Die Vendetta

Letztes Urteil im «Fall Swissfirst»: Der von den Medien monatelang zu Unrecht angeprangerte, inzwischen rehabilitierte Unternehmer Thomas Matter siegt erneut. Seine Kritiker bleiben stur. Die angebliche Bankenaffäre stellt sich endgültig als Medienskandal heraus.

Von Roger Köppel

Mitte Juni endete die Einspruchsfrist, und somit ist es amtlich: Eveline Sandra Diethelm, geboren am 19. Juli 1964, unterlag vor dem Handelsgericht des Kantons Zürich mit ihrer Klage gegen die frühere Swissfirst-Bank, heute Banque Pasche S.A., in allen Punkten. Der Klägerin wurden die Verfahrenskosten aufgebrummt und eine Prozessentschädigung von 105 000 Franken. Die aus Küsnacht und Zollikon stammende Millionenerbin hatte die Swissfirst-Bank und damit indirekt deren Gründer, Thomas Matter, beschuldigt, sie im Zuge einer Fusion vor bald vier Jahren um Aktiengewinne in Millionenhöhe gebracht zu haben. Frau Diethelm sah sich als geschädigte Aktionärin in einem der spektakulärsten Fälle der jüngeren Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Die Klägerin forderte 5 859 000 Franken Schadenersatz und kassierte eine totale Niederlage. Für Matter brachte das Verfahren einen weiteren, späten Triumph. Der Fall Diethelm markiert das offizielle Ende der «Swissfirst-Affäre», jener bizarren, von Hysterie, Journalistenirrtümern und öffentlichen Vorverurteilungen geprägten Medienkampagne, in deren Verlauf die Swissfirst-Bank kaputtgeschrieben wurde und deren Chef vorübergehend zur Persona non grata wurde.

Das Diethelm-Urteil bestätigt letztinstanzlich, dass es sich bei der journalistischen Zertrümmerung der Swissfirst AG um einen Medienskandal ersten Ranges handelt. Matter ist zwar inzwischen rehabilitiert, seine Bank allerdings ist verloren, und der Fall bleibt ein trauriges Beispiel für die Machenschaften enthemmter, unkontrollierter Medien. An vorderster Front beteiligt war als Leitmedium die NZZ am Sonntag, deren Journalisten sich bis heute jeder Selbstkritik verweigern. Obschon in allen Punkten widerlegt, beharren sie auf ihren Positionen und Recherchen. Es wirkt angesichts der Faktenlage wie ein Hohn, dass die von einer bekannten Journalistenjury ausgezeichneten NZZ am Sonntag-Autoren auch nach dem Diethelm-Urteil ihren Preis behalten dürfen. Recherchen der Weltwoche zeigen erstmals das Ausmass der Verfehlungen, an denen wider besseres Wissen festgehalten wird.

Der ganz grosse Scoop

Es sollte die erste, ganz grosse Schlagzeile, der glorreiche Scoop des neugegründeten Sonntagsblatts aus dem Hause NZZ werden. Am 23. Juli 2006 stand die Story prominent im Wirtschaftsteil: «Pensionskassen verzichten auf Millionen. Die Fusion von Swissfirst und Bellevue erfolgte auf Kosten der Mitglieder der grossen Pensionskassen.»

So begann die monatelange Kampagne gegen die kleine Schweizer Privatbank Swissfirst und deren Gründer Thomas Matter. Das Sonntagsblatt wollte schwerwiegende Verfehlungen bei einer bereits Monate zuvor vollzogenen Fusion von Swissfirst und Bellevue-Bank erkannt haben. Die beiden Journalisten Daniel Hug, ausgebildeter Nationalökonom, und Charlotte Jacquemart, gelernte Primarlehrerin, lieferten Woche für Woche neue Details, Facetten, immer spitzfindigere Beanstandungen. Beim unbefangenen Beobachter, der irgendwann den Überblick verlor, musste der Eindruck entstehen, dass hier ein abgefeimter Bankendeal auf Kosten der Pensionskassen stattgefunden hatte, bei dem die beteiligten Manager gewaltig abzockten.

