Eigentlich hätten die Zeitungen am vergangenen Wochenende titeln können: «Bravo! Deltenres Karrieresprung zur EBU-Generaldirektorin!» Die oberste Dienstherrin des Schweizer Fernsehens hätte eine solche Schlagzeile wohl am liebsten gelesen. Stattdessen geriet sie unter ein programmatisches Dauerfeuer: «Ingrid Deltenre rausgeekelt!» – «Deltenre gibt auf!» – «Am Schluss waren alle gegen sie!» — «Deltenre blieb unfassbar!» — «Dass sie geht, ist gut für uns alle!» – «Jetzt muss das SF-Programm wieder besser werden!» et cetera.
Mit dem Lärm eines Düsenmotors werden derzeit ihre Fehlleistungen aufgezählt, jedoch nur mit der Fahrradklingel wird auf ihr positives Schaffen hingewiesen. Die Primadonna des helvetischen Glotzariums sollte entzaubert werden. Sie hielt zwar tapfer dagegen, von wegen «Am Schluss waren alle gegen sie!». In der Sonntagszeitung zählte sie auf: «Ich habe mehr als hundert E-Mails von Mitarbeitern erhalten, die enttäuscht und schockiert sind, dass ich gehe.» Es nützt nichts. Weil sich schon immer – und das mit konstanter Boshaftigkeit — die Printmedien-Sheriffs auf den Abgang eines jeden TV-Programmchefs eingeschossen haben.
Mein televisionäres Langzeitgedächtnis erinnert mich an den ersten Programmdirektor und Fernsehpionier Dr. Guido Frei. Bei seiner Amtsabgabe anno 1979 wurde er demontiert, er habe ein Wiener Würstchen im Rückgrat, er sei ein Schöngeist am falschen Platz gewesen und habe aus dem Leutschenbach eine Schwatzbude gemacht. Ab jetzt könne das Programm nur noch besser werden! 1988, beim Rücktritt seines Nachfolgers Ulrich Kündig, schöpften alle wieder die Hoffnung, dass das Programm wieder besser werde, denn er sei nur ein farbloser, unkreativer Verwalter seines Chefpostens gewesen. 2003 erwischte es in den letzten Direktionstagen auch Peter Schellenberg, einen der erwiesenermassen erfolgreichsten Fernsehdirektoren Europas. Der Sonntagsblick: «Schälli hat mit fast allen Krach!» Die Sonntagszeitung: «Schellenberg verjagt und exkommuniziert alle Nachfolger.» Und der obligate Satz der Prophezeiungen: «Das Programm wird wieder besser!»
Kleinkarierte Seitenhiebe
Der Abschieds-Giftkelch wurde nun der TV-Direktorin Nummer vier, Deltenre (als «Marketingtussi» beleidigt), weitergereicht. Sie hätte wissen müssen: Das Licht in der TV-Direktionsetage wird generell mit dem Hammer ausgemacht. Vor allem Deltenres Fehlentscheide werden unter das Medien-Vergrösserungsglas gehalten. Die Absetzung von «Lüthi und Blanc» und «Quer», die Flops von «Tag und Nacht», «Zart oder Bart» sowie von «Black ’n’ Blond». Du meine Güte! Welch bescheidene Negativbilanz! Es gehört nun mal zum Fernsehalltag, dass man eine Sendung ins Out produziert! Unterhaltungsformate sind immer quotenabhängige Hochrisikospiele. Die Flop-Liste des erfolgreichsten aller Fernseh-Obristen, Helmut Thoma von RTL, enthält ein Vielfaches an abgesendeten Nullprogrammen.
Es liessen sich die meisten Pauschalvorwürfe widerlegen. Dazu reichen die 7500 Zeichen nicht aus. Hier ein klitzekleines Beispiel: Ja, es ist ein Horrorszenario, wenn eine abgesetzte Sendereihe nicht durch eine andere, noch bessere aufgefangen werden kann. Passiert nach «Lüthi und Blanc». Hervorragend gelungen, aber nie (!) thematisiert, war zum Beispiel die Ablösung der Samstagabendshow «Ein roter Teppich für . . .», die nach nur drei Folgen eingestellt wurde. Wenige Monate später füllte die erfolgreiche Nachfolge-Show «Happy Day» das entstandene Programmloch. Ja, noch mehr: Im Bühnenbild des «roten Teppichs» wurden später «Die grössten Schweizer Hits» produziert. Ein gelungener Coup nach dem Motto «Zwei auf einen Streich». Darüber wird aber nicht berichtet. (Diese Feststellung ist als Glotzhilfe für Zapper gedacht.)
