«Calvin war ein religiöser Fundamentalist, der ein Zurück zur Heiligen Schrift predigte.» Alfred Betschart
Talib der Neuzeit
Nr. 28 – «Der Vater des Kapitalismus»/«Prophet der Nachhaltigkeit»; Markus Somm und Micheline Calmy-Rey über Jean Calvin
Jean Calvin war nicht der Vater des Kapitalismus, denn der Kapitalismus entstand hundert Jahre früher im katholischen Florenz. Calvin war jedoch der erste Talib der Neuzeit. Wie sein modernes Gegenstück Mullah Omar, der Anführer der afghanischen Taliban, war Calvin ein religiöser Fundamentalist, der ein Zurück zur Heiligen Schrift predigte. Calvin und Mullah Omar hatten dasselbe politische Ideal, die theokratische Diktatur. Religiösen Abweichlern, Ehebrechern und Unzüchtlern drohte in Genf wie unter den Taliban die Todesstrafe. Beide verboten Trunkenheit, Kartenspiele, Singen ausserhalb des Gottesdienstes, modische Kleidung und Tanz. Die Taliban zerstörten die Buddha-Statuen von Bamiyan, die Calvinisten die Statuen in der Kathedrale St-Pierre. Einzig die Burka blieb den Genferinnen erspart. Aber wohl auch nur, weil Calvin sie nicht kannte. Alfred Betschart, Chur
Es sei unserer Magistratin Micheline Calmy-Rey unbenommen, die etatistische Seite des Genfer Magistraten Jean Calvin ins Zentrum ihrer Würdigung des grossen Reformators und Gesetzgebers zu stellen. Grotesk wird die Sache erst, wenn sie uns weismachen will, im Grunde sei Calvin wie sie selbst ein halber Katholik und ein ganzer Sozialist gewesen. Sie suggeriert uns nämlich, Calvin habe die Auffassung vertreten, dass alles, was ein Bürger erwirtschafte, um der Gerechtigkeit willen der Gemeinschaft gehören müsse, woraus abzuleiten wäre, dass z. B. private Bankkonten, auf welche die Politiker via Steuerbehörde keinen Zugriff haben, des Teufels seien. Mit Verlaub, liebe Frau Bundesrätin, aber Calvin war schlicht der gegenteiligen Auffassung. Er hielt lediglich die Verschwendung des privaten Reichtums für unmoralisch, gewiss aber nicht die private Investition des selbsterwirtschafteten Vermögens. Willy Stucky, Pfäffikon
Täter haben mehr Sympathisanten
Nr. 28 – «Jugend ohne Gott»; Alex Baur über den Münchner Gewaltexzess
Hat die Jugendgewalt eine neue Dimension angenommen? Innert kürzester Zeit werden gleich mehrere Passanten auf brutalste Art «abgeklatscht». Dabei geht es offensichtlich nicht mehr nur um Frust, sondern um Spass respektive «Fun». Wer dafür auch nur das geringste Verständnis aufbringt, hat wohl selber einen Psychiater nötig. Spätestens seit dem Drama von Locarno haben einige Politiker endlich den Mut gefasst, die Probleme beim Namen zu nennen. So kann heute niemand mehr bestreiten, dass diese Jugendgewalt mehrheitlich von Jugendlichen mit Migrationshintergrund dominiert wird. Wir sehen uns nun mit der Kehrseite einer Politik konfrontiert, vor der viele gewarnt haben. Von Anfang an haben wir den Weg der Toleranz und Prävention eingeschlagen, mit der naiven Hoffnung, dass es sich dabei nur um temporäre Ausschweifungen handelt und sich alles irgendwie von selbst wieder geradebiegt.
Frédéric-Marc Fluehmann, Dübendorf
Warum kein Seelsorger?
Nr. 28 – «Wir sehen Verrohungstendenzen»; Daniel Ammann und Roger Köppel im Gespräch mit Kurt Blöchlinger
Warum wurde der ehemalige Klosterschüler Kurt Blöchlinger Chef eines Verkehrskommissariats, Chef einer Kriminalpolizei, Chef einer Bundeskriminalpolizei, Kommandant einer Kantonspolizei – und nicht Seelsorger? Zwei seiner Antworten beginnt er mit «Ich glaube schon», drei mit «Ich glaube nicht» und weitere drei mit «Ich habe das Gefühl».
