Leserbriefe

«Dank Ritalin wurden vordem gehasste Störenfriede zu geschätzten Schulkameraden und Freunden.» Annemarie Reich

Handgestrickte, realitätsferne Ratschläge

Nr. 26 – «‹Ritalin ist ein Verbrechen›»; Daniela Niederberger im Gespräch mit Sonderpädagogik-Professor Georg Feuser

 

Einen solchen Titel zu setzen, ist ein Verbrechen! Und ein Schlag ins Gesicht betroffener Kinder und von deren Eltern. Letzteren wird vom Sonderpädagogik-Professor vorgeworfen, sie hätten zu ihren Kindern eine zu wenig starke Bindung, sie gäben ihnen zu wenig Zuwendung und seien deshalb schuld daran, dass ihre Kinder so schwierig seien. In den 37 Jahren, in denen ich als schulische Heilpädagogin vorwiegend ADHS-Kinder unterrichtete, bin ich auf der ganzen Linie zu völlig anderen Schlüssen als Professor Feuser gekommen. Mit seinen handgestrickten, realitätsfernen Ratschlägen wären ich und die Eltern meiner Schüler nicht weit gekommen: Dank Ritalin (und begleitenden Massnahmen) gewannen die ADHS-Kinder ihr Selbstwertgefühl zurück, denn sie verbuchten sofort Erfolgserlebnisse in der Schule und zu Hause. Die vordem gehassten Störenfriede der Klasse wurden zu (von den andern Kindern) geschätzten Schulkameraden und Freunden. Sie verzweifelten nicht mehr an ihrem Unvermögen, sich zu konzentrieren, sondern genossen es, auf allen Ebenen verdientes Lob und Anerkennung zu bekommen. Hier als Ausblick noch ein paar Fragen und Gegenfragen/Antworten: ADHS soll keine Krankheit sein? Warum anerkennt die IV seit Jahrzehnten ADHS als Geburtsgebrechen? Seit der Abschaffung der Sonderklassen soll die Integration dieser Kinder gelungen sein? Die heutige Realität zeigt verzweifelte «Normalklassenlehrer/-innen» und schwer ausgegrenzte ADHS-Kinder, welche zum Teil sogar Selbstmordfantasien äussern. Warum erlaubt sich wieder jemand (auch wenn oder weil er Professor ist), zu behaupten, Ritalin sei eine Droge? Ist es der Neid auf den Pharmariesen Novartis? Müssten dann nicht auch zum Beispiel die Optiker, welche den sehbehinderten Kindern Brillen anpassen, verunglimpft werden? Oder die Insulinhersteller, die Medikamente für Kinder mit Diabetes verkaufen?
Annemarie Reich, Mönchaltdorf

 

Ein Spezialist ist jemand, der von immer weniger immer mehr weiss, bis er zuletzt von nichts alles kennt: Professor Feuser ist angekommen. Abgesehen davon, dass der Begriff «integrative Sonderschulung» in sich einen Widerspruch darstellt, überschreitet das Bild, das er von «integrativer Schulung» zeichnet, die Grenzen zu übler Nachrede. Gerne lade ich Professor Feuser ein, sich vor Ort ein Bild von der Wirklichkeit zu machen.
Ignaz Schmucki, Schulleiter in Thun

 

