Ich setze den Fall, nicht Couchepin, sondern Bundesrat Leuenberger wäre zurückgetreten und die Deutschschweizer hätten gesagt, er müsse durch einen Deutsch- und ja nicht etwa durch einen Welschschweizer ersetzt werden. Sicher hätte da irgendjemand von der Antirassismuskommission des Bundes vor dem unterschwelligen Rassismus in solchen Worten gewarnt. Aber da die Forderung von einer ethnischen Minderheit käme, hätte die Kommission alle drei Augen (auch ihr ohnehin immer geschlossenes der Weisheit) zugetan.
Alemannische Stämme
Sind denn die Welschen eine Ethnie? Wenn man davon ausgeht, dass der Begriff auf eine Gemeinschaft von Kultur, Sprache, Geschichte und Territorium abzielt, kann man ihn hier durchaus verwenden. Eigentlich pflegt man auch eine gewisse Solidarität mit einzuschliessen. Aber da erinnere ich mich an eine Pressekonferenz der Separatisten von Genève libre in den achtziger Jahren, die darauf aufmerksam gemacht wurden, dass die Waadtländer sich in der Schweiz recht wohl fühlten.
«Aber mein Herr», war die Antwort, «die Waadtländer sind keine Romands, sondern ein alemannischer Stamm, der französisch spricht.» Selbst wenn es dafür historische Anknüpfungspunkte gäbe, dürfte das auch in der Welschschweiz eine minoritäre Ansicht sein.
Spass beiseite: Es ist die Besonderheit der Schweiz, auf die man zu Recht stolz ist, dass drei Ethnien, eine deutsche, eine französische und eine italienische, hinter den Kantonen die konstitutiven Elemente des Staates sind und friedlich zusammenleben. Das geschieht nicht so sehr aus Liebe zueinander, sondern weil eine jede von ihnen diese Allianz einer Einverleibung ins eigene sprachliche Hinterland vorzieht. Es ist eine Zweckehe. Und in dieser kommt es auch immer wieder zu Reibereien. Eine solche erleben wir gerade wieder beim Thema der Couchepin-Nachfolge.
Elemente der Schweiz
«Muss es denn wirklich wieder ein Romand oder ein Italienischschweizer (auch in Graubünden und nicht nur im Tessin gibt es solche) sein?», kann man fragen hören. Ja, wird die Antwort lauten. Man weiss, dass es sich hier um mehr als eine gerade gültige politische Korrektheit handelt und dass es auch nicht möglich wäre, sehr bald, bei der nächsten Vakanz, einen Bruch des Prinzips zu korrigieren. Die Tatsache, dass man in den obersten Gremien der Eidgenossenschaft die sprachlichen Minderheiten gleichberechtigt integriert hat, gehört zu den identitätsstiftenden Elementen der Schweiz. Denn sie sorgt auch dafür, dass die doch deutlich unterschiedlichen Vorstellungen der Landesteile (man kann das jeden Tag in den drei Medienkulturen bestätigt finden) nicht ständig und destabilisierend aufeinanderprallen, sondern immer wieder ausgeglichen werden können. Ein grundsätzliches Abweichen vom herkömmlichen Ritual würde die Kohäsion des Landes allzu stark belasten.
Wenn die sprachliche Zusammensetzung des Bundesrats dennoch thematisiert wird, hat das verschiedene Ursachen. Man stellt die Frage, entweder weil durch diese Spielregel eine Persönlichkeit von der Wahl ferngehalten wird, die sich sonst eigentlich aufdrängen würde. Das ist diesmal wirklich nicht der Fall. Oder, und das ist heute und normalerweise so, weil sich niemand, eben auch niemand mit dem «richtigen» Zungenschlag, aufdrängt.
Dazu kommt dann noch, dass man in der für die Medien (und die Leser) grausam langen Zeit bis zur Wahl ständig für Betriebsamkeit sorgen muss. Denn die Medien sind schon lange nicht mehr die Hüter und Garanten der Demokratie, als welche sie sich so gerne sehen, sondern, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, ein Teil der einheimischen Unterhaltungsindustrie.
Was sagen uns Meinungsumfragen?
Zu dieser gehören auch die Meinungsumfragen. Sie sind in aller Regel trivial und zum raschen Vergessen bestimmt. Wir werden allerdings bis im Herbst davon noch einige zu erdulden haben. Zu unserem Thema hat eben eine davon entdeckt, dass die Deutschschweizer «nur noch» zu 32 Prozent der Ansicht sind, der Couchepin-Nachfolger müsse notwendigerweise aus der französischen oder italienischen Schweiz stammen. Na und? Er wird ja nicht vom Volk beziehungsweise von einer angeblich repräsentativen Auswahl von mehrheitlich an Wahlen gar nicht interessierten Schweizern gewählt, sondern von 246 einigermassen repräsentativ gewählten Vertretern dieses Volkes.
Und vor allem steht die Sprachenfrage auch gar nicht im Vordergrund. Sie ist Anhang zu einer Diskussion über personelle Präferenzen. Ich möchte wetten, dass eine Verfassungsvorlage, die den ungeschriebenen Sprachenproporz abschaffen wollte – was formal nicht einfach wäre –, klar scheitern müsste. Dann würden nämlich die Vor- und die Nachteile des heutigen Systems breit und eingehend diskutiert. Die Bundesversammlung und die Parteien würden die Beibehaltung des Status quo empfehlen, und die Stimmbürger würden dem und der eigenen Vorsicht beim Herumbasteln an der Staatsstruktur folgen.
Sollte die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus dann dennoch für die Abschaffung plädieren, würden die Bürger nur umso überzeugter diesen helvetischen Rassismus verteidigen.
Weil es ihn hier braucht.

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