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01.07.2009, Ausgabe 27/09

Pop

Peitsche im Nacken

Eine Ära ist zu Ende. Es wird nie mehr so etwas geben wie Michael Jackson. Zum Glück.

Von Albert Kuhn

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Seit etwa Mitte der achtziger Jahre sind es die ersten fremdsprachigen Worte, die Kinder in Afrika, Asien und Südamerika lernen: Michael Jackson. Er war der globalste Popstar der Welt, eine Strahlefigur, ein Übermensch, ein E.T. Geboren am 29. August 1958 in Gary, Indiana, als achtes von zehn Kindern des Kranführers Joseph Jackson und der Verkäuferin Katherine Jackson, gestorben am 25. Juni 2009 aus Gründen, die wir hier aufzureihen versuchen.

Als Michael Jackson von April bis November 1982 sein Erfolgsalbum «Thriller» aufnahm, hatte er schon vieles hinter sich ausser einer Kindheit. Sein Vater förderte die musikalische Erziehung der Kinder hart und handgreiflich, vor allem bei den Jungs, dem Vokalquintett Jackson 5. Als Vierjähriger stieg Michael ein und kriegte fünfzehn Jahre lang am meisten ab, physisch und mental. Die Jungs waren Zirkuspferdchen, Produkte eines erbarmungslosen Drills. Einzig Michael überlebte künstlerisch. Er hatte das Hochgezüchtete in Fleisch und Blut.

Mit einundzwanzig nahm Michael «Off the Wall» auf, sein bestes schwarzamerikanisches Album, erhielt den Grammy für die beste R-’n’-B-Performance, wohnte aber immer noch zu Hause. Was bei anderen Künstlern der Höhepunkt gewesen wäre, war bei Michael Jackson erst der Startschuss. Er hatte ein für alle Mal die Peitsche seines Vaters im Nacken. Ein Mehr, Mehr, Mehr!

Das Erfolgsalbum «Thriller» markiert einen fast irrealen Beschleunigungsmoment der Musikgeschichte. Michael Jackson erschien auf die Minute pünktlich. Der Junge war nicht nur hochtalentiert und hypergelenkig, er hatte Roboterqualitäten. Menschlichen Dimensionen und Beschränkungen wie Alter, Rasse, Schwerkraft und Sexualität entzog er sich in seltsamster Weise. Ihm konnte alles und mehr als alles zugetraut werden. In ihn konnte verlässlich investiert werden. Schlüsselinvestition: die Videos zu «Thriller», «Beat It» und «Billie Jean».

Das Kommando «schneller, weiter, höher» ist der allgemeine wie individuelle Tagesbefehl der westlichen Gesellschaften. Dieses Generalkommando hat um 1980 seine heisse Phase betreten. Gelddruck, Zeitdruck und Arbeitsdruck nahmen spürbar zu, alle möglichen Scheren gingen auf. «Wir gehen davon aus», erklären die Autoren Ralph und Stefan Heidenreich, «dass Geld eine Struktur in die Welt setzt, die das einfache Kommando ‹Mehr!› absondert. Indem es alle Dinge dieser Welt in dieses einfache Schema presst.»

Tanz der Paranoia

«Billie Jean», Jacksons selbstgeschriebenes Meisterwerk, ist eine kritische Masse hochmutierter Angst, in die Form eines Disco-Hits gegossen. Der Song beschreibt eine einzige Szene: Michael tanzt auf dem Dancefloor, aber statt fröhlich abzushaken, quält er sich mit der manischen Vermutung, ein Mädchen könnte ihm eine Vaterschaft anhängen. Die reine Paranoia. Der Moonwalk, fürs Video von «Billie Jean» erfunden und niedlich anzusehen, ist ein quälendes Treten an Ort. Sein sexy Keuchen ein Ringen um Luft.

In einem Hohlraum des Übermenschen überlebte der kleine Michael. 1995 zeichnete er ein akkurates Selbstporträt mit Kohlestift: einen kleinen Knaben mit negroidem Haar, am Boden in eine Ecke geschmiegt, Knie angezogen, Arme ängstlich verschränkt, die eine Wange hinter der Schulter versteckt, das Mikrofon unter dem Arm. Ein Bild des Jammers. Eine Ära ist zu Ende. Es wird hoffentlich niemand mehr Michael Jackson sein müssen. R.I.P.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 27/09
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