Wer einmal von Zürich bis Bellinzona in einer Zugskomposition sass, in der von der Mitte bis zur Lokomotive sämtliche Toiletten wegen Defekten geschlossen waren, der fragt sich schon, wo die Staatsbahn die Legitimation hernimmt, den Cisalpino so selbstbewusst wegen Qualitätsmängeln abzukanzeln. Aber das soll ja alles besser werden, weil die SBB sich unverhofft entschlossen haben, auch ihre Kunden wieder ernst zu nehmen. Erstklass-Passagiere dürfen in Zürich sogar, wie im Flughafen, in einem Salon auf die Abfahrt warten. Auser-lesene Passagiere werden zudem in einem Panel zuhanden der Generaldirektion Verbesserungsvorschläge einbringen.
Ja, man will auch eine neue Luxusklasse einführen und damit – verkappt – wieder zum ursprünglichen Dreiklassensystem zurückkehren (wo dafür angesichts der meist nicht verlängerbaren Perrons und der steigenden Passagierzahlen die Raumkapazitäten ohne Abstriche bei der ersten Klasse herkommen sollen, wird noch zu sehen sein).
Zweifel an der Nachhaltigkeit der guten Absichten sind allerdings angebracht. Wer zum eisenbahnfahrenden Volk gehört, der hat längst bemerkt, dass die SBB-Planer zwar Virtuosen des Rechenschiebers sind und bewundernswerte Fahrpläne gestalten. Im Übrigen jedoch sind sie Schreibtischtäter, die sich herzlich wenig darum kümmern, was in der Realität geschieht. Einige Beispiele gefällig?
Da kann man sich – gegen Gebühr natürlich – in einem Zug einige Tage vor der Abfahrt Plätze im Panoramawagen reservieren lassen, reserviert sind sie dann jedoch nicht (Corpus Delicti 852710010026). Und im Anschlusszug darf man dann einen andern Reisenden aus dem natürlich auch nicht angeschriebenen Viererabteil komplimentieren (Corpus Delicti 856751010027). Reservationen im Speisewagen sind ebenfalls Glückssache. Tragisch ist all das meistens nicht, und die unnütz bezahlte Reservationsgebühr kann man ja auch als Solidaritätsbeitrag fürs Personal der SPB (sic!) sehen. Nur, wenn der Zug stark besetzt ist, dann wirds ärgerlich.
Ein Brief macht keinen Eindruck
Bevor man in einen Waggon einsteigt, muss man ihn zuerst finden. Zu diesem Zweck sind die Perrons in vier Abschnitte unterteilt: A bis D, offenbar unabhängig von der Länge. Da wäre es natürlich – etwa im Bahnhof Basel – gut, zu wissen, in welche Richtung man gehen muss, wenn man zum C will, aber nur das B sieht und keinen Feldstecher bei sich hat. Und es wäre gut, wenn man wüsste, ob das B den Anfang, das Ende oder, was auch vorkommt, die Mitte des entsprechenden Sektors markiert. Mit einem kleinen Piktogramm wäre das Problem einfach zu lösen. Ich habe mir denn auch schon überlegt, meine Idee den SBB zu unterbreiten. Aber die von mir für einen Brief bezahlten 85 Rappen beeindrucken die Genossen natürlich nicht. Da müssten diese schon selber einem Kreativbüro einige Tausender auf den Tisch legen, damit sie das Resultat auch ernst nehmen.
Zum Reisen gehört auch das Umsteigen. Da ist es angenehm, wenn man möglichst rasch erfahren kann, wohin man gehen muss. Dafür sind unter anderem die Lautsprecher da. In Zürich allerdings kann es auf einzelnen Perrons Wochen dauern, bis jemand auf die Idee kommt, sie wieder einmal so zu regulieren, dass man auch versteht, was da gekrächzt wird. Und in andern Bahnhöfen ist der Anschlag mit der Information, in welchem Sektor Erst- und wo Zweitklass-Wagen stehen, wohl nach ästhetischen Kriterien platziert und nicht dort, wo die treppensteigenden Passagiere sie erwarten.
Jeder Reisende ein Pfadfinder
Zuweilen soll es vorkommen, dass Reisende in einer Stadt aussteigen, die sie nicht kennen. Und weil man Bahnhöfe häufig bekanntlich in zwei entgegengesetzte Richtungen verlassen kann, möchten sie wissen, wohin sie nun gehen sollen. Natürlich haben die Schreibtischplaner auch an diesen Fall gedacht. Nur ist die Lösung sehr häufig, sagen wir einmal, suboptimal.
Da hängen dann wunderschöne Pläne mit Stadtskizzen an grossen Tafeln. Jedoch kommt es den Zeichnern nicht in den Sinn, dass Betrachter intuitiv oben mit vorwärts oder Sichtrichtung und unten mit hinten gleichsetzen. Perverserweise sind die Pläne meist umgekehrt orientiert.
Dank eines persönlichen Kontakts ist es mir in Solothurn einmal gelungen, die Pläne durch «richtig» gezeichnete ersetzen zu lassen. Doch kaum mussten sie wegen eines Umbaus ersetzt werden und war mein Kontakt nicht mehr im Amt, rächten sich die Schreibtischtäter und zeichneten einen neuen, noch viel prächtige-ren Plan: «verkehrt» natürlich.
Ich kann mir vorstellen, dass ich jetzt mit dem Einwand rechnen muss, auf den Plänen sei ja die Nordrichtung eingezeichnet. Aber nicht alle Reisenden sind Pfadfinder, die immer und überall wissen, wo Norden und wo Süden ist. Und einen Kompass tragen auch nicht alle mit sich herum.
Vielleicht wäre es ja gar kein so übler Gedanke, wenn die Schreibtischtäter der SBB angehalten würden, ihre Ideen jeweils an Ort und Stelle vor der Realisation zu überprüfen oder überprüfen zu lassen, und sich nicht einfach darauf verlassen, dass die PR-Schreiber Reklamationen dann ja schon abwimmeln werden.

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