Interview mit Georg Feuser

«Ritalin ist ein Verbrechen»

Für den Sonderpädagogik-Professor Georg Feuser gehört das Beruhigungsmittel Ritalin verboten. Lebhafte Kinder passten sich ihrer hektischen Umgebung an. Oft fehle es ihnen bloss an Zuwendung.

Von Daniela Niederberger

«Es kommt uns offenbar nicht darauf an, ob dabei ein paar Kinder hopsgehen»: Sonderpädagogik-Professor Feuser. Bild: Adrian Sonderegger

Herr Feuser, was ist eigentlich ADHS?

Es ist das, was man als solches diagnostiziert. Die Weltgesundheitsorganisation hat für ADHS einen Katalog mit Verhaltensauffälligkeiten erstellt. Zeigt sich bei einem Kind ein bestimmter Anteil, hat es ADHS. Es ist keine wirkliche Diagnose. Das ist, wie wenn Sie einen Raster machen und sagen: Wenn hier unten am Seilergraben alle fünf Sekunden ein Auto vorbeifährt, ist es eine hochbefahrene Strasse. Fährt alle zehn Sekunden eines, handelt es sich um eine normal befahrene Strasse. Sie sagen nichts darüber aus, weshalb alle fünf Sekunden ein Auto fährt und was das mit der Stadtentwicklung zu tun hat. Diese Form von Diagnostik ist eine rein merkmalbezogene Diagnose an der äussersten Peripherie.

Ist ADHS eine Krankheit?

Nein. Das wird vordergründig angenommen. Weil ich die Verkehrsdichte am Sei-lergraben wahrnehme, sage ich, er ist eine hochbefahrene Strasse. Würde ich eine Begründung suchen, sähe ich: Hier fahren so viele Autos, weil das Limmatquai gesperrt ist. Die Sache hat nichts mit dem Seilergraben selbst zu tun.

Was heisst das in Bezug auf Kinder?

Es gibt Kinder, die haben eine grosse Vitalität. Sie nehmen neue Dinge sofort wahr. Andere Kinder tun das auch, sind aber ruhiger, betrachten die Sachen länger. Menschen reagieren unterschiedlich auf Veränderun-gen in der Welt. Manche Kinder bringen eine leichte Erregbarkeit mit. Das ist nichts Besonderes, nichts Krankhaftes. Man sollte von dispositionellen Voraussetzungen sprechen. Dieses Grundmodell, auf Dinge in der Welt zu reagieren, lässt sich durch Lernen verändern. Ein Beispiel: Wenn für uns beide dieses Gespräch interessant ist, gehen wir mit einem anderen Gehirn hier raus. Das ist die Plastizität des menschlichen Gehirns. Macht ein Kind für sich bedeutende Erfahrungen, ist sein Gehirn verändert, es wird sensibler, ängstlicher, freudiger. Oder ruhiger. Es denkt: «Ach ja, das kenn ich schon, meine Mama oder mein Papa sorgen dafür, dass mir nichts passiert.» Reagiert bei einem leicht erregbaren Kind die Mutter oder der Vater nicht angemessen, kann das Kind verunsichert werden.

Wie kann man falsch reagieren?

Indem man ärgerlich wird, das vitale Wesen des Kindes nur als Erschwernis sieht. Oder indem man das Kind zu stark sich selbst überlässt. Es gibt einige Faktoren, die helfen, ein Gehirn zu modifizieren. Das Kind findet sich im Spiegel der Mutter, des Vaters, der Grosseltern wieder. Ein Baby gähnt, die Mutter sagt: «Aaah, bist du müde», und imitiert es. Dann fühlt sich das Kind verstanden. Das bewirkt zweierlei: «Oh, ich bin kompetent, ich kann was bewirken. Die Mutti hat gemerkt, was ich gemacht habe.» Das macht stolz und stärkt das Ich. Es schafft Bindung.

Was sollen Eltern mit einem quirligen Kind konkret machen?

Man sollte ihm zeigen, dass man gemerkt hat, was es alles sieht: «Ja, hast du den Vogel dort gesehen? Und das Auto? Und ja, dort ist ein Ball. Jetzt nehmen wir den Ball und spielen.» Man versucht das Ganze auf eine Sache zu lenken und die länger andauern zu lassen. Es gibt vermutlich viele Kinder, die nie als ADHS-Kind auffallen, obwohl sie eine erhöhte Disposition haben. Andere werden als schreckliche Zappelphilippe empfunden. Unter Neurowissenschaftlern und Psychologen und in der Sonderpädagogik ist man sich einig, dass sich ADHS nicht auf einen Faktor zurückführen lässt. Ein gestärktes Kind mit engen Bindungen zu den Eltern, das sich als wichtig erfährt, hat es nicht nötig, durch Kaspereien und Rumhüpfen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Was unterscheidet ein solches Kind von einem wilden Kind?

Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten können nicht lange bei einer Aufgabe verweilen, sie führen kaum etwas zu Ende. Das ist nichts Neues. 1844 schrieb Heinrich Hoffmann den «Struwwelpeter». Dort kommt der Zappelphilipp vor und der Hans Guckindieluft. Hoffmann war Neurologe und Psychiater. Er liess in das Buch seine psychiatrische Erfahrung mit reinspielen. Später gab es die sogenannte Kinder-Fehlerlehre: Kinder, die nicht in eine bestimmte Vorstellung reinpassen, sind fehlerhaft. Durch die biologisch-medizinisch-psychiatrische Betrachtung jener Zeit passierte die Verkürzung: Im Menschen, an dem ich etwas wahrnehme, muss auch der Grund des Übels liegen. Als ich studierte, sprach man von einem Psychoorganischen Syndrom, später kam die Hyperaktivitätstheorie, dann die MCD, die Minimale Cerebrale Dysfunktion. Man sagte, bei Zappelkindern müsse eine minimale Gehirnschädigung vorliegen – man hat sie bis heute nicht gefunden. Und jetzt schlägt ADHS weltweit Wellen. Bertolt Brecht sagte einmal: Der Fluss, der über die Ufer tritt, wird gewalttätig genannt, das Ufer, das ihn eindämmt, aber nicht.

Ist unser Alltag mit Kindern gewalttätig?

