Verkehr

Eine Stadt riegelt sich ab

Für Tausende Autofahrer ist Zürich ein Hindernisparcours aus Staus, Fahrverboten und Baustellen.

Von Andreas Kunz

Poster für Baustellenfans: Behinderungen für den Verkehr in der Stadt Zürich.

Jeder Taxifahrer, Pendler, Gewerbler oder Tourist hat die gleiche Antwort parat: Wer motorisiert nach Zürich zur Arbeit, zum Einkauf – oder noch schlimmer: zum Vergnügen – kommt, muss büssen: mit schikanösen Umleitungen und Wartezeiten, teuren Parkgebühren oder -bussen.

Ziel der links-grünen Regierung ist ein «gleichberechtigtes Nebeneinander aller Verkehrsteilnehmer», wie es auf Anfrage heisst. Von der verantwortlichen Stadträtin Ruth Genner (Grüne), Vorsteherin des Tiefbauamts, erfährt man bisweilen anderes. In einer Tagblatt-Kolumne offenbarte sie kürzlich ihre Wunschvorstellung: In der Stadt Zürich soll Autofahren auf «den notwendigen innerstädtischen Verkehr, beispielsweise fürs Gewerbe oder für Taxifahrer» beschränkt werden.

171 Baustellen

Um das grüne Ziel zu erreichen, müssen die Autofahrer einem Umerziehungsprogramm unterzogen werden. Die Schikanen beginnen bei der Einfahrt ins Stadtgebiet.

Entweder stockt der Verkehr wie auf der Waldegg bei einer «Pförtneranlage», eine Ampel, die absichtlich nur eine bestimmte Anzahl Autos in die Stadt lässt. Oder es werden gerade per Bauarbeiten – wie im Morgental in Wollishofen – die Strassen verengt, mit den Trassees von Tram und Bus zu einer «Mischzone» zusammengelegt und dafür eine sechs (sic!) Meter breite Fussgängerfläche installiert.

Als nächste Hindernisse warten 171 Baustellen, an denen in Zürich momentan (mal mehr, mal weniger) gebaut wird, auf die Auto- und Lastwagenfahrer. Überall in der Stadt werden «Begegnungszonen» geschaffen, wichtige Verkehrsachsen zurückgebaut – und der öffentliche Verkehr (ÖV) ausgebaut. Auf seiner Website verkündet das Tiefbauamt stolz, dass «532 Bauprojekte in Bearbeitung» seien. Kosten: 200 Millionen Franken. Resultat: stundenlange Staus, Lärm und eine Stadtkarte, die jeder Baustellenfan als Poster benutzen kann (siehe Bild).

Als unbefangener Beobachter bekommt man den Eindruck, dass die Baustellen absichtlich als künstliche Hindernisse gelegt werden. Cornelia Schreier vom Zürcher Tiefbauamt widerspricht: «Baustellen sind komplexer, als man es von aussen wahrnimmt.» Bei der Planung müsse nicht allein auf die Zeit, sondern auch auf Materialien, Bautechnik, Sicherheit und Logistik geachtet werden. Momentan gäbe es tatsächlich einige «riesige Projekte, die miteinander verknüpft sind und dadurch den Verkehr einschränken», sagt Schreier. Das Ziel jeder Planung beim Tiefbauamt sei, «möglichst rasch, effizient und sicher zu bauen und die Behinderungen in Grenzen zu halten».

Unter dem zeitweiligen Chaos und den Restriktionen gegen Autofahrer leidet das Gewerbe. In der Innenstadt sollen nach dem Limmatquai bald auch der Münsterhof autofrei werden und praktisch das ganze Utoquai von Parkplätzen befreit sein. «Wenn das so weitergeht, werden wir in dreissig Jahren kein Gewerbe mehr in der Stadt haben. Alles verschwindet in die Peripherie: Arbeitsplätze, Lehrstellen, Steuern», klagt Richard W. Späh, Präsident des Gewerbeverbands der Stadt Zürich.

Gefördert wird die Zersiedelung

Unterhalb des neugeplanten Sechseläuten-platzes sind zwar 299 Parkplätze geplant, verteilt auf zwei Untergeschosse (ein drittes wurde von links-grüner Seite erfolgreich verhindert). Alle neuen Parkplätze müssen allerdings zuvor an anderer Stelle in der Stadt abgebaut werden. Dieser «historische Kompromiss» wird allerdings nur einseitig angewandt. Wenn wie beim Theater- oder Opernhausplatz Parkplätze abgebaut werden, wird dafür kein Ersatz bereitgestellt.

Wer mit seinem Auto in der Innenstadt einen freien Platz findet, zahlt dafür bis zu vierzig Franken pro Tag. Kaum hat er die Parkzeit überschritten, kommt oft ein Vielfaches hinzu. 1600 Ordnungsbussen verteilen die Zürcher Kontrolleure jeden Tag. Alleine mit Verkehrsbussen budgetiert die Stadt jährlich 80 Millionen Franken.

Das Geld der Autofahrer dient dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Seit der Einführung der S-Bahn hat sich die Anzahl der Passagiere im Zürcher ÖV verdoppelt. Jährlich kommen zwischen 3 und 7 Prozent mehr dazu. Trotz milliardenschwerer ÖV-Subventionen ist der Autoverkehr allerdings nicht zurückgegangen. Gefördert wurde mit dem vielen Geld bisher hauptsächlich die Zersiedelung.

In Zürich, als grösster Stadt der Schweiz, als Handelsplatz und Tourismuszentrum wird es immer überdurchschnittlich viel Verkehr geben. Dass Autos nicht einfach ausgesperrt werden können, zeigen die Auswirkungen der Anfang Mai eröffneten Westumfahrung. Schon zwei Tage vor Eröffnung der neuen Tangente wurden die alten Zufahrtsstrassen abgeriegelt – was ein einmaliges Verkehrschaos auslöste. Seither fahren viele Lastwagen- und Autofahrer nicht wie erhofft um die Stadt herum, sondern weiterhin direkt ins Zentrum. Denn die Stadt ist oftmals das Ziel der Fahrer, und nicht bloss ein Ort, der grossräumig umfahren wird.

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