Die Vorwürfe wogen schwer: Matters Swissfirst, hämmerte die NZZ am Sonntag ihren Lesern ein, habe die Vorsorgekassen um einen Millionenbetrag in zweistelliger Höhe erleichtert: «Die Verkäufer», schrieb die Zeitung ohne jedes Fragezeichen, «verzichteten auf 20 Mio. Fr.» Die Pensionskassenverwalter seien, so wurde gemutmasst, mit Bestechungen gefügig gemacht worden: «Die Tatsache, dass fünf Pensionskassen und zwei Versicherungen ihre Swissfirst-Aktien fast zeitgleich und unmittelbar vor der Fusion verkauften, wirft die Frage auf, ob womöglich noch andere Anreize eingesetzt wurden, um die Anlageverantwortlichen zu der Transaktion zu verleiten.» Belege für diesen happigen Verdacht wurden keine beigebracht. Das Blatt hielt Matter darüber hinaus Insidervergehen vor und stellte ihn als unseriös-erfolglosen Geschäftsmann dar, der in seiner Verzweiflung sogar nach Russland gereist sei, um Investoren anzuwerben. Das waren die zentralen Anschuldigungen, die sich wie ein roter Faden durch die Berichterstattung zogen. Insgesamt veröffentlichte die einmal pro Woche erscheinende Zeitung über dreissig Artikel zur Fusion der beiden Kleinbanken.

Mit der geballten Autorität und Seriosität des Hauses NZZ im Rücken, entfesselte das Sonntagsblatt einen medialen Flächenbrand. Ein Verlagsbetrieb von geringerer Glaubwürdigkeit in der Wirtschaft hätte kaum diese Wirkung erzielen können. Schon bald sprang der Blick auf. Das Schweizer Fernsehen liess TV-Helikopter über den Villen der Pensionskassenmanager kreisen. Am Schluss schalteten sich die Justiz und die Politik ein (Blick: «Herr Staatsanwalt, jetzt müssen Sie ran!»). Der «Fall Swissfirst» avancierte zum Parlamentsthema der Herbstsession 2006, und sogar Bundesrat Hans-Rudolf Merz meldete sich vorverurteilend zu Wort, als er in mehreren Interviews ohne Abklärung und Fakten einen Zusammenhang herstellte zwischen dem «Fall Swissfirst» und einer geplanten Verschärfung der Insiderstrafnorm. Nach wenigen Monaten war der Druck auf die Bank so gross, dass immer mehr Kunden absprangen. Matter musste zurücktreten und das Institut zu einem Schleuderpreis verkauft werden. Dutzende von Arbeitsplätzen gingen verloren. Das Lebenswerk des Bankers war unrettbar kaputtgeschrieben worden.

«Charlotte» und der Schweizbulgare

Hauptquelle der NZZ-Recherchen war im Hintergrund der einstige Swissfirst-Aktionär Rumen Hranov, ein mit allen Wassern gewaschener Schweizbulgare, der aus dem Nichts kam und sich mit seinem aus unbekannten Quellen sprudelnden Multimillionenvermögen in die besten Kreise einkaufte. Es gelang ihm, frühere Wirtschaftsgrössen wie beispielsweise den ehemaligen Finanzchef von Roche, Henri B. Meier, um sich zu scharen. Hranov war plötzlich an Partys und Anlässen in der Zürcher Reichenszene zu sehen. Dank einer Benefizspende brachte er es sogar zum gemeinsamen Frühstück mit dem damaligen Bundesrat Blocher. Auch Matter erlag den Sirenenklängen des investitionsfreudigen Balkaneuropäers und liess ihn bei seiner Swissfirst einsteigen, was er später schwer bedauern sollte. Dass der undurchsichtige Hranov der wichtigste Einflüsterer der Sonntags-NZZ war, lässt sich an seiner polizeilich beschlagnahmten Agenda ablesen. Sowohl Jacquemart wie Hug (mit Telefonnummer) werden mehrfach vermerkt. Zur Journalistin entwickelte Hranov mit der Zeit ein derartiges Zutrauen, dass er sie nur noch liebevoll mit ihrem Vornamen Charlotte notierte.

Zwischen Hranov und Matter kam es zum Krieg, als der Swissfirst-Gründer im Sommer 2006 mit seinem Kollegen Martin Bisang von der Bellevue-Bank eine Fusion einfädelte. Der Deal war komplex, aber er war in Ordnung, und er hätte eigentlich von erfahrenen Wirtschaftsjournalisten verstanden werden müssen. Worum ging es? Die Swissfirst und die Bank am Bellevue strebten einen merger of equals an, eine Fusion unter Gleichen. Man kam überein, dass die Swissfirst die Bellevue-Bank samt Asset Management kaufe, um im Gegenzug den Bellevue-Eignern 50 Prozent der Swissfirst-Aktien anzudienen. Wichtig: Da der Aktienkurs der Swissfirst seit Jahren schwächelte und die Bank einen Überschuss an Eigenkapital verzeichnete, entschieden sich die Bankenchefs Matter (Swissfirst) und Bisang (Bellevue) für eine möglichst geringe Erhöhung des Aktienkapitals. Die Gründe erscheinen nachvollziehbar: Erstens gab es zahlreiche Aktionäre, die ihre Titel wegen des schlechten Kurses seit langem loswerden wollten. Zweitens wäre durch eine Kapitalerhöhung der Kurs zum Schaden der Aktionäre weiter verwässert worden.

