Lebenshilfe - Karriere

Wie schreibe ich einen Hit?

Jeder Song hat seine eigene Geschichte. Lassen Sie sich vom Leben inspirieren, greifen Sie zur Gitarre, oder trällern Sie vor sich hin unter dem täglichen Wasserfall. Plötzlich macht es klick, und Sie spüren die Magie des Augenblicks.

Von Chris von Rohr

Überirdische musikalische Donnerschläge: Musiker von Rohr. Bild: Dan Cermak

«Nichts ist so stark wie ein starker Song», lautet das ungeschriebene Gesetz im Rock n’ Roll. Ein Lied kann das Leben eines Menschen und die Welt verändern. Als John Lennon zum ersten Mal «Great Balls of Fire» hörte, wusste er, dass er nie mehr für jemand anders arbeiten würde. Als ich zum ersten Mal «Heartbreak Hotel» von Elvis hörte, wusste ich, dass ich zwar nicht mehr bei den Shoshone wohnen konnte und der Jurasüdfuss-Blues mich im Würgegriff hatte, aber ich fand grossen Trost und eine neue Heimat im Rock n’ Roll.

Ein bestimmtes Rezept, einen ganz grossen Song zu schreiben, gibt es nicht. Wir sprechen hier von nachhaltigen, grandiosen Rocksongs, also nicht von auf dem Reissbrett entworfenen, antiseptischen, desinfizierten, pasteurisierten Dünnbrettbohrersongs, die uns aus fast allen Radiokanälen entgegenplätschern befreit von jeder Aufregung, Dringlichkeit oder Botschaft, die Gitarren enteiert und der Gesang einfach so präpariert, dass Sekretärinnen und Bürokraten schön brav ihre Dokumente von links nach rechts schieben können.

Natürlich muss sich jeder Songwriter spätestens nach den Fab Four und dem irrwitzigen Output der sechziger Jahre fragen: Was gibt es noch zu erfinden, was nicht schon von den Göttern der Pop- und Rockkomposition in ihrem kreativen Ultrahoch hervorgezaubert wurde? Für die Nachwuchsratte und den gestandenen Schreiber gibt es ein paar überirdische musikalische Donnerschläge, die einen zum ewigen Auch-schon-mal-dagewesen-Blues verdammen. Nothing new under the sun ... damit müssen wir leben. Viele Leute wollen nicht wahrhaben, dass es in der Zwölftonmusik nach mehreren Jahrhunderten einfach Parallelen geben muss zwischen gewissen Tonfolgen. Trotzdem dürfen wir hoffen, mal ein frisches Früchtchen für den grossen Songmixer zu finden.

Vorsicht mit dem grossen Wurf

Man muss nicht einmal ein Instrument beherrschen. Denn die besten Melodien sind stets die, die sogar vom grössten Brummeli in der Musikschule oder auf dem Bau gepfiffen werden können. Also, hat man beim Trällern unter dem täglichen Wasserfall mal ein Thema gefunden, vier, fünf Töne, die eine hübsche Melodie hergeben und die dann beim Abtrocknen nicht mehr aus dem Ohr gehen, ist das vielleicht der klassische Ohrwurm, die perfekte Grundlage für einen Hit. You neva know! Vor allem, wenn er am anderen Tag wieder kommt. Nur sollte man auf jeden Fall prüfen, ob man die Melodie nicht kurz davor am Radio gehört hat und sie dann früher als der Nachbar bei der Suisa mit Text und Tonträger anmelden.

Jeder Song hat seine eigene Geschichte. Der Songwriter muss der Geburt eines grossen Wurfes mit Andacht und Musse beiwohnen können. Er darf nicht das verscheuchen, was von selbst existiert und vielleicht auch kommt. Das tönt abgefahren, aber genau so ist es. Ich muss lachen, wenn ich sehe, wie Nachbarn oder Freunde auf diese unsichtbare Knochenarbeit reagieren: Ja klar, du bist am Komponieren, aber was arbeitest du eigentlich? Ich kann die Gedanken in ihren Augen lesen. Sie werden es nie verstehen, dass ein Musiker, der in seiner Hängematte ruht und auf die richtige Songidee wartet, in erster Linie ein hart arbeitender Typ ist. Der äussere Schein verwirrt sie.

