Bayreuth

Wagners Frauen

Die Bayreuther Festspiele 2009 sind eröffnet. Dieses Jahr beginnt eine neue Ära unter der Leitung der beiden Urenkelinnen des Komponisten. Werden die alten Stammesfehden unter dem Führungsduo Eva und Katharina Wagner endlich enden? Vermutlich nicht.

Von Axel Brüggemann

Endlose, deutsche Soap-Opera: Eva Wagner-Pasquier (l.) und Katharina Wagner. Bild: Bayreuther Festspiele GmbH/Enrico Nawrath

Dieses ist die Geschichte einer musikalischen Dynastie, einer Familie, deren Existenz über Generationen hinweg der Musik galt, über eine Familie, die sich selbst gern als Gesamtkunstwerk inszeniert – als endlose, deutsche Soap-Opera. Dieses ist die Geschichte des Stammes Wagner, der seinen Hauptsitz in einer kleinen Stadt in den fränkischen Wäldern hat, im unscheinbaren Bayreuth: zwei Autobahnausfahrten, eine Universität, viele Apotheken und ein Festspielhaus.

Bayreuth wartet auf die sommerlichen Leitmotivpilger. Früher haben Friedrich Nietzsche, Peter Tschaikowsky und Thomas Mann die Festspiele besucht. Danach Adolf Hitler. Nach dem Krieg fand der Wagner-Wahn ein jähes Ende, es wurden sogar Freikarten verschenkt. Inzwischen wird der rote Teppich wieder für die Prominenz ausgerollt: Angela Merkel und Thomas Gottschalk gehören zu den bekanntesten Wagner-Süchtigen. Normale Menschen warten zehn Jahre auf ihre Karten. Vielleicht hat kein anderer deutscher Ort so viel Geschichte aufgesogen: Revolution, Märchenkönigtum, Nationalsozialismus und Demokratie. Der Wagner-Clan hat sich in allen Staatsformen eingerichtet. Schliesslich lassen die Werke des Komponisten Deutungen von Mutterland bis Marx zu. Jede Zeit erfindet ihren eigenen Wagner.

Richard Wagner liegt mit Ehefrau Cosima und dem gemeinsamen Hund im Garten der Villa Wahnfried begraben hinter einem blühenden Rhododendronbusch. Das einstige Familienhaus ist heute ein Museum. Regiert wird weiter oben, auf dem Grünen Hügel, der in Wirklichkeit ziemlich bunt ist. Der Blumenschmuck blüht als geschwungenes «W», und die Büste des Komponisten aus der Hand von Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker wurde frisch poliert. Bei der Eröffnung flanieren hier Smokings und Abendroben. Manche trinken Champagner im «Steigenberger», aber echte Wagnerianer ziehen die Bockwurst am nahen Schwimmbadkiosk vor. Nachts, so wird gemunkelt, sind die Büsche des Festspielhügels ein Treff für junge Wagner-Erotomanen. Same procedure as every year also. Beinahe!

 

Vom Nazi-Kitsch entrümpelt

Denn diesen Sommer beginnt eine neue Wagner-Ära. Zum ersten Mal regieren hier zwei Urenkelinnen des Komponisten: Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier. Während Eva sich rarmacht, scheint es Katharina Wagner gleich zweimal zu geben. Eine Katharina existiert auf Fotos, die eine gelockte, blonde Frau zeigen, die zum Vamp retuschiert ist. Die andere Katharina regiert auf dem Festspielhügel. Sie ist geradeaus, durchaus derb, dabei aber willensstark und klug. Die Nachrichtenblätter waren schon alle da, haben sich Kinderbilder der beiden zeigen lassen, mit dem Hausmädchen gesprochen und die Intendantin nach ihren multimedialen Bayreuth-Plänen gefragt, nach Public Viewing, Internetübertragungen und Kinderoper. Trotzdem ist Katharina Wagner kaum greifbar. Sie packt lieber an, als dass sie redet. Und manchmal verwechseln die Zeitungen die erfundene Katharina mit der echten. Zum Beispiel, wenn sie ihre blauen Augen beschreiben – die hat sie allerdings nur auf den Fotos. In echt sind sie grün.

