Amerikaner interessieren sich kaum für Schönheitswettbewerbe, wenn die Teilnehmerinnen über zehn sind. Anders als in der Schweiz, wo dem Ereignis grosse Beachtung geschenkt wird. Für die Miss-Wahlen Volljähriger in den USA begeistern sich vor allem Schwule. Und Donald Trump, weil er berufshalber mit allen Miss-Kandidatinnen auf Tuchfühlung gehen muss. Der Immobilienunternehmer, schlicht «The Donald» genannt, kaufte vor zehn Jahren die Veranstaltungsrechte für Miss USA und Miss Universe auf. Die TV-Einschaltquoten blieben auch danach mässig. Wer gerade Miss USA ist, weiss in den USA kaum jemand.
Entsprechend unerwartet explodierte im April die Berühmtheit von Carrie Prejean. Die blonde Studentin aus San Diego war — weithin unbeachtet — bereits seit einem halben Jahr Miss California, als sie am 18. April bei den Wahlen zur Miss USA mit einer einzigen Antwort die Sarah Palin unter den Misses wurde. Die Frage des Jurymitglieds, die Prejean zufällig aus der Zettelschale gefischt hatte, lautete: «Vermont hat vor kurzem als vierter Bundesstaat die Ehe zwischen Gleichgeschlechtlichen legalisiert. Sollten die anderen Staaten dem folgen?» Miss California netzte die Lippen und sagte: «Es ist grossartig, dass wir in einer Nation leben, wo man zwischen gleichgeschlechtlicher und gegengeschlechtlicher Ehe wählen kann. Aber wissen Sie was? In meinem Land, in meiner Familie, glaube ich, sollte eine Ehe etwas zwischen Mann und Frau sein. Ich möchte niemanden beleidigen, aber so wurde ich erzogen, und so, finde ich, sollte es sein.»
Es war, in eigenwilligem Wortlaut, genau die gleiche Meinung, die Präsident Obama, Aussenministerin Hillary Clinton und mehr als die Hälfte der Kalifornier vertreten. Aber Jurymitglied Perez Hilton, von dem die Frage stammte, rächte sich: Mit seiner schlechten Benotung von Prejean verhalf er Miss North Carolina zum Sieg. Damit nicht genug: «Dumb bitch», dumme Kuh, nannte Hilton sie am nächsten Tag in seinem Blog. Der homosexuelle Hilton ist nicht nur in der Schwulenszene von Los Angeles aktiv, sondern gehört dank seiner Fähigkeit, auch den langweiligsten Promi-Auftritt zum Skandal niederzuschreiben, zu den erfolgreichsten Celebrity-Bloggern der Welt.
Perez Hilton, bürgerlich Mario Armando Lavandeira, war nicht allein. Mit ihm bloggten sich im ganzen Land Hunderte empörter Homosexueller und Linksliberaler über die Äusserung der schönen Christin die Finger heiss. Mehrmals, sagte Prejean, sei sie von den kalifornischen Veranstaltern aufgefordert worden, sich zu entschuldigen, weil ihre Haltung Sponsoren vergrätzen könne. Man habe ihr diktieren wollen, was die politisch korrekte und damit für die Miss des überwiegend linksliberalen Kalifornien zu vertretende Meinung sei.
Die Tochter fundamentaler Christen liess sich ihre Meinung nicht nur nicht vorschreiben, sie wurde unter dem Druck der Anfeindungen expliziter. Sehr zum Entzücken konservati-ver Radio- und Fernsehsender. James Dobson, Moderator eines christlichen Radiosenders, antwortete sie auf die Frage, warum sie sich so klar gegen die Schwulenehe ausgesprochen habe: «Ich wollte politisch korrekt klingen. Aber dann war es, als wolle Satan mich mit dieser Frage in Versuchung führen. Und Gott sagte in meinem Kopf und in meinem Herzen: ‹Carrie, wie sehr willst du das? Willst du deine Überzeugungen für ein Jahr Krone gefährden?› Und ich sagte, was ich sagte, und wusste genau, dass ich keine Chance mehr hatte, Miss USA zu werden.» Sie liess sich von der National Organization for Marriage (NOM) für deren Anzeigenkampagne gegen die Schwulenehe anheuern und beteuerte in Vorträgen, sie werde «alles tun, um die Ehe zu schützen». Die Anschwärzungen der politisch vermeintlich Korrekten hatten Prejean zum Poster-Girl der Rechten gemacht.
