Editorial

Die Chefin

Darf eine Firmenchefin einfach schwanger werden? Lehren aus Madoff. Michael Jackson und das Glück.

Von Roger Köppel

Ein interessanter Fall: Die noch junge Chefin von ABB Schweiz, Jasmin Staiblin, bekommt ein Kind. Sie will den gesetzlich erlaubten Mutterschaftsurlaub von sechzehn Wochen in Anspruch nehmen. Mitten in der grossen Rezession beansprucht die Konzernlenkerin eine Auszeit für ihr Baby. Rechtlich ist das alles korrekt, aber ist es auch in Ordnung? Darf die Chefin in einer grossen Wirtschaftskrise schwanger werden? Ist es vernünftig, wenn sich eine für Tausende von Arbeitsplätzen verantwortliche Managerin vorübergehend verabschiedet, während sich das geschäftliche Umfeld dramatisch verschlechtert? Würden Sie Ihre Armee einem General anvertrauen, der sich im Krieg aus familiären Gründen beurlauben lässt? Der Fall wirft Grundsatzfragen nach der Verantwortung von Wirtschaftsführern in schwierigen Zeiten auf. Und er ist aufschlussreich, wenn man sich Gedanken macht zum Thema Frauen und Karriere.

Geben wir uns keinen Illusionen hin: Kein Mann in vergleichbarer Stellung könnte es sich erlauben, in einer ähnlich heiklen wirtschaftlichen Situation seine Firma aus persönlichen Gründen zu verlassen.

Der Chef will mit seiner Frau zwei Monate nach Venedig verreisen, um die angeschlagene, scheidungsgefährdete Beziehung romantisch aufzurüsten? Seine Vorgesetzten würden ihn für verrückt erklären. Der CEO einer Grossbank beantragt in der Finanzkrise vier Monate Vaterschaftsurlaub, weil ihn der Säugling vor allem am Anfang braucht? Der Mann müsste sich einen Mangel an Pflichtgefühl gegenüber seinem Arbeitgeber vorwerfen lassen. Zu Recht.

Wer für ein Unternehmen die Verantwortung übernimmt, tut eben dies: Er übernimmt die Verantwortung und hat sich mit allen Kräften für den Erfolg seiner Firma einzusetzen, für die Eigentümer, für die Kunden, für die Untergebenen, deren Arbeitsplätze von der Tüchtigkeit des Chefs abhängen. Unternehmer und Topmanager sind Antreiber, Strategen, Vorbilder, Lasttiere; sie müssen den Karren ziehen und alles ihrer Aufgabe unterordnen. Gesundheit, Familie, Freizeit, in vielen Fällen sogar das eigene Vermögen treten in den Hintergrund.

Die Verantwortung ist unteilbar. Es kann nur einen Chef geben. Jobsharing-Modelle und Teilzeitarbeit an der Unternehmensspitze sind Wunschdenken, Schönwetterkonzepte. Versagt der Chef, geht die Firma unter. Erfolg setzt den Einsatz der ganzen Existenz voraus.

Niemand wird gezwungen, das zu wollen. Aber auch Frauen müssen sich den ungeschriebenen Gesetzen des Unternehmertums unterwerfen, wenn sie an der Spitze stehen möchten. Wie die Männer zahlen sie einen Preis dafür. Vermutlich ist ihr Preis noch höher. Auf ein Kind zu verzichten, um sich stattdessen für den Erfolg der Firma hinzugeben, ist eine Alternative, bei der die meisten Frauen zugunsten des Kindes entscheiden würden. Das ist verständlich und einer der Hauptgründe dafür, warum auch führungstechnisch hochbegabte Frauen freiwillig auf die Führungsposition verzichten.

Eine Frau, die ein Unternehmen führt, verliert nicht einfach ihre mütterlichen Instinkte. Aus Sicht der Firma aber ist es verantwortungslos, wenn die Chefin in einer Wirtschaftskrise für Monate ihren Posten räumt. Die Eigentümerin der EMS-Chemie, Magdalena Martullo-Blocher, bekam in ihrer Amtszeit zwei Kinder und fehlte nur ein paar Tage.

