Sommer-Knigge

Nein, Sie sind nicht Cameron Diaz

Wenn es draussen heiss wird, zeigen Frauen, was sie haben. Das ist gut und schön. Aber manchmal auch nur peinlich. Verzichten Sie auf Cellulite-Cremes. Vermeiden Sie zu enge Badehosen. Werfen Sie Büstenhalter mit Silikonträgern in den Müll. Und stehen Sie zu Ihrer künstlichen Bräune. Ein Sommer-Knigge für die Frau.

Von Dominique Feusi

Kaufen Sie kein XS, wenn Sie ein L sind. Illustration: Miroslav Barták

Cellulite
«Mutti hat alles versalbt»

Die schlechte Nachricht zuerst: Nützt alles nix. Entweder Sie haben einen Hintern, bei dem Marmor, Stein und Eisen bricht, oder Gene mit Hagelschaden. «Good-bye Cellulite», «Eine deutliche Glättung der Orangenhaut» oder «Sichtbare Ergebnisse nach 8 Tagen» – alles Mumpitz. «Die Stiftung Warentest hat zehn Produkte getestet. Von der Creme bis zum Massageroller. 300 Frauen versuchten, ihrer Cellulite Herr zu werden. Ohne Erfolg. Die Dellen blieben.»

Danke, das sehe ich ja auch. Falls unsere Nachkommen also einmal sagen werden: «Ich hätte studieren sollen, aber Mutti hat das ganze Familienvermögen an die Schenkel geschmiert» – die Kosmetikindustrie ist schuld.

Die Kosmetikindustrie kennt aber auch so tolle Worte wie «Fundamental Serum», «BioActive-complex» oder «Body Lift Control», die wiederum mit eingebautem «Co-Koffein Cx», «Xeralipiden» oder «Edeminen» arbeiten. Sie haben auch keine Ahnung, was Edemine sind? Sie hegen ebenfalls den Verdacht, dass der überwiegende Teil der Weltbevölkerung überhaupt noch nie was von Edeminen gehört hat? Und eigentlich haben Sie bis anhin auch ganz gut ohne Edemine gelebt? Das können wir ändern.

Sagt man zu einer ansonsten zurechnungsfähigen Frau: «Edemine, Edemine, Edemine» und «Experten haben herausgefunden . . .», «In unserem Forschungszentrum . . .» sowie «98 Prozent der Frauen haben eine Verbesserung festgestellt!», dann will sie das auch. Edemine? Tolles Zeug! Fragen Sie sich auch gerade, wo man Edemine bekommt? Wir sind am Ende.
Die gute Nachricht: Man kann auch ein ganz schlechtes Bindegewebe und trotzdem eine ganz tolle Persönlichkeit haben. Und bei vierzig Grad im Schatten und Sicht aufs Meer wird Ihnen auch im Sommer 2009 Ihr Bindegewebe ungeahnt schnurzegal werden. Wie hiess dieses Buch noch gleich? «Salbe dich nicht, lebe!» An der Strandbar dürfen Sie aber trotzdem was drüberziehen. Krater sind nur bei Spongebob Schwammkopf süss.
Moment, Sie haben eine ganz tolle Persönlichkeit und ein Bindegewebe wie ein Pinienkern? Und Sie haben erst noch an der Miss-Earth-Wahl teilgenommen? Gratulation, und nun wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass Sie sich am Strand niemals neben mich setzen. Husch, gehen Sie spielen oder einen Delfin retten, tun Sie, was crazy Ladys eben so tun, aber gehen Sie weg. Und dann werde ich zu meiner Freundin sagen: «Dumm wie Brot. Aber guter Arsch.» Fragen Sie sich auch gerade, wo man das bekommt? Sie sind ein Mann. Was tun Sie überhaupt hier?

Schwerkraft
«Wann ist eigentlich das passiert?»

Sie haben sich auseinandergelebt? Von ganz alleine? Irgendwann hat Ihr Bauch die Flucht nach vorne angetreten, Ihr Hintern ist eine Etage tiefer gezogen und . . . die Brüste hatten doch auch mal ein anderes Hauptquartier? Herrje, wo wollen die denn hin? (Adieu, männlicher Leser, es war eine schöne Zeit.) Irgend-wann haben Sie in einem sehr dunklen Moment in einer sehr hellen Umziehkabine ge- standen und sich gefragt: «Wann ist eigentlich das passiert? Das alles?» Ganz ruhig. Das kommt in den besten Familien vor. Es nennt sich Schwerkraft. Lassen Sie sich nicht runterziehen. Uns bleibt die Erinnerung. Sie dürfen sich trotzdem ungeniert was drüberziehen.