Wenn Sie so wollen. Der moderne Alltag fordert den Kindern unglaubliche Leistungen ab. Was unsere Grosseltern in einem Jahr an Neuem verarbeiten mussten, müssen unsere Kinder in einem Tag. Unsere Zeit ist hektisch und umtriebig, man hat kaum Zeit füreinander. Wenn ein Kind auf seinem Schulweg fünf verkehrsreiche Strassen mit Ampeln überquert, hat es mehr geleistet als Goethe in der Kutsche auf dem Weg nach Sizilien.

Es gibt kaum eine Mutter, die mit dem Kind im Garten sitzt und den Käfern zuschaut.

Solche ruhigen Beschäftigungen würden einem Kind mit einem leicht erregbaren Selbstsystem helfen, das umzubauen. Möglicherweise spielt eine hirnfunktionale Störung im Hintergrund mit. Das Schlimme an der ADHS-Debatte ist die fast ausschliessliche Fokussierung aufs Kind. Sein Umfeld, seine Schule, das wird nicht betrachtet. Das ist der erste Fehler. Der zweite: Man sagt, wenn das Kind so blöd ist, wie es tut, muss etwas Organisches vorliegen. Organisches heilen wir. Mit was? Mit Medizin. Man hat eine Droge auserkoren, Methylphenidat, den Wirkstoff im Ritalin, die Hauptrolle zu spielen. Man stellte fest – und das ist das einzig gesicherte Wissen, das man hat –, wenn man die Droge in bestimmten Dosen soundso häufig verabreicht, wird das Kind ruhiger. Was schien bewiesen? Dass eine Störung im Gehirn vorliegt, weil der Wirkstoff dort ansetzt, an den Enden der Nervenstränge. Ein zentraler Stoff im Nervensystem ist Dopamin, er überträgt Botschaften von einer Nervenzelle zur anderen. Es schien bewiesen, dass bei ADHS-Kindern nicht genügend Dopamin vorhanden ist und sie deshalb auffällig werden. Ritalin gleicht das aus.

Warum sagen Sie: «Es schien bewiesen»?

Weil es nicht so ist. Man hat keine gesicherten Erkenntnisse darüber, was der neurologische Hintergrund eines ADHS-Kindes sein könnte. Man sah bloss, dass eine bestimmte neuronale Stimulanz wirkt. Was man weiss: Eine niedrig dosierte Stimulanz führt dazu, dass an den Nervenenden die Dichte der Dopamin-Übergänge reduziert wird. Das ist aber ein Grundproblem bei der Parkinson-Krankheit. Die Hypothese: Man weiss noch nicht, ob ADHS eine Ursache im Gehirn hat und, falls ja, welche. Man meinte es aber zu wissen, weil das Medikament wirkt. Und man dachte, da brauchen wir ja nichts weiter zu tun.

Weiss man etwas über Langzeitfolgen?

Nein. 1956 behandelte man erstmals Patienten mit Psychostimulanzien. Amphetamine gehören dazu und eben Ritalin. Sportler oder Kampfflieger nehmen und nahmen Amphetamine, um hellwach zu sein, wenn sie eigentlich schon hundemüde sind. Es gibt keine Langzeitstudien über gesundheitliche Folgen. Der oberflächliche Erfolg – die Kinder werden ruhig – hat blind und dumm dafür gemacht, um welchen Preis wir das möglicherweise erzielen.

Ritalin ist für Lehrerinnen von grossen Klassen ein Geschenk des Himmels.

Ich hatte an einem Freitag Eltern in mei-nem Büro sitzen, die fragten: «Was sollen wir machen, der Lehrer hat gesagt, wenn unser Kind am Montag nicht Ritalin nimmt, fliegt es aus der Schule.» So weit geht das. Es gibt Stimmen aus der neurowissenschaftlichen Forschung, die war-nen. Kinderhirne sind in Entwicklung. Eine Langzeitbehandlung könnte Defizite im dopaminergen System zur Folge haben, und es könnte eine massive Zunahme von Parkinson-Erkrankungen resultieren. Von 1990 bis 1997 ist die Produktion von Ritalin von 2,8 auf 13,5 Tonnen pro Jahr gestiegen. Das ist eines der einträglichsten Geschäfte für die Pharmaindustrie. Rechnen Sie das mal in Gewinnmargen um! Heute werden schon ein, zwei oder drei Kinder pro Primarklasse mit Ritalin versorgt. Damit ist eine ungeheure Geschäftemacherei verbunden. Und dies vor dem Hintergrund, dass man noch nahezu nichts Zuverlässiges weiss. Die massenhafte Verordnung von Ritalin gehört aus meiner Sicht verboten. Es ist ein Verbrechen an der Menschheit.Es gibt interessante Studien, die belegen, dass sich bei Kindern, die statt Ritalin ein Placebo erhalten, der Dopaminstoffwechsel im Hirn auch verändert.

Wie erklärt man sich das?

Die Mutter sagt am Morgen zum Kind: «Komm mal her, mein Schatz, setz dich hin, du kriegst von mir deine Medikamen-te. Jetzt trinkst du noch etwas, und nun kannst du ruhig in die Schule gehen.» Das Kind erfährt Zuwendung. Es wird wichtig. Das Ich des Kindes wird gestärkt.

Haben die Kinder zu wenig Zuwendung?

Ich bin vorsichtig mit schnellen Schuldzuschreibungen. Aber genauso wie wir eine biologische Ursache annehmen, müssen wir annehmen, dass es im Aufbau von Bindung und hinsichtlich erzieherischer Massnahmen Defizite gibt.

Welche?

Bindung, Einbindung, Verantwortung übernehmen, und wenns ganz bescheiden ist, dass das Kind seine Schühchen selbst ins Schuhregal stellt. Diese Dinge fehlen massiv. Andererseits werden die Kinder einer Fülle von Anforderungen unterzogen, die für sie keinen Sinn machen. Da brauchen wir uns nicht wundern, wenn sie gleichzeitig zwanzig Sachen machen und nichts zu Ende führen.

Ist die Gesellschaft hyperaktiv?