Mediale Feuersbrunst
Nach einem zweiwöchigen Medienzirkus begannen sich die linksliberalen Kommentatoren-Stimmen zur Verteidigung der 22-Jährigen zu mehren. Der Journalist Phil Bron-stein, Ex-Ehemann von Sharon Stone, fragte, warum dem Präsidenten eine Haltung erlaubt sei, die Miss Prejean streitig gemacht wer- de. Die schwarze Autorin Keli Goff bezeich- nete die Schadenfreude linksliberaler Kollegen über die konservative Schönheitskönigin, die weder ein politisches noch sonst ein öffentliches Amt anstrebte, als befremdend. Als die Schlagzeilen über das praktisch bankrotte Kalifornien Carrie Prejean und Perez Hilton wieder in den Hintergrund zu rücken begannen, erschienen im Internet die Nacktfotos von Miss California.
Auch in Kalifornien müssen Teilnehmerinnen von Schönheitswettbewerben versichern, nie zuvor ganz oder teilweise nackt posiert zu haben. Junge Frauen, die oft seit Jahren gelegentlich als Models arbeiteten, sind bei Wettbewerben verpflichtet, sich im Bikini auf dem Lauf- steg zu präsentieren. Aber wehe ihnen, wenn sie je in Gegenwart eines Fotografen das Oberteil ablegten. Die Vorschrift ist an Scheinheiligkeit schwer zu übertreffen, aber hier waren sie, die Bilder von Prejean mit nackten Brüsten, einmal mit 17, dann, nach chirurgischer Nachhilfe, ein paar Jahre später, deutlich üppiger und höher zielend. Die Bilder waren so unaufregend, dass der Playboy sie zurückgewiesen hätte. Aber sie waren die Chance, die Evangelikale zur Strecke zu bringen: sie hatte gegen das Reglement verstossen. Donald Trump, der sich bisher wortlos in der Fehde um Miss California gesonnt hatte, kündigte eine Pressekonferenz an.
The Donald war unverklemmt und gelassen, als er am 12. Mai ans Mikrofon trat: «Wir hatten ein Dilemma mit Carrie, die auf eine schwierige Frage eine ehrliche Antwort gab, die von Herzen kam. Dafür gehört sie gelobt. Wir haben die Fotos aufmerksam angesehen. Manche Bilder sind sehr schön, manche gewagt. Aber sie sind alle akzeptabel. Wir leben im 21. Jahrhundert. Carrie bleibt Miss California. Sie ist klug, stark und natürlich sehr schön, deswegen hat sie den Titel.» Dann überliess er das Mikrofon Carrie Prejean. Das war ein Fehler.
Miss California, beflügelt von ihrer unverhofften Berühmtheit, dankte Trump, «der mir erlaubt hat, eine starke Frau zu sein». Und Gott, «für die grosse Aufgabe, die er mir gegeben hat, Schwulen die Heirat nicht zu erlauben. Ich habe nicht erwartet, mitten in eine mediale Feuersbrunst zu geraten, aber ich bin klug genug, sie zu meinem Vorteil zu nutzen. So wie es Menschen gibt, die dank ihrer Überzeugung die Kraft haben, gegen die Gleichberechtigung von Schwarzen, Juden und Frauen zu opponieren, möchte ich dazu ermutigen, dass man der wachsenden Anzahl schwuler Aktivisten gegenüber dieselbe Kraft aufbringt. Wo immer Schwule Normalität verlangen, habt keine Angst, zu sagen, sie seien nicht normal. Ich danke Ihnen allen, dass ich Kalifornien nach wie vor vertreten darf, und freue mich darauf, in den nächsten Jahren im Rampenlicht zu stehen.»
Das war nicht, wofür Donald Trump sich aus dem Fenster hatte lehnen wollen. Am 10. Juni erkannte er Miss California die Krone ab. Prejean erfuhr davon aus den Medien. Sie sei nicht traurig, nur enttäuscht, sagte sie CNN, aber auch erleichtert. Sie habe bereits eine Unmenge von Angeboten bekommen und werde «ab jetzt da sein, wohin Gott mich führt».

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