Handschellen in Rosarot

Schwule Tiere, schwule Offiziere, schwule Polizisten, Euro-Pride- und Gay-Paraden: Was als berechtigter Protest begann, ist zum schrillen Kult geworden. Neu werden auch Schulen bearbeitet, als «letzte heterosexuelle Bastion». Die Homosexualisierung der Gegenwart erreicht Rekordwerte. - Durch den Wiederabdruck dieses Texts in der «Welt» vom 17. Oktober 2009 ist in Deutschland eine lebhafte Debatte in Gang gekommen.

Von Philipp Gut

Warme Diskussionen: Sacha Baron Cohen (Mitte) als «Brüno». Bild: Ascot Elite

Dieser Text erschien erstmals in der Weltwoche Ausgabe 27/2009 vom 2. Juli 2009. Durch einen Abdruck in leicht veränderter Form in der «Welt» vom 17. Oktober 2009 wurde nach der Schweiz auch in Deutschland eine lebhafte Online-Diskussion zum Thema lanciert:

Es ist Donnerstag, der 25. Juni 2009. Im Chinese Theatre in Los Angeles verrichtet man die letzten Handgriffe. Am Abend soll hier erstmals «Brüno» gezeigt werden, der neue Film von und mit Sacha Baron Cohen («Borat»). In die Vorbereitungen platzt die Nachricht vom Tod Michael Jacksons. Trauernde Fans strömen auf den Hollywood Walk of Fame, um dem verstorbenen Musiker ihren Respekt zu erweisen. Jacksons Stern, das Ziel der Menge, ist unmittelbar vor dem Kino in den Boden eingelassen. Scheinwerfer, Lautsprecher, Tribünenbauten für das «Brüno»-Spektakel verunmöglichen den Zugang.

Michael Jacksons Handynummer

Doch damit nicht genug: Jackos Ableben (Seite 45 und 54) zwingt die Verantwortlichen zu einem Eingriff in den Film. Hastig schneiden sie eine Szene heraus, die an diesem Tag nicht goutiert würde. Sie zeigt den stockschwulen Titelhelden, wie er – auf einem Mexikaner reitend – Jacksons Schwester LaToya interviewt. Ob er ihren iPod haben könne, fragt Brüno. Die Schöne bleibt für ihn bloss Mittel zum Zweck: Er will die Telefonnummer ihres Bruders. Er will Michael.

Mit dem Vorfall von Hollywood hat die Wirklichkeit einen Film eingeholt, über den seit Wochen heiss bis warm diskutiert wird. In der Schweiz startet «Brüno» am kommenden Donnerstag. Und auch hier gibt die Tunten-Satire, wie überall, bereits vor der Premiere zu reden. Die Meinungen der Voraus-Interpreten gehen merkwürdig auseinander: Während die einen den Film für eine «beleidigende» Attacke auf die Schwulen halten, sehen die andern in ihm eine «Entlarvung der Homophobie».

Gemeinsam ist den gegensätzlichen Einschätzungen, dass sie unglaublich politisch korrekt sein wollen und ja nichts Böses über die Schwulen sagen.

Man könnte die Sache auch etwas unverkrampfter betrachten. Wäre es nicht möglich, dass «Brüno» mit satirischen Mitteln die Realität zur Kenntlichkeit entstellt? Kann es sein, dass sich der Film zu Recht über das seit Jahren anschwellende Theater um Schwule, Lesben und die Bedeutung sexueller Veranlagungen in der Öffentlichkeit lustig macht? Nichts gegen persönliche Vorlieben, aber die Homosexualisierung der Gegenwart erreicht Rekordwerte.

Brüno würde vermutlich vom Tanz um den «goldenen Kugelsack» sprechen. Wir wollen es etwas nüchterner halten. Unsere These lautet: Es ist ein irritierender Kult um die Schwulen entstanden, Homosexualität ist zu einer Art Religion geworden. Wer sich outet, wird zum leuchtenden Märtyrer einer bekennenden Kirche. Wer sich dem Kult widersetzt, den trifft der Bannstrahl. Wie in allen Glaubenssystemen gilt auch hier: Wer die Stirn runzelt, gehört nicht dazu. Die Schwulenparty will nicht gestört werden.