Ja! Die Kinder reagieren. Das ist ein epigenetisches Phänomen. Wenn Sie eine Kugel haben, die rollt ein Bergtal hinunter, und das Tal gabelt sich. Da muss die Kugel den einen oder anderen Weg nehmen. Kann ich jetzt sagen, die Kugel ist schuld, wenn sie rechts oder links ins Tal rollt? Nein. Der Berg und die Kugel bestimmen, wie es abläuft. Auch unsere genetischen Dispositionen verändern sich danach, wie wir leben.

Die Kinder passen sich der Umwelt an?

Ja. Sie passen sich eben auch an, nicht gebunden zu sein. Machen sie dann Dinge, die uns stören, haben sie Pech gehabt. Und sie passen sich der Geschwindigkeit an, mit der Dinge auf uns einwirken. Gucken Sie sich mal an, wie heute eine Bildsequenz aufgebaut ist. Länger als zwei, drei Sekunden steht kein Bild. Wir müssen sehr schnell sein, um etwas zu erfassen.

Die Kinder verhalten sich also . . .

. . . normal, um nicht zu sagen geschickt. Wenn wir so weit denken würden, hätten wir kapiert, dass viele Verhaltensweisen, die als ADHS-Symptom gelten, im Grunde Fähigkeiten sind. Bloss solche, die uns stören. Habe ich nun eine Schulklasse mit zwanzig Kindern, dann fällt der Erwin oder die Eva auf, die da guckt, dort etwas macht und mit der Arbeit nicht vorankommt. Mache ich aber einen Projektunterricht, wo die Kinder ein Thema behandeln, das sie nach allen Seiten erforschen, wo sie rausgehen und Fachleute befragen, fällt ein solches Kind nicht auf. Da kann es seine Eloquenz und seine Neugier einbringen.

Unsere Umgebung ist oft hektisch und laut. Was, wenn Kleinkinder sich regelmässig an solchen Orten aufhalten?

Kommen verschiedene Faktoren zusammen, haben wir irgendwann Verhaltensweisen, die als Problem wahrgenommen werden. Dann nimmt man es am Kind wahr. Das wird behandelt. Statt dass man die Familie oder die Schule berät. Wir haben heute eine halbe Million Schriften zu ADHS. Das überblickt niemand mehr. Nur 10 000 davon beschäftigen sich mit dem psychosozialen Umfeld der Kinder. Und davon beschreiben bloss 10 Studien familientherapeutische Ansätze. Der Fokus auf die Medikamente ist erdrückend dominant.

Es ist eben schwierig, den Lebensstil einer ganzen Gesellschaft zu ändern.

Ja. Und umgekehrt könnte man sagen: Es kommt uns offenbar nicht darauf an, ob dabei ein paar Kinder hopsgehen, psychisch und seelisch. Und die Schule stellt sich auch nicht um. Wie kann ich heute noch einen Unterricht machen wie vor hundert Jahren mit Stillsitzen und Zuhören?

Ich dachte, Frontalunterricht gibt es nicht mehr?

Doch, doch. Es gibt sicher Ansätze zu Team- und Projektunterricht. Aber das sind Ausnahmen. Allein, dass man unbeirrt am Stundentakt festhält: von 8 bis 9 Uhr Mathematik, von 9 bis 10 Englisch, von 10 bis 11 Deutsch. Was soll das Ganze?

Wie müsste es sein?

Dass der Lehrer oder die Lehrerin eine Fragestellung nimmt, zum Beispiel ADHS. «Warum gibt es Kinder, die so sind? Jetzt erforschen wir das.» Da ist Geschichte drin, wer war Heinrich Hoffmann, der den «Struwwelpeter» schrieb? Man kann zu den Neurowissenschaftlern gehen, zu den Pharmakologen und fragen: Was ist in einer Tablette Ritalin drin? Da haben wir Chemie. Das kann ich in Englisch oder Französisch oder Deutsch machen. Da muss gewogen, gemessen, gezählt und geteilt werden, da ist Mathe drin. Also wie an der Universität geforscht oder im Betrieb Produkte entwickelt werden. Meinen Sie, da sitzt einer und denkt das am Schreibtisch aus? Da gibt es Innovationsgruppen. Nur die Schule meint noch: «Hier, du allein, und wenn es eine Prüfung gibt, dann darfst du nicht zum Nachbarn schielen.» Anstatt dass man sagt: «Diskutiert, wie man das lösen kann.» Wenn ich mit Managern rede, habe ich weniger Probleme, verstanden zu werden, als wenn ich bei einer Lehrerfortbildung bin. Die kapieren, was sich ändern muss, damit wir Menschen kriegen, die in die Lage versetzt werden, die heutigen komplexen Probleme überhaupt noch denken zu können. Was für uns Sinn macht, lernen wir besser. Wenn wir bloss auf die nächste Prüfung büffeln, verpufft alles. Und jetzt kommen die ganzen Bildungsstandards: Die Kinder werden im vierten und im sechsten Schuljahr überprüft. Da ist schon wieder dieser Irrsinn. Dass man glaubt, jedes Kind könne in einer bestimmten Zeit unter bestimmten Vorgaben zu einem bestimmten Lernergebnis kommen. Was passiert mit den Kindern, die da durch-fallen? Die Schweiz schafft sich eine Masse neuer Behinderter.

Seit kurzem werden Sonderklassen aufgelöst und die schwachen und auffälligen Schüler in die Regelklassen integriert. Gibt es erste Befunde?

Weltweit ist die Integration bestens erforscht. Sie bringt durchwegs positive Ergebnisse. Hierzulande ist man von Kanton zu Kanton sehr unterschiedlich weit. Es ist schwierig, etwas Allgemeines zu sagen. Teilweise gibt es unvernünftige Versuche.

Woran denken Sie?

Man spricht von der «integrativen Sonderschulung». Das heisst, ein Kind, das früher in die Sonderschule ging, darf in die Regelschule. Für einige Stunden kommt eine Heilpädagogin. Das läuft so ab: Wenn die Pädagogin da ist, darf das Kind rein, und wenn sie nicht da ist, darf es nicht rein. Oder die Lehrerin sagt zur Heilpädagogin: «Geh mal mit dem Lukas raus, und übe mit ihm dieses und jenes.» Das hat mit Integration nichts zu tun. Das Kind wird wieder stigmatisiert. Wahre Integration kommt allen zugute, nicht nur den Behinderten.

