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26.08.2009, Ausgabe 35/09

Kinderwagen

Sag mir, was du schiebst

Designer-Labels, Uhren- und Automodelle sagen viel aus über deren Träger und Besitzer. Aber was verrät die Wahl des Kinderwagens über die Lebenseinstellung der Eltern? Eine Typologie.

Von Alfred Martin

Der Bugaboo für Erfolgreiche, der Stokke Xplory für Eigenwillige, der Balmoral Pram für Stilbewusste, der Mountain Buggy für Praktische, der TFK Joggster für Naturfreunde, sowie ein Modell von Teutonia für Spartanische (von oben lins nach unten rechts).

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Bugaboo Cameleon — «Ist der Bugaboo-Kinderwagen ein ökonomischer Indikator?», fragte jüngst der San Francisco Chronicle. Nicht nur an der amerikanischen West Coast, auch in Schweizer Städten ist der Bugaboo einer der beliebtesten Kinderwagen. Mindestens seit Miranda aus «Sex and the City» in New York damit gesehen wurde (Modell Frog) und bald darauf Heidi Klum in Mönchengladbach, leistet sich, wer dabei sein will, einen Bugaboo. Und wer, ausser vielleicht Heidi Klum, möchte nicht sein wie Miranda? Wer einen Bugaboo schiebt — egal ob mit Babyblick nach vorn oder hinten —, trägt Designerware und hat wahrscheinlich ein potenziell hochbegabtes Baby. Er ist Anwalt, Banker, Werber oder Berater. Die Mutter ist um die fünfunddreissig, hatte schon vier Wochen nach der Niederkunft wieder eine gute Figur und arbeitet als Juristin, Marketing Assistant oder Human Resources Director in einer Grossbank. Zwar stecken die zwei kleineren Räder des Wagens im Schnee oder auf Waldwegen schnell mal fest. Das schränkt die Mobilität aber überhaupt nicht ein. Das Bugaboo-Kind hat im Alter von einem Jahr bereits in mindestens drei gehobenen Hotels auf zwei Kontinenten übernachtet. Die Eltern gehen vorbildlich auf das Kind ein und sind zärtlich. Sie betonen bei jeder Gelegenheit, die wenige Zeit, die sie mit ihrem Kind zur Verfügung hätten, sei quality time.

 

Stokke Xplory — Besitzer dieser Kinderwagenmarke sind noch etwas bewusster gekleidet als die Kollegen mit einem Bugaboo. Sie zeichnen sich aus durch stilistischen Mut, Faszination an Technik und kindgerechter Philosophie sowie durch den Willen, sich von den Bugaboo-Fahrern dieser Welt abzuheben. Gesellschaftlich bewegen sie sich mindestens in der Bugaboo-Klasse, erschien doch der Xplory in «Sex and the City — Der Film» gleich dreimal. Der Erfolg des Xplory verpflichtet Bugaboo-Besitzer mittlerweile dazu, in einschlägigen Gesprächen zu erwähnen, man habe bei der Auswahl auch den Stokke Xplory in Betracht gezogen. Selbst wenn man den Nachwuchs in einem Bugaboo Limited Edition spazieren fährt.

 

Silver Cross Balmoral Pram — Den Balmoral Pram, das Flaggschiff der Heritage Collection von Silver Cross, bekommt man in der Schweizer Öffentlichkeit leider kaum zu Gesicht. Dabei ist er schlicht ein Traum von einem Kinderwagen. Man stelle sich eine Familie im Schatten eines Zürcher Privatparks vor, mit einem englischen Picknickkorb. Die Teller sind aus Porzellan und die Löffel aus Sterlingsilber. Die Marmelade ist bitter. Die tea scones duften. Daneben ein Bugaboo, Xplory oder gar Mountain Buggy? Solcherlei eignet sich höchstens als Zweitwagen fürs Bergferienhäuschen. Der Balmoral Pram hingegen meistert diese Rolle mit Leichtigkeit. Er macht auf den ersten Blick klar, dass den Besitzern mehr an Stil liegt als an Praktikabilität. Das Material ist edel, die Lederriemenfederung beeindruckt mit britischer Handwerkskunst. Ein passendes Landgut und ein Butler, der ihn poliert, bringen den Balmoral optimal zur Geltung. Wenn das Kind laufen gelernt hat, erhält es den Baby Balmoral in Spielzeuggrösse.