Anhand der exorbitanten Zunahme der Diagnosestellung ADHS lässt sich eine zunehmende Biologisierung der Kinder- und Jugendpsychiatrie erkennen. Sogenannt per Konsens definierte Verhaltensabweichungen werden nur noch auf dem Hintergrund sogenannt hirnorganischer Störungen betrachtet: ADHS soll das Resultat einer genetisch bedingten Stoffwechselstörung sein. Psychisches und dessen Verhaltensfolgen werden in diesem ­biologistischen Verständnis nicht mehr als mögliche Folge innerpsychischer und zwischenmenschlicher Abläufe verstanden, die in einem lebensgeschichtlichen sowie gesellschaftlichen Zusammenhang stehen können, sondern sogenannt psychische Auffälligkeiten werden auf rein biologische Ursachen zurückgeführt, was einer Pathologisierung der kindlichen Entwicklung gleichkommt. Diese Blickwinkelverengung, die sich in der Praxis nicht mehr auf das Verstehen, sondern nur noch auf das Erkennen von Symptomen beschränkt, verengt den therapeutischen Spielraum auf eine rein medikamentöse Behandlung: Dem Methyl­phenidat wird eine prioritäre Bedeutung beigemessen. Abgesehen davon, dass hinter dieser Diagnose ein ungeklärter Normalitätsbegriff steht, sind auch die Diagnosekriterien völlig unscharf. Bis heute gibt es keine validen Testsysteme für die Diagnose von ADHS. Stattdessen offenbart der Symptomkatalog von ADHS, wie fragwürdig die Diagnosekriterien sind. Kinder, die unter Umständen noch nicht in der Lage sind, die emotionalen Grundbedingungen zur adäquaten Aneignung des schulisch geforderten Lernstoffs bereitzustellen, werden auf der Ebene einer Organpathologie als krank diagnostiziert und in der Folge medikamentös behandelt. Die rasante Zunahme an Medikamentenverschreibungen, und dies trotz mangelnder Evidenz sowohl für die Genese von ADHS wie auch für dessen Diagnostik, lässt den Verdacht aufkommen, dass hier Koalitionen wegen finanzieller Interessen bestehen, die einer ausschliesslichen Medikation das Wort reden. Dr. Johannes Schmid, per E-Mail


Selbst der Bandwurm ist gescheiter

Nr. 26 – «Schikanen, Tricks, Beutezüge»; Philipp Gut über Schweizer Verkehrspolitik

Alle Jahre wieder erfindet das Uvek neue Abgaben für den Strassenverkehr, die aber für alles andere verwendet werden. Von Linken und Grünen getragen, schreitet man zur Umverteilung. Privater und Berufsverkehr sind die Geschröpften. Wie lange noch? Bis die Wirtschaft kollabiert? Selbst der Bandwurm ist gescheiter als viele Leute im Uvek. Er frisst und scheidet giftige Stoffwechselprodukte aus, mit Mengenbeschränkung, damit sein Wirt ordentlich weiterleben kann. Zudem ist der Bandwurm ehrlich: Er gibt nicht vor, zugunsten des Menschen zu handeln. Hinzufügen lässt sich nur noch: Das Volk hat die Regierung, die es wählt – und offenbar verdient!
Dr. Pierre Wettstein, per E-Mail

Umweltverbrechen allererster Güte

Nr. 26 – «Eine Stadt riegelt sich ab»; Andreas Kunz über den Zürcher Stadtverkehr

Zu diesem Artikel kann ich nur gratulieren. Vorab möchte ich bemerken, dass ich grundsätzlich nicht für uneingeschränkten Freizeitindividualverkehr bin. In der Realität geht es aber nicht ohne Berufs- und Individualverkehr. Eine Stadt besteht bekanntlich nicht nur aus Erholungszonen, sondern lebt vor allem vom Gewerbe, von der Industrie, den Dienstleistern etc. Diese Leute sind gezwungen, in die Stadt zu fahren, um auch den rot-grünen Städtern ihr «umweltbewusstes», bequemes Leben mit Einkaufs-, Unterhaltungs-, Kultur- und Erholungsmöglichkeiten und öffentlichem Verkehr zu ermöglichen. Ein Grossteil dieser Leute arbeitet unregelmässig und zu unmöglichen Zeiten, zu denen keine öffentlichen Verkehrsmittel zur Verfügung stehen oder die Arbeitswege unnötig lang werden. Was die rot-grüne Stadtregierung hier abzieht, kann nur als Umweltverbrechen allererster Güte bezeichnet werden. Zudem ist es ein mutwilliges Verschliessen der Augen vor der Realität. Der Verkehr kann nicht nur aus verwildertem Fahrradverkehr bestehen, der sich über alle Verkehrs- und Anstandsregeln hinwegsetzt und von der gleichen Stadtregierung uneingeschränkt gefördert wird. Das Schienennetz im Hauptbahnhof Zürich ist voll ausgenützt und am Anschlag. Bekanntlich sind wir in allen Lebensbereichen nur miteinander stark. Dies setzt aber auch eine gewisse Weitsicht und Einsicht voraus, die der Stadtregierung von Zürich offensichtlich abgehen.
Peter Tobler, Horgen

