Libyen-Krise

«Ich wurde erniedrigt»

Wie Hannibal Gaddafi und seine hochschwangere Ehefrau Aline in einem Genfer Luxushotel von zwei Dutzend Polizisten überwältigt wurden. Das Protokoll einer unnötigen Verhaftung, die zur diplomatischen Krise eskalierte.

Von Daniel Ammann

«Nie gewalttätig»: Hannibal Gaddafi (rechts unten). Illustration: Wieslaw Smetek

Mittwoch, 2. Juli 2008

Die libysche Botschaft in Bern kündigt dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hohen Besuch an. Hannibal al-Gaddafi, der Sohn des libyschen «Revolutionsführers» Muammar, lande um 19.30 Uhr mit seiner Frau Aline an Bord eines Privatflugzeuges in Genf. Die Botschaft bittet um bevorzugte Behandlung am Flughafen. Hintergrund: Das Ehepaar Gaddafi möchte sein zweites Kind in Genf zur Welt bringen. Aline ist im neunten Monat schwanger. Das Paar wird von seinem dreijährigen Sohn, von zwei Bodyguards, drei Ärzten und zwei Hausangestellten begleitet. Es steigt mit seiner Entourage im Luxushotel «President Wilson» ab.


Samstag, 12. Juli 2008

Die beiden Hausangestellten der Gaddafis Kamal Mortada und Ahlem Ben Said – melden sich per Telefon aus dem Hotel bei der Genfer Polizei. Sie behaupten, sie würden von ihren Arbeitgebern schwer misshandelt. Die Polizei holt sie im Hotel ab. Die beiden Bediensteten erstatten Anzeige. Mortada, der seit über fünf Jahren als «Mann für alles» für das Paar arbeitet, sagt, er sei von den Gaddafis «jeden Tag beleidigt» worden. Sie hätten ihn regelmässig «mit Füssen und Fäusten» geschlagen, einmal auch «mit einem Stock». Dabei seien ihm Zähne herausgeschlagen und sein linker Arm gebrochen worden. Wenn er die Misshandlungen verrate, habe ihm «Monsieur» Hannibal gedroht, würden sein Bruder und seine Mutter in Libyen getötet.

Ben Said sagt, sie sei von Aline Gaddafi mit einem Kleiderbügel aus Holz verprügelt und mit heissem Wasser verbrüht worden. Ihnen seien die Pässe abgenommen worden, und sie würden im Hotel festgehalten. Die Polizei ruft einen Arzt herbei, der bei Ben Said zahlreiche frische Verletzungen im Gesicht, am Vorderarm und an der Brust diagnostiziert. Bei Mortada stellt der Arzt tiefe Verletzungen älteren Datums fest. Die beiden Kläger werden unter den Schutz der Polizei gestellt und kehren nicht ins Hotel zurück.

Sonntag, 13. Juli 2008

Hannibal schickt einen seiner Angestellten zum Polizeiposten Pâquis. Er soll nach den zwei verschwundenen Hausangestellten fragen und einen Diebstahl anzeigen: 2000 Euro und eine wertvolle Chopard-Damenuhr aus Weissgold mit Diamanten seien ihnen aus dem Safe gestohlen worden, behaupten die Gaddafis. Sie verdächtigen ihren Hausangestellten Mortada, der den Safe-Code kennt. Der Polizeibeamte, der die Anzeige aufnehmen soll, verspricht, in zwei Tagen Fingerabdrücke nehmen zu lassen. De facto unternimmt er aber nichts, die Anzeige wird nicht registriert.


Montag, 14. Juli 2008

Die Genfer Kantonspolizei fragt bei der Schweizer Uno-Mission nach, ob Hannibal in der Schweiz diplomatische Immunität geniesse. Das EDA informiert die Genfer Behörden, dass er zwar über einen Diplomatenpass, nicht aber über Immunität verfüge: Er sei «nicht in offizieller Mission», sondern auf einem «privaten» Besuch in Genf. Das Aussendepartement ist sich aber bewusst, dass eine offenbar anstehende Verhaftung diplomatisch sehr heikel wäre. Darum bittet Botschafter Amadeo Perez vom EDA in einem E-Mail Bernard Gut, den Generalsekretär des Genfer Justiz- und Polizeidepartements: «Angesichts der politischen Auswirkungen auf die bilateralen Beziehungen, welche diese Vorladung nicht verfehlen wird hervorzurufen, bitte ich Sie, die Polizeibeamten so zu instruieren, dass sie bei der Intervention alle Vorsicht walten lassen.»


