Kurt Felix: Nein, diese Frage kann ich nicht beantworten. Ausser, ich würde alltagsphilosophisch Dumpfbackiges niederschreiben. Wüsste ich die tausendundein Rezepte für ein glückliches Eheleben, hätten meine Frau und ich längst ein Beratungsbüro einrichten können oder unsere Tipps auf Kaffeefahrten samt Kamelhaardecken verkauft. All die Hobbypsychologen, die sich rühmen, kaputte Ehen flicken zu können, sind mir suspekt.
Aber man erwartet von uns, dass wir – nach knapp dreissigjähriger Ehe – das Geheimnis lüften, wie man lange und glücklich verheiratet sein könne. Vor drei Jahren wurden wir in der ARD-Sendung «Deutschland sucht das Traumpaar» von den Fernsehzuschauern auf den ersten Platz gehievt und waren leicht irritiert, zumal wir ja keine Deutschen sind. Was hinterher abging, hat uns beinahe die Luft abgeschnitten. Einhundert Fotografen und ebenso viele Journalisten wollten wissen, was die Voraussetzung für eine harmonische Ehe sei. Wir haben händeringend nach Antworten gesucht. Doch unsere An- und Einsichten haben nicht den geringsten Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Eines ist für uns jedoch sicher: Unsere Ehe ist keine hausgemachte Fortsetzungsschnulze oder immerwährende Tanzstunde zu James Lasts happy Sound. Unsere Ehe verläuft – wie viele andere – einfach nur felice. Ohne viel Dazutun.
Ich meine, wenn eine Partnerschaft die Spannungslosigkeit eines vorstädtischen Sonntagnachmittags hat, wenn man sich nur noch anödet und zuverlässig sinnlos aneinander vorbeilebt, sollte man sich scheiden lassen. Ja, ich weiss weniger, was eine Ehe zusammenhält, viel eher aber, weshalb Ehen getrennt werden: Es ist der Egoismus. Ich gehe mit der St. Galler Scheidungsanwältin Franciska Hildebrand einig, wenn sie sagt, dass die grossen Werte unserer Gesellschaft wie Toleranz, Respekt und gegenseitige Achtung in vielen Partnerschaften mit Füssen getreten werden. Sie findet es nicht weiter schlimm, dass sich in der Schweiz jedes zweite Ehepaar scheiden lässt, weil das Durehebe veraltet sei. Sogar vorgängige Mediationen bringen nicht viel und enden oft in Frustrationen. Es ist in der Tat so, dass die Paare vor Gericht keinen Grund mehr angeben müssen, weshalb sie sich scheiden lassen. Das Gericht ist heute gottlob nicht mehr der Ort für die emotionale Verarbeitung des Scheiterns . . .
Also könnte man den Grund des realen Grauens einer gestörten Beziehung wie eben den Egoismus auch als Fakt anführen, was man in einer glücklichen Ehe unbedingt vermeiden soll. Jeder Egoismus, jede Rücksichtslosigkeit, jede Respektlosigkeit lässt die Partnerschaft wie einen ausser Kontrolle geratenen Intercity entgleisen. Eine ideale Ehe kann man sich nicht schnell, schnell im Supermarkt kaufen. Ein längeres Zusammenleben ohne Trauschein ist deshalb eine Vereinbarung mit der Vernunft. Ein gemeinsames Erleben des «normalen täglichen Wahnsinns» ist ein Test für eine spätere, besiegelte eheliche Zukunft. Heiraten kurz nach dem ersten Verliebtsein, bei dem man wie zuckersüsser, tonnenschwerer Honig zusammenklebt, ist wohl das Falscheste. Der Traum vom langen und glücklichen Zusammenleben muss vorgetestet werden. Der Uralt-Schiller-Vers «Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet» ist aktueller denn je. Oder in der humoristischen Abwandlung des Kabarettisten Werner Kroll: «Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht was Bess’res findet.» Und jetzt habe ich doch noch einen Tipp verraten.