Das erstaunt, auch vor dem Hintergrund der Geschichte. Die moderne Homosexuellenbewegung ist jung, in diesen Tagen hat sie ihr vierzigjähriges Jubiläum gefeiert. Kaum eine andere Emanzipationsbewegung hat in so kurzer Zeit so viel erreicht. Von Ächtung und Diskriminierung kann keine Rede mehr sein. Einst verlacht und verfolgt, üben Homosexuelle heute selbstverständlich alle erdenklichen Bürgerrechte aus.

Gefördert vom Staat

Besonders akzeptiert sind sie in der Schweiz. Im Jahr 2005 hat der Souverän mit 58 Prozent der Stimmen sogar ja gesagt zu den eingetragenen Partnerschaften – in der weltweit einzigen Volksabstimmung zum Thema.

Doch die rechtliche Gleichstellung macht bloss einen Teil des triumphalen Aufstiegs aus. Die Anerkennung, die Homosexuelle geniessen, geht weit darüber hinaus. Der Staat fördert sie, die Gesellschaft buhlt um ihre Gunst. Die Schwulen bestimmen heute, wie über Schwule zu denken und zu sprechen ist.

Und vor allem, worüber man nicht sprechen darf. Der Punkt scheint erreicht, wo die Propagierung des eigenen Lebensstils auf Kosten der Meinungsäusserungsfreiheit ins Intolerante kippt. Jüngstes Beispiel ist der Fall von Carrie Prejean, die den Titel einer Miss California wegen kritischer Äusserungen zur Homoehe abgeben musste (Weltwoche Nr. 26, 25. 6. 09).

Längst haben die Schwulen den Spiess umgedreht. Belege dafür drängten sich in den letzten Tagen und Wochen geradezu auf. In Berlin zogen am Samstag aus Anlass des Christopher Street Day Zehntausende von Lesben und Schwulen zum Brandenburger Tor, angeführt vom schwulen Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Riegelt man für diskriminierte Minderheiten ganze Innenstädte ab?

Ähnliches gilt von der Euro-Pride in Zürich. Das Hochamt der internationalen Homogemeinde dauerte vom 2. Mai bis zum 7. Juni, länger als einen Monat. Dabei überboten sich öffentliche Hand und private Sponsoren mit Unterstützungsleistungen. Entsprechend ging der Dank der Veranstalter an unzählige Stellen: ans Stadtpräsidium, an den Stadtrat, das Präsidialdepartement, das Polizeidepartement, das Amt für Bewilligungen, die Elektrizitätswerke, an Grün Stadt Zürich, die Wasserwerke, das Tiefbauamt, an Schutz und Rettung, die Zürcher Aids-Hilfe, an Zürich Tourismus sowie an den Regierungsrat, die Kantonalverwaltung, den Lotteriefonds (er überwies 100 000 Franken), die Standortförderung und die Greater Zurich Area. Unter den Sponsoren waren British Airways, Campari, Coca-Cola, Nivea, Red Bull, die SBB und andere mehr.

Zum Kult um die Schwulen gehört die Anbiederung. Sacha Baron Cohen hat als PR-Gag zur Lancierung seines Films in den Niederlanden den Rotlichtbezirk von Amsterdam in «Pink Light District» umbenannt. Doch auch hier hinkt die Satire der Wirklichkeit hinterher. Zum 25-Jahr-Jubiläum der Bewegung (1994) strahlte New York das Empire State Building zwei Tage lang in den Farben Rosa und Fuchsia an. Tel Aviv stellte vergangenen Monat anlässlich der Gay Pride Parade auf Regenbogenbeleuchtung um. Und auch Zürich übt sich in chamäleonhafter Anpassung. Die Stadt hisste – neben dem Schweizerkreuz und dem Züri-Wappen – während der Euro-Pride die Homofahne.

 

Das weltoffene Patronat führte Pink Cop

Die Liste lässt sich verlängern. Im Zürcher Zoo fanden Führungen zu schwulen Tieren statt. Die SP, die Partei der lesbischen Stadtpräsidentin Corine Mauch, warb mit dem Zungenbrecherspruch «Wir sind Partei für lesBischwule Anliegen». Besonders hervor tat sich die Stadtpolizei. Sie schaltete ganzseitige Inserate, die rosa gepolsterte Handschellen zeigten. Darunter der Text: «Willkommen zur Euro-Pride 2009. Wir sorgen für Sicherheit, damit Zürich eine weltoffene, tolerante Stadt bleibt.»

