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08.07.2009, Ausgabe 28/09

Homosexualität

Spiel’s nicht noch mal, Anita!

Es gebe einen nervigen Kult um die Schwulen, schrieb die Weltwoche. Jetzt kommt die Replik: Der Kampf um Gleichberechtigung muss weitergehen. Tunten hin oder her.

Von Philipp Tingler

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«Konservativ? Natürlich bin ich es nicht; denn wollte ich es meinungsweise sein, so wäre ich es immer noch nicht meiner Natur nach, die schliesslich das ist, was wirkt.» Dieser Ausspruch Thomas Manns trifft es genau: Immer wenn mir eine dieser verbitterten, affektierten überfrisierten Tucken mit Louis-Vuitton-Tasche und Abercrombie-T-Shirt über den Weg läuft, die nur Oberflächlichkeit und Negativität ausstrahlen, weil sie sich selbst nicht leiden können und auch sonst niemanden haben, der sie liebt, dann werde ich meinungsweise ziemlich konservativ. Plötzlich poche ich auf innere Werte. Auf Dezenz, Bildung und Umgangsform. Doch dann lese ich so etwas wie diese Titelgeschichte zum Homo-Thema in der letzten Weltwoche. Da meldet sich meine Natur und ruft: «Der Kampf muss weitergehen!»

Vor dem Ruf der Natur allerdings meldete sich nach Lektüre besagten Artikels zunächst die Stimme der Vernunft. Und zwar wie meistens mit einer Frage, die in diesem Falle lautete: «Haben die Herren von der Weltwoche keine anderen Sorgen?» Der gesamte Beitrag von Philipp Gut war inspiriert von dem Wunsch, jetzt mal «unverkrampft» und «nüchtern» eine total andere Auffassung zur Homo-Frage zu vertreten – und heraus kam ein prüdes, kleinbürgerliches Sittenpamphlet, getragen von Klischees, Behauptungen und Paranoia.

Herr Gut konstatiert zu Beginn seines Aufsatzes: «Besonders akzeptiert sind die Homosexuellen in der Schweiz.» Um anschliessend überhaupt nicht mehr von der Schweiz zu sprechen, sondern nur noch über Zürich. «Der Staat fördert Homosexuelle», schreibt Gut weiter, und hier beginnt eine Konfusion, die den ganzen Artikel durchzieht: die Verwechslung von «Förderung» und «Gleichstellung».

Bitte nie «lesBischwul»

Gut schreibt stets «Schwulenförderung», wenn er von Massnahmen etwa bei Polizei und Militär spricht, bei denen es lediglich um die Beseitigung bestehender Diskriminierung geht. Förderung – das klingt, als würden Schwule bevorzugt und verhätschelt, und kein anderes Bild entwirft Gut mit seiner verunglückten, nicht durchhaltbaren und unbegründeten Analogie von Homosexualität als «Religion» oder «Ideologie», also einer gewählten und damit auch wechselbaren Anschauung.

Homosexualität ist nichts dergleichen. Sie ist auch kein Beruf. Homosexualität ist eine Eigenschaft, wie Linkshändigkeit. Und sowenig mir vermeintliche Homo-Aktivisten liegen, die daraus mit Monsterausdrücken wie «lesBischwul» eine Ideologie machen, so wenig liegen mir homophobe Paranoiker mit derselben Absicht. Die Pole berühren sich, mal wieder.

In die Abteilung «Paranoia» gehört ebenfalls die Rede von einer allumfassenden Verschwulung der Gesellschaft. «Die Homosexualisierung der Gegenwart erreicht Rekord- werte», behauptet Gut. Aber ausser ein paar schwulen Fernsehmoderatoren und dem Verweis auf die schwule «Hoheit in Mode und Designfragen» fällt ihm dazu nichts ein. Womit er also nur die Homo-Klassiker aufgelistet hätte, die, auch wenn man miteinbezieht, dass ein paar heterosexuelle Männer mehr heute Selbstbräuner benutzen und wohl kein lebender Mensch mehr Haarprodukte einsetzt als Cristiano Ronaldo, gewiss nicht als hinreichender Beleg dafür durchgehen können, «dass der schwule Lifestyle weite Teile des öffentlichen Lebens dominiert».

Philipp Gut verrät uns auch nicht, was «schwuler Lifestyle» sein soll. Stattdessen fragt er mit der apokalyptischen Vision der Homo-Weltverschwörung vor Augen: «Kommt als Nächstes die Latexfraktion? Oder beglücken uns die Tierliebhaber mit ihren Vergnügungen?» Abgesehen von der platten Reduzierung von Homosexualität auf Sexualität (an der die Homos selbst nicht unschuldig sind) – kommt mir das auch sonst bekannt vor. Das hatten wir schon mal, vor über 30 Jahren. Damals formierte sich in den USA eine ultrakonservative Allianz, an deren Spitze die Schnulzensängerin, Werbespot-Schauspielerin und Ex-Miss-Okla-homa Anita Bryant stand, um die Homo-Emanzipationsbewegung zu stoppen. Auch damals warnte man vor der drohenden Verschwulung und Verschwörung, und Frau Bryant argumentierte, wenn man den Homos nicht Einhalt gebiete, dann kämen als Nächstes die Prostituierten. Und die Leute, die mit Bernhardinern verkehrten. Also: Tierliebhaber.