 

Mountain Buggy Urban Jungle — Mehr als irgendwo sonst wimmelt es in der Schweiz von Menschen, die beruflich erfolgreich sind, im Privatleben anspruchsvoll und daneben einen ausgeprägten Sinn fürs Praktische haben. Sie fahren ÖV, einen Kombi oder ein SUV. Sie wandern gern. Ihr Kinderwagen soll agil in der Stadt sein, eigenhändig ins Tram gehoben werden können, im Kofferraum Platz haben, sich zum Joggen eignen, auf Wald- und Wanderwegen nicht feststecken. Sie kaufen mal im Globus ein, doch meist bei Migros oder Coop, und deshalb muss die Einkaufstasche diskret unter dem Kinderwagensitz Platz haben. Ihr Favorit kommt aus Neuseeland und heisst Mountain Buggy. Dafür nehmen sie gerne in Kauf, dass sie bei der Migros an der breiteren Kasse für Rollstühle anstehen müssen. Der Mountain Buggy hat einen weiteren Trumpf im Angebot: nämlich die double und triple Urban Jungles. Mit diesen Modellen kommt er für Eltern von Zwillingen oder Drillingen in die engere Auswahl darunter Prominente wie die Federers.

 

TFK (Trends for Kids) Joggster — Wer einen TFK Joggster schiebt, sei es zu Fuss oder mit Rollerblades, liebt Sport und die Natur. TFK-Besitzer beschweren sich nie oder selten über das Gewicht des soliden Wagens, erwähnen aber immer die einmalige Scheibenbremse. Entweder weil sie so praktisch ist — oder weil sie quietscht. Mit seinem TFK, so ein begeisterter Vater, könne man durch Wiesen wandern und auch mal durch einen Bach. TFK-Besitzer möchten, wenn möglich, mehr als ein einziges Kind. Zudem kaufen sie Bioprodukte und sind überzeugt, den für sie besten Wagen gewählt zu haben.

 

 

 

 

Teutonia — Trotz seines Namens gehört der Teutonia zu den erfolgreicheren Marken in der Schweiz. Die Fülle an Modellen ist gewaltig. Für Teutonia-Besitzer ist ein Kinderwagen kein Statussymbol, sondern das, was er ist: ein Kinderwagen. Genau so sehen die Modelle auch aus. Für die Besitzer stehen die praktischen Aspekte des Familienlebens im Vordergrund. Der Kampf um den besten Stil ist ihnen fremd. Deshalb wahrscheinlich heisst das Motto des Herstellers: «Bequem. Ruhig. Sicher». Wohl eher ein Wagen für zukünftige Bundesräte als für movie stars.

 

PS: Dem Kind ist es in den allermeisten Fällen nicht so wichtig, in welcher Wagenmarke es gefahren wird.

 

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 35/09
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Kommentare

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constanze     06.09.09 16:21

Bewundernswerte Organisation, Frau Ganzoni! Ich hatte in meiner Jungmutterphase ja auch einen Subaru Justy...dass Sie da noch einen TKF reinbringen erstaunt mich allerdings ein wenig. Man kann das Ding also zusammenklappen?

Es geht nichts über Chanel Lippenstifte, ma chère. Ein absolutes MUST! Im Moment mag ich wieder am liebsten Rouge Allure Nr. 58 "Audace". Der Chef und die KolleginInnen schauen jedesmal, wenn ich audace bei der Arbeit trage, so drein, als würden sie sich ihren Teil denken. Ich finds lustig. Sie kennen mich ja.

constanze     31.08.09 23:01

@romana ganzoni

wer hätte gedacht, dass Sie drei Kinder haben und das Jüngste noch im TKF.

Damals als das Kinderkriegen noch nicht mit einer mittelschweren Materialschlacht verbunden war, hatte ich eines dieser klappbaren Buggies, an dem man sich beim Auf- und Zuklappen immer scheusslichst die Finger einklemmte, weshalb wir es nur benutzten, wenn es unumgänglich war.