Inwiefern?

Wenn wir etwas neu lernen und das jemandem erzählen wollen, merken wir oft: «Oh, im Kopf ist es mir klar, aber ich kann es nicht weitergeben.» Die Kinder arbeiten nun in Gruppen, und der gute Schüler muss das Gelernte einem ehemaligen Sonderschüler erklären. Wie war das nun genau? Er muss die Sache selbst erst total verstanden haben. Das festigt sein Wissen.

Mir fällt auf, wie brav die meisten Kinder sind: Sie müssen im Bus stillsitzen und ruhig sein, im Café ruhig sein, im Coop, selbst auf dem Spielplatz gibt es Mütter, die rufen: «Nicht so laut!» Ist ein Kind normal wild und normal laut, schaut man komisch.

Das ist so. Heute meint man, weil es gewisse Restriktionen von früher – den Stock in der Schule – nicht mehr gibt, hätten die Kinder alle Freiheiten. Das stimmt nicht. Sehen Sie bloss, wie wir Freiplätze zubetonieren. Die Kinder können nichts mehr aufbuddeln. Wir konnten noch auf der Strasse Wassergräben absperren und Überschwemmungen machen. Wo geht das noch? Das Wasser versickert im Gully, und weg ist es. Unsere moderne Welt ist kinderfeindlich. Schon Anfang der neunziger Jahre gab es Studien, wonach ein Grundschulkind in der Woche mehr Stunden fernguckt, als es in der Schule sitzt. Und dass von dem, was es sieht, mehr als 80 Prozent Gewalt ist. Ich bin kein Fernsehgegner, aber suchen Sie mal im Fernsehen etwas, wos nicht gerade brennt, wo nicht Autos kollidieren oder sonst wie Gewalt angewendet wird.

Kommentare

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  • Johann Kellerer
  • 27.04.12 | 15:25 Uhr

Wegen der folgenden zwei Geschehnisse kann ich Herrn Feuser nur zustimmen:
a) Auszug aus einem Gespräch mit einer Mutter, die ihrem Kind regelmäßig Ritalin verabreicht:
ich: "Aber ist das wegen der Nebenwirkungen nicht gefährlich?"
sie zuckt die Schultern und meint: "Hauptsache er ist ruhig!"
b) Gefahr für die gesamte Gesellschaft geht nicht nur von Ritalin, sondern von all diesen Psychodrogen aus. Ich habe im Betrieb einen jungen Mitarbeiter verloren, der von seinem Arzt auf Psychodrogen gesetzt wurde, weil er an Depressionen litt, weil ihn seine Freundin verlassen hatte.

  • Léonie Kunz
  • 27.04.12 | 13:44 Uhr

Wie können Eltern Ihre Kinder unter Drogen setzen? Entsetzlich!! Es gibt einen natürlichen Weg, ich kenne eine Mutter die ihn gegangen ist. Der Junge fing an sich normal zu entwickeln hatte bessere Noten und sogar einen Ausbildungsplatz erhalten, der vorher in Frage stand. Es gibt immer einen Weg, Wer will sucht Wege, wer nicht will sucht ausreden. Natürlich ist es einfacher eine Tabl. zu geben, wird auch noch von der Kasse bezahlt!:-(
Wer will sucht Wege, wer nicht will sucht Ausreden. Ich danke auf jeden Fall Georg Feuser, er spricht aus Erfahrung und das ist wertvoll und mutig!

  • Anita Morf
  • 20.09.10 | 10:51 Uhr

ehrendingen, 20.9.2010

ich finde es eine Anmassung, das jemand, der keine Ahnung hat über das Medikament "Ritalin", solch einen Blödsinn schreibt. Bin selbst Mutter eines 16 jährigen Knaben, der seit 10 Jahren das Medikament in Kombination mit versch. körperlichen Trainings nimmt. Er ist stets unter ärzl. Aufsicht, d.h. ein Arzt, der auch genau weiss, wie man mit Ritalin umgeht. Der Missbrauch mit diesem Medikament findet auf einer ganz anderen Ebene statt. Da sollte man doch mal was schreiben. Ja zu Ritalin heisst nicht, etwas mehr ruhe haben. Es heisst: erkennen und begleiten.

  • Barbara Behnen
  • 09.01.10 | 16:27 Uhr

Auch ich bin Mutter eines Kindes, der ein Kinderarzt Ritalin nahegelegt hat-meine Verweigerung setzte er mit einer Mutter gleich, die einem Diabetiker Insulin verweigert. Stattdessen hat uns geholfen, von einem sehr permissiven Kindergarten hin zu einem liebevoll-strukturierenden zu wechseln. Eine Freundin hat sich jetzt für Ritalin für ihr Kind entschieden. Sie hätte lieber eine Schule gehabt, die ihrem Sohn hilft, seine Qualitäten sieht, z.B. Projektunterricht macht. Gibt es aber nicht. Und in den Schulen, die es gibt, hatte der Sohn einen großen Leidensdruck, den sie nicht ausgehalten hat.

  • Flumi Flumi
  • 10.11.09 | 13:18 Uhr

Bravo Gert! Du bist einer der Wenigen, die wissen was sie schreiben.

Ich bin selbst Vater von ADHS-Kindern und erlebe jeden Tag, was es für sie bedeutet diese Krankheit zu haben. Es ist einfach unglaublich, welcher realitätsfremde Blödsinn hier erzählt wird. Leute, welche Ritalin nur vom Hörensagen kennen und selbst keine eigenen Kinder und schon gar keine ADHS-Kinder haben, sollten sich nicht zu diesem Thema äussern. Ihr redet den betroffenen Eltern ein schlechtes Gewissen ein und verlängert so die Leidenszeit der Kinder.

Mit Ritalin, keine Patienten. Nicht wahr Herr Feuser?

