Wie verführe ich eine Frau?

Frauen bestehen zu Recht darauf, dass Männer sich etwas einfallen lassen, um sie zu erobern. Der massive Einsatz von Alkohol ist dabei nicht sinnvoll. Ein gutes Lokal, ein Stück von Jimi Hendrix und Humor hingegen helfen.

Von Bernd Fritz

Verführen ist Verstandessache. Romantikerkompatibel ausgedrückt, eine Herzensangelegenheit, die ohne Gripseinsatz aussichtslos ist. Spricht nur das Gefühl, hört es sich an wie bei Bel Ami, dem französischen Pendant der italienischen Flachleg-Legende Casanova. Wenn der schöne Freund nicht stammelte, dann stotterte er, und umgekehrt. So zum Zug zu kommen, ist Romanhelden vorbehalten: «Dann warf er sich auf sie, suchte ihren Mund mit seinen Lippen und ihr nacktes Fleisch mit seinen Händen» (Guy de Maupassant: «Bel Ami», 1885).

Wer aber bei Frauen und nicht im Gefängnis landen will, muss sich etwas einfallen lassen. Darauf besteht die moderne Weiblichkeit zu Recht, auch wenn die Männer das Initiative-Monopol längst abgegeben haben und die Rollenverteilung nicht mehr dem Diktum Friedrich Nietzsches «Des Mannes Art ist Wille, des Weibes Art ist Willigkeit», gehorcht.

Eine Frau tut gut daran, ihr einzigartiges Privileg nicht aus der Hand zu geben: Objekt der Verführung zu sein und zugleich deren Wertungsrichterin. Und zwar von der ersten Instanz, der Anmache, bis zur letzten, dem Rumkriegen. Die weibliche Initiative hingegen wird nicht immer geschätzt. Zum einen kommt sie meist von Frauen, von denen man nichts will, zum andern wird man um das exquisite Vergnügen des Glückens gebracht.

Der massive Einsatz von Alkohol ist hierbei unbedingt verwerflich. Nicht nur zählt dieser, neben der Inanspruchnahme von Partnervermittlungen, zum Erbärmlichsten, was Männern einfiel, seit sie die Weibchen nicht mehr einfach an den Haaren in ihre Höhlen schleifen konnten. Das sogenannte Abfüllen führt auch zwingend zur Annullierung des Resultats: Die Wertungsjury erklärt sich nachträglich als in ihrer Urteilskraft beeinträchtigt («Scheiss-Alkohol!») und legt den Fall zu den Akten. Zudem riskieren notorische Abfüller den Ausschluss aus der Wertegemeinschaft zertifizier-ter Womanizer.

Irgendein Sätzchen sollte schon kommen

Glücklicherweise kommen die Saufbrüder selten über die Anmache, die in der Regel eine Verabredung zum Ziel hat, hinaus. Abblitzen lässt die autonome Frau hier neben den Aspiranten mit indiskutablem Äusserem vor allem jene, die methodische Grundfehler begehen. Besonders, wenn diese, wie das Von-der-Seite-Anlabern, seit Jahrhunderten bekannt sind. «Einer Geliebten ohne vorgängige Unterredung mit den Augen und ihren bedeutsamen Blicken eine mündliche Erklärung abzufordern», hat Johann Karl August Musäus schon 1782 ausgeplaudert, «ist immer ein missliches Unternehmen.»

Ebenso, wie umgekehrt, das endlose Peilen. Je länger einer lediglich peilt, lautet eine unter Frauen verbreitete Merkregel, desto schneller ist er im Bett fertig. Nein, Herrschaften, irgendein Sätzchen oder Aktiönchen sollte schon kommen. Es muss nicht gleich eine Spitzengalanterie wie Marcel Prousts verdrehtes Kompliment sein («Das ist hübsch, Sie haben heute blaue Augen an, die passen genau zur Farbe Ihres Gürtels»). Oder die geniale kleine Aufmerksamkeit à la Thomas Mann, bei der man im Restaurant sieht, dass die Angebetete von der Sonne geblendet wird, und man aufsteht, um den betreffenden Vorhang zuzuziehen. Es reicht jedes noch so belanglose Fädchen, um daraus das feine Netz der Verführung zu knüpfen.

Ein Kardinalfehler, der besonders in der zweiten Instanz auftritt, der Verabredung, besteht darin, die Angemachte unter Druck zu setzen. Über die Zeit, die sie braucht, bestimmt allein die Frau. Desgleichen über den point of no return, die dritte und letzte Instanz. Was dem Mann bleibt, ist, ihr Entscheidungshilfe zu geben. Hierbei kann Poesie ebenso siegen wie Frechheit. Hauptsache, der Verstand spielt mit.

Beispiele? So weit jenseits von Gut und Böse ist der Verfasser dieser Betrachtung noch nicht, dass er der Konkurrenz ohne Not . . . Nun gut, aber nur zwei und auch nur für den Urlaub.


Beispiel A (poetisch)

Ausgangslage: Sie macht allein Urlaub

Verabredung: essen gehen

Methode: gezielter Musikeinsatz

Man wählt ein Lokal, dessen Küche und Betreiber man kennt. Diesen bittet man nach dem Dessert diskret, unter die Terrassen-Musik das Jimi-Hendrix-Stück «The Wind Cries Mary» zu mischen (CD ggf. mitbringen). Sobald es kommt, lenkt man durch eine dosiert-euphorische Reaktion («Ah Klasse, Hendrix!» o. ä.) die Aufmerksamkeit darauf. Nach dem Ende wartet man fünf Sekunden, sagt «Wahnsinn» o. ä. und zitiert nun die Textstelle «Somewhere a queen is weeping, somewhere a king has no wife». Sonst tut man, ausser versonnen in die Ferne zu blicken, nichts.

Es gibt keine ihre Beziehung gerade überdenkende Frau, die sich nach diesem Zitat entschiede, allein aufs Zimmer zu gehen.


Beispiel B (frech)

Ausgangslage: siehe A

Verabredung: Ausflug zu einsamer Bucht

Methode: kommentierte Berührung

Sie hat Humor, man versteht sich, gibt witzige Sprüche zum Besten («Lerne leiden, ohne zu platzen» usw.) und hat viel gelacht. Dann liegt man nebeneinander am Wasser. Stille, kein Mensch weit und breit, der begehrte Körper aber umso näher. Ach, wer da die Hände bei sich behalten könnte! Doch anstatt wie Otto Normalanmacher mit der Einöl-Masche zu kommen oder einfach loszufummeln, fährt der Meister-Womanizer lediglich mit dem Finger an einem unverdächtigen Körperteil, ihrem Arm, entlang und sagt: «Einundzwanzig.» Sie ist angenehm berührt und irritiert zugleich: «Was, äh, . . .?» – «Man ist so alt, wie man sich anfühlt!» Jetzt ist sie amüsiert und geschmeichelt (sie ist Anfang dreissig) und lässt zu, dass man über ihre Lippen fährt («Siebzehn»), über das Kinn («Dreissig»), über den Busen («Fünfzehn!») und so fort. Wie es weitergeht, braucht nur der Wind zu wissen, der über die Bucht weht.

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