Heutzutage werden diese Dinger ja nicht mehr zusammengeklappt, nehm ich an. Man hat ja seinen SUV, glücklicherweise: Kürzlich im Tram ein Paar mit Bugaboo. Herzig, wie die beiden altermässig etwa 20 Jahre Auseinanderliegenden stolz auf ihr "lardon" runtersahen und dabei nicht merkten, dass ihr Kinderwagen das halbe Tram einnahm und die Leute deswegen fast nicht ausstei

constanze     29.08.09 07:43

sorry, der Link zum NEJM betr. SIDS scheint hier nicht zu funktionieren.

Wer sich dafür interessiert, mag auf die homepage des NEJM gehn http://content.nejm.org/ und dort in der Suchfunktion "SIDS" eingeben. Es ist der Artikel von Kinney HC et al. Allerdings für Nichtabonnenten nur als Abstract erhältlich.

constanze     29.08.09 07:27

@Christine

Kinder die nicht daran gewöhnt sind, herumgetragen zu werden, können einem tatsächlich in den Rücken fahren, wenn man sie hochhebt. Ist mir auch schon passiert. Als ich einma den etwa 1-Jährigen von Freunden hochhob und rumtrug, hatte ich nachher einen leichten Hexenschuss. Der Kleine kam mir tonnenschwer vor. Meine eigenen hingegen klammerten sich damals sich wie Äffchen an mich und machten sich ganz leicht...

Ich wollte hier wieder einmal eine Lanze brechen für die Natürlichkeit in der Kindererziehung- und Haltung. In den 80-ern wurde beispielsweise selbst von der Pro Juventute empfohlen, Babys in Bauchlage zu lagern. Das galt als entwicklungsfördernd und wurde auch von führenden Experten vertreten. Inzwischen weiss man, dass diese Lagerung SIDS f

Christine     28.08.09 23:44

Hundeleine. Es laufen mehr Hunde mit ihrem Herrn, als Herren mit ihrem Hund (Damen mitgemeint).

Schau mal Bild 24, Patricia, da schickt sich der Kleine an, mit seinem Herrn zu laufen..

Patricia     28.08.09 21:47

Und ein Nicht-Transporteur für zu Hause wäre noch das Laufgitter.

Wird das noch gebraucht? Das ist doch ideal, wenn die Mutter einmal für einige Minuten ihre Ruhe haben will oder einmal etwas erledigen will und nicht dauernd ihre Augen auf das Kind gerichtet haben kann.

Jedoch erinnert mich auch das Laufgitter an nichts Gutes: nämlich ans Gefängnis.

Und daher habe ich als ca. 4-Jährige aus Erbarmen mit meiner kleinen Schwester die Laufgitter-Schnur mit einer Schere durchgeschnitten.

Patricia     28.08.09 21:38

Christine, das sind köstliche Fotos!
Diese Leine ist bestimmt eine hilfvolle Sache für die Erwachsenen. Und das mit den "Aermchen hochreissen" stimmt wirklich auch. Aber dennoch: es erinnert mich einfach immer wieder an unsere Hundeleinen.

Christine     28.08.09 12:07

Constanze, zu Kinder herumtragen: Das will geübt sein. Vor ein paar Jahren trug ich meine kleine Nichte (damals vielleicht 7 Monate alt) auf dem Arm und halb auf der Hüfte für kurze Zeit herum. Durch die ungewohnte oder falsche Haltung klemmte ich mir dabei an zwei, drei Orten im Rücken Nerven ein, welche mein Arzt mir gottseidank, noch gleichentags wieder "entklemmen" konnte.

Christine     28.08.09 10:00

.. und da es quasi immer ein Hochschreissen der Aermchen bedeutet (ausser man ginge auf den Knien nebenher oder sei sonst eher klein gewachsen), müsste nach dem Kinderwagen logischerweise eine Kinderleine folgen.. oder nicht oder doch? ;-)

Ansonsten lies bitte statt "vor allem, wenn" "vor allem, weil".

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