  • f.j.neffe
  • 15.08.09 | 01:06 Uhr

Ach Das Heilt Schon - das bedeutet ADHS in der neuen Ich-kann-Schule. Immer noch mehr neue Krankheisetiketten signalisieren eines mehr als deutlich: die Impotenz derer, die dafür bezahlt werden, die Probleme zu lösen. Als IKS-Lehrer hätte ich nie was gegen Ritalin gehabt - wenn der verordnenden Arzt, der Lehrer des Kindes, die Eltern und alle, die auf Ritalin bestehen, stets dieselbe Dosis zu sich nehmen wie das betroffene Kind. Dann könnten sie endlich mal aus der Praxis mitreden.
1980 schrieb ich nach meiner Diplomarbeit meine sonderpäd. Arbeit über Hyperaktivität und Autosuggestion (eigenen Einfluss). Noch heute ist es grob auffällig, dass sich kein Schwein für den eigenen Einfluss interessiert: das würde ja am fremden Einfluss kratzen, nicht nur am Ritalin.
Dass Dr. Feuser zur Nutzung des eigenen Verstandes auffordert war schon 1980 meine Minimalforderung. Es ist durchaus möglich, die KRÄFTE im Kind so zu behandeln, dass sie sich GUT entfalten. Dafür müssen wir aber PERSÖNLICHKEITEN als Ziel haben und nicht das Unterwerfen unter Unterrichtsabläufe und Einfügen in Schablonen. Diese "Schule", die das Gegenteil von Schule ist, ist ja allein schon mehr als ein Grund Grund, mindestens hyperaktiv zu werden.
Nicht Variation der Leerformen macht die Seele satt - die wir verhungern lassen - sondern wir müssen den Talenten der Seele und des Geistes endlich SINN bieten. Sinn macht satt und ruhig und stark lebendig. Herzlich grüßt
Franz Josef Neffe

  • gert
  • 17.07.09 | 17:14 Uhr

"Es macht Menschen aufnahmefähiger und dadurch lernbereiter,und dadurch intelligenter." ---> "Deshalb gehören diese Medikamente so schnell wie möglich --verboten--! "
Ja, weil sonst verlieren ja all die Sozialarbeiter, Homäopathen, Scientology-Handlanger und alle anderen die sich fett und dumm an uns ADHS-Kindern verdienen, ihren Job.

  • eidgenosse
  • 04.07.09 | 17:37 Uhr

eineindeutig beschrieben mäx!!!!
dieses axiom kann zig-weitere "ich nehm den einfacheren, bequemeren weg" ausgedehnt werden;versteckte bevorteilung ohne persönlich verantwortung zu übernehmen (alle machen es ja so)!!!!

  • Mäx888
  • 02.07.09 | 22:45 Uhr

Für alle die heute noch keine Pille hatten:
1. Doping
2. Leistungsdruck
3. NEIN

  • Mäx888
  • 02.07.09 | 22:44 Uhr

Ein Beispiel, das meine Sorgen versändlich machen soll:
Peter läuft 100m in 20 Sekunden, der Durchschnitt liegt aber bei 16 Sekunden.Die Eltern werden zu einem Arzt geschickt.Der stellt die Diagnose: MSDS,MuskelStimulierunsDefizitSyndrom(klingt gut oder???)
Es gibt aber Hilfe.Das Medikament Muskalin, das hilft mit etwas Adrenalin aus.
Peter läuft die 100m jetzt in 15sec, das stärkt sein Selbstbewustsein,er fühlt sich gut.Die anderen akzeptieren ihn jetzt besser, denn er gehört zum Durchschnitt.Super, Patient geheilt,es hilft.
Sein Freund Jan lief die 100m immer in 15,5sec und sollte eigentlich zu einem Talenttrainingslager,auf das sich sehr gefreut hat.Nun geht aber Peter für ihn dahin, da er ja besser ist.Jan will nun auch das Muskalin und kriegt es auch, weil der Durchschnittswert sich durch die vermehrte Einnahme auf 15sec reduziert hat.
Und jetzt 3 Fragen:
1.Wie nennt man das Verhalten von Peter?
2.Wie nennt man das Verhalten von Jan?
3.Muss jedes Kind unbedingt das Durchschnittsmaß erreichen?
Bitte mal drüber nachdenken

  • Mäx888
  • 02.07.09 | 22:41 Uhr

Ich möchte nochmal betonen, dass ADHS eine konstruierte Krankheit ist, die dazu dient ein Medikament zu verkaufen.Augen auf, dann sieht man es auch.Dass es wirkt, möchte ich nicht bestreiten.Es macht Menschen aufnahmefähiger und dadurch lernbereiter,und dadurch intelligenter.Eine Krankheit liegt aber nicht vor, nur ein Defizit(so heißt es ja auch).Wenn man dieses Defizit medikametös behebt ist das Doping.Und hier liegt dann das gesellschaftliche Problem, denn wer nicht mitmacht fällt durch.Der Druck auf viele Eltern und auch Erwachsene,dieses Medikament zu nehmen,nimmt zu.Deshalb gehören diese Medikamente so schnell wie möglich --verboten--! Notfalls müssen in Schulen auch Dopingtests durchgeführt werden.

  • Morgentau
  • 02.07.09 | 19:06 Uhr

Ich finde den Artikel hervorragend!

Es gibt x Möglichkeiten, die Symptome, die heute mit ADHS bezeichnet werden, an ihrer Wurzel zu behandeln - eine Wurzel, die sehr verschieden sein kann von Fall zu Fall. Man braucht dazu ein Kind nicht unter Drogen zu setzen.

Klar, dass einige Kinder und auch Erwachsene mit dieser Droge Erleichterung erfahren - das erlebt man ja auch, wenn man Schmerzmittel nimmt. Es ist aber niemals eine Behandlung!

Als Referenz für den Nutzen eines Medikamentes auf vom Hersteller gesponserte Aussagen zu verweisen, scheint mir nicht sehr aussgekräftig - schliesslich will dieser ja sein Medi verkaufen. S. dazu auch die ZDF-Sendung "Das Pharmakartell"...

@giordano: Prof. Feuser stellt das Down-Syndrom nicht als soziale Konstruktion dar. Er sagt, dass diese Menschen viel grössere Möglichkeiten haben, als wir sie ihnen aufgrund ihres Aussehens und der damit verbundenen Stigmatisierung als Geisteskranke (was sie nicht sind) normalerweise geben.

Einen grossen Dank an Prof. Feuser, dass er die Dinge beim Namen nennt!

