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12.08.2009, Ausgabe 33/09

Essay

Tiere im Labor

Seit den Anschlägen militanter Tierschützer gegen Novartis-Chef Vasella beschwören Kommentatoren die Notwendigkeit von Tierversuchen. Dabei ist deren Aussagekraft umstritten. Längst stehen in vielen Fällen bessere Methoden zur Verfügung.

Von Winfried Ahne

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Als die juristische Fakultät in Leipzig 1765 zwei Menschen wegen Tierquälerei verurteilte, trat erstmals ein Rechtsverhältnis zwischen Mensch und Tier in Kraft. Seither haben die meisten Staaten versucht, dieses Rechtsverhältnis in Tierschutzgesetzen festzuschreiben. Versuche an Tieren, insofern sie wissenschaftlichen Zwecken dienen, werden dabei in einem bestimmten Rahmen akzeptiert.

Viele Tierschützer bestreiten dieses Recht der Forschung jedoch. Vielfach kommt es deshalb zu hartnäckigen und von Seiten radikaler Tierversuchsgegner sogar militanten Auseinan-dersetzungen, wie dies die Anschläge gegen Novartis-Chef Daniel Vasella wegen einer angeblichen Zusammenarbeit mit einem britischen Tierversuchslabor einmal mehr offenbaren. Alle seriösen Tierschutzverbände haben die Anschläge einhellig verurteilt. Niemand hat das Recht, gegen Gesetze zu verstossen, um seine Ideologien zu verwirklichen. Militante Aktionen schaden dem Tierschutz mehr, als sie ihm nützen.

Dabei ist die Frage, ob bei Tierversuchen die Freiheit von Wissenschaft und Forschung über den Tierschutz gestellt werden darf, eine heftig diskutierte. Der wissenschaftlichen Forschung mit Tieren wird meist pauschal moralische Integrität unterstellt: Sie geschehe ja zum Wohle der Menschen. Aus ethischer Sicht müssen aber auch scheinbar vernünftig begründete Tierversuche differenzierter betrachtet werden. Nicht jedes Experiment, das zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn beitragen soll, ist ethisch vertretbar, selbst wenn es lege artis im Rahmen des geltenden Rechts durchgeführt wird.

Die Befürworter von Tierversuchen vertreten den Standpunkt, dass die Fortschritte der Medizin mit ihren effektiven Behandlungsmethoden ohne Tierversuche gar nicht möglich gewesen wären. Wissenschaftler biomedizinischer Forschungseinrichtungen halten deshalb fest an der These, Tierversuche seien unersetzlich. Die Tierversuchsgegner argumentieren dagegen, dass die Übertragbarkeit der Ergebnisse aus Tierversuchen auf Menschen nur von spekulativem Wert sei. Trotz fundierter Kenntnisse, die die vergleichende Anatomie und Physiologie liefern, musste in den letzten Jahren tatsächlich immer wieder zugegeben werden, dass sich Folgerungen aus Tierversuchen für humanmedizinische Belange als unzureichend oder gar irrelevant erwiesen. Denn was für bestimmte Tierarten unschädlich ist, kann sich für Menschen als schädlich herausstellen. Das haben die Arzneimittelskandale um Contergan, Benoxaprofen, Lipobay, Vioxx oder TGN1412 gezeigt, bei denen die auf Tierversuchen basierten Prüfstrategien versagten. Toni Lindl vom Institut für angewandte Zellkultur in München hat kürzlich klinisch orientierte Publikationen evaluiert, die genehmigte Tierversuche zum Gegenstand hatten. Dabei wurden die Ergebnisse von Versuchen an rund 5000 Mäusen, Ratten und Kaninchen, die an drei bayerischen Universitäten durchgeführt wurden, analysiert. Auch nach zehn Jahren konnte lediglich bei 0,3 Prozent der Veröffentlichungen ein direkter Zusammenhang zwischen tierexperimentellen Befunden und den Befunden beim Menschen festgestellt werden. Das heisst, in so gut wie keinem Fall mündeten die Tierversuche in einem Medikament oder einer verbesserten Therapie. Die Tiere litten umsonst.

Die Frage drängt sich also auf, ob bei vielen Versuchsanträgen nur pauschalisierte Begründungen geliefert werden und eben nicht die geforderte strenge projektspezifische Güterabwägung zwischen Erkenntnisgewinn und dem Leiden der Versuchstiere erfolgt ist. Die aber ist zur Genehmigung der Tierversuche notwendig. Aus dem Umgang mit unseren tierischen Mitgeschöpfen ergibt sich eine ethisch-moralische Verantwortung, aus der sich der Mensch nicht fortstehlen darf. Die Tiere sind keine geistlosen Automaten ohne Bewusstsein, wie es der cartesianische Dualismus lehrte, sie haben vielmehr ureigenste Lebensinteressen, sie sind leidensfähige, schmerzempfindliche Lebewesen.

