Homosexualität

Spiel’s nicht noch mal, Anita!

Es gebe einen nervigen Kult um die Schwulen, schrieb die Weltwoche. Jetzt kommt die Replik: Der Kampf um Gleichberechtigung muss weitergehen. Tunten hin oder her.

Von Philipp Tingler

«Konservativ? Natürlich bin ich es nicht; denn wollte ich es meinungsweise sein, so wäre ich es immer noch nicht meiner Natur nach, die schliesslich das ist, was wirkt.» Dieser Ausspruch Thomas Manns trifft es genau: Immer wenn mir eine dieser verbitterten, affektierten überfrisierten Tucken mit Louis-Vuitton-Tasche und Abercrombie-T-Shirt über den Weg läuft, die nur Oberflächlichkeit und Negativität ausstrahlen, weil sie sich selbst nicht leiden können und auch sonst niemanden haben, der sie liebt, dann werde ich meinungsweise ziemlich konservativ. Plötzlich poche ich auf innere Werte. Auf Dezenz, Bildung und Umgangsform. Doch dann lese ich so etwas wie diese Titelgeschichte zum Homo-Thema in der letzten Weltwoche. Da meldet sich meine Natur und ruft: «Der Kampf muss weitergehen!»

Vor dem Ruf der Natur allerdings meldete sich nach Lektüre besagten Artikels zunächst die Stimme der Vernunft. Und zwar wie meistens mit einer Frage, die in diesem Falle lautete: «Haben die Herren von der Weltwoche keine anderen Sorgen?» Der gesamte Beitrag von Philipp Gut war inspiriert von dem Wunsch, jetzt mal «unverkrampft» und «nüchtern» eine total andere Auffassung zur Homo-Frage zu vertreten – und heraus kam ein prüdes, kleinbürgerliches Sittenpamphlet, getragen von Klischees, Behauptungen und Paranoia.

Herr Gut konstatiert zu Beginn seines Aufsatzes: «Besonders akzeptiert sind die Homosexuellen in der Schweiz.» Um anschliessend überhaupt nicht mehr von der Schweiz zu sprechen, sondern nur noch über Zürich. «Der Staat fördert Homosexuelle», schreibt Gut weiter, und hier beginnt eine Konfusion, die den ganzen Artikel durchzieht: die Verwechslung von «Förderung» und «Gleichstellung».

Bitte nie «lesBischwul»

Gut schreibt stets «Schwulenförderung», wenn er von Massnahmen etwa bei Polizei und Militär spricht, bei denen es lediglich um die Beseitigung bestehender Diskriminierung geht. Förderung – das klingt, als würden Schwule bevorzugt und verhätschelt, und kein anderes Bild entwirft Gut mit seiner verunglückten, nicht durchhaltbaren und unbegründeten Analogie von Homosexualität als «Religion» oder «Ideologie», also einer gewählten und damit auch wechselbaren Anschauung.

Homosexualität ist nichts dergleichen. Sie ist auch kein Beruf. Homosexualität ist eine Eigenschaft, wie Linkshändigkeit. Und sowenig mir vermeintliche Homo-Aktivisten liegen, die daraus mit Monsterausdrücken wie «lesBischwul» eine Ideologie machen, so wenig liegen mir homophobe Paranoiker mit derselben Absicht. Die Pole berühren sich, mal wieder.

In die Abteilung «Paranoia» gehört ebenfalls die Rede von einer allumfassenden Verschwulung der Gesellschaft. «Die Homosexualisierung der Gegenwart erreicht Rekord- werte», behauptet Gut. Aber ausser ein paar schwulen Fernsehmoderatoren und dem Verweis auf die schwule «Hoheit in Mode und Designfragen» fällt ihm dazu nichts ein. Womit er also nur die Homo-Klassiker aufgelistet hätte, die, auch wenn man miteinbezieht, dass ein paar heterosexuelle Männer mehr heute Selbstbräuner benutzen und wohl kein lebender Mensch mehr Haarprodukte einsetzt als Cristiano Ronaldo, gewiss nicht als hinreichender Beleg dafür durchgehen können, «dass der schwule Lifestyle weite Teile des öffentlichen Lebens dominiert».

Philipp Gut verrät uns auch nicht, was «schwuler Lifestyle» sein soll. Stattdessen fragt er mit der apokalyptischen Vision der Homo-Weltverschwörung vor Augen: «Kommt als Nächstes die Latexfraktion? Oder beglücken uns die Tierliebhaber mit ihren Vergnügungen?» Abgesehen von der platten Reduzierung von Homosexualität auf Sexualität (an der die Homos selbst nicht unschuldig sind) – kommt mir das auch sonst bekannt vor. Das hatten wir schon mal, vor über 30 Jahren. Damals formierte sich in den USA eine ultrakonservative Allianz, an deren Spitze die Schnulzensängerin, Werbespot-Schauspielerin und Ex-Miss-Okla-homa Anita Bryant stand, um die Homo-Emanzipationsbewegung zu stoppen. Auch damals warnte man vor der drohenden Verschwulung und Verschwörung, und Frau Bryant argumentierte, wenn man den Homos nicht Einhalt gebiete, dann kämen als Nächstes die Prostituierten. Und die Leute, die mit Bernhardinern verkehrten. Also: Tierliebhaber.

Es gäbe noch etliches aufzuführen, zum Beispiel über den absurden Umstand, dass ledige Homosexuelle in der Schweiz Kinder adoptieren können, dieses Recht aber verlieren, sobald sie eine eingetragene Partnerschaft eingehen. Oder darüber, dass Schwule in der Schweiz (wie auch in Deutschland) kein Blut spenden dürfen. Oder darüber, dass man nicht erst bis Teheran fahren muss, sondern bloss bis Warschau oder Riga, um als Homo sein Leben aufs Spiel zu setzen. Ich aber schliesse, wie ich begonnen habe, mit Thomas Mann, der zur Homosexualität feststellte: «Tatsächlich ist über eine Gefühlszone, aus der das Mediceer-Grabmal und der David, die Venezianischen Sonette und die Pathétique in h-Moll hervorgegangen sind, nicht gut schimpfen oder spotten.»

Der Kampf geht weiter. Zieh dich warm an, Anita! Aber nicht mit dieser Glanznylonjacke von Montcler. Die ist so was von last season.

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