NZZ am Sonntag: nichts verstanden

Matters Swissfirst-Bank erhielt den Auftrag, innerhalb einer Arbeitswoche ein Paket von 25 Prozent der Aktien zu schnüren. Die kurze Beschaffungsfrist wurde festgelegt, um zu verhindern, dass Insiderinformationen nach aussen sickerten. Der Banker beschloss, die Aktien bei den Aktionären zu holen, die schon länger signalisiert hatten, dass sie ihre Titel unbedingt loswerden wollten, darunter einige Pensionskassen. Zu beachten war, dass aufgrund der Insider-Gesetzgebung keiner der verkaufswilligen Aktionäre über die Fusion informiert werden durfte. Hätte Matter den Verkäufern gesagt, dass die Aktien für eine Fusion benötigt würden, hätte er sie zu Insidern und damit zu Kriminellen gemacht. Er teilte den Aktionären lediglich mit, was er im Rahmen des Gesetzes sagen durfte, und hoffte, sie würden verkaufen. Zu diesem Zweck hatte er ein von Juristen abgesegnetes Wording verwendet.

Genau dies machte ihm Hranov später in seiner Klage zum Vorwurf, den die NZZ am Sonntag blind übernahm: Matter habe die Investoren durch seine Verschwiegenheit getäuscht und «zwei Kategorien von Aktionären geschaffen», bemängelte die Zeitung. Die Diagnose ging an der Realität vorbei. Hätte Matter so gehandelt, wie von den Journalisten verlangt, hätte er die Insidernorm verletzt und sich strafbar gemacht. Die NZZ am Sonntag kritisierte Matter dafür, dass er keinen Gesetzesbruch beging.

Das Sonntagsblatt dichtete weiter: Weil die Pensionskassen im Vorfeld der Bankenfusion Teile ihrer Aktienbestände verkauft hätten, seien ihnen später die dank der Fusion erzielten Kursgewinne entgangen. Mit diesem Argument sollte die These belegt werden, dass die Pensionskassen auf Gewinne in zweistelliger Höhe verzichtet haben sollen. Es war dies der zentrale Schlag: Ohne das Argument der Pensionskassenschädigung hätte die Swissfirst-Fusion nie zum landesweiten Skandal aufgeblasen werden können. Erst der Verweis auf die angeblich geplünderten Vorsorgeguthaben rechtfertigte als Alibi die Kampagne.

Der Vorwurf wurde scheinbar durch geheime Kundentabellen untermauert, die unter Verletzung des Bankgeheimnisses im Sommer 2006 an die Öffentlichkeit gelangten. Zuerst die Finanz und Wirtschaft, dann die NZZ am Sonntag druckten die Kundenlisten, auf denen zu lesen war, welche Pensionskassen Teile ihrer Swissfirst-Aktien vor der Fusion verkauft hatten. Die Daten waren den Journalisten höchstwahrscheinlich von Hranov oder dessen Mittelsmännern zugespielt worden. Auf den Transaktionsbelegen stand nichts Anrüchiges, aber die Nennung der beteiligten Institute reichte aus, um Spekulationen und Vorverurteilungen weiter anzuheizen. Aus dem Zusammenhang gerissen, schienen die Listen den Skandal zu bestätigen, den es gar nicht gab. Die Wirkung war verheerend. Keine Bank überlebt, wenn ihre Kunden durch Zeitungsschlagzeilen geschleift werden.

