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01.07.2009, Ausgabe 27/09

Kommentar

16 Wochen Selbstverwirklichung

Jasmin Staiblin, Schweiz-Chefin von ABB, hat ein Kind geboren und geht in den Mutterschaftsurlaub mitten in der schweren Wirtschaftskrise. Ist das verantwortungsvoll?

Von René Lüchinger

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Es war die Aargauer Zeitung, nicht etwa der Arbeitgeber, der vergangene Woche die frohe Botschaft publik machte: «ABB-Chefin Staiblin ist Mami». Nun ist Jasmin Staiblin nicht irgendwer, sondern Länderchefin Schweiz des global tätigen Technologiekonzerns ABB, sie verantwortet über vier Milliarden Franken Umsatz und 6300 Mitarbeiter. Diese erfuhren über das Intranet, dass ihre oberste Vorgesetzte sich nun für sechzehn Wochen in den Mutterschaftsurlaub verabschiedet. Dass berufstätige Frauen Kinder gebären, kommt vor. Dass es sich um eine in der obersten Führungsverantwortung eines börsenkotierten Milliardenkonzerns stehende Frau handelt, ist eher ungewöhnlich. Und dass diese sich in Zeiten der grössten Wirtschaftskrise nun für vier Monate ins Privatleben zurückzieht, ist ein Novum. «Noch nie in meinen dreissig Jahren als Personalchef hatte ich auf Stufe Konzernleitung einen vergleichbaren Fall», sagt der ehemalige Swissair-Personalchef Matthias Mölleney.

Ungewöhnlich ist der Fall, der grundsätzliche Fragen aufwirft. Darf ein Chef, eine Chefin die Kommandobrücke bei stürmischer See von einem Tag auf den anderen für sechzehn lange Wochen verlassen, auch wenn der Anlass ein höchst privater und erst noch ein freudiger ist? Die ABB-Pressestelle windet sich um das heikle Thema. «Die Idee ist, dass Jasmin Staiblin Anfang November wieder zurückkommt, mehr sagen wir dazu nicht», heisst es dort.

Der Fall kratzt an einem Tabu. Was soll, was darf eine Frau in der obersten Führungsverantwortung höher gewichten: ihr Recht auf Selbstverwirklichung, das den legitimen Kinderwunsch einschliesst? Oder die Verantwortung gegenüber ihrer Führungsfunktion, die sie akzeptiert hat, als sie den Arbeitsvertrag unterschrieben hatte? Die politisch korrekte Antwort liegt auf der Hand. Kinder kriegen ist ein Menschenrecht, und vier Jahrzehnte nach der Frauenbewegung ist eine mögliche Unvereinbarkeit von Topjobs in der Wirtschaft mit der Aufzucht von Kindern kein Diskussionsthema mehr. Wer die Frage trotzdem stellt, bekommt die Antwort, die zu erwarten ist. «Alles eine Frage von mindset und Organisation», sagt stellvertretend für viele der Zürcher Headhunter Björn Johansson, «in grossen Unternehmen funktioniert das System sowieso.» Bei ABB hat sich die Firmenleitung für diesen Weg entschieden und eine eigentliche Lex Staiblin installiert. In die Bresche springt Peter Smits, ein alter ABB-Kämpe, als Präsident ABB Schweiz Staiblins Vorgesetzter.

Die politisch inkorrekte, aber ebenso legitime Sicht auf diese Geschichte ist: Sechzehn Wochen Ausstand, das geht nicht. In der obersten Führung eines Unternehmens ist Verantwortung unteilbar und nicht über einen längeren Zeitraum aussetzbar. Topmanagement bedeutet Einsatz, Sechzig- oder Siebzig-Stunden-Wochen, Entbehrung und weitgehender Verzicht auf ein geregeltes Familienleben. Nicht umsonst werden zahllose Managerehen geschieden, wachsen Kinder von Top-Führungskräften in vielen Fällen ohne Vaterfiguren auf. Das muss wissen, wer in die Teppichetage aufsteigen will. Ob Mann oder Frau, in diesen Sphären ordnet sich der Wunsch nach Selbstverwirklichung im Alltag automatisch der Verantwortung für die Firma unter.

