Stil & Kultur

Die Heuschrecke

Von Daniele Muscionico

Wäre Meryl Streep eine Pflanze, sie wäre ein Hartlaubgewächs. Vom physiognomischen Gesichtspunkt aus gesehen. Hartlaubgewächse zeichnen sich aus durch bescheidene Ansprüche und durch bescheidene Anziehungskraft. Sie besitzen kleine, oft lederige Blätter, und damit sind sie ungemein zäh.

Sclerophyllous Streep wird am 22. Juni sechzig Jahre alt. Und räkelt sich auf diesem Bild für den Film «Adaptation» wie eine Mädchenblüte, die Beine bloss, das Haar offen. Vier Jahre später kam es noch dicker: Im Abba-Musical «Mamma Mia!» ist sie die Hippie-Mutter und Dancing Queen, und kein Latzhosenträger bleibt auf der dafür vorgesehenen Stelle, wenn sie einmal loslegt. Wenn immer sich auf der griechischen Insel ein morscher Fensterladen öffnet, verschafft sich Mamma Meryl singenderweise Luft.

Meryl Streep wird sechzig Jahre alt und war, so scheint es, noch nie so jung wie heute. Denn als sie jung hätte sein sollen, fiel an ihr nur eines auf: Sie war die Frau mit der falschen Nase und den Pfunden hinten zu viel, die ihr vorne fehlten. Meryl Streep besass das mimische Vokabular einer Heuschrecke und beschränkte sich auf die Darstellung kalter Charaktere. Sie galt als Prototyp der seelenlosen Schauspielermaschine, die mit Technik wettmacht, was sie an Emotion darzustellen nicht fähig ist. Die Streep besass, als sie jung war, die Aura einer Cheerleaderin und den Glamour von Bittergemüse.

Heute gehört sie zu den teuersten und umsatzstärksten Schauspielerinnen, hat die meisten Oscar-Nominationen (15) aller Zeiten und eine Karriere, die besser ist als jene von Bette Davis. Viel besser sogar: Als Davis in ihrem Alter war, spielte sie unzurechnungsfähige Frauen in zweitklassigen Filmen. Die Streep war im Sommer 2007 die treibende Kraft bei ganzen zwei Blockbustern, «The Devil Wears Prada» und «Mamma Mia!». Im Alter von 58 Jahren brach sie alle Kassenrekorde und zog sogar an ihren männlichen Kollegen vorbei, Al Pacino, Robert de Niro, Dustin Hoffman und selbst Jack Nicholson. Streeps Transformation vom Kassengift zum Kassenmagneten ist filmreif.

Und es passt ins Bild einer spät Erwachten, dass sie über eine Sache während des Drehs zu «Mamma Mia!» mit sich ganz besonders zufrieden ist. Meryl riss – ohne vorherige Absprache Pierce Brosnan vor laufender Kamera das Hemd vom Leib. Ihre Erklärung: «Ich hatte das Gefühl, dass ich das für ganz Amerika tue, für alle Frauen!» Danke, Meryl Streep! Und Happy Birthday!

Kommentare

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  • Miggu,dasKnechtli
  • 23.06.09 | 10:24 Uhr

Von Heuschrecken, Kopfläusen, Maden, Gelbsucht, Nicht-Lesern, Nicht-Genies und süssen Vögeln ist in der Abteilung "Stil & Kultur" der aktuellen Ausgabe die Rede. Ist das der Beginn einer Sezession?

 
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