Das apriorische Verbot von Tierversuchen, wie es die radikalen Tierschützer fordern, erweist sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt als illusionär. Tierversuche sind sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der Biomedizin und in verschiedenen gesetzlichen Vorschriften fest verankert. Dennoch erfährt die bioethische Relevanz von Tierversuchen vielfach Verbesserungen. Dafür ist vor allem die ständig fortschreitende Entwicklung moderner Alternativmethoden verantwortlich. In-vitro-Tests (Tierzellenkulturen) oder In-silico-Tests (deutsch «in Silizium», also durch Computermodelle) machen immer mehr Tierversuche nicht nur überflüssig: Sie sind ihnen auch in ihrer Aussagekraft überlegen.

Nicht nur Tierschützer, sondern die Mehrheit der Bevölkerung fordern von den Verantwortlichen Verbesserungsmassnahmen im Sinne des 3-R-Prinzips: «Reduction» steht für die Reduzierung der für die Versuche benötigten Tiere; «Refinement» meint die Verminderung von Schmerz und Stress, und «Replacement» heisst die Ersetzung von Tieren so oft als möglich durch Alternativmethoden. Darüber hinaus werden Transparenz und Mitspracherechte bei Tierversuchsvorhaben gewünscht. Das sind rational orientierte Forderungen, die den abzulehnenden radikalen Aktivitäten militanter Tierversuchsgegner diametral gegenüberstehen.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 33/09
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Kommentare

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fuerTiere     15.10.09 14:21    

Allein in der Bundesrepublik Deutschland sterben jährlich noch immer mehrere Millionen Tiere im Namen der Wissenschaft. Dass man von den aus Tierversuchen gewonnenen Ergebnissen nicht auf die Wirkung beim Menschen schließen kann, ist inzwischen bekannt.
Für Hamster ist leckere Petersilie tödlich, Meerschweinchen sterben an dem für uns lebensrettenden Penicillin, Schafe können Unmengen des Nervengifts Arsen vertilgen – wie will man da wissen, welches im Tierversuch gewonnene Ergebnis auf den Menschen übertragbar ist und welches nicht?

Christine     19.08.09 19:40    

Danke, Gallus, für Deine sachliche Entgegnung, die grade eben auch die Sicht der Gegenseite zu betrachten sucht (ich habe sie von meiner Seite aus versucht, mit dem Begriff "Dilemma" anzugehen).

Schönen baldigen Feierabend nach drüben.

Giorgo     19.08.09 18:43    

könnten andere Leute "gerettet" werden, das Leid könne gemindert werden, ist das absolut ok.

3) Was dieser Punkt zu Diskussion beitragen soll, ist mir schleierhaft.

4) Wenn Sie eine Firma gründen und ausschliesslich Ihren Profit maximieren wollen und Sie nichts anderes interessiert. sind Sie villeicht ein Arschloch. Trotzdem zahlen Sie steuern und schaffen Arbeitsplätze.


Ich sehe es grundsätzlich ähnlich. Ich bin grundsätzlich dafür, dass man in der biomedizinischen Forschung Tiere verwenden darf. Aber beim "Wie" sehe ich auch Handlungsbedarf. Da drüber kann man immer diskutieren und optimieren.

"und dass man die Entscheidungen, ob Tierversuche nötig sind, nicht nur den Forschern überlassen soll

Giorgo     19.08.09 18:37    

Endlich mal was differentiertes.

Zu 1) Der Verglich hinkt stark, da diese Art der Entscheidung eben nicht zum selben Outcome führt. . Es gibt eben lletztendlich nichts anders als eine Art "Milchbüchleinrechnung", wie Sie's nennen.

2) Mäuse werden eben in fast jeder Disziplin der biomedizinischen Forschung verwendet, bei weitem nicht nur in der Toxikologie.

"Die Dichotomie “Tierversuche ja, das führt unweigerlich zur Verhinderung von Krebs"ist falsch
Damit gebe ich Ihnen recht. Aber kennen Sie eine bessere Methode? Wenn ja, lassen Sie es mich wissen. Ein von mir sehr geschätzer Proff hat mal was ganz gescheites gesagt. Er meinte, man sollte kein Konzept angreifen, solange es kein besseres gibt.