Bei solchen Auftritten liess es die Stadtpolizei nicht bewenden. Unter ihrem Patronat führte Pink Cop, der Verein homosexueller Polizistinnen und Polizisten in der Schweiz, eine «internationale Fachtagung» durch. Der Titel hiess, so selbstredend wie selbstbezogen: «Polizei und Homosexualität». Die schwulen Ordnungshüter fordern, «dass alle Schweizer Polizeikorps» das Thema «Homosexualität in den eigenen Reihen bereits in der Grundausbildung behandeln – wie es die Stadtpolizei seit Jahren betreibt».

Ermutigt, eingeladen, aufgefordert durch «an und für sich positiv eingestellte Medien und die Öffentlichkeit» (Euro-Pride-Magazin), kann die Homosexuellen-Lobby fast jedes Anliegen durchsetzen. Sogar eher konservativ ausgerichtete Institutionen wie die Polizei oder das Militär stehen stramm, wenn der Ruf zur Schwulenförderung ertönt. Seit dem 1. Januar 2009 verfügt die Schweizer Armee über einen entsprechenden Befehl. Der einfühlsame Umgang mit homosexuellen Kameraden ist «Pflichtthema» in der Kaderausbildung. Sehr zur Freude der Queer Officers Switzerland. Der schwule Offiziersverein geht der Armeespitze mit «Engagement» zur Hand, um «die Ausbildungseinheiten mitzugestalten und die höheren Kader zu beraten und zu unterstützen».

Ideologie der Homosexualität

Selbst vor Kindern und Schulen machen die schwulen Pressure-Groups nicht halt. «Die Schule ist ein Ort, an dem Homosexualität nur beschränkt Zutritt hat – vielleicht eine letzte heterosexuelle Bastion?», klagten die Initianten der Euro-Pride. «Die Thematisierung von Fragen zur sexuellen Orientierung» müsse «sowohl mit der allgemeinen Sexualerziehung als auch fächerübergreifend im jeweiligen Kontext in allen Altersstufen behandelt werden». Von der Unterstufe bis zum Militär, vom Erstklässler bis zum Armeeoffizier: «Homosexualität» soll lebensbegleitender Pflichtstoff werden.

Solche Forderungen unterscheiden sich von der rechtlichen Gleichstellung, eine Selbstverständlichkeit in jedem liberalen Gemeinwesen. Es geht auch längst nicht mehr darum, ob Schwule und Lesben ihre Sexualität praktizieren dürfen. Was hier zum Ausdruck kommt, ist etwas anderes. Wir haben dem Phänomen religiöse Züge attestiert, der konservative amerikanische Autor Dinesh D’Souza spricht von einer «Ideologie».

Ein Vergleich mit der Antike erhellt, was damit gemeint ist. Unter den alten Griechen gab es viele Schwule, darunter so berühmte wie Sokrates. Doch das bedeutete nicht, dass der Philosoph die Welt durch eine rosa Brille betrachtete. Sokrates war auf selbstverständliche Weise schwul, aber er hätte nie beabsichtigt, die Schule, den Staat, die Armee daran zu messen.

Wo ist der Punkt, an dem der berechtigte Protest gegen Unterdrückung, Verkennung und Diskriminierung umschlägt in peinliche Propaganda für persönliche Vorlieben? Wie sehr interessiert es uns eigentlich, wer welchen sexuellen Praktiken nachgeht und warum? Kommt als Nächstes die Latexfraktion? Oder beglücken uns die Tierliebhaber mit ihren Vergnügungen? Exhibitionismus wird zum Massenphänomen.

Lesbische Bundesrichterin? Halleluja!

Homosexualität ist Weltanschauung und politisches Programm geworden. Eine Nebensächlichkeit drängt sich ins Zentrum. Homosexuelle Politiker wie Klaus Wowereit oder Corine Mauch werden nicht nach ihren Überzeugungen und Taten beurteilt, sondern nach ihren sexuellen Präferenzen. «Enttäuscht sind viele Schwule und Lesben darüber, dass Obama bisher keine offen homosexuelle Person in sein Kabinett berufen hat, doch nun fokussieren sich die Hoffnungen auf die anstehende Ernennung eines neuen Mitglieds des Obersten Gerichts», meldete kürzlich ein Schweizer Onlineportal. Es stünden zwei Lesben im Gespräch. Halleluja!

