Einen deutlichen Hinweis gibt ein internes Gesprächsprotokoll einer Sitzung im Bundesamt für Kultur. Pikanterweise bringt es ein weiteres Vergehen von Steiner und Seemann ans Licht, das die Grenze des Subventionsbetrugs ritzt. Die Kontraproduktion habe, so heisst es im Protokoll, bei der Einreichung ihres Gesuchs um Unterstützung durch die Eidgenossenschaft «insofern falsche Angaben gemacht, als sie davon ausgingen, dass vom französischen Koproduzenten ein Betrag von 0,9 Millionen kommen sollte. Dieser Betrag kam dann nicht, der Koproduzent ist ausgestiegen, und beide Parteien [. . .] haben bestätigt, dass der Koproduktionsvertrag so wenig verbindlich gewesen sei, dass Kontraproduktion darauf keine Rechte habe ableiten können.»
Die Vorwürfe an Steiner & Co wiegen schwer, es geht um die Vorspiegelung falscher Tatsachen. Im Protokoll heisst es weiter: «Darin liegt auch die Falschauskunft, welche Kontra gegenüber den Filmförderern gemacht hat, sie hat nämlich gegenüber der Verwaltung suggeriert, der Vertrag mit dem französischen Koproduzenten sei auch durchsetzbar. Das BAK ist der Auffassung, dass die Falschinformation wahrscheinlich nicht reiche, um von Subventionsbetrug auszugehen, es reiche aber klar, die Subvention zurückzufordern.»

Das ist mittlerweile geschehen. Das Bundesamt für Kultur, wiewohl Steiner gegenüber freundlich eingestellt, hat juristisch keine andere Wahl gehabt, als die erschwindelten 950 000 Franken zurückzuverlangen. Die Rückforderung wurde im Juli ausgesprochen, bis Mitte September kann die Kontraproduktion AG rekurrieren (was sie, wie Steiner sagt, auch tun wird).

«Massive Konsequenzen für das BAK»

Die womöglich justiziablen Verfehlungen ziehen Kreise ins Ausland. Mit im Boot sitzt der österreichische Koproduzent, die Superfilm Filmproduktions GmbH von John Lueftner. Er hat rund 400 000 Euro in «Sennentuntschi» investiert, wobei fast der gesamte Betrag — rund 370 000 Euro — von der öffentlichen Hand des Nachbarlandes kommt (Bundes- und Landesmittel). Ernüchtert sagt Lueftner: «Ich traute der Kontraproduktion zu, dass sie ein Projekt dieser Grössenordnung abwickeln kann. Das trifft offensichtlich nicht zu.» Das Beste für ihn wäre die Fertigstellung des Films, aber falls dies nicht gelinge, müsse er Regressforderungen stellen: «Ich kann den Betrag nicht einfach abschreiben, für uns ist das existenziell.»

«Schwer nachvollziehbar» ist für den ausländischen Beobachter – und das wäre der bisher letzte Akt des Dramas um «Sennentuntschi» –, wie die Schweizer Parteien das Problem zu lösen versuchen. Verschiedene Rettungsversuche sind gescheitert, der Konkurs werde fast unanständig lange hinausgezögert.
Der Hauptgrund: Die Parteien sind uneins über das Vorgehen. In der Branche zirkuliert die Vermutung, dass gewisse Beteiligte einen Konkurs auch deshalb um jeden Preis verhindern möchten, weil dann sämtliche Ungereimtheiten und Vergehen auf den Tisch kämen. Ein Indiz dafür liefert der zitierte Brief von Michael Steiner. «Ein Versagen [sprich: ein Konkurs] hätte massive Konsequenzen für das BAK», heisst es darin.
In diesen Tagen laufen Verhandlungen über einen neuerlichen Rettungsplan. Er sieht den Verzicht der grössten Gläubiger auf ihre Forderungen vor, darunter die UBS mit 480 000 Franken, die Turnus Film von Hans G. Syz mit 200 000 Franken, der frühere Zürcher «Kinokönig» This Brunner mit 150 000 Franken und die Schwarzfilm von Philipp Tschäppät (der Bruder des Berner Stadtpräsidenten) mit 100 000 Franken. Gleichzeitig soll der Anwalt und Filmunternehmer Markus Barmettler mit seiner Omega Entertainment Ltd. im grossen Stil neues Geld einschiessen.
Barmettler ist im internationalen Filmbusiness tätig, seine Firma hat Niederlassungen in Los Angeles und Schanghai. Zwei Knacknüsse hätte der Investor, der wie ein weisser Ritter im Schlamassel auftauchte, noch zu lösen. Neben dem Verzicht der Grossgläubiger würde es weitere Fördergelder der öffentlichen Hand brauchen – was allerdings eher schwierig werden dürfte. Die drei grossen öffentlichen Filmförderer des Landes, das Bundesamt für Kultur, die Zürcher Filmstiftung und das Schweizer Fernsehen, arbeiten mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen und Konzepten. In dem nun schon acht Monate andauernden Trauerspiel um die Nachbearbeitung des Kontraproduktion-Crashs haben sie nie am selben Strick gezogen.
Die Zürcher Filmstiftung und SF favorisierten von Anfang an eine Lösung, die auf eine Fertigstellung des «Sennentuntschi» abzielt, ohne Steiners insolvente Firma zu retten. Für Peter Studhalter vom Fernsehen und Andres Brütsch von der Zürcher Filmstiftung ist klar: Fördergelder für die Rettung eines Unternehmens zu sprechen, würde das Reglement verletzen. Weniger eindeutig verhielt sich das Bundesamt für Kultur. Es schwankte zwischen den verschiedenen Vorschlägen hin und her.