Es gäbe noch etliches aufzuführen, zum Beispiel über den absurden Umstand, dass ledige Homosexuelle in der Schweiz Kinder adoptieren können, dieses Recht aber verlieren, sobald sie eine eingetragene Partnerschaft eingehen. Oder darüber, dass Schwule in der Schweiz (wie auch in Deutschland) kein Blut spenden dürfen. Oder darüber, dass man nicht erst bis Teheran fahren muss, sondern bloss bis Warschau oder Riga, um als Homo sein Leben aufs Spiel zu setzen. Ich aber schliesse, wie ich begonnen habe, mit Thomas Mann, der zur Homosexualität feststellte: «Tatsächlich ist über eine Gefühlszone, aus der das Mediceer-Grabmal und der David, die Venezianischen Sonette und die Pathétique in h-Moll hervorgegangen sind, nicht gut schimpfen oder spotten.»

Der Kampf geht weiter. Zieh dich warm an, Anita! Aber nicht mit dieser Glanznylonjacke von Montcler. Die ist so was von last season.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 28/09
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Kommentare

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gutemine     14.07.09 10:23

Manchmal kommt es mir so vor, als wäre das ganze Leben eine einzige Pfauenfeder...

Und ja: Gut geschossen Philipp Tingler mit Thomas Mann! Das wird dem Thomas-Mann-promovürten Gutmenschen Philipp Gut
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/type=rezbuecher&id=11741&view=pdf
hoffentlich Eindruck gemacht haben. Sein antischwules Hosenladen-hoch!-Pamphlet war ja wirklich unter aller Sau.

Thomas Läubli     13.07.09 21:13

@gutemine: Ich bin kein Darwin-Spezialist, glaube aber gelesen zu haben, dass Darwin u.a. eine solche Pfauenfeder zum Anlass genommen hat, über die Ästhetik als Form der Verschwendung in der Natur nachzudenken. (Und ich sehe jetzt in der Antwort von Gallus zwei Hinweise.) Da wären wir wieder bei der Teleologie (i.e. Lehre von den Zwecken). Wir sprechen nur von "Darwins Paradox", insofern wir der Meinung sind, dass sinn- oder zwecklose Dinge in der Natur keinen Bestand haben dürfen. Aber wie es Gallus bezüglich Hermaphroditen schon angetönt hat, gibt es Relikte aus früheren Stadien der Evolution. Ich weiss nicht, ob Atavismen wie Schulterbehaarung, Blinddarm oder Steissbein einen Zweck haben. Ich weiss auch nicht, was Krankheiten wie Krebs, Hämophilie oder Mukoviscidose für einen

humankind     13.07.09 20:54

Was soll diese halboffen geäusserte Homophobie, und die Abstrusitäten vergangener Jahrhunderte?!? Klar die Welt ist eine Scheibe und Schwulität eine Krankheit, die es auszurotten gilt...! Habt ihr eigentlich nichts Gescheiteres zu tun als hier auf Schwulen Revisionismus zu machen und euch als verblendete, alttestamentarische Idioten zu outen?!

Wir brauchen uns hier keine Nazi Eugenik und Dr. Mengle Abstrusitäten anzuhören!

Get your own shit straigt! Leave us alone! And mind your own business!

Gallus     13.07.09 15:53

Gutemine,
In “Krankheiten und Fieberzustände” gerate ich nicht gerade, wen ich über die Biologie der Homosexualität nachdenke. Ausserdem waren diese Ausdrücke für Darwin mehr “rhetorical devices” als ernstgemeinte Zweifel. Zumindest die Sache mit der Pfauenfeder hat er ja ganz hübsch in “The descent of man and selection in relation to sex” gelöst.

" The eye to this day gives me a cold shudder, but when I think of the fine known gradations, my reason tells me I ought to conquer the cold shudder." (Darwin to Asa Gray [a Christian minister] Feb, 1860)

"About the weak points I agree. The eye to this day gives me a cold shudder, but when I think of the fine known gradations, my reason tells me I ought to conquer the cold shudder."

humankind     13.07.09 13:44

Es geht hier kaum darum abstruse Theorien zu wälzen, warum und wieso jemand homosexuell wird und ist. Schwul oder lesbisch ist man von Geburt an durch erblich genetische Vorbestimmung. Niemand wird einfach so aus purer Lust und Laune heraus homosexuell; für das ist der Weg immer noch zu steinig und die Hürden und Herausforderungen zu gross!