Aus der Luft gegriffen

Wurden Pensionskassen durch die Fusion geschädigt, wie die NZZ am Sonntag und ihre Abschreiber behaupteten? Entgingen den Vorsorgekassen zweistellige Millionengewinne, weil sie im Vorfeld der Bankenzusammenlegung Teile ihrer Aktienbestände verkauft hatten? Schon damals hätte man merken müssen, dass die Hauptvorwürfe aus der Luft gegriffen waren. Die späteren Kursgewinne kamen ja nur deshalb zustande, weil die Fusion erfolgreich abgewickelt wurde. Ohne Fusion keine Kurssteigerung. Ohne Kurssteigerung keine Gewinne. Hätten die Pensionskassen, wie von der NZZ am Sonntag angeregt, auf den Teilverkauf ihrer Titel verzichtet, wären sie bei schwächelnden Kursen auf ihren Depots sitzengeblieben und hätten viel Geld verloren. So aber profitierten sie zweifach. Erstens konnten sie ihre Aktien im Vorfeld der Bankenzusammenlegung zu einem leicht höheren Preis verkaufen. Zum andern realisierten sie nach der Transaktion kräftige Gewinne auf den Titeln, die sie behalten hatten. Selbst für den Fall, dass die Fusion ein Fehlschlag geworden wäre, hätten die Pensionskassen durch den Teilverkauf nicht nur einen bescheidenen Profit erzielt, sondern auch ihr Verlustrisiko reduziert. Es handelte sich um eine klassische Win-win-Situation. Der Swissfirst-Bellevue-Deal war keine lusche Sache, wie die Sonntags-NZZ insinuierte, sondern ganz einfach ein strategisch kluger Zug.

Warum ritt die Zeitung dennoch auf dem Vorwurf der Pensionskassenschädigung herum? Die Autoren konnten und vermutlich wollten sie es nicht verstehen. Bereits am 19. August 2006, also knapp einen Monat nach Beginn der Kampagne, hatte die Wirtschaftsredaktion des NZZ-Hauptblatts den Sachverhalt richtig dargestellt. Hätten Hug und Jacquemart den Beitrag aufmerksam gelesen, wäre ihnen aufgegangen, dass sie falsch lagen. NZZ-Wirtschaftsredaktor Werner Enz schrieb in seinem Kommentar: «Von entgangenen Gewinnen kann, bei Lichte betrachtet, indessen nicht die Rede sein. Denn hätten Hranov und die anderen Investoren keine Aktien an Matter verkauft, wäre die Transaktion nicht zustande gekommen, und es hätte dementsprechend auch keine Kurshausse einsetzen können. Hinzu kommt, dass die bezahlten Einstandspreise unbekannt sind. Ein grosser Teil der Akteure, die Titel abgegeben haben, dürfte selbst auf dem damals tieferen Kursniveau Gewinne realisiert haben.» Genau so war es.

Wenn der Deal betriebswirtschaftlich Sinn machte, konnte auch der zweite, noch gravierendere Hauptvorwurf der NZZ am Sonntag nicht stimmen. Hug und Jacquemart hatten angedeutet, die Pensionskassenverwalter seien durch «andere Anreize» als rein marktwirtschaftliche dazu motiviert, also bestochen wor-den, Teile ihrer Swissfirst-Pakete zu verkaufen. Der ungeheuerliche Vorwurf wurde ohne jeden Beleg in den Raum gestellt, und wie so oft, wenn eine unschuldige Person von den Medien angeprangert wird, werden Grundsätze des Rechtsstaats ausser Kraft gesetzt, ja auf den Kopf gestellt. Normalerweise muss einem Angeklagten die Schuld bewiesen werden. Im Fall Swissfirst hatte der Beschuldigte von Beginn weg seine Unschuld zu beweisen. Zu-dem hätten die Journalisten wissen müssen: Es gab keine «anderen Anreize», weil es sie nicht brauchte. Der Swissfirst-Bellevue-Deal war vernünftig. Niemand musste geschmiert werden. Zu diesem Befund kamen später auch alle Untersuchungen.

Wie befangen die NZZ am Sonntag gegen Matter recherchierte und wie sehr sie sich von Kläger Hranov benutzen liess, zeigt der peinlichste Fehler ihrer Berichterstattung. Im August 2006 schrieb Charlotte Jacquemart, Matter habe sich im Herbst 2004 aus geschäftlicher Not heraus auf verzweifelte Investorensuche nach Russland begeben müssen. Es sei ein Treffen geplant gewesen mit dem Präsidenten des russischen Unternehmerverbandes, Arkadi Wolski, doch die Russen hätten das Treffen kurzfristig wieder abgesagt. Die Geschichte klingt abenteuerlich, aber sie ist falsch. Nicht Matter, sondern Matters damaliger Aktionär und NZZ am Sonntag-Informant Rumen Hranov war ohne Wissen der Bank nach Russland gereist. Mit gefälschten Dokumenten gab er sich als Swissfirst-Generaldirektor aus, um Geschäfte in eigener Sache zu unternehmen, was zu seinem Ausscheiden aus dem Verwaltungsrat einer Swissfirst-Tochtergesellschaft führte. NZZ am Sonntag-Journalistin Jacquemart — «Charlotte» — liess sich von ihrem inoffiziellen Mitarbeiter Hranov treuherzig an der Nase herumführen, weil die Episode so schön gegen Matter verwendet werden konnte.