Die Förderer schieben sich die Schuld zu

Wie verzweifelt die Lage ist und vor allem: wie zerstritten die staatlichen Filmförderer sind, zeigte sich Ende Juni. In einer gemeinsamen Stellungnahme schrieben SF/SRG und die Zürcher Filmstiftung an das BAK, sie stellten «zu ihrem grossen Bedauern fest, dass es nicht gelungen ist, das Projekt ‹Sennentuntschi› gemeinsam mit allen Partnern einvernehmlich, rasch und ausserhalb eines Konkursverfahrens gegen die Kontraproduktion AG fertig zu stellen. Die intensiven Verhandlungen der letzten fünf Monate sind an der Verschleppungstaktik und am Widerstand der Sektion Film des Bundesamtes für Kultur gescheitert.»

Das BAK wollte mit dem Hinweis auf laufende juristische Verfahren keine Stellung nehmen.
So oder so stellt das Hickhack der Filmförderung kein besonders gutes Zeugnis aus. Die wenig erbauliche Krisenbewältigung lässt gar die Frage aufkommen, ob die Förderer, allen voran das Bundesamt für Kultur, in der Behandlung der Gesuche nicht ihre Sorgfaltspflichten verletzt haben. Bei der Vergabe von Fördergeldern scheint es an wirksamen Kontrollen zu fehlen. Dabei hätte man eigentlich vorgewarnt sein müssen: Schon beim letzten Projekt von Michael Steiner, «Mein Name ist Eugen», fehlte Geld, am Ende musste fast eine Million Franken nachgeschossen werden.
Und Steiner? In einem zweistündigen Telefongespräch betonte er mehrfach: «Ich lehne alle Verantwortung ab.» Schuld sind aus seiner Sicht die andern – in Anbetracht der Faktenlage eine eher fadenscheinige Ausflucht. Mit seinem ehemaligen Geschäftspartner Seemann hatte Steiner gemäss Handelsregistereintrag eine «Kollektivunterschrift zu zweien», als Vizepräsident war er an allen wichtigen Entscheidungen beteiligt. Auch privat, hört man aus seinem Umfeld, herrscht in finanziellen Dingen grosse Unordnung.
Hinzu kommt ein Tabuthema, das zwar alle ansprechen, über das aber niemand zu schreiben wagt. Von Zürich bis Locarno gelte es als «sehr offenes Geheimnis», dass Steiner Kokain in hohen Dosen konsumiere, auch um teilweise nächtelang durcharbeiten zu können. Glanz und Elend des Regietalents liegen eng beieinander. Bekannte beschreiben ihn als begeisterungsfähig, leidenschaftlich, fleissig, ehrgeizig, kreativ, als brillanten Ideengenerator mit ansteckendem Optimismus. Diese Eigenschaften hätten ihn nun auch ins Verderben geführt. Er warf sich auf das «Sennentuntschi», voller Passion und in der hochgeputschten Überzeugung, dass ihm, dem gefeierten Erneuerer des Schweizer Films, alles gelinge.
«Er spielt auf hohem Niveau den Künstler», sagt eine enge Vertraute Steiners. Die Crew habe ihm aus der Hand gefressen, «alle schauten zu ihm auf, niemand wies ihn in die Schranken». Man sieht ihn oft, ob es zum Anlass passt oder nicht, in weissem Anzug und goldenen Schuhen, ein hochbegabter Exzentriker mit einem Hang zum Realitätsverlust.
Umso mehr hätte er Förderer und Produzenten gebraucht, die ihm peinlich genau auf die Finger schauen. In Hollywood hat man aus dem Fall Cimino längst die Lehren gezogen. Selbst ein Starregisseur wie Martin Scorsese kann heutzutage keinen Film mehr drehen, ohne dass ihm ein mächtiger Produzent als Zuchtmeister ständig zur Seite steht und ihn kontrolliert.

Kommentare

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  • Clara Hauser
  • 02.11.09 | 07:00 Uhr

M. Steiner kam in Ihrem Artikel noch viel zu gut weg. Den selbsternannten "Orson Welles der Schweiz" (kein Witz, selbst schon mal gehört) mit echten Regisseuren wie Martin Scorsese zu vergleichen ist lächerlich. Ganz ehrlich: kein einziger von Steiners Filmen funktioniert wirklich, oder? Meiner Meinung nach ist das alles peinliches Machwerk, das auf internationalem Niveau in keiner Art und Weise mithalten kann. Aber nach eigenen Aussagen hat bei ihm ja auch schon mal "Hollywood" angeklopft und mit Angeboten gewunken. Bei dem mageren Leistungsausweis schwer vorstellbar aber wir werden sehen.

 
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