  • gert
  • 02.07.09 | 15:19 Uhr

Ich nehme seit 15 Jahren Ritalin, und bin sehr froh darüber.
Wenn es so wäre, dass unsere moderne Welt das Problem erst schafft, wie kommt es dann, das in Entwicklungsländern genau soviele Menschen unter ADHS leiden wie bei uns?
Und das Ritalin die Wahrscheinlichkeit einer Parkinson-Erkrankung erhöht, ist alles Andere als bewiesen. Und selbst wenn: Lieber Parkinson im Alter, als ADHS das ganze Leben. Ich brauche keine inkompetente Esoterikgurus die mir erklären, was gut für mich ist.

  • giordano
  • 02.07.09 | 15:06 Uhr

@eidgenosse
"ihre Aussage empfand ich als vergleichbar selbstsüchtig nach dem Motto, Hauptsache der Nutzen ist da; der Preis spiele eben keine Rolle; tja auch eine Sichtweise."

Das war wohl ein Missverständnis. Es ist immer eine Frage des Kosen-Nutzen-Verhältnis. Da stimmen Sie wohl mit mir überein.

@alle
Noch eine Bemerkung zur Grundhaltung von Professor Feuser. Aus seinem Kommentar zu einer seiner Vorlesungen ist zu entnehmen:
"Das Down-Syndrom ist wohl einer der bekanntesten - und vielleicht gerade auch deshalb sehr vorurteilsbelasteten -
Anlässe der Stigmatisierung und damit der „Be”-Hinderung von Menschen in ihrer Entwicklung."
http://www.feuser.uni-bremen.de/lehre/Kom%20Vor%20S%2004%20alle.pdf

Wenn für Professor Feuser bereits das Down-Syndrom eine soziale Konstruktion ist, wie würden die Kommentare hier lauten, wenn im Interview nicht das Thema ADHS sondern Trisomie 21 besprochen wäre?

  • eidgenosse
  • 02.07.09 | 13:51 Uhr

@giordano

ich meine damit;dass die Finanzleute "vielleicht" auch von einem Risiko wussten, aber der Nutzen in Form von persönlicher Bereicherung Vorrang erhielt.

ihre Aussage empfand ich als vergleichbar selbstsüchtig nach dem Motto, Hauptsache der Nutzen ist da;der Preis spiele eben keine Rolle;tja auch eine Sichtweise.

Angewiesen sein auf Hilfe kann jeden treffen;richtig - nur stelle ich in Frage ob die angebotene Hilfe die richtige ist! nicht die Hilfe per se....

@odobenus
ich verstehe ihren letzten satz nun nicht als unterstellung.
ja, das perfekte erziehnungsmodell fehlt, aber die einstellung zur erziehung kann auf verschiedenen werten beruhen.
gewaltätige Erziehung ist wie antiautoritäre sicherlich nicht der Weg, aber der chemische Weg scheint mir auch nicht der Weisheit letzter Schluss

  • giordano
  • 02.07.09 | 12:18 Uhr

@eidgenosse
"was halten Sie von den Finanzkrise und deren Ursachen (Risiko- und Nutzenbetrachtung) ?"

Ich verstehe ihren Einwand nicht. Irgendwann in ihrem Leben werden sie auf Medikamente angewiesen sein (z.B. blutdrucksenkende Mittel, Antibiotika, Analgetika). Diese birgen alle Risiken, aber auch enormen Nutzen. Oder glauben Sie, dass es Mittel gibt, die keine Nebenwirkungen besitzen? Die Pharmako-Überwachung ist sicher seriöser als das Riskmanagement der Finanzwelt.
Ich verstehe nicht, was Ihr Einwand ist gegen den Wiki-Eintrag über Feuser. Ist er falsch? Im Beitrag steht ja nur, was seine Grundhaltung ist, die ja auch im Interview in Erscheinung tritt. Wenn Sie kommentieren, dann bitte ich Sie doch, sich klarer auszudrücken.

  • odobenus
  • 02.07.09 | 11:55 Uhr

@Eidgenosse

"ich kann mir den eindruck nicht verwehren, dass wir damit die Kinder nach unseren Vorstellungen domestizieren wollen...."

Darauf zielt Gewaltgegen Kinder stets ab. Unterwerfung und Lustgewinn durch Unterdrückung seitens des Unterdrückers. Ob physische oder chemische Folter ist dabei sekundär. Eltern, die als es noch legal oder zumindestens gedultet war, die Kinder geschlagen haben, verteidigten ihre Verbrechen auch stets mit dem Kindeswohl.

  • eidgenosse
  • 02.07.09 | 10:57 Uhr

@giordano
"Vielleicht gibt es Risiken, aber die nimmt man in Kauf, wenn der Nutzen erheblich ist. "

was halten Sie von den Finanzkrise und deren Ursachen (Risiko- und Nutzenbetrachtung) ?

stimmt Wiki ist die absolute Wissensquelle.......

  • eidgenosse
  • 02.07.09 | 10:52 Uhr

fortsetzung

ich kann mir den eindruck nicht verwehren, dass wir damit die Kinder nach unseren Vorstellungen domestizieren wollen....

  • eidgenosse
  • 02.07.09 | 10:49 Uhr

@hugelgupf_
6 Jahre im Vergleich zu 52 Jahren ist effektiv ein nicht gewichtiger Zeitraum;dafür aber die zugehörige Wissenentwichlung der Medizin. In dem Sinn, dass wenn Sie ihre Aussage auf andere medizinische Entwicklungen übertragen wie Herzchirurgie, Krebsbehandlungen, da sind massgebende Erkenntnisse dank Forschung (=Wissensentwicklung) in den letzten 6 Jahren erzielt worden. Und ein Fakt ist unumstösslich aus dem Artikel zu erkennen: Symptombekämpfung ist das eine aber die Ursachenbeseitigung das andere!!!!
Zudem möchte ich auch erwähnen, wenn sie schon mit dem absolut gesicherten Wissen der Medizin im Vergleich zum befragten Pädagogen kommen, Ihr Bericht ist ein empirischer (Erfahrung beruhend;die haben auch nicht wissenschaftl. Menschen) Bericht von Psychiatern!!!!!!!!!!!!!!!!!

http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2009-26/artikel-2009-26-georg-feuser.html - und damit Sie Ihre Aussage nochmals überdenken können;denn der Herr UNWISSEND - ist und bleibt nach seinem Medizinstudium und seiner 30-jährigen Praxisarbeit ARTZ!!!!
ach ja, noch was - warum habe ich kein Ritalin erhalten, da schon seit 50 Jahren erhältlich - war auch so ein Zappelfilip, der nach (leider gut) getaner Arbeit alle störte.....

mich würde interessieren was von Tieren (nicht Haustiere) halten, wenn Sie sie in der Wildnis (Wille/Verhalten) sehen und im Zoo ?