Am Ende ist Wirtschaft wie Krieg: Armeen brauchen gute Generäle, die vor allem im Ernstfall verfügbar bleiben müssen. Wenn die ABB Schweiz in der schwierigsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg während sechzehn Wochen auf ihren Chef verzichten kann, dann ist es der falsche Chef. Anders gefragt: Welcher Chef, der seine Aufgabe wirklich ernst nimmt, verlässt die Kommandobrücke freiwillig in schwierigen Zeiten?

Der Anlagebetrüger Bernard Madoff wurde zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt. Er hinterlässt ein Massengrab von Kunden und Investoren, die ihr Geld nicht zurückbekommen werden. Seiner Frau bleiben immerhin 2,5 Millionen Dollar aus der gewaltigen Konkursmasse. Zahllose Klienten verloren ihr Vermögen.

Rätselhaft bleibt, warum Madoff in seiner 30-jährigen Karriere als Hochstapler nie entlarvt wurde. Es gab Hinweise und Vermutungen. Die Börsenaufsicht SEC ignorierte Kritiker.Einige Grossbanken weigerten sich ausdrücklich, in Madoff-Fonds zu investieren, aber die Vorbehalte behielten sie für sich. Wie bei allen Finanzblasen sind am Ende auch die Kunden schuld. Sie fielen auf einen Schwindler herein, der ihnen todsichere Renditen versprach, obschon es todsichere Renditen gar nicht geben kann. Der Wunsch, an der Nase herumgeführt zu werden, ist unzerstörbar. Fazit: Die Madoff-Groteske führt zu kollektivem Kopfschütteln und schärft kurzzeitig den Durchblick und das Urteilsvermögen. Irgendwann wird man sich vom Glanz eines andern Betrügers wieder blenden lassen.

Der überraschende Medikamenten-Tod des amerikanischen Entertainers Michael Jackson führt ein psychologisches Naturgesetz vor Augen: Es ist schwieriger, Erfolg zu verkraften, als Erfolg zu erreichen. Der Aufstieg des Musikers, Sängers und Tänzers war eine entbehrungsreiche Willensleistung. Talent war ausreichend vorhanden, aber hinter den 750 Millionen verkauften Platten steckten Tausende von Stunden härtester Arbeit, Selbstdisziplin, Selbstverzicht und eine schwere, von einem angeblich gewalttätigen Vater geprägte Kindheit, die ihm nach Aussage von Experten ein lebenslanges, schweres Trauma hinterliess.

Roger Köppels Videokommentar zum Tod von Michael Jackson: Erinnerungen an das denkwürdige Prager Konzert und Quincy Jones' unterschätzte Rolle

Daraus erklärt sich die Frage, warum die Fähigkeiten, die ihn nach oben brachten, am Ende seinen Absturz nicht verhindern konnten. Als «ewiger Elfjähriger, der nie erwachsen wurde» (Jean-Martin Büttner), fehlten ihm die charakterlichen Voraussetzungen, um das eigene Talent zu bewältigen. Ein so tröstlicher wie deprimierender Befund: Geld und Erfolg bringen weder Glück noch Selbstvertrauen.

Ich habe Jackson anlässlich seiner «HIStory»-Tour im September 1996 in Prag auf einem Rummelplatz gesehen. Der «King of Pop» liess sich durch meterhohe Kunststoff-Denkmäler feiern. Die Posen wirkten antrainiert. Das Showgetöse erinnerte an den Auftritt von Madonna auf dem Dübendorfer Militärflugplatz vor einem Jahr, doch im Unterschied zur Kollegin gelang es Jackson, dem Effektgewitter menschliche Impulse zu vermitteln. Die Seele war spürbar.

Verstörend bleibt trotz allem, wie einer, der so hoch steigt, am Ende so tief fallen kann.

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