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08.07.2009, Ausgabe 28/09

Film

Knallgeile Tunte

«Brüno» ist da. Die Realsatire des Starkomikers Sacha Baron Cohen stellt den schrillen Homo-Kult als Zumutung dar.

Von Wolfram Knorr

Beklemmende Entlarvungen: Baron Cohen als Brüno. Bild: Ascot Elite

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Den Hang zur Tobsucht sichtbar machen will der britische Radikalkomiker Sacha Baron Cohen. Im Fernsehen («Da Ali G Show») lernte er, warum sich die Menschen im grössten virtuellen Sandkasten aufführen wie ein Rudel Deppen: aus Ruhmsucht, Selbstdarstellungs-Gier, Lust am Gekeife. Auf der Mattscheibe wirkt das wie unter einem Brennglas – dass die Tobsucht auch ausserhalb das Leben beherrscht, fällt nur nicht so auf. Und das will Baron Cohen ändern. Dazu bringt er sich als noch blöderen Zeitgenossen ein, sozusagen als Kontrastmittel. In «Borat» (2006) verkörperte er einen kasachischen TV-Reporter, Hinterwäldler und Antisemiten, der in die USA reiste, um mit schweinischen Provokationen die Amis auf die Palme zu bringen und manche Irrsinns-Haltung freizulegen.

In «Brüno», seinem jüngsten Extrem-Fake-Klamauk, scharwenzelt er als austriakische Tunte mit hanebüchenem Kraut-Englisch durch die durchgeknallte Welt der Models und Fashion-Knallerbsen, wird aus dem Mode-Zirkus geschmissen und will in den USA «zum erfolgreichsten Österreicher seit Adolf Hitler» werden. Die Tour endet desaströs, aber Brüno ist das würscht.

Neben wüsten Geschmacksentgleisungen gelingen dem Ruhmsüchtigen beklemmende Entlarvungen über verhaltensgestörte, ruhmsüchtige Mütter, die ihre zweijährigen Kinder für einen Clip anbieten, auch wenn Brüno als Casting-Chef fragt, ob man dem Kleinen ein wenig Fett absaugen dürfe, und homophobe Rednecks, zu denen Brüno splitternackt ins Zelt will, weil «ein Bär meine Kleider gefressen hat». Das ist Realsatire in enthemmter Hochform. Brüno, in gelben, pinkfarbenen, schwarzen, bauchfreien und manchmal auch mit Dildos behängten Schwuchtel-Klamotten, reist durch die USA als eine Art Hinterlader-Candide und demonstriert in dieser herausfordernden Funktion, dass ein erschreckend hoher Teil der menschlichen Spezies noch depperter ist als der rosarote Stelzvogel selber. In einer US-TV-Show tütelt Brüno mit einem schwarzen Kleinkind auf dem Schoss vor mehrheitlich afroamerikanischem Publikum und sucht zwecks Erziehung einen Partner. «Partner?!», bölkt entfesselt das Studiopublikum. «Wer und wo ist die Mutter», kreischen die Matronen. Brüno, mit blonder Topf-Frisur und Lidschatten: «Keine Ahnung, ich hab bei einem Besuch in Afrika meinen iPod gegen den Kleinen getauscht.» Tobsucht, Raserei.

Es geht weniger um Homosexualität, sondern mehr um ihre schrillste Tunten-Ausprägung als schmerzhafte Zumutung. Cohen muss allerdings aufpassen, dass sich sein Crash-Klamauk nicht totläuft.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 28/09
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