P.S: die beiden letzten Aussagen von odobenus + Mäx88 erfassen die thematik des Artikel korrekt!

  • giordano
  • 02.07.09 | 10:42 Uhr

@eidgenosse
Ritalin wird bereits seit 50 Jahren verabreicht. Wenn Ritalin wirklich eine Gefahr wäre, dann hätte wohl irgend ein findiger amerikanischer Anwalt mit einer Sammelanklage schon Millionen einkassiert. Vielleicht gibt es Risiken, aber die nimmt man in Kauf, wenn der Nutzen erheblich ist. Professor Feuser bekundet Mühe mit der medizinischen Terminologie. So stört ihn, dass die Diagnostik für Ritalin rein merkmalsbezogen ist. Das ist die Natur der Diagnostik, dass sie versucht, aus Phänomenen eine Krankheit zuzuordnen. Weiterhin erwähnt er eine Studie, in der das Placebo ebenfalls den Dopaminstoffwechsel verändert. Aber genau das ist die Definition des Placebos.
Ich habe mich gefragt, auf welcher Basis Professor Feuser argumentiert. In Wiki steht folgendes dazu:
"Feusers Theorien fußen auf einem konstruktivistischen Verständnis von der Entwicklung des Menschen. Auf Grundlage des Konstruktivismus entlarvt er das Konzept von geistiger Behinderung als soziale Konstruktion und übt radikale Kritik am bestehenden Schulsystem."

Nun, es ist schön zu wissen, dass die Weltwoche auch Professoren ein Podium ermöglichen, die nicht der rational-kritischen Linie dieser Publikation folgen. Leider hat Frau Niederberger es versäumt, die Hauptmotivation des Professors zu ergründen. Ich habe auch den Eindruck, dass die Interviewerin von der Materie keine Ahnung hat. Eine bessere Vorbereitung hätte wohl ein besseres Interview ergeben.

  • odobenus
  • 02.07.09 | 07:42 Uhr

Freilich kann die Psychiatrie jeden Irrsinn in Form kompakter Diagnosen behaupten. Spätestens seit Gerd Postels Karriere in der deutschen Psychiatrie dürfte klar sein, wie sie funktioniert.

Verhalten, das als störend empfunden wird, soll beseitigt werden. Als es noch üblich war sadistischen Eltern die Gewalt gegen Kinder selbst übernehmen zu lassen, da man für das simple verdreschen keine Hilfsmittel bis auf zu Folterwerkzeugen zweckentfremdete Haushaltsgegenstände braucht, ist die moderne Gewalt von Eltern (oder auch Lehrern) gegen Kinder komplexer.

Heute bedarf es der Psychiatrie zur Folter von Kindern wie in der Vergangenheit auch die Psychiatrie notwendig war, um Erwachsene von ihren Rechten zu befreien. Die moderne Gesellschaft lässt Gewalt nur noch in professionalisierter Form, die gerne medizinisch verbrämt wird, zu.

Kinder haben Rechte insbesondere auch auf ein Leben ohne aufgezwungene Drogen und daraus folgende Schäden.

  • Mäx888
  • 02.07.09 | 00:02 Uhr

Herr Professor Feuser spricht mir aus der Seele, ich sollte meinem Kind auch Ritalin geben und habe mich dagegen gewehrt.
Das Diagnosevervahren ist ein Witz.Da werden Verhaltensweisen in einem Fragebogen abgehakt die vom Arzt noch nicht mal überprüft werden.Wenn am Ende genug übereinstimmt dann hat man ADS, und wenn noch ein paar andere Dinge zutreffen dann hat man sogar ADHS. Das ist wie ein Partnerschaftstest in der Bunten, mal sehen wieviel Punkte man hat, und dann weis man was für ein Typ dass man ist.Eine ärztliche Untersuchung findet -nicht- statt!!Nur eine psychologische, und da kann ein Sonderpädagoge auch mithalten.Es liegt ja auch keine nachweisbare biologische Fehlfunktion vor! Ein Jugendpsychologe ist ja sogar noch befangen,kein ADS,kein Geld.Über 90% aller Kunden sind ADSler.Ein sicherer Job,ein Tablettenabo.
Übgrigens stuft Herr Professor Feuser alle ADSler als gesund ein.Ich habe noch nie gesehen, das sich jemand so dagegen gewehrt hat gesund zu sein.An der Droge muss doch was dran sein.Denn scheinbar haben die ADSler Angst, sie nicht mehr bezahlt zu bekommen, oder sie sich sogar illegal aus dem Ausland besorgen zu müssen.Das ist dann schon wieder krank, suchtkrank!!!

  • hugelgupf_
  • 01.07.09 | 23:36 Uhr

@eidgenosse Seit 1957 ist Ritalin auf dem Markt. Machen 6 Jahre da einen riesigen Unterschied aus? Noch dazu ist das hier ein Pädagoge - also KEIN Arzt. Pädagogen haben ausdrücklich kein Medizin-Studium hinter sich - im Gegensatz zu ÄRZTEN.

  • eidgenosse
  • 01.07.09 | 15:35 Uhr

werte nila

die Betroffenen im Alltag sind im Interview grundsätzlich Kinder;das sind selbstverständlich auch Menschen.
Aber ich bezweifle, dass Kinder und Erwachsene die gleichen Probleme haben als Betroffene!

Eltern müssen für die Kinder entscheiden, was das Beste sei. Guter Rat ist da gefragt!
Es kommt mir fast vor, wie wenn man einem unter Depression leidenden Menschen die Droge gibt, die bei ihm wirkt ohne Rücksicht auf Verluste und die Ursache nicht angehen will!!! Hauptsache er gibt Ruhe und das Problem aus den Augen;bis zur nächsten Pille!!!
das kann es nicht sein.....