Falls Sie unter zwanzig sind, don’t worry, be hap-py. Das nennt sich nicht Schwerkraft, das ist zu viel Kinderschokolade. Hüpfen Sie über Blumenwiesen, gucken Sie sich einen Vampirfilm mit Robert Pattinson an, stehen Sie am Bahnhof rum, tun Sie, was junge Mädchen eben so tun. Zum Rumjammern sind Sie allerdings noch zu frisch. Keine Angst, Sie dürfen auch bald. Wenn Ihr Vater «Entweder das Pony oder das Studium!» sagt, müssen Sie nur noch ein paarmal schlafen. Versprochen.

 

Badehosenkauf
«Das hat mich tief verletzt»

Was, Sie haben immer noch keine Badehose? Also natürlich haben Sie schon so zwei Dutzend Stück, aber dieser Bikini, in dem Sie wie Cameron Diaz aussehen, genau der fehlt Ihnen noch? Nur sind Sie leider nicht Cameron Diaz. Das wird Sie auch in diesem Jahr wieder völlig überraschend treffen. Und tief verletzen.

Und da darf man schon mal erwarten, dass er Mitgefühl zeigt. Dass er Ihnen am Abend zum Beispiel ein Gestüt in der Toskana schenkt. (Das mit dem Pony ist traurig, aber Sie sollten daran arbeiten.) Und er könnte so ganz viele Kerzen aufstellen. Und sagen: «Baby, die Kerzen habe ich vorab mit der Feuerpolizei abgeklärt, ich bin ein Profi, aber du bist brandgefährlich!», während er Ihre Füsse mit äthe- rischen Ölen massiert. Ich sage es nicht gern, aber Sie sollten auf Edemin-Entzug. Das ist nicht die Realität.

Kaufen Sie sich kein XS, wenn Sie ein L sind. Sie schrumpfen da nicht rein. Auch wenn die Verkäuferin sagt: «Das steht Ihnen aber gut!», während Sie sich wundern, dass man derart zusammengezurrt überhaupt noch stehen kann. Die Chance, dass Sie nach so vielen Waschgängen beim Duschen noch unverhofft eingehen, ist leider relativ klein.

Nein, auch die Kohlsuppendiät wird nicht plötzlich Wunder statt Blähungen bringen. Das Prinzip Hoffnung und die Badehose vertragen sich schlecht. Und was sich bereits im Fahrstuhl nach unten befindet, wird ohne Hilfe auch nicht wie Phönix aus der Asche steigen. Deshalb gilt: Fragen Sie sich nicht, was Sie für Ihre Badehose tun können, fragen Sie, was Ihre Badehose für Sie tun kann.

Tipp 1: Wenn es so aussieht, als hätten Sie vergessen, das Höschen anzuziehen – der Bikini ist zu klein.

Tipp 2: Wenn es so aussieht, als würde das Höschen über einen Klettverschluss verfügen – Sie sollten über Enthaarung nachdenken.

 

BH mit Silikonträgern
«Die sind so magisch unsichtbar»

Zu BHs mit Silikonträgern nur so viel: Pfui! Lassen Sie das! Die wurden gleich ums Eck, wo die Arschgeweih-Tattoos herkommen, erfunden. Eine ganz schlechte Gegend. Silikonträ-ger sind nicht unsichtbar. Die sind nur hässlich. Oder haben Sie sich beim Anblick von Fleischkäse, der unter der Folie schwitzt, jemals gedacht: «Oh, wie wunderschön!»? Eben. Schmeissen Sie die auf den Sondermüll. Gleich neben die künstlichen Fingernägel.

 

Künstliche Bräune
«Von der Gartenarbeit!»

 Blässe wirkt nobel, edel und aristokratisch. Und diese Vampirfilme sind ja gerade so in. Aber manchmal, also manchmal, da stehen Sie vor dem Spiegel und glauben zu wissen, weshalb es der Grottenolm niemals in die Top Ten der beliebtesten Tiere schaffen wird?

Aus welchem Grund auch immer Sie sich für künstliche Bräune entscheiden, stehen Sie dazu. Es tut nicht weh. Sagen Sie nicht: «Von der Gartenarbeit!» Falls Sie weder im Haupterwerb Gemüseanbau in einem Nudistencamp betreiben noch in der Karibik nackt wandern, nimmt Ihnen nahtlose Ganzjahresbräune niemand ab. Auf jeden Fall keine Frau. Männern, die Ihre nahtlose Bräune zu Gesicht bekommen, können Sie auch erzählen, dass Sie zum Frühstück goldene Eier legen.

