Sind Mütter bessere Chefs oder schlechtere? Ist es richtig, wenn die Unternehmensleiterin trotz Wirtschaftskrise ein Kind bekommt und sich für vier Monate aus dem Geschäft zurückzieht? Was bedeutet verantwortungsvolle Firmenführung in einer schweren Rezession? Das waren die Fragen, die in der vorletzten Weltwoche massive Debatten auslösten. Anlass war der Fall von Jasmin Staiblin, Länderchefin Schweiz der ABB. Die Spitzenmanagerin wurde unerwartet schwanger, brachte ein Kind zur Welt und überliess die Geschäfte vorübergehend einem Kollegen, was die Weltwoche als «Fünfer und Weggli»-Mentalität bemängelte. Die Leserreaktionen fielen negativ bis vernichtend aus. Man kritisierte die Kritik als Ausfluss einer frauenfeindlichen Steinzeitideologie. Ich erlaube mir eine Replik.
Videokommentar: «Man kann nicht alles haben»
Um die Frage zuzuspitzen und auf den Punkt zu bringen: Was eigentlich ist verantwortungsloser? Wenn eine Chefin während der Krise ihre Firma im Stich lässt oder wenn sie auf Druck der Firma bereits wenige Wochen nach der Geburt wieder ins Büro zurückkehrt, um ihr Baby einem Kindermädchen abzugeben? Welche Vernachlässigung wiegt aus Sicht der Frau schwerer: die des Unternehmens oder die des Kindes?
Es hat sich mittlerweile eingebürgert, dass gutausgebildete Frauen ihre Babys so rasch wie möglich in die Fremdbetreuung abschieben. Ich erlebe ungezählte Ehepaare, die sich noch vor der Geburt fast ausschliesslich mit dem Problem befassen, wie sie das Kind, das noch gar nicht auf der Welt ist, am wirksamsten wieder loswerden können. Die Erziehung des Nachwuchses geniesst oft geringeres Prestige als die teure Stereoanlage, die Designerkleider oder der neue Porsche Cayenne. An die Stereoanlage, die Kleider oder den Offroader lässt man keine Drittpersonen. Den Kindern mutet man von Geburt weg Legionen auswärtiger Experten zu.
Wir haben uns daran gewöhnt, die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau für unerheblich zu halten. Man geht nicht mehr so weit wie in den sechziger oder siebziger Jahren, als uns verrückte Psychologen und Taliban-Feministinnen einreden wollten, das Geschlecht sei eine soziale Konstruktion. Noch immer allerdings sind nur die wenigsten bereit, der Tatsache ins Auge zu schauen, dass es zwischen Männern und Frauen einschneidende biologische Differenzen gibt, gerade wenn es um Beziehungs- und Kinderfragen geht.
Ich kenne viele Leute, die in der Kindheit unter berufstätigen Eltern litten. Eine spontane Umfrage unter Freunden und Bekannten ergab den interessanten Befund: Dort, wo die Eltern oft abwesend waren, wurde die Mutter stärker vermisst als der Vater. Von allen Varianten der Umsorgung (Eltern, Grosseltern, Hort oder Krippe) kam die Fremdbetreuung am schlechtesten weg, dann folgten die Grosseltern oder die Verwandten. Ich habe niemanden gefunden, ausser er hatte verkrachte oder drogensüchtige Eltern, der sich nicht am wohlsten fühlte, wenn er bei der Mutter und/oder dem Vater war.
Mit andern Worten: Es ist ein Mythos, anzunehmen, es sei den Kindern egal, wer sich um sie kümmert. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen: Die Abwesenheit des Vaters war mir meistens gleichgültig. Aber wenn ich die Mutter länger nicht sah, wurde ich unglücklich. Meine Feldforschungen belegen, dass ich mit dieser Empfindung nicht alleine war. Ein Au-pair-Mädchen aus dem In- oder Ausland hätte ich nie als valablen Ersatz akzeptiert.
Worauf will ich hinaus? Man kann es nicht deutlich genug sagen: Frauen haben gegenüber Männern einen eindeutigen, unerreichbaren Wettbewerbsvorteil, wenn es um die Erziehung und Pflege der eigenen Kinder geht. Einmal abgesehen davon, dass der sich ausschliesslich um die Kinder kümmernde Vater jegliche sexuelle Attraktivität verliert und zwar gelobt, aber mit Sicherheit irgendwann verlassen wird, können Frauen, so meine Behauptung, in der Regel besser mit Kindern umgehen. Natürlich gibt es Ausnahmen, natürlich sind auch andere Fertigkeiten vorhanden, aber wir sollten uns nicht um die Realität herumlügen: Frauen haben in der Vermittlung von Liebe, Selbstvertrauen und Geborgenheit eine unendlich grössere Macht, eine viel stärkere Wirkung als Männer.
Ich hätte mir nie vorstellen können, zu meinem Vater eine ähnlich intime und vertraute Beziehung aufzubauen wie zur Mutter. Den meisten meiner Freunde ging es ähnlich. Das heisst nicht, dass einem der eigene Erzeuger zwingend fremd bleiben muss, aber es besteht eine andere, intensivere Chemie zwischen Müttern und ihren Kindern. Daher ist es weltfremd, die Mutter auf die Rolle einer austauschbaren Betreuungsfunktionärin reduzieren zu wollen, deren sachliche Aufgabe von amtlich anerkannten Kinderfrauen genauso gut übernommen werden kann. Es ist absurd und ein Alarmsignal, wenn Mütter unter gesellschaftlichem Druck sich angeblich nicht mehr trauen, Mütter zu sein. Mütter sind speziell. Daraus ergeben sich spezielle Verantwortungen. Das ist zu berücksichtigen, wenn man sich auf einer etwas grundsätzlicheren Ebene mit der Frage beschäftigt, wie sich Kind und Karriere unter einen Hut bringen lassen.
Auf Väter kann man verzichten. Mütter sind unersetzlich. Ich bin davon überzeugt, auch weil es alle so empfinden: Es muss naturwissenschaftliche Gründe dafür geben, dass die emotionale Bindung zu einer Person, die mich körperlich geboren hat, von einer ganz anderen Qualität ist als die Beziehung zu allen anderen Personen, auch wenn ich die Rolle des Vaters bei der Zeugung nicht kleinreden möchte und ich durchaus anerkenne, dass die Pflegemütter, Tanten oder Babysitter im Leben eines Menschen wichtige Bezugspunkte bilden können.
Aus dem Gesagten folgt: Frauen haben gegenüber ihren Kindern eine Verantwortung, die sie nicht delegieren können. Wenn sie sich dafür entscheiden, müssen sie sich bewusst sein, dass die Rolle der Mutter die wichtigste und exklusivste Rolle ihres Lebens ist. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel diagnostizierte in einem aufsehenerregenden Essay vor Jahren die Gefahren der «vaterlosen Gesellschaft». Ich glaube, es ist viel schlimmer, wenn uns die guten Mütter abhandenkommen.
Zurück zum Eingangsthema: Die Frage lautet nicht, wie schnell ABB-Chefin Jasmin Staiblin wieder in die Firma zurückkehrt. Die Frage lautet, warum sie nicht länger bei ihrem Kind bleibt.













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