Ein Rundgang durch Bayreuth ist ein Rundgang durch eine der aufregendsten deutschen Familiengeschichten. Und die Kindheit der Wagners ist ein Spiegel der heutigen Familiensituation. Die wichtigsten Stämme haben sich nach dem Krieg gebildet: Die Komponistenenkel und Brüder, Wolfgang und Wieland Wagner, wurden noch von Hitler auf dem Schoss geschaukelt und entrümpelten dann die Bühne vom Nazi-Kitsch. Danach begannen sie zu streiten. Inzwischen ist der Familienkampf entschieden: Wolfgangs Töchter leiten die Festspiele, sein Sohn Gottfried schmollt in Italien, und Wielands Tochter Nike hat nach einigen Zickereien endgültig den Kampf um Bayreuth aufgegeben.

Einige Wagner-Pilger legen rote Rosen auf den Grabstein hinter dem Rhododendronbusch. Der Strauch spielt in Gottfried Wagners Generalabrechnung «Wer nicht mit dem Wolf heult» eine Hauptrolle. Zu dessen fünftem Geburtstag schenkte Wolfgang seinem Sohn Gottfried ein hellblaues Auto mit Mopedmotor. Der Sohn sass am Steuer und seine Schwester Eva auf der Rückbank – so sollten die beiden bei Wieland vorfahren und zeigen, dass das Wirtschaftswunder in Wahnfried angekommen war. Doch der Sohn setzte den Wagen nach einigen Runden um den Springbrunnen in den Rhododendron neben Wagners Grab, der geburtstägliche Spielnachmittag war vorbei.

Ansonsten hatte Wolfgang Wagner seinen Kindern jeden Kontakt mit den Wieland-Kindern verboten. «Mein Vater sprach abfällig von seinem Bruder und dessen Familie», erinnert sich Gottfried, «besonders von dessen Kindern. Sie hätten schlechte Manieren und seien daher nicht der richtige Umgang für meine Schwester und mich.» Aber der Sohn setzte sich über das väterliche Verbot hinweg. Wohl wissend, dass seine Schwester Eva ihn im Auge hatte. Gottfried erinnert sich an ihre «ständige Kontrolle», die sie «in Vaters Auftrag über mich auszuüben versuchte. Wenn sie mich bei etwas Unbotmässigem erwischte, verpetzte sie mich.» Nachdem Gottfried sich mit Nike oder ihren Geschwistern zum Spielen getroffen hatte, «setzte es heftig Prügel».

Dreissig Jahre Schweigen

Öffentlich eskalierte der Streit der Wagner-Brüder, als Wieland eine Affäre mit der Sängerin Anja Silja begann, die dem prüden Nachkriegsdeutschland prompt verkündete: «Ich schlafe mit jedem Mann nur einmal, nur mit Wieland mache ich’s anders.» Wolfgang bellte zurück, dass die Diva nichts als eine «Kurfürstendammnutte» sei. Und Wieland reagierte, indem er die Regiearbeiten seines Bruders nun öffentlich kritisierte. Eine Rhetorik, die bei ihren Kindern bis heute Schule macht. Noch immer reklamiert Nike Wagner das Bild des intellektuellen «Lebemannes» für sich und ihren Vater und verweist auf Wolfgang und seine Töchter als spiessige Verwalter des Wagner-Erbes.

Dass Nike sich im letzten Sommer um die Festspielleitung beworben hatte, wurmte Wolfgang. Der Greis nahm noch einmal allen Lebensmut zusammen – und gewann. Diesen Sommer geht sein Bayreuther Erbfolgeplan in Erfüllung: Mit Katharina und Eva ist der Wolfgang-Clan legitimer Alleinerbe der Festspiele.

In seiner 500-seitigen Autobiografie «Lebens-Akte» fasste Wolfgang Wagner die Geburt Katharinas auf drei kurzen, aber durchaus aufschlussreichen Seiten zusammen. Etwas hölzern steht dort zu lesen: «Nach der schwierigen Geburt des ‹Tristan› hatte unsere am 21. Mai 1978 in Bayreuth geborene Tochter Katharina einen erfreulich leichten Eintritt in die Welt. Mit ihr erhielt unser gemeinsames Leben eine ganz besondere Bereicherung. Obwohl meine Frau und ich seitens meiner vielgliedrigen und komplizierten Familie gerade zu dieser Zeit sehr unangenehmem und unverständlichem Benehmen ausgesetzt waren, liess doch insbesondere meine Mutter, mehr und mehr erkennen, dass ihr die Scheidung von meiner ersten Frau immer begreiflicher wurde.»