Zu den weiteren Verdiensten von Ingrid Deltenre gehören:
- Erfolg an der Werbefront
- renovierte Auftritte aller Sendegefässe
- Service public nicht dröge abzusenden
- Investitionen in die Ausbildung
- Einführung in das digitale Zeitalter
- Programmausbau im Internet
- moderne Präsentation der News-Sendungen
- konstante Marktanteile trotz zunehmendem Konkurrenzdruck
- Forcierung der «Swissness» im Haupt- abendprogramm
- Einkauf hochklassiger US-Serien auf SF zwei
- gelungene neue Eigenproduktionen wie «Eco», «SF bi de Lüt», «Giacobbo/Mül- ler», «Glanz & Gloria», «Kulturplatz», «Die grössten Schweizer Hits» et cetera
- eingeschweizerte, publikumswirksame Übernahmen von «5 gegen 5» über «Deal or No Deal» bis zu «1 gegen 100» und «Musicstar»
- europaweit führendes Multimedia-Angebot
- moderner Auftritt der Marke SF statt DRS
- verstärktes Schweizer Spielfilmangebot
- Aufwertung und Vertiefung von Informationssendungen
- Sondersendungen auf zwei Kanälen à la «Zauberflöte» und «La Traviata»
- und, und, und . . .
Deshalb geniesst Deltenre bei ihren ausländischen Kollegen neidvolle Anerkennung. In keiner anderen Ära hat das Schweizer Fernsehen so viele Preise abgeholt wie in derjenigen unter der Vielgescholtenen. Die Zuschauer sind laut repräsentativen Erhebungen mit der Qualität der Programme mehrheitlich zufrieden. Spätestens jetzt merken Sie, dass auch ich die Leistungen der Fernsehfrau Deltenre zu schätzen weiss. Andere schreiben unterirdische Leserbriefe wie «Diese Frau macht ein mieses Programm» – «Auf diesen Moment haben schon viele gewartet» – «Niemand mag diese Frau» – «Der Posten war eine Nummer zu gross für Deltenre». Woher weiss Katharina aus Bern das so genau?
Charmant und offen
Das Fernsehstudio am Leutschenbach ist keine problemerfüllte Jammerbude. So wenig, wie die abtretende Fernsehdirektorin «unfassbar» (Tages-Anzeiger), «angstverbreitend» (Newsnetz), «kühl und distanziert» (Blick) ist. Es stimmt aber sehr wohl, dass sie den Leuten so entgegentritt, wie sie getreten wird. Ich habe Ingrid Deltenre als charmanten und offenen Menschen kennengelernt, trotz manchen Kritikpunkten, die ich an einigen ihrer SF-Programme aufgeführt habe.
Und wie steht es mit der Blick-Schlagzeile «Am Schluss waren alle gegen Deltenre!» (vergleichbar mit dem Abgesang auf Schellenberg, «Schälli hat am Schluss mit fast allen Krach!»)? Wohl eine Wunschvorstellung all derer, die von der Fernsehdirektorin nicht erhört wurden. Von hauseigenen Mitarbeitern, die es vor die Kamera zieht. Von Beamten der subventionierten Hochkultur, die einen Sendeplatz in der Primetime verlangen, von Politikern und Parteien, die eine bessere Berücksichtigung fordern, von aufgepumpten Übergrössen des Showbiz, die auf längere Sendezeiten pochen. Das Wunschkonzert hört nie auf. Zu 99 Prozent muss die Chefin absagen und enttäuschen, will sie nicht in die Quotenknie gehen. Schuld daran ist der Umstand, dass die SRG ein Quasimonopol ist. Wer bei ihr abblitzt, steht chancenlos auf der Leutschenbach-Strasse. Mit den Jahren kumuliert sich die Zahl brüskierter Feinde. Dann ist ein Abgang das ideale Ventil, um auf die Katastrophenpauke zu hauen.
Ingrid Deltenre wird Generaldirektorin der Europäischen Rundfunkunion (EBU). Dann hat sie wohl einen beneidenswerten Funktionärsjob. Ihr Pflichtenheft ist zu einhundert Prozent erfüllbar. An ihre Stelle tritt nun bei SF ein Nachfolger (oder eine gewichtige Nachfolgerin, die nicht in Sicht ist). Der neue, fünfte Fernsehdirektor muss sich schon bei seinem Amtsantritt darüber im Klaren sein, dass auch er dereinst mit der Brechstange niedergemacht wird: «Er war der falsche Mann am falschen Platz. Jetzt muss das SF-Programm wieder besser werden!» Der immergleiche Abgesang . . .
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