Der Arbeitgeber fordert zu Recht von seinen Spitzenkräften eine totale Hingabe für den Job, und er bezahlt dies mit einem in der Regel stattlichen Gehalt. Wer etwas anderes behauptet, argumentiert fahrlässig. In der Krise potenziert sich der Druck auf das Management. Das bedeutet noch mehr Hingabe, noch mehr Einsatz, und der Chef muss Zuversicht verströmen, Vorbild sein gegenüber seinen Mitarbeitern. Bei ABB ist das nun nicht mehr möglich, weil diese ihre Chefin für vier Monate nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Die Zeit danach

Dies führt zur nächsten Frage: Ist die von ABB getroffene Interimslösung eine gute? Für Jasmin Staiblin sicherlich. Sie ist, soweit bekannt, eine fähige Managerin. Innert knapp zehn Jahren hat sie sich von einer Assistentin im ABB-Forschungszentrum in Dättwil zur Länderchefin ABB Schweiz emporgearbeitet. Dass sie diesen Job nach dem Mutterschaftsurlaub wieder einnehmen will, ist nur allzu verständlich. Doch kann und darf dies in jedem Fall die einzig mögliche Sicht von ABB sein? Klar ist, dass nun in der Schweizer Ländergesellschaft nicht vier Monate lang Stillstand herrschen darf. Doch eigentlich ist Interimschef Peter Smits eine lame duck, noch bevor er den Job angetreten hat. Bei jedem Entscheid muss er an die Zeit danach denken.

Wie diese aussehen wird, weiss ohnehin keiner. Und all die Beispiele der Mütter in Top-Positionen, die der Blick nun als «Vorbilder der ABB-Chefin» bemüht, sind nur bedingt aussagekräftig. Nicole Loeb, Erbin und Chefin des Berner Warenhauses Loeb, reduzierte auf fünfzig Prozent und fühlte sich «privilegiert». EMS-Chefin Magdalena Martullo blieb der Firma keine sechzehn Wochen fern, sondern nur ein paar Tage. Und die Chefin von Rolex Biel, Franziska Borer Winzenried, quittierte den Dienst, weil sie «nicht allen Anforderungen von Beruf und Familie» habe gerecht werden können. Keine dieser Geschichten ist auf Jasmin Staiblin übertragbar. Aber ABB täte gut daran, einen Plan B in der Schublade zu haben. Für den Fall, dass die Selbstverwirklichung mit Kind dann doch über das Verantwortungsgefühl gegenüber der Firma siegt.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 27/09
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Kommentare

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Imperator     16.07.09 12:04

Kein Mann im Management kann sich erlauben, vier Monate aus persönlichen Gründen seiner Firma - bei vollem Gehalt - den Rücken zu kehren. Erst recht nicht in der schwersten Krise seit Langem.

Dieses Verhalten zeugt von ganz besonderer Egoisma und Verantwortungslosigkeit. Frau Staiblin drückt sich nämlich genau in dieser schweren Zeit vor der Verantwortung - und schiebt ein frauenspezifisches Privileg (die Option der Schwangerschaft) als Alibi vor. Nur wir Männer sind leider oft so dumm, diese weibliche Wahlmöglichkeit noch als "Nachteil" zu bedauern.

Frau Aiblin hätte nicht jetzt schwanger werden müssen, niemand zwang sie. Und sie hätte es ihrem Arbeitgeber vorher vermitteln müssen, nicht erst im 9.Monat!

Allgemein müssen Frauen genau

Ivana     13.07.09 13:14

Neid?

Herr Lüchinger scheints schlecht zu bekommen, wenn Frauen in Chefpositionen genügend Durchsetzungsvermögen besitzen, ihrer Familie einen angemessen Stellenwert einzuräumen.

Vom Niveau her passen seine inhaltlichen Aussagen gut zum Artikel von Herrn Philipp Gut über „Homosexualität als Religion“. M.E. sind Lüchinger und Gut Männer, die den guten alten Zeiten nachträumen: Als Homosexuelle noch wussten, dass Homosexualität „ohne Zweifel unmoralisch ist“ und grossen Wirtschaftskonzernen bewusst war, dass Frauen wegen ihrer biologischen Disposition, keine Verantwortung in der Wirtschaft zu übernehmen haben. Ja, meine Herren, die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen, allen emanzipatorischen Bewegungen sei dank! Auch die Weltwoche wird daran nichts ändern könn

werni425     08.07.09 19:42

great swiss girl,
Das mit den Studien ist nicht so daneben. Wie sagt man doch immer. Der Verursacher soll zahlen. Und da gibt es z.B. den Blocher. Der finanzierte sich selbst. Und man kriegt schon Kredit, wenn man glaubwürdig ist und Scham hat.
Und es soll ja niemand sagen, dass die AHV von jemandem bezahlt werden soll. Das klingt nach Sklavenhalterei. Es geht nicht ums Bezahlen, sondern ob es jemanden hat, der das Geld von den Alten annehmen kann und dafür arbeitet.
Früher hatte ein Bauer viele Kinder um im Alter versorgt zu sein. Demnach ist es heute immer noch so.
Und so wegen Herzchirurg und Zahnarzt. Gesagt ist es schnell bis die Stunde der Wahrheit kommt. Und dann sieht es ganz anders aus.
In den Schulzimmer wird ja auch dauernd die Welt gemacht. Wi