Informant Hranov wird verurteilt

Etappenweise kam die Wahrheit ans Licht. Die Pensionskassen stellten schon Ende 2006 in internen Untersuchungen fest, dass es keine Schädigung gegeben hatte. Die von Hranov lancierte Strafanzeige gegen Matter wurde am 3. Juni 2008 in allen Punkten fallengelassen. Die von der Presse aufgescheuchte Zürcher Staatsanwaltschaft stellte das Ermittlungsverfahren ein und schrieb in ihrer Verfügung: «Der Vollständigkeit halber sei festgehalten, dass sich der in den Medien kolportierte Verdacht auf Bestechung der involvierten Versicherungs- und Pensionskassenmanager ebenfalls nicht verdichtete. Es waren seitens Thomas Matter keine Leistungen feststellbar, welche als Indiz dafür hätten dienen können, dass der Verkauf der Titel durch die involvierten Institutionen nicht uneigennützig erfolgt wäre.» Die NZZ am Sonntag-Anschuldigungen lösten sich in Luft auf. Während Matter in allen Punkten entlastet wurde, sah sich hingegen der Hauptinformant der Sonntags-NZZ, Hranov, vom Strafgericht Zug im Juli 2008 rechtskräftig verurteilt wegen versuchter Verleitung zur Bankgeheimnisverletzung. Ebenfalls verurteilt wurde ein ehemaliger Swissfirst-Angestellter, der die Transaktionstabellen mutmasslich an Hranov weitergeleitet hatte. Inzwischen beschäftigte sich auch die Eidgenössische Bankenaufsicht (EBK), heute Finma, mit dem Fall. Auch sie konnte keinen der von der NZZ am Sonntag erhobenen Vorwürfe bestätigen. Weder sah sie geschädigte Pensionskassen, noch fand sie Belege für Bestechung. Den von der Sonntags-NZZ lancierten Verdacht, es sei zu Insiderdelikten gekommen, verneinte die EBK deutlich.

Die Behörde bemängelte allerdings Details der Transaktionsabwicklung und sprach eine Rüge gegen die Swissfirst/Bellevue-Verantwortlichen aus. Dass es sich nicht um ein sonderlich hartes Verdikt handelte, lässt sich am Umstand ablesen, dass der gerügte Bellevue-Chef Martin Bisang bis heute operativer Chef seiner Bank geblieben ist. Matter selber wurde nicht gerügt, weil er bereits zurückgetreten war, als die EBK-Verfügung herauskam. Die NZZ am Sonntag erklärte die EBK-Beanstandungen postwendend und wider besseres Wissen zum Beweis für die Richtigkeit der eigenen Recherchen. Die von der EBK-Verfügung kritisierten Details der Transaktionsabwicklung hatten in der Berichterstattung des Sonntagsblatts gar keine Rolle gespielt.

Journalistenpreis für Falsch-Recherchen

Obschon sich längst herausgestellt hatte, dass die Hauptvorwürfe der NZZ am Sonntag gegen Matter falsch waren und es weder eine Pen- sionskassenschädigung noch Bestechung gegeben hatte, wurden die beiden Autoren der NZZ am Sonntag-Kampagne, Daniel Hug und Charlotte Jacquemart, im Frühling 2007 mit dem renommierten Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Jury-Präsident Fredy Gsteiger sprach von einem «einmaligen Scoop» und «wohltuend nüchtern» formulierten Beiträgen. Mit leisen Selbstzweifeln räumte der Vorsitzende zwar ein, dass es «durchaus» nicht um «Straftatbestände» gegangen sei. Doch die Berichterstattung habe «exemplarisch gezeigt», dass dort, «wo sehr schnell grosse Gewinne» winken, «gemauschelt» werde. Die Serie sei «ein wichtiges Stück Journalismus».

Schon früher hatte es Fehlbeurteilungen beim Zürcher Journalistenpreis gegeben. Aber noch nie wurde ein Preis trotz erwiese- nen gravierenden Recherchefehlern vergeben. Die wirtschaftsfeindliche Stossrichtung der Artikel zählte für Gsteiger mehr als ihre Korrektheit.