Martin Ruch, Uster
Mit Stil und Anstand politisieren
Nr. 28 – «Meister Proper»; Urs Paul Engeler über Nationalrat Hans Grunder
In der Berner Zeitung vom 7. April 2009 greift Hans Grunder die Ferien- und Überzeitabrechnungen der Regionalspitäler auf und an. Er wirft den Spitälern falsches Vorgehen bei der Erstellung des Budgets und der Buchhaltung vor. Seine Vorwürfe enden mit den Feststellungen, dass das «haarsträubend» sei, dass eine «Vetternwirtschaft» herrsche, und sie gipfeln in Begriffen wie «Chaos» und «Sauerei». Der Direktor des Regionalspitals Interlaken antwortete Grunder persönlich in einem Schreiben vom 8. April 2009. Er äusserte sein «Erstaunen und Befremden» über diese unhaltbaren Vorwürfe und stellte, unter Darstellung der Abmachungen mit der Gesundheitsdirektion, die Sachlage klar. Bis heute bleibt die Antwort Grunders aus, obschon ihn zahlreiche – sogar eigene – Parteimitglieder vor über einem Monat ersuchten, die Vorwürfe zurückzunehmen und sich zu entschuldigen. Dass haltlose Vorwürfe das Vertrauen in ein Spital untergraben, dürfte offensichtlich sein. Die BDP ist eine neugegründete Partei mit der zentralen Forderung, sie werde mit Stil und Anstand politisieren und wolle sich vor allem in diesen Bereichen von der SVP abgrenzen. Hans Grunder ist Nationalrat der BDP und deren Parteipräsident. Die Frage sei in den Raum gestellt: Zeugen die oben wiedergegebenen Begriffe und das Stillschweigen Grunders von Stil und Anstand? Walter Messerli, Präsident der Stiftung Spital Interlaken
Wer den Artikel von Urs Paul Engeler liest, fühlt sich wie in einer Kurzfassung eines Romans von Jeremias Gotthelf. Einzig die Epoche, die technischen Möglichkeiten und die Sportarten haben sich geändert. Geblieben sind Gier, Verlogenheit, Verrat und Hinterhältigkeit. Während sich bei Gotthelf das Geschehen mehr oder weniger auf die Region des Emmentals beschränkt, wird hier die ganze Schweiz durch die Verbindungen mit der BDP mit einbezogen. Tragisch und beängstigend zugleich ist, dass sich politisch niemand starkmacht und Gegensteuer gibt, da es den gleichen Leuten mit den gleichen Mitteln gelang, einen kritischen und unbequemen Mann aus dem Bundesrat zu werfen, und dies ist scheinbar Legitimation genug. G. P. Jenny, Altstätten
Spontanes Auflachen und Sätzezitieren
Nr. 28 – «Nein, Sie sind nicht Cameron Diaz»; Sommer-Knigge von Dominique Feusi
Gratulation! Ich rühre ja oft die Werbetrommel für die Weltwoche in Österreich, aber kein Artikel hat sich ähnlich epidemisch verbreitet wie dieser. Im engeren Umfeld des Grossraumbüros war das leicht an spontanem Auflachen und Sätzezitieren zu verfolgen. Da ist es dann sogar bei Dauerregen plötzlich Sommer.
Robert Karas, Gunskirchen (Österreich)
Prinzip der Unvoreingenommenheit
Nr. 23 – «Prof. Dr. Heckenschütze»; Philipp Gut über Christoph Mörgelis Feinde
Als Mitglieder der von der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich bestellten Berufungskommission zur Neubesetzung des Lehrstuhls für Medizingeschichte und der Leitung dieses Instituts haben wir diesen Artikel mit äusserstem Befremden zur Kenntnis genommen. Wir halten fest, dass die Behauptung, wir würden als anonyme «Historiker-Kollegen» von Titularprofessor Christoph Mörgeli diesen im Zuge des Bewerbungsverfahrens «unter Beschuss nehmen», jeglicher sachlichen Grundlage entbehrt und falsch ist. Philipp Guts Beitrag basiert – äusserst fahrlässig – ausschliesslich auf Gerüchten. Anstatt Belege für seine Recherchen beizubringen, insinuiert er, dass wir aus niederen Motiven, dafür aber heimtückisch die Karriere von Kollege Mörgeli schädigen würden. Wir bedauern es ausserordentlich, dass Philipp Gut nicht mit uns gesprochen hat, wie das den journalistischen Gepflogenheiten bei Erhebung von Vorwürfen eigentlich entsprechen würde. Wir halten an dieser Stelle fest, dass wir uns als Mitglieder der Berufungskommission in keiner Weise öffentlich oder gegenüber Dritten über Kandidatinnen und Kandidaten in diesem Verfahren geäussert haben. Von der Bewerbung Mörgelis erhielten wir erst am 1. Juni 2009 offiziell Kenntnis, womit die Zeit für eine angebliche Heckenschützen-Kampagne bis zur Publikation des Artikels am 4. Juni absurd kurz gewesen wäre. Schliesslich halten wir fest, dass das Berufungsverfahren zur Neubesetzung des Lehrstuhls für Medizingeschichte – wie jedes Berufungsverfahren – nach dem Prinzip der Unvoreingenommenheit gegenüber allen Bewerberinnen und Bewerbern geführt wird. Prof. Carlo Moos
und Prof. Philipp Sarasin, Zürich
Einfach nur süss
Weltwoche allgemein
Ich finde es einfach nur süss, wie die Weltwoche versucht Fox News und die amerikanisch-konservative Linie in die Schweiz zu bringen. Um aber Bill OReilly Konkurrenz zu machen, sollte Roger Köppel an seinem Auftreten arbeiten; zu steif, zu intellektuell, zu lebensfeindlich. Sie sollten auch etwas über Jesus-Simulacra auf Toastscheiben bringen und darüber, dass man Aids kriegt, wenn man das Wort «Homo» bloss denkt. Ich bin mir sicher, dass Sie von den amerikanischen Neocons beneidet werden, da Sie ungeniert fremdenfeindlich, frauenfeindlich und schwulenfeindlich sein dürfen. Kein Wunder, hat sich OReilly so wohl gefühlt, als er vor zwei Wochen in der Schweiz seinen Urlaub verbringen durfte: ein Land nach seinem Geschmack! Ich dachte immer, dass wir Schweizer eigenständig sind und niemandem blind nacheifern, aber was weiss ich, ich bin ja nur eine dumme Frau, die an den Herd gehört zur Produktion wackerer Eidgenossen.
Rhea Wernli, Basel













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