Tipp 1: Wenn Sie wie eine Laugenbrezel aussehen oder Gigi Oeri sind – detox (entgiften)! Sie müssen auf Braun-Entzug.

Tipp 2: Wenn man nicht sieht, wo der Krokodillederschuh aufhört und Ihre Beine beginnen – vor der Chemiekeule peelen.

Enthaarung
«Kennen wir uns nicht von irgendwoher?»

Sie sind eine Frau, kein Desinfektionsmittel. Sie atmen, transpirieren und pulsieren, Sie sind eine Göttin der Natur. Sie sind ein Meisterwerk. Mit Haut und Haar. Wie Sie Ihren Biber halten, will trotzdem niemand so genau wissen, und Achselhaare gehören nicht zum Attraktivsten, was Sie zu bieten haben. Sie sind kein Naturschutzgebiet. Was Sie herzeigen, sollte nicht aussehen, als würden Vögel darin nisten. Schön ist doch: Sie dürfen sich emanzipiert fühlen und den Nassrasierer trotzdem behalten.

Ja gerne, aber an manche Stellen kommen Sie nicht ran? Lassen Sie das Problem nicht von diesem Kollegen der Kollegin Ihrer besten Freundin lösen, der das ganz super macht. Menschen, die Haare unerbittlich bis in Ihr tiefstes Innerstes verfolgen, sollten keinerlei Berührungspunkte mit Ihrem sozialen Umfeld aufweisen. Sie wollen nicht, dass der Mann, der Ihnen gestern die Haare aus dem Hin- tern gerissen hat, Sie übermorgen bei der Sommerparty fragt: «Kennen wir uns nicht von irgendwoher?» Sie wollen das wirklich nicht. Versprochen.

Zum Abschied gilt: Denken Sie nicht so viel über Ihren Körper nach. Nützt alles nix. Und macht Sie ein wenig anstrengend. Für diese Saison ist das as good as it gets. Nächsten Herbst machen wir dann Sport. Versprochen. Einen schönen Sommer noch.

Moment, nächsten Herbst bestreiten Sie Ihren fünfundzwanzigsten Triathlon? Gratulation. Nein, hier ist leider schon besetzt. Aber gleich so dreissig Kilometer weiter den Strand runter habe ich einen freien Liegestuhl erspäht. Viel Glück!

Kommentare

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  • constanze
  • 10.07.09 | 08:33 Uhr

Salut Christine,

ja, von künstlichen Fingernägeln würd ich auch abraten, sieht ohnehin scheusslich aus und stört zudem bei der Gartenarbeit :-)

Frau Niederbergers Stutenbissigkeit hat inzwischen Formen angenommen, die mir bedenklich vorkämen, wäre ich ihre Reinkarnationstherapeutin: ich würde sagen, sie mag keine Frauen und gehört zu denen, die andere Frauen - besonders wenn sie jung und hübsch sind - mit ausgesuchter Gehässigkeit behandeln.

Wie sagte doch der kluge Don Juan zu Castaneda, als die beiden von einem indianischen Kellner schlecht bedient wurden:

"Auch er mag keine Indios!" -

  • Christine
  • 09.07.09 | 21:48 Uhr

Constanze, in einem gefällt sie mir: "Schmeissen sie die künstlichen Fingernägel weg".

Ansonsten staune ich, was Frau F. alles weiss und wie sie es so flotschig zu formulieren weiss. MvH-Style? Reloaded?

  • constanze
  • 09.07.09 | 09:41 Uhr

Man spürt das Selbsterlebte in diesem Kommentar Frau Niederbergers!

Jahre der Erfahrung in der Bekämpfung von Cellulitis und Schwerkraft, der Frage, ob das Bikini noch angebracht ist oder ob sie nicht doch besser den schwarzen XL-Badeanzug mit den schlank machenden Raffungen nehmen soll, müssen hinter ihr liegen und wir verstehen die Bitterkeit, die aus ihren Worten spricht und dass sie meint, ihr bleibe jetzt bloss noch das Jammern, nachdem das Binde- und Brustgewebe nicht mehr so straff ist.

Kopf hoch, Frau Niederberger, es gibt Abhilfe: gehen sie in einem Karma-Reinkarnationskurs&Bachblüten&sinnliche Massagekurs, dann wird das schon wieder werden. Aber meiden sie bloss ernsthafte Gartenarbeit: sie würden zwar schön braun und straff, aber ich weiss nicht, ob sie und ihr bleichschenkligen Freundinnen deren Strapazen gewachsen wären (stundenlanges jäten und bücken in praller Sonne, das braucht Kondition!).

 
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