Hausjurist Born: Zu viele Hüte

Matter verlor wegen der falschen Anschuldigungen seine Bank. NZZ am Sonntag-Redaktor Daniel Hug wurde zum Wirtschaftschef seiner Zeitung befördert. Anders als in den USA oder Grossbritannien, wo Journalistenpreise bei klaren Fehlleistungen wieder eingezogen werden, können sich die Schweizer Kollegen offenbar der unverbrüchlichen Solidarität ihrer Zunftgenossen sicher sein. Im vorliegenden Fall kamen handfeste Interessenkonflikte dazu: Christoph Born, Hausanwalt der NZZ am Sonntag, vertrat das Blatt in allen Verfahren gegen Thomas Matter. Gleichzeitig ist er Präsident der Stiftung Zürcher Journalistenpreis, welche die NZZ am Sonntag-Journalisten auszeichnete. Born trat nach eigenem Bekunden bei der Jurierung in den Ausstand, aber die Verquickungen bleiben unseriös. Eine Rücknahme des Preises hätte die juristische Position des Sonntags-NZZ-Anwalts in der Auseinandersetzung mit Thomas Matter sicherlich geschwächt. Die Jury-Kollegen lieferten ihrem Stiftungspräsidenten Flankenschutz.

Der von den Rechtsanwälten Daniel Glasl und Peter Bratschi vertretene Matter arbeitete derweil intensiv an seiner Rehabilitierung. Die Verlagshäuser Ringier und NZZ verklagte er wegen Persönlichkeitsverletzung auf Schadenersatz. Nach eigenen Angaben ging es Matter weniger ums Geld als um eine öffentliche Entschuldigung. Im Herbst 2007 veröffentlichte er eine minuziös recherchierte Darstellung der Vorgänge aus persönlicher Sicht. Das Buch trug den Titel «Swissfirst. Die verlorene Ehre einer Schweizer Bank» und trug überzeugend vor, warum die Medienkampagne gegen die Bank sachlicher Grundlagen entbehrte. Matters wichtigster Etappensieg waren zwei grossflächige Entschuldigungen in Blick und Sonntagsblick am 23. und 24. September 2007. Zäher verlief die Einigung mit der Zeitung, die den ganzen Fall ins Rollen gebracht hatte. Erst nach monatelangem erbittertem Ringen schloss die NZZ am Sonntag im Beisein eines Richters einen Vergleich und entschuldigte sich bei Matter. Bereits kurz davor war das Blatt in einem andern prominenten Fall, es ging um den Chirurgen Marko Turina, wegen falscher Anschuldigungen zur Rechenschaft gezogen worden.

Die Tricks von Chefredaktor Müller

Im Vergleichsverfahren standen die vier Hauptvorwürfe der NZZ am Sonntag zur Diskussion: Pensionskassenschädigung, Bestechung, Insider und Sonstiges, unter anderem die rufschädigende Russland-Episode, wonach Matter auf Investorensuche verzweifelt in den Osten gereist sei. Die Richter kamen zu einem klaren Verdikt: Sie werteten die ersten beiden Vorwürfe als falsch und als persönlichkeitsverletzend, im Fall der Bestechung sogar als schwer persönlichkeitsverletzend. Der Insider-Vorwurf wurde zwar als sachlich falsch beurteilt, aber nicht als persönlichkeitsverletzend. Auf den letzten, weniger bedeutenden Komplex kamen die Parteien aus Zeitmangel nicht mehr zu sprechen. Der Vergleich sah vor, dass Matter auf alle finanziellen Forderungen verzichte, wenn die NZZ am Sonntag den Entschuldigungstext in der vereinbarten Form publiziere. Über die Höhe von Matters finanziellen Forderungen wurde ausdrücklich Stillschweigen vereinbart.

Die Entschuldigung wurde abmachungsgemäss am 8. März 2009 gedruckt. Allerdings erwies sich die Sonntags-NZZ als ausgesprochen schlechte Verliererin. In einem auf Seite 2 formulierten Editorial, das nicht abgesprochen war, bemühte sich Chefredaktor Felix E. Müller, die Tragweite der im Wirtschaftsteil veröffentlichten Entschuldigung herunterzuspielen. Die NZZ am Sonntag habe sich lediglich für zwei von «über einem Dutzend Aussagen» entschuldigen müssen. Die Leser sollten den falschen Eindruck erhalten, dass es sich um Bagatellen handle. Ausserdem nannte Müller abmachungswidrig die Höhe von Matters finanziellen Forderungen, um den Vergleich in einem für seine Zeitung vorteilhaften Licht erscheinen zu lassen. Wider besseres Wissen bezog sich der Chefredaktor auf die EBK-Verfügung vom Dezember 2006, die, wie erwähnt, Details der Transaktion beanstandete, die in der Berichterstattung gar keine Rolle gespielt hatten.