"T

Gallus     19.08.09 14:21    

3. Forscher (und ihre Publizisten) sind notorisch dafür, dass sie die Wahrscheinlichkeit eines baldigen Durchbruchs oder die Bedeutung ihrer Forschung für das Wohl der Menschheit übertreiben. Der nächste Durchbruch in der Krebsforschung ist gleich um die Ecke…anärober Stoffwechsel, Angiogenese, Interferone, Stammzellforschung…. “Scientists have odious manners, except when you prop up their theory; then you can borrow money from them” Mark Twain

4. Motivation der Forscher: es ist schon sehr blauäugig anzunehmen, dass es die einzige oder auch nur wichtigste Motivation der Forscher ist, menschliches Leiden zu mildern oder zu verhüten. Da spielen Neugierde, das Streben nach sozialer Anerkennung und Prestige eine grosse (meiner Meinung nach die grössere )Rolle.

P

Gallus     19.08.09 14:20    

Giorgo,

Sie machen es sich etwas gar einfach.

1. Ethische entscheidungen beruhen nicht ausschliesslich auf Logik. Lesen Sie mal Marc Hausers “Moral Minds”, dann sehen Sie vielleicht ein, dass Menschen zwei Entscheidungen, die zum selben Ausgang führen, oft ganz verschieden beurteilen. Eine einfache Milchmädchen Rechnung, wo “positive” und “negative” Auswirkungen gegeneinander abgewogen werden, ist naiv. Der “aktive/passive” Gesichtspunkt spielt da sehr wohl eine Role.

2. Die Dichotomie “Tierversuche ja, das führt unweigerlich zur Verhinderung von Krebs, “Tierversuche nein, damit geben wir den Kampf gegen Krebs auf” ist falsch. Die meisten Tierversuche werden nicht durch Krebsforscher ausgeführt, sondern durch Toxikologen. Besonders verwerfli

Giorgo     19.08.09 12:15    

Villeicht bin auch ich um einiges älter als Sie, das entnehme ich Ihrem chronischen "Du". Anyway. Es sind die Argumente die zählen.

Das ist natürlich tragisch. Umso mehr schockiert mich Ihre forschungsfeinliche Haltung. Umsomehr finde ich sollte man die Forschung unterstützen, nicht bekämpfen, um anderen Menschen solche Schicksale möglichst zu erspaaren / sie zumindesr erträglicher zu machen. Das ist doch jezt das Paradebeispiel. Es gibt in diesem Bereich noch so viele Fortschritte zu machen, aber nein, man muss sich von irgendwelchen dummen, pseudomoralischen Leuten
Anschimpfungen anhören anstatt seine Energie voll und ganz der Bekämpfung solcher Krankheiten widmen zu können.

Christine, Sie sind ein grosser Widerspruch in sich.

Christine     19.08.09 06:42    

Btw, wahrscheinlich bin ich einiges älter als Du. Das kann ich aus dem Aktiv/Passiv - "Dings" erahnen.. Anyway.

Meine Mutter starb an Krebs, mein Vater starb an Krebs, beide nach einer ca. einjährigen Therapie-Leidenszeit. Meine Schwester lebt nach einer langen Therapie-Leidenszeit, die sie, mit eigenen Worten "es zweits Mals nüme würdi mitmache, nei, das würd i nüme".

So, dann wollen wir das jetzt beenden, bevor es Dir nach Deinen eigenen Worten an das Kazoo.. noch ganz zu dumm wird.

Schönen Tag.

Giorgo     18.08.09 22:30    

Ja gut dieses Aktive/Passiv - Dings greift viel zu kurz. Man kann auch passiv leid zufügen. Wenn Sie an einen Unfall kommen und einfach vorbeigehen ist das meines Wissens nach sogar strafbar.

"Braucht es dazu Tierversuche?"
Ja! An dem Tag wo es eine bessere Methode gibt werde ich zum Tierversuchsgegner.

"Mit Forschen am toten Tier und Menschen machte die Forschung riesige Fortschritte"
Ja, im 16. Jahrhundert

"...die Leiden und Quälen nicht ertragen können.."
Sie haben die Frage nach Ihrem Alter und Gesundheitszustand nicht beantwortet. Ich finde es in der ganzen Debatte v.a. dann eklatant unerträglich, wenn der Bunch der Gegner sich aus jungen, hübschen, gesunden Menschen zusammensetzt, die de

Christine     18.08.09 20:40    

statt "Leiden zufügen" meine ich eigentlich "Leiden und Schmerzen nachfühlen".

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