Die Dokusoap des Schweizer Fernsehens zum Thema Alpenfestung lanciert eine interessante Diskussion. Worin eigentlich bestand die militärische Bedeutung der Schweizer Réduit-Strategie? Was taugten die Gebirgs-Bunker im Zweiten Weltkrieg? Verdanken wir der Unterkellerung des Gotthards die Rettung der Schweiz vor den Nationalsozialisten? Oder lief die Besetzung der Berge am Ende auf eine Art «Bewachung von Murmeltieren» hinaus, wie es im Gefolge von Max Frisch Legionen von linken Historikern und Interpreten behaupteten? In seiner Dienstagsausgabe for-dert der Zürcher Tages-Anzeiger unmissverständlich «Rettet uns vor dem Réduit». Den militärischen Widerstand schreibt das Blatt zum «Mythos» herunter. Man kennt die Argumentation inzwischen: Die Eidgenossen seien nicht deshalb vom Krieg verschont geblieben, weil sie sich in den Alpen zur Résistance formierten, sondern weil die Schweiz als williger Zudiener Hitlers mit den Achsenmächten kooperierte und daher einen Angriff überflüssig machte.
Es soll hier nicht geleugnet werden, dass die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs eine Politik irgendwo zwischen Anpassung und Widerstand praktizierte. Die Strategie allerdings war vernünftig und erfolgreich. Totale Auflehnung hätte ins Verderben geführt. Die wirtschaftlichen Verflechtungen mit Deutschland blieben bestehen. Die Angst vor einer Invasion drückte auf die Stimmung und schränkte den Handlungsspielraum ein. Man vergisst leicht, dass die Schweiz nach dem Untergang Frankreichs in lediglich sechs Wochen von totalitären Staaten umzingelt war. Europa marschierte im Stechschritt, und nicht einmal die Engländer glaubten mehr an eine demokratische unabhängige Schweiz. Wie der Historiker Jürg Stüssi-Lauterburg herausfand, suspendierten die Briten am 13. Juni 1940 in einem Geheimbefehl alle Warenlieferungen, weil sie unser Land verloren wähnten. Sie kamen erst am 20. Juli 1940 auf ihren Entscheid zurück, als sie feststellen konnten, dass die Schweiz noch immer existierte. Es gab eine reale Vernichtungsdrohung aus Deutschland, die von den Schweizern gefühlt und von den alliierten Mächten auch so empfunden wurde. Der Versuch der Bergier-Kommission, die Gefährdungen rückblickend herunterzuspielen, um den Anpassungsgeist bedeutender zu machen, als er war, hält einem unverstellten Blick auf die Fakten nicht stand. Die Kriegsgefahr war der Hintergrund, vor dem die folgenden Entwicklungen gesehen werden müssen.
Was genau war das Réduit? Der Geschichtsunterricht erklärte die Politik der Alpenfestung zum widersinnigen Projekt, wonach sich die Armee zum Selbstschutz in die Berge zurückzog, um die Zivilbevölkerung im Flachland hilflos den Feinden auszuliefern. Was man im Nachhinein zur glanzvollen Heldentat verklärt habe, wurde uns eingetrichtert, sei nichts anderes gewesen als die feige, sinnlose Flucht einer Truppe, die keinen Nutzen brachte. Die Lehrer irrten.
Versetzen wir uns in die Situation von damals: Bis zum Zusammenbruch der Franzosen hätte die Schweiz auf der Linie SargansZürichWindisch und Villigen-Jurahöhen-Plateau von Gempen verteidigt werden sollen. Das Konzept erinnerte an die Schützengräben des Ersten Weltkriegs, das Problem lag darin, dass die Schweizer Armee zu dünn besetzt war, um die ganze Achse gegen massierten Widerstand zu halten. Teil des Plans war es deshalb gewesen, nach einem Einmarsch der Deutschen die letzte kontinentaleuropäische Demokratie herbeizurufen, also Frankreich. Mit Hilfe von sieben französischen Divisionen, so die Absicht, hätte man die Schweizer Grenzen ohne Überdehnung der eigenen Kräfte sichern können.
Der Fall Frankreichs veränderte die Ausgangslage komplett. Eine neue Strategie musste gefunden werden. Jetzt schlug die grosse Stunde von General Henri Guisan. Der mit gutsherrlicher Attitüde auftretende Waadtländer Arztsohn rief am 25. Juli 1940 seine Offiziere auf der Rütli-Wiese zum Rapport. Die Untergebenen wurden so postiert, dass sie im Rücken des Generals die Axenstrasse und damit die Alpentransversale sehen konnten. Sinngemäss wurde den Kommandanten mitgeteilt: «Solange in Europa Millionen von Bewaffneten stehen und solange bedeutende Kräfte jederzeit gegen uns zum Angriff schreiten können, hat die Armee auf ihrem Posten zu stehen.» Guisan wurde zum Inbegriff des Widerstands und war weit davon entfernt, seinen Truppen einen pflaumenweichen Rückzug zu verordnen. Sein Réduit-Konzept sollte den Feind im Gegenteil an seiner empfindlichsten Stelle treffen und zielte bei aller Defensive im Grunde auf Angriff.
Was war der Plan? Guisan wusste, dass die Italiener auf Rohstoff-Lieferungen aus Deutschland angewiesen waren. Der General befahl seinen Soldaten, die Alpentransversalen Lötschberg, Simplon und Gotthard zu besetzen und «glaubwürdig zu drohen, sie im Falle eines Angriffs auf Monate hinaus unbrauchbar zu machen, dadurch das Nachfliessen deutscher Kohle und deutschen Stahls nach Italien stark zu verringern (denn der überlastete Brenner konnte kaum noch mehr schlucken) und so den Verbleib Italiens im Krieg zu gefährden» (Stüssi-Lauterburg). Dieses Risiko konnten die Deutschen nicht eingehen, da eine Besetzung Italiens etwa durch England den Frontverlauf dramatisch verschlechtert hätte. Die Schweizer trafen die Achsenmächte in den Alpen an einer Hauptschlagader.
Guisan bewachte keine Murmeltiere. Indem er seine Kräfte genau dort konzentrierte, wo er dem Feind am meisten schaden konnte, folgte er einer klassischen militärischen Führungsdoktrin. Die Bedrohung der Alpenwege war der Schachzug, der die Deutschen abschreckte, unsere Grenzen zu verletzen. Dass Guisan unmittelbar nach seiner Rütli-Rede in Berlin zur Persona non grata wurde, war kein Zufall. Als die Italiener und die Deutschen wegen der Gotthardbefestigung in Bern reklamierten, schwieg Bundesrat Etter klug, um die Gesandten nicht zu provozieren. «Durum officium», notierte er ins Tagebuch, aufreibender Dienst am Vaterland.
Fazit: Die Belächlung des Réduit ist geschichtsblind. Noch so gern hätten die Deutschen die Schweiz in ihr Möchtegern-Weltreich integriert, nicht zuletzt als Truppenreservoir für spätere Feldzüge. Ohne Guisans Alpenriegel hätte die Schweiz ihre Unabhängigkeit verloren.













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