Spongebob

Unfug der Weichteil-Kreaturen

Das Niveau auf dem Grund des Meeres: Wie der Cartoon-Irrsinn «Spongebob Schwammkopf» zur beliebtesten Trickfilm-Serie der Welt aufgestiegen ist.

Von Wolfram Knorr

Im Hain der albernen Künste ist die Hölle los. Aber war sie das nicht schon immer? War die illustre Fauna der Mäuse, Enten, Hasen, Hunde, Hühner, Spechte, Frösche, Geier, Bären, besser bekannt als Mickymaus, Donald Duck, Bugs Bunny, Woody Woodpecker, Porky Pig, Tom und Jerry und so weiter, nicht seit eh und je eine ausgerastete Bagage, nahe am Wahnsinn, wenn nicht schon mittendrin? Trotzdem verhielten sich alle noch einigermassen im Rahmen artentypischer Plausibilität: Donald schnatterte, Bugs Bunny knabberte Karotten, und Kater Tom jagte Jerry, die Maus. Zugegeben, für den abendländischen Feingeist war das Niveau schon in der Tiefebene gelandet. Inzwischen darf er verzweifeln: Es ist noch tiefer gesunken, wortwörtlich auf den Grund des Meeres. Dort hat der Wahnsinn nicht mal mehr Methode, aber blubbert sich mit einem anthropomorphen Schwamm nach oben, mit dem Namen eines wandelnden Dachschadens: «Spongebob Squarepants», auf Deutsch: «Spongebob Schwammkopf».

Es miaut die Schnecke

Die amerikanische Irrsinns-Kreation wurde inzwischen in Dutzende Länder verkauft und wurde zum Überraschungshit. Es wird ihr sogar nachgesagt, erfolgreicher als die «Simpsons» zu sein. Zumindest was das Merchandising betrifft, hat «Spongebob» mit seiner Wäsche, seinen Computer-, Video- und Brettspielen, Lego-Figuren, Puppen, Comic-Heften und Fanklubs Spitzenreiter «Star Wars» überflügelt.

Spongebob, ein quaderförmiger gelber Schwamm mit Spiegeleier-Augen, breiter Gosche und Babyzähnen, trägt akkurat Krawatte, Hemd, Gürtel und Hose. Seine Stimme ist ein enervierendes Falsett. Im Meer verständlich; auch Wale quieken. Mit seinem Haustier, einer miauenden Schnecke, wohnt er in der Unterwasserstadt Bikini Bottom und arbeitet im Fastfood-Restaurant «Krosse Krabbe» als Burgerbrater. Erfinder solch unterirdischer Drolerien ist Stephen Hillenburg, 47, Meeresbiologe und Grafiker, der auf den genialen Trichter kam, mal «Figuren aus Meerestiefen raufzuholen, weil sie den meisten unbekannt sind» (Hillenburg). Die miauende Schnecke hätte allerdings nicht mal Tauch-Guru Jacques-Yves Cousteau gefunden.

Ende der neunziger Jahre erkannte der Trickfilm-Kanal Nickelodeon den Meerwert von Hillenburgs Cartoons, startete eine Versuchsreihe, kaufte die Rechte und begann mit der Produktion. Dass sich der Erfolg so schnell einstellte, erstaunte selbst den Sender. Hillenburgs stilistischer Hintergrund ist die Underground- und Experimental-Comic-Szene, mit Graffiti-Anleihen. Die Ursachen fürs rasch gewachsene Interesse sind wohl zum einen im Trickverfahren zu finden (keine Computeranimation), zum anderen in der knalligen Graffiti-Figurengarde. Den Eigensinn der Serie beweisen neben Schwammkopf vor allem Spinner wie Sandra «Sandy» Cheeks, ein Grauhörnchen, das mit Unterstützung der Nasa auf dem Meeresboden lebt, oder Sheldon J. Plankton, kleinster Bewohner, der früher auf die Uni ging. Da wird gnadenlos das Diktat der Vernunft verhohnepipelt, vermutlich der wahre Erfolgsgrund. Kinder haben ihren Spass am schnörkellosen Unfug der Weichteil-Kreaturen, und Erwachsene können im Schwammkopf eine ausgerastete Parodie auf den alltäglichen Informationswahnsinn sehen.

Da versucht Spongebob eine Einladung zu lesen, aber die Tinte ist fast komplett weggewaschen. Wütend schimpft er über den Schreiber, der von den «physikalischen Gegebenheiten unter Wasser» keine Ahnung habe, um kurz darauf den Wisch in einem Lagerfeuer zu verbrennen. Solch pointierte Spielereien finden sich en masse, einen satirischen Tiefenrausch lösen sie allerdings nicht aus. Schwammkopfs Prominenz hat ihn nun sogar ins Gehege der Anarchie-Lümmel aus «Drawn Together» (MTV) gespült, in dem alle Cartoon-Ausgeburten von Betty Boop bis Pokémon gemeinsam gegen jede Korrektheit stänkern. Mit Recht, der Irrsinn in der real existierenden Welt scheint zuweilen noch grösser: Vor einigen Jahren warnte eine christliche Organisation in den USA vor «Spongebob», weil die Serie schwul mache!

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