Müllers Verwedelungen gingen an den Fakten vorbei. Die Richter hatten nicht «zwei unter Dutzenden» von Vorwürfen als falsch und krass persönlichkeitsverletzend beurteilt, sondern die beiden Hauptvorwürfe: Pensionskassenschädigung und Bestechung. Diese beiden Behauptungen waren von der NZZ am Sonntag in ungezählten Textpassagen wiederholt worden, und erst diese Vorwürfe gaben letztlich den Ausschlag für die landesweite Medienkampagne. Dass Müller den Vergleich mit seinem Editorial torpedierte, war unfair und verstiess gegen die Einigung. Matter protestierte denn auch in einem Brief an den NZZ-Verwaltungsrat gegen die «schlaumeierische Art», mit der sich Müller über die Einigung hinweggesetzt habe: «Mein im September 2007 publiziertes Buch trägt den Untertitel: Die verlorene Ehre einer Schweizer Bank. Doch ist es im Grunde nicht das Haus NZZ, das drauf und dran ist, seine Ehre zu verlieren, indem es dieses unfaire journalistische Verhalten duldet?»

Finanzmarktaufsicht krebst zurück

Im April 2009 forderte die überparteiliche «Aktion Medienfreiheit» um SVP-Nationalrätin Natalie Rickli und FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger die Aberkennung des Zürcher Journalistenpreises von Daniel Hug und Charlotte Jacquemart. Sie bissen auf Granit. Die beiden Journalisten und ihr Chefredaktor klammerten sich an die EBK-Verfügung. Müller belächelte das Medien-Komitee als «Frontorganisation der SVP».

Mittlerweile allerdings wankt auch diese letzte, fragwürdige Verteidigungslinie des Sonntagsblatts. Leitende Mitarbeiter der aus der EBK hervorgegangenen Aufsichtsbehörde Finma haben in einer kürzlich veröffentlichten Studie selbstkritische Töne zum Fall Swissfirst angeschlagen. Sie werfen unterschwellig die Frage auf, ob sich die EBK, heute Finma, unter dem Druck der Medien allenfalls zu einem Fehlurteil gegen die Bankenfusion verleiten liess. In ihrer Fachpublikation «Finanz-marktenforcement» schreiben die Autoren Urs Zulauf, David Wyss und Daniel Roth, dass «eine Medienkampagne (von zweifelhafter Fairness) grosses Aufsehen» bewirkte: «Nicht nur die Betroffenen, sondern auch die EBK geriet unter starken Mediendruck. [. . .]

Die Ausführungen des Hauptbetroffenen Matter zur Medienhetze sind lesenswert. Die ganze Geschichte ist kein Ruhmesblatt für die Schweizer Medien und zeigt, wie wichtig es für alle Behörden ist, sich nicht von einer Hysterie in den Medien anstecken zu lassen, sondern im Raum stehende Vorwürfe in Ruhe abzuklären.»

Obschon die EBK/Finma-Autoren ihre persönliche Meinung äussern, kann aus der Passage abgelesen werden, dass die Aufsichtsbehörde heute wohl anders entschieden hätte. Auch die Hauptvorwürfe der NZZ am Sonntag gegen Matter weisen die EBK-Autoren indirekt zurück: «Die EBK schloss ihr Verfahren mit der Verfügung vom 20. Dezember 2006 ab. Darin verneinte sie aufsichtsrechtlich relevan-te Verstösse gegen Vorschriften über Insidergeschäfte und auch Kursschnitte, rügte aber drei Aspekte der Abwicklung der Transaktion.» NZZ am Sonntag-Chef Müller betont noch heute, die EBK habe im Fall Swissfirst schwere Zuwiderhandlungen gegen «börsengesetzliche Verhaltenspflichten» erkannt. Die EBK/Finma-Autoren halten im Gegenteil fest, dass es im Fall Swissfirst zu medialen Vorverurteilungen kam, die das EBK-Verdikt beeinträchtigt haben könnten.

Die Journalistenjury bleibt trotzdem bei ihrer Preisvergabe. «Wir haben einstimmig beschlossen, den beiden Autoren Jacquemart und Hug den Preis nicht abzuerkennen», erklärte Jury-Präsident Fredy Gsteiger. Man habe die Gesamtleistung der Recherchen ausgezeichnet, welche auf «gewisse Missstände» aufmerksam gemacht haben. Daran habe sich inzwischen nichts geändert. Gsteigers erstaunliches Fazit: «Es ist nach wie vor nicht erwiesen, wer recht hat in dieser Angelegenheit.»

