Als der Journalist und Filmemacher Ian Halperin im vergangenen Dezember schrieb, Michael Jackson habe noch sechs Monate zu leben, bezeichnete der damalige Sprecher des Stars, ein umstrittener Libanese namens Dr. Thome Thome, die Äusserung als «komplette Erfindung». Der Sänger, sagte sein Sprecher, sei bei guter Gesundheit. Sechs Monate und einen Tag später starb der «King of Pop».
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«Wäre er nicht von einer Clique von Bankern, Agenten, Ärzten und Ratgebern getrieben worden, sich für fünfzig Konzerte in London zu verpflichten», schrieb Halperin in der briti-schen Daily Mail, «wäre er vermutlich noch am Leben. Aber er hätte die Konzerte physisch und mental niemals durchgehalten. Er wusste es, und seine Ratgeber wussten es auch. Jeder, der auch nur einen flüchtigen Blick auf den gebrechlichen alten Mann unter den Kostümierungen, den Perücken und der Schminke warf, verstand, dass die London-Tour ein Wahnsinn war.»
Nach fünf Jahren engem Kontakt mit Jacksons Entourage will Halperin, Verfasser zahlreicher unautorisierter Star-Biografien, sein Buch über den King of Pop in den nächsten Wochen auf den Markt bringen. «Ich habe das zeitlich so gelegt, weil ich wusste, dass er dann ein Todeskandidat sein würde», sagt der Autor, der seitenweise über die gewissenlose, von Geldgier getriebene Umgebung des Sängers herzieht. Willkommen in der Welt, die Michael Jackson umgab.
Wem gehören die Kinder?
«Wir haben gerade eine Familienbesprechung», sagte Joe Jackson am Tag nach dem Tod seines Sohnes den Reportern, die mit einer Menge trauernder Fans vor der Villa der Jackson-Eltern in Encino bei Los Angeles auf Neuigkeiten warteten. «Was gerade abläuft», sagte der Vater mit grimmigem Gesicht, «gefällt uns gar nicht.» Was ablief, erzählte den Journalisten ein Insider, der wie üblich nicht genannt sein will: «Die Familie darf das Testament nicht sehen, Michaels Anwälte geben es nicht heraus. Die Familie weiss nicht, was tun, nicht einmal, wann und wie Michael begraben werden soll. Sie wissen nicht, wem Michaels Kinder zugesprochen werden.Die Anwälte antworten einfach nicht.»
Am letzten Montag sprach das Gericht Michaels Mutter Katherine das vorläufige Sorgerecht für die drei Enkel zu. Ob Debbie Rowe, nach Lisa Marie Presley die zweite Ehefrau von Michael Jackson und leibliche Mutter von zwei seiner drei Kinder, das Sorgerecht ebenfalls beantragen wird, ist ungewiss. Ebenso unbekannt ist die Vaterschaft der drei hellhäutigen Kinder, die von Michael Jackson adoptiert wurden, dessen Haut erst im Erwachsenenalter hell wurde, was viele seiner schwarzen Fans rätseln liess, ob er seine Rasse verleugnen wolle.
Sein Tod wischte alle Irritationen weg. «Wir wollen diesen schwarzen Mann feiern», sagte Moderator Jamie Foxx am vergangenen Sonntag bei der Gala zur Verleihung der Black Entertainment Television Awards in Los Angeles, die nach Jacksons Tod hastig in eine musikalische Würdigung des King of Pop uminszeniert wurde. «Er gehört uns, und wir teilten ihn mit allen.»
«Wie ein fucking Albino»
So freundlich hatte es zu Jacksons Lebzeiten seit langem nicht geklungen. «Schauen Sie sich den Mann heute an. Er sieht aus wie ein fucking Albino», schimpfte Nelson George, einer der berühmtesten Musikkritiker der USA, noch vor wenigen Jahren im Interview. «Er ist unglaublich talentiert. Aber für einen Star ist absolut entscheidend, dass sich die Leute mit ihm identifizieren können, dass ihnen wohl ist mit ihm. Wir Schwarzen haben ihn heranwachsen sehen und waren stolz auf ihn. Jetzt wissen wir nicht mehr, was anfangen mit ihm. Er sieht aus wie ein Ausserirdischer. Wir haben höchstens noch Mitleid.»