Eigentlich haben die Homosexuellen mit der rechtlichen Gleichstellung und der gesellschaftlichen Akzeptanz ihre Ziele erreicht. Sie befänden sich in einer «sehr privilegierten Lage», die Politik sei ihnen «sehr wohlgesinnt», heisst es im Begleitheft zur Euro-Pride. Die Gegnerschaft sei «unbedeutend».

Wenn Schwule und Lesben derart «privilegiert» sind, wofür kämpfen sie dann noch? Die Frage stellt sich, ob und wozu es die politische Homosexuellenbewegung und ihre Kundgebungen überhaupt noch braucht. Selbst deren Protagonisten scheinen mittlerweile Zweifel an der Notwendigkeit ihres Tuns zu hegen.

Das legt eine Bemerkung zur Petition der Familienlobby nahe, welche die Euro-Pride einzuschränken suchte. Die Veranstalter zeigten sich «dankbar» für die «homophobe Initiative». Endlich liess sich wieder ein Gegner ausmachen – sei er auch noch so «unbedeutend» –, der dem ziellos gewordenen Aktivismus den Anschein der Berechtigung verlieh. Das Beispiel zeigt: Die Opferrolle, mit der Lesben und Schwule noch immer kokettieren, passt nicht mehr. Ihre Demonstrationen sind zu hohlen Ritualen gutmenschlicher Bekenntnisse geworden, die nichts kosten. Wer hingeht, kann sich besser fühlen eine Gratistoleranz.

«Es ist ein Privileg, zu so mutigen und engagierten Frauen und Männern zu sprechen, die für die Menschenrechte einstehen, auch wenn es in Strömen regnet», rief eine Rednerin an der Euro-Pride in die spärliche Menge. Sich dabei verregnen zu lassen, war der Gipfel der Courage.

 

«Wir sind alle schwul»

Geradezu ein Gemeinplatz ist geworden, dass der schwule Lifestyle weite Teile des öffentlichen Lebens dominiert. «Beim Schweizer Fernsehen sind Homosexuelle im Vorteil», titelte der Blick vor zwei Jahren. Und verwies auf schwule Moderatoren wie Kurt Aeschbacher, Sven Epiney, Patrick Rohr, Charles Clerc, Dani Fohrler und Christian Franzoso. Das Magazin widmete den Homosexuellen eine Doppelnummer. «Wir werden alle immer schwuler», wurde festgestellt. Schwule Kultur habe «nicht nur die Hoheit in Mode- und Designfragen, schwule Kultur hat uns heterosexuelle Männer (und Frauen) in fast allen Lebensbereichen beeinflusst».

Wenn alle schwul sind, ist niemand mehr schwul. Die Minderheit gibt längst den Ton an. Umgekehrt erstaunt es, dass Lesben und Schwule Ehen schliessen und selbst Kinder adoptieren wollen (und sich so die letzten Eigenheiten der Heterosexualität aneignen).

Vielleicht wäre es hilfreich, die Unterschiede nicht weiter zu verwischen. «Politische Korrektheit schafft Tabus, fördert die Verdrängung und behindert das Denken», sagte Bundesrat Moritz Leuenberger (SP) am Christopher Street Day 2001.

Schliesst den Hosenladen

Frühere Generationen dachten freier. Thomas Mann, selbst homoerotisch veranlagt, sah die Homosexualität durchaus unsentimental: «Sie ist ‹freie› Liebe im Sinn der Unfruchtbarkeit, Aussichtslosigkeit, Konsequenz- und Verantwortungslosigkeit. Es entsteht nichts aus ihr, sie legt den Grund zu nichts, ist l’art pour l’art, was ästhetisch recht stolz und frei sein mag, doch ohne Zweifel unmoralisch ist.» Sie «irrlichteliere», schweife «nach allen Seiten». Ihr fehle «die Treue».

Nach der erfolgreichen Emanzipation der Schwulen dürfte man eigentlich erwarten, dass die Homosexuellenbewegung etwas lockerer wird. Welche Bedeutung hat die penetrante, ja das öffentliche Leben bedrängende «Sichtbarkeit» noch?

Schwulsein wäre dann einfach eine sexuelle Veranlagung, eine Privatsache, die nach den Regeln des guten Geschmacks in der Öffentlichkeit endlich wieder diskret behandelt würde. Man läuft ja auch sonst nicht dauernd mit offenem Hosenladen herum.

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