Si-mone     08.07.09 17:02

Lustig, dass das Militär oder politische Aktivitäten schwerer gewichtet werden als das Kinderkriegen. Wer bezahlt uns nun den die AHV?

great swiss girl     08.07.09 12:55

Werni,
Ich weiss nicht, auf welchem Planet Sie zuhause sind, dass Sie so ein seltsames Weltbild haben.
Es ist ziemlich weltfremd zu fordern, dass ein Studium in Zukunft von jedem selbst finanziert werden soll. Das wäre der direkte Schritt zurück ins Mittelalter, weil dann nur noch der Nachwuchs von Grossverdienern studieren dürfte. Ein mittelloser Student würde ja in der heutigen Zeit gar nie einen solchen Kredit bewilligt bekommen.

Und was das Alter und die Fähigkeit, einen Platz in der Chefetage anbetrifft, da haben wir ein schönes Beispiel aus der Pharmawelt. Daniel Vasella ist mit "zarten" Alter von 43 Jahren als Leiter der Division Pharma Sandoz direkt in die Geschäftsleitung von Novartis eingestiegen und hat die Firma zu dem gebracht, was sie h

werni425     08.07.09 09:27

Christine,
Es gibt immer wieder Leute, die früh (jung) solche Posten übernehmen können. Bei den Älteren (>45) ist aber das Beziehungsnetz doch einiges grösser. Und dann ist es eben auch so wie mit dem Herzchirurg. 40 soll er sein und 40 Jahre Erfahrung mit schwierigen Operationen und eine top Operationsequipe haben.
Gehen Sie gerne zum 24-jährigen Zahnarzt?
Wie gesagt, entweder ist der Posten bei ABB nicht so fordernd, die sind gut organisseirt oder der Weltmarkt und die Konkurenz ist gnädig.
Man kann nur abwägen und annehmen, dass es so, sinnvoll ist.
Werni

Christine     07.07.09 21:21

Werni, doch ich kannte einen Toptoptop-Manager, damals im Kaffeehandel. Er war jung und avancierte später zum Chef von weltweit 5000 Angestellten. Ich denke heute noch mit allerbesten Gedanken an ihn und seine vorbildliche Art zu führen. Eine toller Mensch.

Das wichtigste dabei erwähnst Du in Deinem Post: "Wer ist g e e i g n e t?". Das ist das Keywort. Es umschliesst alles vom Charakter bis zum Fachwissen und beinhaltet ein ganz spezielles "Etwas", das man sich nicht antrainieren oder in Kursen aneignen kann: Man hat "es" oder man hat "es" nicht. Ist es eine unverbiegbare, absolut nicht korrupte, echte, humane Identität, auf der der ganze Charakter aufbaut?

werni425     07.07.09 12:45

great swiss girl,
Bezüglich Unfug und Investitionen von 100tausenden von Franken in die Ausbildung sind wir
Schweizer wohl Weltmeister.
Hochschulstudium in Chemie und dann bessere Sekreären in einem Departement in Bern, zum Beispiel.
Darum, Studienkosten selber bezahlen und mit einem Kredit vorfinanzieren. Der Arbeiter zahlt die Bildung seines Vorgesetzten Sohnes oder Tochter. Wahrlich demokratisch.
Werni

werni425     07.07.09 12:42

Christine,
Der Polizeidirektor von Appenzell ist für 25 Personen zuständig und bei denen läuft der Betrieb nach Prozedere und ist gut eingespielt. Verantwortung für einige tausend Mitarbeiter?
Wer ist so jung schon für einen Topmanagement Posten geeignet? Die letzten Jahre zeigten es immer wieder wie sie versagten. Oder eben, der Posten ist nicht so anspruchsvoll und es steht eine gute Brigade dahinter. Natürlich gibt es ausnahmen. Blocher war einer. aber der war auch Besitzer. Die Wehrhan(?) bei Reichle ist das negative Beispiel. Und da gibte es leider noch viele an die zu grosse Erwartungen gemacht wurden.
Werni

Christine     07.07.09 09:52

.. w e i b l i c h e n Bibeli ..

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