Darüber, wieso Michael Jackson sich unzähligen Schönheitsoperationen unterwarf, gibt es Dutzende von Interpretationen vom ewigen Kind ohne Kindheit bis zur Revolte gegen den angeblich gewalttätigen Vater. Das Anrührendste erzählt Robert Hilburn, langjähriger Musikkritiker der Los Angeles Times, der Jackson als elfjährigen Star der Jackson 5 erstmals traf. Er lernte einen entzückenden, scheinbar sorglosen Jungen kennen, der hastig die Interviewfragen beantwortete, um den TV-Trickfilm vor dem Schlafengehen nicht zu verpassen.
Dass sich die Alben der Jackson 5 und später von The Jacksons nur noch spärlich verkauften, als das sonnige Goldkehlchen der Gruppe ein pickliger Teenager wurde, hat Jackson nach Hilburns Einschätzung nie verkraftet. Auch nicht, als «Off the Wall» und «Thriller» Erfolge wurden, wie sie die Musikindustrie noch nicht erlebt hatte. Als Michael Jackson sich 1985 von Ex-First-Lady Jacqueline Kennedy Onassis, damals Lektorin beim New Yorker Doubleday-Verlag, zu einer Biografie überreden liess, die nie erscheinen sollte, weil Jackson zu wenig Privates preisgab, heuerte er Hilburn als Co-Autor an.
Sie sahen sich gemeinsam ein Foto an, das Michael als 17-Jährigen zeigte. Jackson zuckte angeekelt zurück. Dann erzählte er, sein Gesicht sei damals so von Akne entstellt und seine Nase so breit gewesen, dass ihn die Leute kaum mehr wiedererkannten: «Sie kamen auf mich zu, sahen mich scharf an und fragten, ob ich wisse, wo der hübsche kleine Michael geblieben sei. Es war, als sage die ganze Welt: ‹Wie kannst du es wagen, erwachsen zu werden?›» Danach habe er beim Reden nur noch zu Boden geschaut oder sei in seinem Zimmer verschwunden, wenn Gäste kamen. Er habe sich geschworen, alles zu tun, «damit die Leute mich wieder lieben». Liebe war gleichbedeutend mit Konzertapplaus. Erstaunlicherweise konnte Jackson selbst auf der Bühne nur über Musik und Tanz kommunizieren. Die üblichen Konzertfloskeln – «Are you having fun?», «I can’t hear you!» – fehlten. Es gab bei Michael Jackson keinen Austausch zwischen Bühne und Zuschauerraum. Er war unantastbar oben. Die Vorstellung von Geliebtwerden hatte enge Grenzen.
Skeptischere Beobachter sahen die Gründe für die Verwandlung vom Jungen mit dem Afro-Look, der breiten Nase und dem vollen Mund zum stupsnasigen, schmallippigen Glanzhaarträger weniger in Kinder- oder Jugendtraumata als in harten Geschäftsüberlegungen. «Jackson wusste, dass ein Teil seines Erfolgs bei Weissen anfänglich in seiner frühreifen Hübschheit und später in seinem scheinbaren Mangel an erwachsener Sexualität lag», schrieb Newsweek. «Er war voller Energie, Charisma und Talent, aber sexuell total bedeckt und zurückhaltend. Er kastrierte sich auch rassenmässig. Man kann den Zusammenhang zwischen diesen Kastrierungen nur schwer übersehen, wenn man die Ur-Angst des weissen Amerika vor schwarzer männlicher Sexualität kennt.»
