Jasmin Staiblin hat kürzlich ein Kind zur Welt gebracht und will jetzt den ihr zustehenden Mutterschaftsurlaub geniessen. Na und? Vor ihr sind unzählige Frauen schwanger geworden, und unzählige werden es nach Jasmin Staiblin sein.
Aber die 39-Jährige ist nicht irgendwer, sondern Topmanagerin bei ABB. Eine der ganz wenigen, die es an die Spitze eines Industriekonzerns geschafft haben. Und weil sie in den nächsten Monaten zu Hause ihr Kind versorgen und verwöhnen will, entfacht sie eine alte Diskussion neu: Lassen sich Mutterschaft und Karriere miteinander vereinbaren? Wie steht es um Staiblins Verantwortung gegenüber der Firma, der Schweizer Ländergesellschaft der ABB und den tausenden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die dort ihr Auskommen haben?
Diese Fragen hätte die Weltwoche gerne Jasmin Staiblin persönlich gestellt. Ein Interview mit ihr sei aber «leider nicht möglich», beschied die Medienstelle, die Chefin sei bis Ende Oktober im Mutterschaftsurlaub. Punkt. Ende der Kommunikation.
Diese kurze Antwort zeigt: Jasmin Staiblin ist als Topmanagerin eines börsenkotierten Unternehmens zwar eine Person des öffentlichen Interesses. Und dennoch betrachten die Öffentlichkeitsarbeiter der ABB das Privatleben Staiblins als tabu. Es ist beispielsweise nicht bekannt, wer der Vater des Kindes ist. Die Karrierefrau hatte auch ihre Schwangerschaft bis zum Schluss verheimlicht. Sie sah offenbar keine Notwendigkeit, das bevorstehende freudige Ereignis mit anderen Menschen zu teilen. Ganz abgesehen davon, dass dies auch bedeutet, dass die Chefin sechzehn lange Wochen in den Mutterschaftsurlaub geht. Erst als Jasmin Staiblin im neunten Monat war, informierte die Managerin die Belegschaft, und zwar mit einer dürren Mitteilung über das firmeneigene Intranet. Und auch seit der Niederkunft achtet sie streng auf die Respektierung ihrer Privatsphäre. Weder Geburtsdatum noch Name ihres Babys gibt sie zur Veröffentlichung frei.
Die Spielregeln der Topmanager
Die Frau macht aus ihrem Privatleben ein Geheimnis. Verschweigt, wie sie Mutterglück und berufliche Ambitionen in Einklang bringen will. Sie lässt zentrale Fragen unbeantwortet: Wie will sie künftig ihr Kind betreuen? Hat sie einen Partner, der ihr dabei hilft? Und vor allem: Wird sie für die Firma nach dem Ende der Auszeit wieder voll zur Verfügung stehen?
Indem sie bei diesen Fragen stumm bleibt, missachtet sie eine der wesentlichsten Management-Spielregeln. Top-Führungskräfte, weibliche wie männliche, haben sich Fragen nach ihrer persönlichen Belastbarkeit gefallen zu lassen. Sie müssen bereit sein, Konsequenzen zu ziehen, sollten sie aus irgendwelchen Gründen den Anforderungen des Topjobs nicht mehr genügen können.
Das ist mehr als eine reine Formsache, mehr als Stoff für sensationshungrige Medien. Bei der Frage nach der Einsatzfähigkeit geht es um das Wohl des Unternehmens. So will zum Beispiel die US-Börsenaufsicht die Informationspolitik von Apple im Fall der Krankheit des Firmengründers Steve Jobs prüfen. Seine medizinischen Probleme seien relativ einfach zu behandeln, hatte er im Januar behauptet. Wenige Tage später gab er zu, sie seien doch komplexer als gedacht, worauf er eine Auszeit bis Ende Juni ankündigte und sich einer Lebertransplantation unterzog. Die Börsenaufsicht will jetzt in Erfahrung bringen, ob Jobs bewusst etwas verschwiegen hat, was von öffentlichem Interesse und damit auch börsenrelevant gewesen wäre. Es geht um die Frage, ob Steve Jobs mit seiner vagen Informationspolitik Anleger getäuscht haben könnte.
«Erstaunliche Sozialkompetenz»
Was für Männer gilt, gilt auch für Frauen – selbstredend auch bei Schwangerschaften. Doch weder ABB noch Staiblin äussern sich zu diesem zentralen Punkt. So bleibt beispielsweise offen, wie die zur Chefin mutierte Mutter ihre Doppelbelastung nach Ablauf des Mutterschaftsurlaubs bewältigen will.
Die Informationspolitik, so viel lässt sich festhalten, ist in diesem Fall weder der ABB noch deren Schweizer Chefin wirklich gelungen. Beide haben es versäumt, frühzeitig und offen über die Schwangerschaft zu informieren, proaktiv kundzutun, wer die Verantwortung für ABB Schweiz übernehmen wird, während die Spitzenmanagerin zu Hause ihr Baby ernährt. Statt der mageren Ankündigung via Bildschirm wäre eine persönliche Mitteilung der Schwangeren angebracht gewesen. Mit Sätzen wie «Wir bereiten uns darauf vor» oder «Wir haben die Führungsstrukturen voll im Griff» hätte Jasmin Staiblin klarmachen können, dass ihre Abwesenheit kein Vakuum in der Führung hinterlassen werde.
Die Firma hat die Auszeit Staiblins zwar vorbereitet, die Kompetenzen während ihrer Abwesenheit klar geregelt – aber sie hat dies ausserhalb der Firma nicht kommuniziert.
In den nächsten Wochen und Monaten wird Staiblin ihre Kontakte in die Firma hinein nicht abbrechen lassen, Mutterschaftsurlaub hin oder her. Sie sei fürs Topmanagement «selbstverständlich erreichbar», versichert die Medienabteilung von ABB Schweiz. Und ihr interimistischer Nachfolger ist keine Verlegenheitslösung, sondern ein erfahrener ABB-Mann: Peter Smits. Der 58-jährige Diplom-Wirtschaftsingenieur, der jetzt bis Ende Oktober den Vorsitz der Geschäftsleitung von ABB Schweiz übernimmt, kennt die Firma als Verwaltungsratspräsident von ABB Schweiz bestens. Er ist übrigens bereits vor drei Jahren für Staiblin eingesprungen. Aus beruflichen Gründen konnte sie damals die Position als Länderchefin Schweiz erst drei Monate nach ihrer Ernennung antreten.
Wie die Zukunft Staiblins bei ABB aussieht, bleibt offen. Was erstaunt: Denn heute ist sie Vorgesetzte von 6300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ist für einen Umsatz von über vier Milliarden Franken verantwortlich – und für ihren beruflichen Einsatz und Ehrgeiz bekannt. Im März 2006, just zu ihrem 36. Geburtstag, wurde sie Landeschefin ABB Schweiz. Seit ihrem Eintritt in die Firma als Forschungsassistentin am ABB-Forschungszentrum Dättwil im Jahre 1997 hat sich die studierte Elektrotechnikerin und Physikerin nicht nur in mehreren Führungspositionen bewährt, sondern auch Auslanderfahrung sammeln können. Indem sie sich wie selbstverständlich in der Männerwelt ABB durchsetzen konnte, habe sie bewiesen, dass sie über eine «erstaunliche Sozialkompetenz» verfüge, lobt ein Headhunter, der Jasmin Staiblin bestens kennt.













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