Seit Jahren dasselbe Elend. Die «Weltstadt» Zürich bringt es schlicht nicht fertig, eine Verkehrspolitik zu gestalten, die diesen Namen auch verdient. Erst wenn das Gewerbe, der Tourismus, der Konsum etc. zusammengekracht sind, könnte möglicherweise überlegt werden, was man hätte tun können.
Barbara Grunder, Zürich

 

Mehr als Wind und Sonne

Nr. 26 – «Teuer und ineffizient»; Horst-Michael Prasser über erneuerbare Energiequellen

Die Atomenergie steht ungerechtfertigt im Ruf, günstigen Strom zu produzieren. In Wahrheit handelt es sich um eine Branche, bei der trotz Privatisierung in realsozialistischer Manier immer noch der Staat haftet, falls etwas schiefgeht. Die Befürworter der Kernenergie behaupten oft, der Kernkraftstrom sei preiswerter im Vergleich zu anderen, insbesondere erneuerbaren Energien. Betriebswirtschaftlich trifft dies sicherlich zu, da die Kernkraftwerke inzwischen grösstenteils abgeschrieben sein dürften. Bei der Rentabilitätsberechnung des Kernkraftstroms fehlen indes mehrere entscheidende Kostenblöcke, die als betriebsexterne Kosten für die Gesamtheit der deutschen Volkswirtschaft anfallen. In Deutschland betragen die günstigen Produktionskosten für Ökostrom bei Windkraftstrom 0,06 Euro pro Kilowattstunde. Wenn aber, volkswirtschaftlich gesehen, der Kernkraftstrom mindestens doppelt so viel kostet wie die erneuerbaren Energien, warum soll sich das Volk dann diese entsetzliche Umweltproblematik der Kernenergie weiterhin «ans Bein binden»? Es muss gelten: So viel erneuerbare Energien wie irgend möglich und so wenig Kernenergie wie unumgänglich notwendig. Es gibt auch grundlastfähige erneuerbare Energien, zum Beispiel Biomasse und Geothermie. Es gibt nicht nur Wind und Sonne. Wegen der Treibhausgefahr auf Kernkraft zu setzen, hiesse, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen. In 32 Jahren, die der Atomausstieg vorsieht, müsste eine Industrienation wie Deutschland doch in der Lage sein, diesen Strukturwandel hin zur dezentralen erneuerbaren Energieerzeugung zu bewältigen. Jeder lange Weg beginnt nun einmal mit dem ersten Schritt, sprich mit dem ersten Kernkraftwerk, das abgeschaltet wird. Das würde ein Endlager zwar nicht überflüssig machen, aber das Entsorgungsproblem nicht unnötig zusätzlich vergrössern. Schadensbegrenzung ist angesagt. Ulla Veith, Vorstandssekretärin Bundesverband Christliche Demokraten gegen Atomkraft, Mainz (D)

Auf den Tisch gebracht

Nr. 26 – «Justiz vs. Weltwoche»; Interna zur Verurteilung der Autoren Philipp Gut und Daniel Ammann

Endlich ist der ammannisch gute Griff in Lucrezias Schatztruhe gebührend gewürdigt und amtlich gestempelt worden. Die GPK (Gemein-Peinliche Komplottschmiede) hat uns ein tolles (H)Aha-Erlebnis beschert. Die Weltwoche brachte verdankenswerterweise auf den Tisch, was andere gerne unter den Teppich gekehrt hätten. Armin Binotto, Dorf

Korrigendum

In der Bildlegende auf Seite 42 (Weltwoche Nr. 26/09) ist uns ein Fehler unterlaufen: Zu sehen ist nicht die Appenzeller, sondern die Glarner Landsgemeinde. Auf Seite 6 im Inhaltsverzeichnis war hingegen tatsächlich die Appenzeller Landsgemeinde zu sehen. Wir entschuldigen uns für diese Verwechslung.
Die Redaktion

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