Nachdem Wolfgang seine Frau für Gudrun Mack verlassen hatte, mit der er Katharina bekam, redete er dreissig Jahre lang nicht mit Eva. Wenn sie zu den Festspielen kam, holte sie ihre Karten ab und ging dem Rest der Sippe aus dem Weg. Journalisten stellte sie ihren 1982 geborenen Sohn Antoine Amadeus gern mit den Worten vor: «Wenn mein Vater ihn kennen würde, er würde ihn lieben.»

Doch Wolfgang wollte seinen Enkel nicht kennenlernen. Er hatte bereits selbst vorgesorgt. Katharina war sein neuer Weltenretter Siegfried. Sie wurde schon in utero mit Wagner-Musik beschallt. Der stolze Vater erinnert sich: «Katharinas pränatale Verbindung mit einem Werk ihres Urgrossvaters mochte es wohl auslösen, dass sie schon sehr früh allerlei originelle Fragen zu Wagner und seinem Schaffen stellte und dabei recht drollige Verhaltensweisen an den Tag legte.» Als Kind fragte Katharina am Abendbrottisch, warum auf den Eintrittskarten der Name «Lohengrin» zu lesen sei, obwohl es doch der Clou der Oper sei, dass niemand den Namen des Ritters kennt.

Heute ist Wolfgang Wagners Welt wieder in Ordnung. Eva hat ihre Kandidatur mit Nike aufgegeben und sich für den Familienfrieden mit Katharina zusammengetan. Gemeinsam möbeln sie das etwas verstaubte Erbe nur auf und öffnen die einstige Operntrutzburg Bayreuth. Einzelne Aufführungen werden im Internet übertragen, als Public Viewing ist diesen Sommer Christoph Marthalers «Tristan» zu sehen, und zum ersten Mal steht mit dem «Fliegenden Holländer» eine Kinderoper auf dem Programm. Die neue Generation bewahrt die Tradition der Festspiele und führt sie gleichsam in die Zukunft.

«Freut Euch! Wagner ohne Ende!»

Wolfgang Wagner schien all das bereits vor achtzehn Jahren geplant zu haben. 1991 wurde er von Walter Jens’ Sohn Tilman Jens für eine Fernsehdokumentation befragt. Damals sagte er: «Ich kann die Bayreuther Festspiele nicht zur Spielwiese der Urenkel Richard Wagners machen.» Und Wolfgang prophezeite Jens über den Erbfolgekrieg: «Sie sind jung, Sie werden es eines Tages in der Zeitung lesen, und ich nehme an, das Fernsehen wird es auch bringen.» Der Journalist kommentierte das mit den Worten: «Nun gibt es Frau Gudrun und Katharina, die Tochter. Sie ist in wenigen Jahren volljährig und wäre nicht die erste Prinzipalin in Bayreuth. Alles beim Alten. Freut Euch! Wagner ohne Ende!» Und genau so ist es gekommen.

Die Geschichte der Wagner-Dynastie ist hier zunächst zu Ende. Aber mit einer Fortsetzung ist zu rechnen. Der Wieland-Clan spielt in der Neuordnung Bayreuths wohl keine Rolle mehr. Aber wer Wagner-Opern kennt, weiss, dass Alberich in der Gestalt Hagens spätestens zur Götterdämmerung wieder auf der Bühne steht. Eva Wagner-Pasquier hat, wie gesagt, einen Sohn, Gottfried Wagner ebenfalls. Aber wir schreiben ja auch erst das Jahr 2009.

Kommentare

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  • chateau
  • 27.07.09 | 21:48 Uhr

Wer sich mit der Wagner Soap Opera etwas befasst, der Spiegel ist als Quelle einsame Spitze, der fragt sich bei den beiden lediglich: Wann gehen die beiden mittels Zickenkrieg aufeinander los. Vor oder nach Bayreuth?

  • Christine
  • 25.07.09 | 09:51 Uhr

Da möchte man lesen, und dann begegnet einem der gelangweilt-hochnäsige Gesichtsausdruck der Dame rechts.

Na, vielleicht später.

 
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