  • Nila
  • 01.07.09 | 14:22 Uhr

Es gibt sicher viele Kinder, welche sich über mehr Zuwendung und eine weniger hektische Welt freuen würden.
Während aber Ritalin vielen Adhs-Betroffenen wirklich hilft, erkenne ich in dem Interview mit Georg Feuser eher Schuldzuweisungen und Fehlinterpretationen, als brauchbare Lösungsansätze.
Bezüglich der Ursachen, des aktuellen Forschungsstands oder den Einsatz von Medikamenten bei Adhs, sollte man wohl lieber einen Arzt fragen, als einen Sonderpädagogen.
Und wenn man wissen möchte, was Betroffenen im Alltag hilft oder was überhaupt deren Probleme sind, so wäre es wohl angebracht, Menschen zu fragen, die tatsächlich mit Adhs leben.

  • eidgenosse
  • 01.07.09 | 13:18 Uhr

@hugelgupf_
1. Jahr der bisher vorliegenden wissensch. Befunde = 2003 aus deinem Link
interview WW aus dem Jahr 2009 beinhaltet die (fehlenden) Erkenntnisse aus weiteren 6 Jahren Forschung, d.h. es liegen eben noch keine gesicherten Ergebnisse zu LANGZEITfolgen vor!!
2. der Artikel verteufelt das Ritalin nicht per se;sondern hinterfragt tiefergehend wie z.B. zu welchen Preis ist das Kind (und nich ein Erwachsener mündiger Mensch) ruhig "geworden"

@pucki
ich bedaure ihre Betroffenheit. Jeder der eine Beeinträchtigung/Schwächung etc. erfährt, sieht die Dinge aus einer ganz anderen Sicht als Unbetroffene.
Dieser Umstand sollte Sie jedoch nicht dazu verleiten, andere bei der Diskussion auszuschliessen, evtl. haben diese Menschen auch Ideen wie konstruktiv geholfen werden kann....
denn wenn man ihre Aussage zuende denkt, dann:
- dürften frauen, die nicht selber Dienst leisten, nichts zur Armee sagen
- dürften männer nie etwas zur Geburt (Abtreibung, Eherecht, etc.) sagen
- dürften politisch inaktive menschen (Nicht Mitglied einer Partei) nicht über Politik diskutieren
- etc.

  • Pucki
  • 01.07.09 | 09:41 Uhr

Was haben wir armen ADSler eigentlich verbrochen, dass wir immer wieder so angegriffen werden. Es ist klar, dass ein solcher Bericht nur von einer Person verfasst werden kann, der kein ADS hat und auch nicht Tag für Tag mit ADS-Kinder zusammenlebt. Ich hatte das grosse Glück in einer intakten liebevollen aber strengen Familie aufzuwachsen. Der grösste Teil unsere Freizeit habe wir mit Spielen im Freien verbracht. Ich hatte gute Lehrer und trotztdem habe ich bereits mit 10 Jahren gemerkt, das ich anderes bin. Ich habe mich immer wieder gefragt warum ich so blöde Flüchtigkeitsfehler mache und warum ich obwohl ich mir mühe gegeben habe nicht besser wurde.
Obwohl ich die Schule gut abgeschlossen habe und in meinem Beruf sehr gute Leistungen erbrachte, hatte ich doch im Alltag viele Schwierikeiten. Da ich für Alltagbewältigung sehr viel Energie aufwenden musste kam es bald einmal zu einer Erschöpfungsdepression bei welcher die vorgenomme Behandlung nicht wirklich half. Erst mit 40 Jahren habe ich die Diagnose ADS erhalten. 1 Jahr habe ich es dann mit alternativen Methoden wie Homöopatie und Kinesiologie versucht. Aber es half nur beschränkt. Dann versuchte ich Ritalin und nur wer das selber erlebt hat, kann verstehen, dass dieses Medikament für mich wie ein Wundermittel war. Endlich konnte ich mein Potential auschschöpfen und endlich die sein, die ich im inneren schon immer wahrgenommen habe. Deshalb sollten an diesem Thema nur Menschen mitreden die ADS aus Erfahrung kennen.

  • hugelgupf_
  • 30.06.09 | 15:59 Uhr

"Indem man ärgerlich wird, das vitale Wesen des Kindes nur als Erschwernis sieht."

Was ist mit Cholerik? Wie sollen Eltern das schaffen? Eltern sind meist keine Psychologen oder Pädagogen, sie sind normale Menschen.

MPH kann ausdrücklich _kein_ Parkinson auslösen. Das wurde auch schon belegt.

http://www.psychiatrie-aktuell.de/content/backgrounders/psychiatrie-aktuell.de/03020080.pdf

"Bislang wurde bei sachgemäßer Anwendung von keinen schwerwiegenden Nebenwirkungen berichtet."

"Durch diese Mutmaßungen, die [...] durch die bisher vorliegenden wissenschaftlichen Befundenicht gerechtfertigt sind [...]"

"Tierexperimente UND klinische Studien lassen dagegen den Schluss zu, dass die Gefahr, nach einer MPH-Therapie im Kindes- und Jugendalter in späteren Jahren am Parkinson-Syndrom zu erkranken, mit höchster Wahrscheinlichkeit als nicht gegeben angesehen werden kann"

Achja, eines noch...

"Obwohl mittlerweile sorgfältige Studien vorliegen, die zeigen, dass eine Therapie mit MPH die Gefahr eines späteren Substanzmissbrauchs bei Kindern mit ADHS eher VERRINGERT, wird von manchen Medienorganen und von bestimmten Gruppen im Internet die Therapie mit Stimulanzien OHNE WAHREN GRUND regelrecht verteufelt."

Weitere Quellen:
http://www.adhs-zentrum.de/Stellungnahmen/Parkinson_durch_Methylphenidat.php<

  • eidgenosse
  • 25.06.09 | 12:13 Uhr

danke für das aufklärende interview; auch hier wieder: zuerst bei sich selber (eltern) reinen tisch machen und den hebel ansetzen => eigenverantwortung

 
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