Die alte Schweizer Nationalhymne (bis 1961), aus der die Titelzeile stammt, mag pathetisch getönt haben und politisch nicht eben korrekt. Aber im Unterschied zum religiösen Gesäusel der heutigen, die neben Appenzellern (woher sie stammt) nur noch Fussballfans kennen, stand sie für etwas, für Nationalstolz nämlich. Am Nationalfeiertag, am 1. August also, wird dieser zelebriert. Aber ist er noch berechtigt? Der Fels ist nicht mehr der einstige Granit; er ist vielleicht noch Sandstein.
Seit der Diskussion um die sogenannten nachrichtenlosen Vermögen, die aus faschistischen Staaten vor und im Zweiten Weltkrieg in die Schweiz gelangt waren und als späte Folge des fahrlässigen Vorgehens vieler Banken und der schwachen Reaktion des Bundesrats ein grosses aussenpolitisches Problem schufen, ist das Selbstverständnis des Landes gestört. Und jetzt, mit der auch wieder auf das Verhalten von Banken, diesmal internationalen, zurückzuführenden Finanzkrise, ist es erschüttert.
Zickzackkurs der Behörden
Auch heute wieder sind es die Behörden, deren «oberste leitende und vollziehende», der Bundesrat (BV 174), nicht mehr leitet, sondern nur noch vollzieht, die mit ihrem Zickzackkurs einen recht erbärmlichen Eindruck machen. Das Land, das eine der stärksten Wirtschaftsmächte der Welt ist oder wäre, erscheint dem ausländischen Beobachter wie ein Duodezfürstentum, das man nicht ernst nehmen muss. Ein Land, das vor schwarzen und grauen Listen zittert, die es mit unbedachten Äusserungen selber zum Problem im internationalen aussenpolitischen Zirkus gemacht hat. Und das es heute lösen will, obschon es eigentlich keines ist. Die Kehrseite des angloamerikanischen Sprichworts «Beauty is in the eye of the beholder» (Schönheit liegt im Auge des Betrachters) wird hier illustriert.
Verfahrene Aussenpolitik
Natürlich kann die Schweiz nicht erwarten, dass man sie liebt. Das geschieht dem kleinen Reichen nur selten. Aber Achtung sollte sie einfordern können. Dafür jedoch müsste sie eine Aussenpolitik führen, welche diesen Namen wirklich verdient und nicht nur den unkoordinierten Prestigebedürfnissen von sieben Verwaltungschefs dient. Selbst wenn der Bundespräsident sein Amt während mehrere Jahre ausüben könnte – eine Idee, für die alle paar Jahre und gerade jetzt wieder geworben wird –, ändern würde das nichts, solange die Organisation der Regierung nicht grundlegend und mit den entsprechenden staatspolitischen Kosten geändert wird. Möglicherweise würde die Kakofonie sogar noch schlimmer, weil der Bundespräsident die Führungskompetenzen nach wie vor nicht hätte, von denen er träumt und die das Ausland ihm zuschriebe. Die Kollegen wiederum täten alles, um das ständig in Erinnerung zu rufen.
Die aussenpolitische Situation ist heute so verfahren, dass man sich sogar fragen kann, ob der Ausweg noch anders als über eine bewusst unfreundliche Politik – «So what?» (na und?) statt «Wir geben uns Mühe» – gefunden werden kann. Zu sehr hat man sich auf dem internationalen Parkett daran gewöhnt, dass die Schweizer immer zuerst grosse Töne machen, um dann rasch klein beizugeben. Die Frage ist nur, ob das Land der fünf Millionen Meinungen, auf die wir ja stolz sind, zu einer solchen Haltung überhaupt die Kraft hätte.
Zum Glück ist diese kritische Sichtweise zu einseitig. Die Schweizer, die Politiker und Journalisten, deren Patriotismus im Hosenboden residiert, nehmen für sich zwar in Anspruch, «für das Volk» zu sprechen. Doch sie sind es nicht. Das Volk nämlich ist viel selbstbewusster. Es ist, wie jedes Volk, auf das Land stolz, in dem es lebt, und das schweizerische hat, nicht als letztes, auch einigen Grund dazu.
Stolz auf die gemeinsame Geschichte
Das ist es ja, was den Graben zwischen den Regierenden und Kommentierenden einerseits und dem Volk anderseits ständig verbreitert und Letzteres sich vom Staat abwenden lässt: der Eindruck, dass «die da oben» einen aussenpolitischen Schmusekurs fahren, welcher der Schweiz unwürdig ist und erst noch nichts einbringt. Für eine direkte Demokratie ist das eine gefährliche Situation. Das ist letztlich auch die Erklärung dafür, wieso die SVP immer wieder Wahlerfolge hat, trotz ihrer Koalitionspolitik in Sachfragen mit der Linken. Sie spricht das Selbstbewusstsein des Schweizers direkt an und wird von diesem dafür honoriert.
Der 1. August ist das Fest der patriotischen Schweizer. Er ist der Tag, der zeigt, dass es etwas gibt, was die Schweizer aller Kantone und Sprachen eint, trotz aller Widersprüche im politischen Alltag und trotz aller Unterschiede im Verhältnis zu den uns umgebenden Staaten. Es ist das der Stolz auf eine gemeinsame Geschichte, auch wenn diese weitgehend ein gedankliches Konstrukt ist. Und es ist das der Stolz auf eine Staatsform, in welcher man in Frieden leben kann und den andern in Frieden leben lässt. Ohne sich in die Händel der Grossen einzumischen (Niklaus von Flüe, nicht Micheline Calmy-Rey).
Das Dumme ist nur, dass es die andern Schweizer sind, die Anpasser und sich Anpassenden, die überall die 1.-August-Reden halten. Sandstein verdrängt auch hier den Granit.

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