Musik kommt vom Herzen

Was braucht es, um es auf den Punkt zu bringen? Es hilft, ein guter Beobachter zu sein, denn Musik kommt vom Leben und nicht umgekehrt. Das ist wie bei einem Spaziergang: Am Ende des Tages kehrt der eine mit vollen Taschen zurück, mit Dingen, die er am Wegrand gefunden hat. Der andere dagegen steht mit leeren Händen und ohne Eindrücke da, weil er blind, mit verschlossenem Herzen durch die Welt rennt und das Ewiglebendige und Schöpferische, das uns dieser Planet zu bieten hat, nicht sieht! Das fliesst dann alles beim gemeinsamen oder alleinigen Spielen ein.

Am Klavier kommen bei mir meist Balladen. Da empfiehlt es sich, frei aufzuspielen und sich vom Klang dieses wunderbaren Instruments beflügeln zu lassen. Das Piano ist ja ein ganzes Orchester at your hands. Gerade deswegen gilt auch hier die Regel: Je weniger du drückst, Tonarten wechselst und rummachst, je mehr du der einfachen, fast kindlichen Melodie Raum gibst, umso früher kann etwas Interessantes passieren. Hört mal «Hey Jude» oder «Imagine», dann wisst ihr, was ich meine. Die verminderten Chords und wilden Scales überlassen wir hier gerne den Jazzern.

Die besten Rocksongs schreibe ich meist gemeinsam mit unserem Gitarristen nach stundenlangem Rumjammen in fünf Minuten auf drei Akkorden. Wir hängen an den Gitarren und schaukeln uns gegenseitig hoch. Mein Job als Produzent besteht auch darin, zu erkennen, wann der richtige Fisch im Netz ist, und ihn hochzuziehen, anstatt ewig im Halbtrüben weiterzufischen. Die guten Songs fliessen einfach aus dir raus. Der Rest ist Arrangieren, Texten und Interpretieren. Eine starke Idee kommt pur und sollte schon auf einer akustischen Gitarre überzeugen.

Oft ist es besser, in solch einer Phase keine Frauen um sich herum zu haben. Das macht die Sache etwas einfacher. Es ist ja nichts einfach zwischen Mann und Frau! Gerade deswegen ist die Magie respektive die Absenz der Frau natürlich die Triebfeder schlechthin für den Kompositör. Ungefähr 97 Prozent aller Songs handeln von der grossen Liebe, dem Liebesverlust oder dem bösen Liebesfrust. Also, ihr göttlichen Geschöpfe, bleibt uns bitte weiter erhalten und inspiriert uns zu weiteren Höhenflügen. Ich höre schon die nächste Melodie, den nächsten Blues . . .

Dem Laien- oder Hobbyrocker, der das nächste «Smoke on the Water»-Riff kreieren will, sei gesagt: Um mit der Gitarre rumkerrangen zu können, genügen ein paar Stunden bei einem Schrummdruiden, der einem die fetten Power-Chords, also die, die selbst der untalentierte Schreiner mit zwei Fingern an den Händen drücken kann, und den Umgang mit dem Vierviertelrhythmus beibringt. Ein guter Verstärker (Marshall, Orange oder AC 30), je nach Bedarf ein saftiger Verzerrer, und auf geht’s. Auch hier hilft die Reduktion auf das Wesentliche. Man höre nur mal «Highway to Hell», «You Really Got Me» oder «Whole Lotta Love».

Ich bevorzuge das von Apple gratis zur Verfügung gestellte Recordingprogramm «GarageBand». Da findest du alle Beats, kannst direkt mit Bass und Gitarre dazu einstöpseln und zwischen Sounds wie «Arena Rock», «British Invasion» oder «Classic Rock» wählen. So vermagst du auf einfachste Art eine Songskizze zusammenzuzimmern, bevor du diese ins Probelokal trägst, um sie auf ihre Live-Band-Tauglichkeit zu prüfen.

Eines ist mir in all den Jahren des Songschreibens klargeworden: Weder die grosse Liebe noch den grossen Song kannst du programmieren. Entweder es macht klick, du spürst die Magie des Augenblicks und darfst die Melodie, den Text oder den Partner locker pflücken, wie eine reife Frucht. Oder du musst es schnellstens wieder vergessen. «Sei einfach bereit, wenn Gott durch den Raum geht», sagte einst Quincy Jones. That’s it!

 

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