Paola Felix: Eine Umfrage unter Studenten an der Uni Bamberg hat ein überraschendes Resultat hervorgebracht. Eine gute Ehe wird höher bewertet als ein guter Arbeitsplatz. Die Jungen setzen wieder vermehrt auf Treue, Romantik und Harmonie. Im Gegensatz zu den verbreiteten Irrtümern der 68er Bewegung, die die Ehe als Auslaufmodell bezeichnete.
Auch ich bin – wie mein Mann keine Handelsreisende, die mit Schlagrahmgeschichten über die Vorteile des ehelichen Beisammenseins hausieren gehen will. Ich möchte lediglich ein paar Fakten aufführen: Eine Statistik besagt, dass den Männern an einer Frau besonders ihre Persönlichkeit gefallen muss. Dann folgt das Aussehen, der Intellekt und der Humor. Umgekehrt steht auf der Frauen-Wunschliste der Humor bereits an zweiter Stelle, gefolgt von Einfühlungsvermögen, Intellekt und Aussehen. Aber trotz all den wissenschaftlichen Erhebungen steht für mich die Liebe auf Platz eins. Eine angeblich hochwirksame chemische Substanz, die im Kopf bewirkt, dass die «Chemie stimmt». Eine hohe Verliebtheit dauert (auch laut Statistik) in der Regel etwa ein Jahr. Danach entsteht peu à peu eine immerwährende Verbundenheit, oder die Liebe geht in die Brüche. So wie ein Spielfilm neunzig Minuten dauert, so dauert in der Regel eine Beziehung sieben Jahre, wenn sie keine liebevolle war.
Das «Wir-Gefühl» ist das A und O einer harmonischen Ehe, ohne jedoch die eigene Identität zu verlieren. Die Redewendung «Gegensätze ziehen sich an» gilt meist nur für kurze Zeit. «Gleich und Gleich gesellt sich gern» erachte ich als aussichtsreicher. Äussere Zeichen sind zum Beispiel gemeinsame In- teressen, gemeinsamer Urlaub, gemeinsames Erleben positiver und negativer Lebensphasen und gemeinsames Leben der Gleichberechtigung. Ein gemeinsames Konto bedeutet mehr als ein gemeinsames Geldvermögen. Es gibt auch ein Ehekonto, in das jeder Partner möglichst gleich viel einzahlen soll. Man kann nicht immer nur «abheben», sondern muss auch bereit sein, etwas einzuschiessen. Es braucht nicht immer die gleiche Währung zu sein. Wenn ich beispielsweise Büroarbeiten meines Mannes erledige, zahlt er mir dies auf völlig andere Art zurück, indem er meine Eltern zu einem Ausflug einlädt et cetera.
Wenn ich in unserem Hochzeitsalbum von 1980 blättere, erschrecke ich, wie viele Paare, die wir als Gäste eingeladen hatten, nicht mehr beisammen sind. Andererseits versuche ich mir zu erklären, weshalb an unserer Wohnstrasse – seit sie vor einem Vierteljahrhundert gebaut wurde – noch keine einzige Ehe geschieden wurde. Liegt es am ausgeprägten Familiensinn der Menschen, die sich hier niedergelassen haben? Liegt es an den fehlenden Zäunen? Liegt es daran, dass alle Bewohner miteinander per du sind? Liegt es an der ausgeprägten Hilfsbereitschaft eines jeden Nachbarn? Liegt es daran, dass unsere Strasse eine Art Grossfamilie ist und deshalb die Hemmschwelle für eine Trennung höher liegt, weil man sich dann sozusagen von allen Mitbewohnern verabschieden müsste und nicht nur von seinem Partner?
Eigentlich müsste ich auch die Toleranz ge- genüber den charakterlichen Eigenschaften des Partners erwähnen. Nicht falsch verstan- dene Toleranz im Ausbrechen aus der geschworenen und verschworenen Zweisamkeit. Wenn mein Mann sich ungebunden fühlen will, kann er ja ganz einfach das Hochzeitsvideo rückwärts abspulen und sehen, wie er als freier Mann hinderschi aus dem Standesamt tritt.













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