Mit dieser Aussage bekräftigte der Jurypräsident das krause Rechtsverständnis, das im Fall Matter/Swissfirst journalistisch wirkte. Für Fredy Gsteiger muss offensichtlich nicht die NZZ am Sonntag ihre Anschuldigungen beweisen, sondern der Angeschuldigte Matter seine Unschuld. Im Übrigen liegt der Jurypräsident auch in der Sache falsch. Längst ist erwiesen, wer recht hat: Matter siegte vor allen Instanzen. Seine Gegenspieler Hranov und Diethelm wurden verurteilt oder unterlagen vor Gericht. Gsteigers Jury verdreht die Fakten, um an ihrer Preisvergabe festzuhalten.

Müllers Swissfirst-Trauma

Warum verbiss sich die NZZ am Sonntag so blind in den Fall? Weshalb schummelte sich Chefredaktor Müller an einer klaren Entschuldigung vorbei? Wie kam es überhaupt zu einer Artikelserie über eine an sich unbedeutende Bank, die von ihrer Grösse her die Aufmerksamkeit gar nicht rechtfertigte?
Die Antworten müssen Spekulationen bleiben, aber Anhaltspunkte sind vorhanden. Erstens: Matter geriet früh ins Medienschussfeld, als er Anfang 2002 mit seiner Bank geholfen hatte, den Jean-Frey-Verlag, zu dem auch die Weltwoche gehörte, an eine Gruppe privater Investoren zu verkaufen. Ursprünglich hätte der Weltwoche-Verlag an das links stehende Haus Ringier gehen sollen, was Matter im Auftrag bürgerlicher Investoren verhinderte. Das machte ihn unter Journalisten zur umstrittenen Figur. Zweitens: Matter machte nie ein Hehl aus seinen Sympathien für den früheren Justizminister Christoph Blocher. Damit stand er quer zur redaktionellen Linie der Sonntags-NZZ, die Blocher und alles, was mit ihm zusammenhing, stets vehement bekämpfte.

Drittens: Der Chefredaktor der NZZ am Sonntag, Felix E. Müller, hat eine Art Swissfirst-Trauma. Bereits in seiner zweiten Ausgabe am 24. März 2002 beschäftigte sich das Blatt intensiv mit der Kleinbank. Es ging um die geschilderte Übernahme des Jean-Frey-Verlags. Die Zeitung glaubte aufdecken zu können, hinter dem Verlagskauf steckten rechtsbürgerliche Basler Zirkel. Der prominent aufgemachte Bericht musste tags darauf jedoch vom Hauptblatt der NZZ korrigiert werden. Die Autorin verliess die NZZ am Sonntag noch im selben Jahr. Es darf vermutet werden, dass Müllers spätere Hartnäckigkeit in der Verfolgung von Matters Swissfirst auch damit zu tun hatte, dass er die publizistischen Fehlleistungen von 2002 vergessen machen wollte.

Wenn die Sicherungen durchbrennen

Dass der NZZ am Sonntag beim Reizthema Matter/Swissfirst noch immer die Sicherungen durchbrennen, zeigt die abschliessende Episode. Anfang 2009 lud die Schweizer Uhrenfirma Hanhart anlässlich ihrer neuen Kollektion ne-ben zahlreichen anderen Medien auch die NZZ am Sonntag zu einer Pressekonferenz ein. Statt des angeschriebenen Spezialisten Peter Keller meldete sich Wirtschaftschef und Swissfirst-Kritiker Daniel Hug persönlich.

Er wollte wissen, ob es stimme, dass der frühere Swissfirst-Chef Matter im VR der Uhrenfirma sitze oder Aktionär sei. Als Hanhart bejahte, Matter sei Aktionär, sagte Hug, die NZZ am Sonntag werde in diesem Fall auf jede Berichterstattung verzichten. Man wolle keine PR machen für ein Unternehmen, an dem Matter beteiligt sei. Die Uhrenfabrikanten aus Diessenhofen hätten nicht gedacht, dass der preisgekrönte Ressortleiter eines angesehenen Schweizer Zeitungshauses seine Vendetta gegen den von ihm erwiesenermassen zu Unrecht angeprangerten Ex-Bankier in einer Art Sippenhaft auf andere Betriebe ausdehnen würde.

 

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