Dienstag, 15. Juli 2008, 9.10 Uhr

Polizeikommissar Jean-Luc Flubacher stellt zwei Vorführbefehle («mandats d’amener») gegen Hannibal und Aline aus: Sie sollen für eine Einvernahme vorläufig verhaftet werden. Vier Delikte werden ihnen vorgeworfen: einfache Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Drohung und Nötigung. Flubacher könnte das Paar ohne Polizei und ohne Verhaftung vorladen, aber offenbar erachtet er die Flucht- und Verdunkelungsgefahr als zu gross.


Dienstag, 15. Juli 2008, 10 bis 12 Uhr

Vier Genfer Polizeibeamte kommen um 10 Uhr in Zivil, aber mit Pistolen bewaffnet, ins Fünfsternehotel «President Wilson». Dort belegen Hannibal und seine Entourage im dritten Stock zehn Zimmer und Suiten. Die Polizisten möchten das Ehepaar davon überzeugen, diskret und ohne polizeiliche Gewaltanwendung zur Befragung auf den Posten mitzukommen. Im Korridor des dritten Stockes versperren ihnen allerdings vier Männer den Weg: zwei libysche Bodyguards und zwei Schweizer Sicherheitsleute. Es kommt zu Diskussionen, die über eineinhalb Stunden dauern. Auch ein Diplomat der libyschen Uno-Botschaft, alarmiert vom Generaldirektor des Hotels, stösst dazu. Die Diskussionen fruchten nichts: Die Entourage wagt es nicht, das offenbar schlafende Ehepaar zu stören.


Dienstag, 15. Juli 2008, 12.19 Uhr

Als klar ist, dass die Polizisten nicht zum Ehepaar Gaddafi vorgelassen werden, ruft der leitende Polizeioffizier zwanzig Beamte herbei, die ausserhalb des Hotels bereitstehen. Die Verstärkung ist nach bewährtem Muster berechnet: Für jede Person, welche sich der Verhaftung widersetzen könnte, sind zwei Beamte aufgeboten. Die Polizei geht von bis zu acht Bodyguards aus, die «möglicherweise bewaffnet» seien. Im Korridor kommt es zu einem Handgemenge zwischen den zwei Dutzend Polizisten und den beiden libyschen Bodyguards. Die Schweizer Sicherheitsleute verhalten sich ruhig. Einer der Bodyguards wird durch Schläge im Gesicht verletzt, als er einem Polizisten in den rechten Arm beisst. Die beiden Libyer, die entgegen den Befürchtungen nicht bewaffnet sind, werden schnell überwältigt.

Der Sicherheitsdienst des Hotels öffnet die Suite mit einem Passepartout. Rund zwanzig Beamte stürmen mit vorgehaltener Waffe die Zimmer und schreien: «Polizei, zeigen Sie Ihre Hände!» Hannibal kommt eben aus einem Umziehraum ins Zimmer und leistet keinen Widerstand. Die Polizei fesselt ihn «aus Sicherheitsgründen» mit Handschellen. Sie betont später, sie habe Hannibal die Handschellen im Stehen angelegt und nicht wie üblich «liegend, mit dem Gesicht auf dem Boden».
Mit gezückten Pistolen stürmen Beamte auch ins Zimmer von Aline. Die schwangere Frau liegt mit ihrem dreijährigen Sohn im Bett und beginnt, in Panik zu schreien. Später wird es in einem Polizeibericht heissen: «Die Behörden verstehen und bedauern, dass diese Situation bei Frau Gaddafi grosse Verängstigung und Aufregung auslösen konnte.» Die Libyer behaupten in einem Memo vom 5. September 2008, die Beamten hätten Hannibal eine Waffe ans Gesicht gehalten und ihm eine Kapuze über den Kopf gestülpt. Das wird von Schweizer Seite und allen Zeugen bestritten.
Zwei Informationsdefizite der Polizei irritieren: Es hat in der Suite gar keine Bodyguards. Das grosse Aufgebot war also unnötig. Und: Die Polizei ist nicht darauf vorbereitet, dass auch der kleine Sohn in der Suite ist, und weiss erst nicht, was sie mit ihm anstellen soll. Er wird schliesslich in die Obhut von Alines Schwägerin gegeben, die zufällig im Hotel ist.