Die Kinsey Studien über das sexuelle Verhalten von Männern und Frauen aus den späten 40er Jahren sind immer noch die breitabgestütztesten und sicher immer noch repräsentativsten Umfragen (mehrere hundertausend Befragte und total anonymisiert) die es gibt. Aus den Befragungen des Kinsey Institutes kam bereits 1948 heraus, dass sich 10% der Männer als ausschliesslich homosexuell bezeichnen, 11,6% gaben an bisexuell zu sein (3 auf der Skala

gutemine     13.07.09 09:51

"Exklusive Homosexualität ist biologisch gesehen ein Paradox."

Darwin soll beim Anblick einer Pfauenfeder oder beim Bedenken der komplexen Mechanismen des Auges in „Krankheiten und Fieberzustände“ verfallen sein, wahrscheinlich geht es unserem Gallus beim Bedenken einer real existierenden "exklusiven Homosexualität" ähnlich.

Aber schön, dass der Begriff des Paradoxen auch bei trockenen Naturwissenschaftlern ein Plätzchen gefunden hat.

Gallus     12.07.09 22:10

Natürlich wird die Genetik der Verwandten mit einbezogen. Es gab zwar einige Berichte, die gewisse Allele mit gehäufter Homosexualität verknüpfen (und andere mit Heterosexualität), aber die waren bis jetzt nicht sehr reproduzierbar. Und jede Eigenschaft wird natürlich durch spezifische Einwirkungen der Umwelt auf die genetische Konstitution ausgelöst - etwa wie ein "Imprint" (mir fällt der deutsche Begriff gerade nicht ein). Meine persönliche Überzeugung ist, dass die hormonelle Umgeben im Mutterleibe wichtiger ist als was nach der Geburt geschieht (aufgrund von ein paar Reviews, die ich aber nicht zur Hand habe).

Intersexuelle/Hermaphroditen sind vermutlicherweise die ursprüngliche Form (die allerdings weit vor den Menschen zurückgeht). Tierische Hermaphroditen we

Thomas Läubli     12.07.09 21:41

@Gallus: Ich habe da schon einige Erklärungsversuche gelesen. Bezüglich der Genetik ergeben sich mir aber immer Unklarheiten und einige Fragen.
- Warum sucht man nicht auch nach einem Heterosexuellen-Gen? Schon Freud hat gestaunt darüber, wie es überhaupt zur sexuellen Fixierung auf ein Geschlecht kommen kann. - Untersucht man in dieser Frage nur das betreffende Indivduum oder auch die Vorfahren (wie man das z.B. beim Bluter-Phänomen gemacht und «stille Gene» gefunden hat)?
- Ich gehe davon aus, dass menschliche Eigenschaften in der Regel multifaktoriell bedingt sind. Geht man nicht in die Irre, wenn man nur die genetische Komponente betrachtet? Was ist mit der hormonellen Beeinflussung im Mutterleib? Was ist mit frühkindlichen Erlebnissen? (Das Argument, dass unreife Kinde

Gallus     12.07.09 14:54

Exklusive Homosexualität ist biologisch gesehen ein Paradox. Die üblichen Erklärungen gehen darauf hin, dass Homosexualität nicht auf ein einziges Gen zurückgeführt werden kann, sondern dass es sich um Genkomplexe handelt, die je nach Umwelt (vor allem die Umwelt des heranwachsenden Embryos) zu mehr oder weniger ausgeprägter Homosexualität führt. In einer anderen hormellen Umgebung können diese Gene Vorteile für die Fortpflanung der Betroffenen nach sich ziehen, etwa vergleichbar mit der Hetero-/Homozygoten der Sichelzellenanämie (z.B. über Kin Selection?).


“Nothing in Biology Makes Sense Except in the Light of Evolution” gilt auch für Humanbiologie

Gallus     12.07.09 14:53

“Zur angeblichen Rationalität der Genetik (bzw. Darwinismus): Die Natur ist kein Subjekt, folglich entstehen angebliche Zwecke erst in den Köpfen der Menschen. Der Genetik irgendwelchen Sinn abzustrotzen, ist schon immer Ausdruck eines Anthropomorphismus. Kritik an der Teleologie finden Sie auch in Kants «Kritik der Urteilskraft» und Spinozas «Ethik». Noch Fragen?”


Natürlich verfolgt die Natur oder die “Evolution” keine Ziele. Trotzdem hat es sich eingebürgert, dass Biologen häufig davon reden, dass jede Adaption eine ganz bestimment Zweck hat. Das ist einfach ein Kürzel für “natürliche Selektion fördert jene Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die insgesamt zu erhöhter Überlebenswahrscheinlichkeit und letzten Endes Fortpflanzung führen”. Dann liest man z.B. Sätze w

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