Julie Powell

Ooh . . . melette!

Julie Powell, Mutter der kulinarischen Seelensuche und Pionierin des Gastro-Blogs, erzählt, wie es mit «Julie & Julia» zur starbesetzten Verfilmung ihres Lebens kam.

Von Sacha Verna

Es gibt «Fricassée de poulet au paprika». Das Rezept dafür steht auf Seite 262 von Julia Childs «Mastering the Art of French Cooking», Band 1, und ist kaum mehr lesbar, da von einer Schicht, sagen wir, früherer «Fricassées de poulet au paprika» überzogen. Diese Seiten haben gelitten. Noch mehr gelitten als das Relikt dessen, was einmal ein Kochbuch war, hat die Frau, die gerade die Butter-Eigelb-Sahne-Sauce für das Hühnchen zusammenrührt. Jedenfalls, wenn man dem Blog glaubt, den Julie Powell während des einen Jahres schrieb, in dem sie neben dem Paprika-Vogel auch sämtliche übrigen 523 Gerichte aus Childs «Art of French Cooking» nachkochte. Julie Powell hantiert in der offenen Küche ihres grossen Lofts in Long Island City, New York, und spricht über Hühnchen, Leiden und Julia Child. Und über den Erfolg, den sie all dem verdankt. Alle paar Minuten unterbricht ein vorbeidonnernder Lastwagen das Gespräch und lässt das Geschirr klappern.
Die 36-Jährige ist die Mutter der Selbstfindung im Suppentopf. Nicht dass Powell das Essen als Vehikel der Seelensuche erfunden hätte. Doch das Erscheinen ihres auf dem Blog basierenden Buches «Julie & Julia: 365 Tage, 524 Rezepte und eine winzige Küche» löste in den USA eine gigantische Welle kulinarischer Egotrip-Literatur aus, in deren Ausläufern Autoren und Leser nach wie vor wohlig planschen. Ob «Ich, du und unser Pizzaofen» oder «Mein Jahr mit der Lammterrine» – die Gattung der food memoirs erfreut sich ungebrochener Beliebtheit dank eingängiger Botschaften und Aufforderungen wie «An den Herd statt auf die Couch!» oder «Entdecke deinen inneren Dinkelbrotbäcker!».

Ein derart vollwertiger Bestseller schrie geradezu nach einer Verfilmung mit Starbesetzung. Und so ist in «Julie & Julia» derzeit unter der Regie von Nora Ephron Meryl Streep als Julia Child zu sehen und Amy Adams als Julie Powell. An der New Yorker Premiere traten sich Gastro-, Hollywood- und sonstige Grössen (Yoko Ono?) auf dem roten Teppich gegenseitig auf die Zehen.
Doch der Reihe nach. Am Anfang des «Ju- lie & Julia»-Abenteuers standen eine Möchtegern-Jane-Austen von 29 Jahren und schiere Verzweiflung: «Ich hatte das Gefühl, mein Leben versaut zu haben», sagt Julie Powell, wobei sie Pouletstücke anbrät. «Ich hasste meinen Sekretärinnenjob, hasste New York, wo ich seit sieben Jahren lebte und es zu nichts gebracht hatte. Für eine Schriftstellerkarriere fehlte mir der Mut, aber ich hatte keine Ahnung, was ich sonst anfangen sollte.»

Beinahe-Nervenzusammenbrüche

Die Rettung kam in Gestalt der imposanten, selbstbewussten Julia Child. Genauer: Julie Powell stiess im Küchenschrank ihrer Mutter auf Childs «Mastering the Art of French Cooking», jenen Kochbuchklassiker, der seit 1961 unzählige Amerikanerinnen und Amerikaner mit den Geheimnissen der französischen Küche vertraut gemacht hat. Julie Powell sah in dem dicken Schinken freilich mehr als Schritt-für-Schritt-Anleitungen für perfekte Sauce hollandaise und Moules à la marinière: «Ich glaubte, Julia Childs aufmunternde Stimme daraus herauszuhören», sagt Julie Powell. Die Idee, sich in einem Jahr durch das Buch zu kochen, war die ihre: «Ich dachte, wenn ich es schaffe, dieses Unternehmen durchzuziehen, hat mein Leben wieder einen Sinn.» Der Vorschlag, ein Online-Tagebuch über dieses Experiment zu führen, stammte von Powells Mann Eric.

Blogger hüpften damals noch in den Kinderschuhen durchs World Wide Web. Food-Blogger trugen noch nicht einmal Schuhe. Dennoch fing Julie Powell an, in ihrer dürftig eingerichteten Küche Enten zu entbeinen, Markknochen auszuschaben und sich mit Sulz-Eiern in Variationen abzuquälen – und via Internet darüber zu berichten. Sie kochte bei Stromausfall, vereisten Wasserrohren und mit Bindehautentzündung. Sie kochte trotz, öfter mit Hilfe eines Ehemanns, der beim Malakoff-Fiasko mit ihr litt und auch angesichts von verdächtig flüssigem Hirn-Zweierlei nicht die Flucht ergriff.
Wie sich zeigte, konnte das vernetzte Publikum nicht genug kriegen von Potage Parmentier à la Julie & Julia. Bald verfolgten täglich Zehntausende Julie Powells Kellenschwingerei und überhäuften die Köchin mit Zuspruch und Ratschlägen. Dabei war die Kunst des einhändigen Crêpes-Wendens in dem Blog sehr schnell zur Nebensache geworden. In den Vordergrund rückten die diversen Beinahe-Nervenzusammenbrüche, die die Autorin beim Meistern nicht nur des Crêpes-Wendens erlitt. «Mich interessiert nicht, wie gut Ihnen die Pilze gelungen sind», erklärt Powell. «Mich interessiert, warum Sie Pilze gekocht haben an dem Abend, an dem Ihr Mann Sie verliess.» Sie sehe Kochen und Essen als Metapher, so Powell. Zum Beispiel dafür, wie sie sich aus einer verfrühten Midlifecrisis herauskämpfte, dabei ihre Festanstellung riskierte und fast ihre Ehe ruinierte.
Und natürlich: Kochen gleich Verführung, Essen gleich Sex. Julie Powell kann endlos über den «intensiven Geschmack und die puddingartige Geschmeidigkeit» von Kalbsleber rhapsodieren, «die Ihnen unmissverständlich klarmacht, dass Sie etwas verspeisen, das aus etwas anderem herausgeholt wurde. Zuerst sträuben Sie sich dagegen und versuchen, das Zeug einfach möglichst schnell herunterzuwürgen, bis Sie merken, dass Sie gar nicht anders können, als sich dieser Erfahrung voll und ganz hinzugeben.» Das sei wie bei richtig tollem, unheimlich dominantem Sex: «Sie werden gegen die Wand geknallt, wehren sich, doch plötzlich empfinden Sie nichts anderes mehr als sündige Unterwerfung.» Wie bescheiden nehmen sich dagegen die Pilze und Zwiebelchen aus, die mit dem Paprikahuhn vor sich hin köcheln.
Julie Powell hat das Bloggen mittlerweile aufgegeben. Dafür verbreiten sich nun Horden anderer elektronisch über ihr Frühstücksmüesli. Demnächst erscheint in den Vereinigten Staaten Powells zweites Buch «Cleaving: A Story of Marriage, Meat, and Obsession». Der Untertitel «Eine Geschichte über Ehe, Fleisch und Besessenheit» verrät genug.
Um mit dem Hühnerfrikassee und Julia Child zu enden: guten Appetit.

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