Medien

Versuch am lebenden Objekt

Was ändert sich im Leben eines Mitmenschen, wenn er keine Zeitungen mehr liest?

Von Kurt W. Zimmermann

Heute wollen wir über ein wissenschaftliches Experiment berichten. Es ist darum berichtenswert, weil es sich nicht um einen sterilen Laborversuch handelt. Es handelt sich um ein Experiment am lebenden Objekt.

Das lebende Objekt bin ich.
Seit wenigen Monaten lebe ich in Deutschland. Ich lebe dort aus beruflichen Gründen, aber das ist nicht weiter interessant.

Interessanter ist, wie ich lebe.
Ich habe in Deutschland, erstmals seit 35 Jahren, keine Tageszeitungen abonniert. Ich stehe auf, mache einen Kaffee und lese keine Zeitungen dazu. Ich höre auch nicht Radio.
Ich bin also völlig uninformiert. Dann fahre ich mit dem Auto ins Büro und komme dort völlig uninformiert an. Weil der Sitzungsrhythmus hoch ist, habe ich öfter auch keine Zeit, mich tagsüber im Internet zu informieren. Ich fahre also völlig uninformiert wieder nach Hause zurück. Dort öffne ich eine Flasche Weisswein, schalte den Fernseher ein und schaue Fussball.
Natürlich verpasse ich dadurch die wesentlichen News unserer Welt. Ich habe in den letzten Tagen zum Beispiel verpasst, dass Fulvio Pelli nicht Bundesratskandidat ist. Ich habe verpasst, dass der Bund seine CO2-Ziele revidierte. Ich habe verpasst, dass in Gabun Wahlen waren.
Die Frage, die mich quält: Habe ich tatsächlich etwas verpasst?
Freunde von mir haben mir früher immer erzählt, dass sie keine Tageszeitungen läsen. Sie haben erzählt, sie kämen aufgrund ihrer gefüllten Agenda einfach nicht dazu. Und sie haben gesagt, dass sie nicht glauben, sie würden etwas verpassen.
Ich habe meine Freunde immer für Exoten gehalten. Ich habe immer den Tages-Anzeiger, die NZZ und den Blick gelesen, dazu regelmässig den Daily Telegraph, die Welt, die FAZ, den Corriere della Sera, die Financial Times und das Wall Street Journal. Ich wollte nichts verpassen. News-Junkies nennt man diese Spezies.
Der Unterschied ist der: Meine Freunde hatten zur Information stets ein nüchternes Sachverhältnis. Sie interessierte nur, was ihnen in Berufs- und Privatleben direkten Nutzen brachte. Ich hatte zur Information ein romantisches Liebesverhältnis. Mich interessierten die gedruckten Inhalte losgelöst von ihrer Verwertbarkeit.
Eine der bösen Überraschungen der jüngeren Mediengeschichte war für die Zeitungsbranche die Erkenntnis, dass Zeitungen tatsächlich keinen handfesten Nutzen haben. Sie beeinflussen die Entscheidungsfindung eines Individuums nicht. Auch die profundesten Analysen der Bundesratswahlen, der Klimapolitik und der Wahlen in Gabun verändern das Leben des Publikums keinen Millimeter.
Erst das Internet hat das der Branche schonungslos klargemacht. Das Internet bietet, anders als die allgemeine Presse, ein spezifisches Inhaltsangebot. Der konkrete Nutzen ist allgegenwärtig. Darum redet man hier auch vom «User», ein Ausdruck, den es in der Zeitungswelt nicht gibt. Von Geldanlagen über Preisvergleiche bis Fachinformationen bietet das Netz eine Fülle von direkt verwertbaren Inhalten. Dafür zahlen die Konsumenten. Für Zeitungen zahlen sie immer weniger.
Für die Zeitungsmacher hat das einschneidende Konsequenzen. Journalisten können sich nicht mehr darauf verlassen, dass Zeitungslesen – wie früher – quasi eine Pflichtaufgabe ist. Es gibt im Produktmanagement keinen Unterschied mehr zwischen der Zeitungsindustrie und der Uhren-, Schokolade- und Modeindustrie. Man muss die Kunden jeden Tag von der Attraktivität der Nutzlosigkeit überzeugen.
Die Swatch Group, Lindt & Sprüngli und Prada sind erfolgreich, weil sie ganz genau wissen, dass sie etwas Unnützes produzieren. Auf den Redaktionen müssen sie das noch lernen.

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