Dienstag, 15. Juli 2008, 12.33 Uhr

Hannibal wird durch einen Hinterausgang des Hotels geführt und in einem gepanzerten Wagen zur Polizeistation gefahren. Seine Frau wird mit einem Rollstuhl zu einer Ambulanz und unter Polizeischutz ins Spital gefahren. Hannibal wird in ein Verhörzimmer gebracht. Er kriegt Getränke, kann auf die Toilette, und ihm wird erlaubt zu rauchen. Er sei nervös und ängstlich gewesen, heisst es im Polizeirapport. Bis um 22.15 Uhr wird er zwei Mal verhört. «Ich wurde erniedrigt», beklagt er sich und bestreitet die Vorwürfe der Hausangestellten. «Ich war nie gewalttätig», behauptet er und vermutet, die beiden Kläger wollten «einfach Asyl in der Schweiz». «Meine Bodyguards hätten mich wecken sollen», sagt er den Polizisten: «Hätten Sie direkt mit mir Kontakt aufgenommen, wäre ich ohne Probleme mitgekommen.» Die Nacht verbringt er im Gerichtsgebäude in einer Arrestzelle.


Mittwoch, 16. Juli 2008, 16.55 Uhr

Untersuchungsrichter Michel Graber verhört Gaddafi, der von mehreren Anwälten begleitet wird, zwei Stunden lang. Dann befragt er kurz Ehefrau Aline zu den Vorwürfen der beiden Hausangestellten. Auch sie bestreitet, je Hand an die Hausangestellten gelegt, sie beleidigt oder bedroht zu haben. Vielleicht sei sie, wohl wegen der Schwangerschaft, «kurz angebunden» gewesen, sagt Aline. Und zur angeblichen Freiheitsberaubung: «Es ist unmöglich, jemanden in sein Hotelzimmer einzuschliessen, denn man kann alle Türen von innen öffnen.» Untersuchungsrichter Graber erlässt schliesslich zwei Haftbefehle gegen das Paar: wegen einfacher Körperverletzung, Drohung und Nötigung. Den Vorwurf der Freiheitsberaubung lässt er fallen.


Donnerstag, 17. Juli 2008

Der Geschäftsträger der libyschen Botschaft darf Hannibal Gaddafi besuchen. Zwei Stunden später, um 17.25 Uhr, wird Hannibal gegen eine Kaution von 200 000 Franken und Aline gegen eine Kaution von 300 000 Franken freigelassen.


Anfang September 2008

Die beiden Hausangestellten ziehen ihre Anzeigen gegen das Ehepaar Gaddafi zurück. Sie erhielten zuvor von unbekannter Seite eine «angemessene Entschädigung» und aus humanitären Gründen eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis in der Schweiz.

Der Genfer Generalstaatsanwalt Daniel Zappelli stellt darauf das Strafverfahren ein. Eine leichte Körperverletzung und eine Drohung, sagt Zappelli, seien schliesslich «keine Offizialdelikte».

Kommentare

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  • Christine
  • 30.08.09 | 07:26 Uhr

Genau so muss man es sehen! `:-)

  • Patricia
  • 29.08.09 | 23:14 Uhr

Es kommt darauf an, wie Herr Gaddafi unser Sprichwort auffasst.

Es müsste ihm allenfalls erklärt werden, dass Esel äusserst intelligente Wesen sind. Der Esel "bleibt stehen", um einmal abzuwarten und seine Strategie neu zu überdenken. Der Esel wird gerne als bockig angesehen, aber eigentlich hat er mehr Durchhaltevermögen als der (Schweizer) Mensch....

Also, so gesehen wäre ich gar nicht einmal beleidigt, mit einem Esel verglichen zu werden.

  • Christine
  • 29.08.09 | 09:13 Uhr

"Schlafende Hunde" und Esel.

Es fiel in der Arena der Spruch, BR Merz hätte sich der gutschweizerischen Tradition gemäss verhalten, indem er mit seiner Schweizerischen Entschuldigung der Schweizer Maxime gefolgt sei: "Dä G'schieeder git naa (die Schweiz), dä Esel bliibt schtaa (Herr Gaddafi)".

Kommt dieser Esel dem Herrn Gaddafi zu Ohren, I-a, dann ist durchaus denkbar, dass eine nochmalige Entschuldigung mit alldem Drum und Dran gefordert wird.

  • Patricia
  • 28.08.09 | 21:29 Uhr

Schlafende Hunde weckt man nicht ;-)

Der Sohn, einschlägig bekannt, hat wohl keine gute Erziehung genossen. Genau wie seine Frau, könnte man jedenfalls meinen. Sie besuchte in jungen Jahren wohl auch keine "Finishing School for Girls" am Genfersee? Lieber geht sie shoppen. Wie soll sie denn auch das Wissen erlangt haben, wie Hausangestellte zu behandeln sind?

