Wie spüre ich die Existenz Gottes?

Viele Menschen können nicht glauben, dass Gott sich um sie kümmert und in der Welt handelt.Das ist ein Missverständnis. Gott ist überall. Eine Vielfalt an Göttern hätte nicht Frieden, sondern Krieg zum Ergebnis.

Von Kurt Koch

Möglichst praktisch solle die Frage beantwortet werden, war der Wunsch der Redaktion. Praktisch heisst für mich vor allem, auch auf die Umwelt blicken, wie mit dieser Frage heute umgegangen wird. Dabei muss ich feststellen, dass ich Gott gerade dort am intensivsten spüre, wo seine Existenz heute am meisten in Frage gestellt wird:
1 _ Anlässlich des 200. Geburtstages von Charles Darwin häufen sich die Stimmen, die behaupten, die Annahme der Evolution verbiete die Annahme der Existenz Gottes. Denn alles, was sich in der Welt entwickelt habe, sei auf das Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit zurückzuführen. Nach Jacques Monod erklären sich neue Phänomene in der Evolution damit, dass es in der Reproduktion der gleichen Idee zu Übertragungsfehlern gekommen sei. Da aber niemand bestreiten kann, dass es in der Welt Vernunft und Geist gibt, müssten diese aus dem Unvernünftigen herkünftig sein; und der Mensch müsste «aus Irrtümern und Misstönen» entstanden sein. Damit wird mir aber mehr zugemutet, als der christliche Glaube von mir erwartet. Ich halte es für vernünftiger, dass Vernunft und Geist nicht aus Unvernunft, sondern aus dem Verstehen und aus Freiheit kommen, die sich letztlich als Liebe offenbart. Da Gott ein guter Freund des gesunden Menschenverstandes ist, spüre ich Gott nicht nur in der Schöpfung, sondern auch im Denken, das nur im Danken mündig werden kann.
2 _
Viele Menschen können sich kaum mehr vorstellen, dass Gott sich um den einzelnen kümmert und überhaupt in der Welt handelt. Wenn es Gott schon geben sollte, so mag er höchstens den Urknall angestossen haben; mehr scheint ihm in der aufgeklärten Welt nicht zu bleiben. Vielen erscheint die Annahme geradezu lächerlich, dass Gott unsere Taten und Sünden interessieren könnten; wir Menschen kommen uns so unendlich klein angesichts der unendlichen Grösse des Universums vor. Und viele halten es für fundamentalistisch, Gott Handeln in der Welt zuschreiben zu wollen. Es scheint, dass sich dieses deistische Gottesbild durchgesetzt hat. Doch ein so verstandener Gott ist weder zum Fürchten noch zum Lieben. Es fehlt die Leidenschaft an Gott, die ihn in allem, was einem begegnet, wahrzunehmen versucht. Ich lasse mich deshalb leiten vom Lebensmotto des heiligen Ignatius: «Gott in allen Dingen suchen».
3 _
Vom Deismus ist es nur ein sehr kleiner Schritt zum Atheismus, der heute neu im Aufwind begriffen ist, und zwar in recht aggressiven Formen. Sogenannte Erfolgsautoren wie Richard Dawkins bieten kaum mehr als Uraltklischees einer Vulgäraufklärung. Im Gegensatz zu solchen fundamentalistischen Atheismen ist das Gespräch nur mit jenen Atheisten interessant, die genauso viele Zweifel an ihrer Ungläubigkeit zulassen, wie auch der gläubige Mensch immer wieder von Zweifeln an seiner Gläubigkeit bewegt wird. Wie der Gläubige sich durch den Unglauben bedroht weiss, bleibt auch der Atheist immer wieder vom Glauben angefochten. In der gemeinsamen Suche nach Gott und im Ringen um ihn, wie es mir in den Psalmen begegnet, spüre ich Gott intensiv.
4 _ Ein Zeichen der Zeit ist der Pluralismus an Lebensstilen, Weltanschauungen und Religionen. So kann es nicht erstaunen, dass auch eine Abwendung vom Ein-Gott-Glauben und eine Hinwendung zur Annahme von vielen Göttern festzustellen ist. Mit dem Philosophen Odo Marquard wird dann das «Lob des Polytheismus» gesungen. Der Ägyptologe Jan Assmann hat die Behauptung aufgestellt, der Ein-Gott-Glaube habe mit der Unterscheidung zwischen wahr und falsch auch Intoleranz und Gewalt in die Welt gebracht. Deshalb möchte er zur Vielfalt an Göttern zurück. Seine weitere Annahme, die polytheistischen Götter seien untereinander austauschbar und dienten deshalb dem interreligiösen Frieden, ist verhängnisvolle Fiktion. Denn das reale Ägypten ist gerade nicht ein Land des Friedens gewesen, sondern ein Land der Unterdrückung und der Kriege. Im Polytheismus findet immer wieder ein Krieg der Götter untereinander statt. Sollte jede Nation ihren eigenen Nationalgott haben, dürfte, wie die Geschichte lehrt, nicht Frieden, sondern Krieg das Ergebnis sein.

Es ist für mich deshalb tröstlich, an den einen Gott glauben zu dürfen, der alles in allem ist und den ich in allem spüren darf – ausgenommen in der Gewalt. Religion, die der Gewalt dient, ist pathologisch und zugleich eine Herausforderung, eine gesunde und gesundmachende Religion zu pflegen und Gott in der Liebe und als Liebe zu erspüren. Gottes Liebe hat sich am deutlichsten in der Ohnmacht des Leidens am Kreuz Jesu Christi offenbart, das dazu einlädt, Gott im Angesicht der armen, leidenden und benachteiligten Menschen zu spüren. Darin besteht für mich der Kern des christlichen Glaubens.

 

Kommentare

+ Kommentar schreiben

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 

weitere Ausgaben

Login für Abonnenten

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Passwort vergessen?

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Sie sind noch nicht bei Weltwoche online registriert? Melden Sie sich gleich an.

Zur Registrierung

Ihre Vorteile bei Registrierung:

  1. Zugriff auf alle Artikel und E-Paper*.
  2. Artikel kommentieren
  3. Weltwoche Newsletter
  4. Spezialangebote im Platin-Club*
*Nur für Abonnenten der Printausgabe