Als die Haare Feuer fingen
Tatsächlich schien an seinem Äusseren in seinen besten Erwachsenenzeiten nie etwas improvisiert. Der schwarze Filzhut, die kurzen schwarzen Hosen und die weissen Socken – ein Trick zum Herausstreichen der brillanten Tanztechnik, vorgemacht von Fred Astaire , das rote Lederjäckchen, die Fantasieuniformen, die zunehmend offener getragene Schminke und der glitzernde Handschuh wurden Insignien einer Persönlichkeit, die ebenso wenig einzuordnen war wie Jacksons Musik. Kein Mensch ähnelte diesem undefinierbar-erotischen Zwitter zwischen Mann und Frau, Weiss und Schwarz, mit Ausnahme vielleicht seiner Schwester Janet, die denselben Schönheitschirurgen frequentierte.
1984 fingen Jacksons Haare bei den Aufnahmen für einen Pepsi-Werbespot Feuer. Was damals und später aus ästhetischen und was aus chirurgischen Gründen an ihm operiert wurde und ob er danach Schmerztabletten wie OxyContin, sogenannte Opioide, gegen Schmerzen oder für den Kick nahm, den sie auslösten, wurde nie bekannt. Aber statt faszinierend wurde nun immer häufiger das Wort bizarr für den King of Pop verwendet, der zunehmend wie eine schlecht alternde weisse Puppe aussah, immer häufiger Mundschutz trug und sich auf seiner Ranch Neverland mit Schimpansen, Karussells und Kindern amüsierte, statt die sehnlich erwartete neue Musik zu produzieren.
35 Millionen Dollar Schweigegeld
Ob er Kinder belästigte, ist bis heute unklar. Ian Halperin sagt, er habe in fünf Jahren Recherche mehrere Beweise dafür gefunden, dass Jackson Sex mit jungen erwachsenen Männern hatte, aber keinen einzigen für sexuellen Umgang mit Minderjährigen. Sicher ist, dass der Mann, der nun «Wacko Jacko» hiess, der durchgeknallte Jacko, kein Gespür dafür hatte, wie er inzwischen wahrgenommen wurde. Und dass er für Ratschläge seiner vielköpfigen Familie, die schwierig, aber nicht lieblos ist, nicht mehr erreichbar war. Als der 13-jährige Jordan Chandler 1993 behauptete, Jackson habe ihn geschlagen und mit ihm oral verkehrt, geriet der Pillenkonsum des inzwischen immer noch immens reichen, aber nicht mehr produktiven Stars ausser Kontrolle. Für angebliche 35 Millionen Dollar erkaufte er aussergerichtlich Chandlers Schweigen. Er heiratete Lisa Marie Presley, die Tochter von Elvis, die nach seinem Tod in einem berührenden Blog sagte, die Ehe sei nie eine Farce gewesen, nur vielleicht mit etwas verdächtigem Timing seinerseits, sie habe ihn sehr geliebt. Aber sie habe nie eine Chance gegen seine Entourage gehabt. Als er 2005 erneut wegen Kinderbelästigung vor Gericht stand und freigesprochen wurde, war das Wort Freak die geläufige Bezeichnung für ihn geworden. Als Sänger und Tänzer war er Vergangenheit.
«Ich weiss nicht, wie ich fünfzig Shows durchstehen soll», sagte Michael Jackson im letzten Mai zu Fans, die ihn vor dem Studio in Burbank im Hinterland von Los Angeles erwarteten, wo er sich auf die Konzerte in London vorbereitete. «Ich esse nicht viel. Ich müsste an Gewicht zulegen. Ich bin wirklich sauer, dass sie mich für fünfzig Konzerte buchten. Ich wollte nur zehn.» Inzwischen war bekanntgeworden, dass Michael Jackson an einer Lungenerkrankung infolge der Autoimmunkrankheit Lupus litt, die längere Tanzauftritte schwer vorstellbar machte. Am 21. Juni sagte er einem seiner Insider, die ihren Namen nicht nennen wollen, die Proben liefen nicht gut, er könne weder gut genug singen noch tanzen. «Tot ginge es mir besser. Ich weiss nicht mehr wohin.» Ob als Zitat erfunden oder nicht: Es war sofort einleuchtend.

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