Was unser Flugzeug anbelangt: Es war wohl zu wenig luxuriös, daher kam es nun doch retour. Zum Frachtflugzeug taugte es gerade noch.

  • pfifferling
  • 28.08.09 | 14:42 Uhr

Warum die vielen Genfer Polizisten? Weil Hannibal einschlägig – man preist die Zweideutigkeit der deutschen Sprache – bekannt war. Anlässlich eines Aufenthaltes in Frankreich hatte er sich, wie in verschiedenen anderen Ländern auch schon, so benommen, dass eine polizeiliche Vorführung angeordnet wurde, die mit wenigen Beamten vorgenommen wurde. Dabei wurden diese von Khaddafis Leibwächtern massiv angegriffen, wie ja dann offenbar die Genfer auch. Das war den Genfern bekannt, und sie sahen sich vor, unter anderem sicherlich auch angesichts anderer Erfahrungen mit hochgestellten Persönlichkeiten aus dem Nahen und Mittleren Osten, die fast gewohnheitsmässig ihre Angestellten schlecht behandeln und davon ausgehen, dass sie sich in der Schweiz (oder überhaupt im Ausland) in jeder Hinsicht gleich ungestraft so benehmen können wie zu Hause. Die Genfer sind offenbar – im Gegensatz zu vielen unserer Politiker – fähig, aus den Erfahrungen anderer zu lernen.
Woher hätten die Genfer Beamten wissen sollen, dass Khaddafi, wäre er nur bloss geweckt worden, freudig mit ihnen mitgegangen wäre? In Frankreich jedenfalls war er seinerzeit nicht am Schlafen…

  • Christine
  • 28.08.09 | 07:48 Uhr

PS, Patricia. Bei Nicht-Freilassung der Geiseln (was ich jedoch nicht erwarte) wäre ein Rücktritt von BR Merz tatsächlich eine zweimalige Ueberlegung wert, hiesse dies doch implizit, dass Herr Gaddafi auf Sein oder Nicht-Sein eines Bundespräsidenten eines fremden Landes Einfluss nehmen könnte.

  • Christine
  • 28.08.09 | 07:23 Uhr

Lach :-). Vielleicht denken sie tatsächlich, dass das Flugzeug einen Wiedergutmachung-Versuch darstellt, quasi in Form eines übergrossen food hampers ohne Käse und Schoggi: Come back to Geneva, come in and find out!

  • Patricia
  • 27.08.09 | 23:08 Uhr

Hoffentlich behalten sie nicht noch unser Flugzeug, sozugsagen als Wiedergutmachung, als Anzahlung oder gar als Geschenk. Zuzutrauen ist denen alles.

Natürlich ist auf diese grosse Schmach hin die Wut auf die Schweiz sehr gross, Entschuldigung hin oder her.

Sie bekommen auch ganz genau mit, was in der Schweiz abgeht und wie sehr Merz unter Druck geraten ist:
Keine Eile ist geboten mit der Freilassung der Geiseln, schliesslich hat dieser Diktator es nun so noch fast in der Hand, ob die Schweizer Bevölkerung von ihrem Bundespräsidenten seinen Rücktritt fordert oder nicht. Und das darf nicht sein! Der Diktator "diktiert" unterdessen in aller Ruhe weiter und lacht sich den Buckel voll.

  • kurtkoblet
  • 27.08.09 | 09:00 Uhr

man sooooo lange geschwiegen , ignoriert, ja kassiert und staunt nun nach 40 jahren diktatur , dass diese "unbekannte" seiten habe ? wer in lybien war weiss, das sogar mord nur bedingt geandet wird.
es besteht absolute schweigepflicht und das militär und polizei ist konstant präsent. einzig, was sogar er nicht (oder die staatsform diktatur) im griff hat: drogen und prostitution. den die mafia ist er selbst, mehr kriminell wie parastaatlich geht nicht.
alle einnahmen (primär oel) gehen direkt in seine clantasche und werden nach gutdünken verteilt. somit ist alles direkt vom benefaktor ghedaffi abhängig. prost ... in erster reihe der bezüger und interessierten standen die US , welche sich nach lockerbie distanzierten und nun sich wieder verbrüdert haben .der diktator ist alt und weiss: nach ihm ist fertig lustig. sein söhne sind korrupt und kindsköpfe - ein neues islamisches paradies blüht uns. rassismus lernt man in der arabischen welt: nie habe ich so schrille und öffentlische aktivitäten gegen asiaten und schwarze gesehen wie dort.

 
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