Was ihn wirklich fasziniert? Man hat sich anderthalb Stunden unterhalten in den Wandelgängen des Bundeshauses. Das Gespräch kreiste um die Wirtschaftskrise, Konjunkturpakete, den Niedergang der Linken, gute Bücher, die Familie, den Freisinn und die Frage, ob man angeschlagenen Unternehmen staatsverbürgte Kredite zuhalten dürfe. Gelegentlich wurde die Konversation ruckartig unterbrochen, weil der 57-jährige, schlanke Industrielle mit zahllosen anderen, weniger gut trainierten Abgeordneten, von einem Klingelsignal alarmiert, in den Parlamentssaal stürzte, um an den Abstimmungen des Tages teilzunehmen.
Was also fasziniert ihn? Nationalrat Johann Schneider-Ammann (FDP) denkt eine Zeitlang nach, sein Gesicht verbreitet die perfekte Mischung aus Gefasstheit, Zuversicht und Milde, die bei arrivierten Schweizer Parlamentariern auf bundesrätliche Ambitionen schliessen lässt. «Mich fasziniert die Komplexität, die Vielfalt meiner unterschiedlichen Aufgaben.» Es ist dies einer jener typischen, wohlabgewogenen Schneider-Ammann-Sätze, die einen zustimmungsfähigen Sachverhalt exakt so darlegen, dass er ohne weiteres einleuchtet, ohne allerdings den Absender der Botschaft der Gefahr polarisierender Nebenwirkungen auszusetzen.
Wie einst bei der Swissair
Seine Gegner werfen ihm Gefallsucht und Opportunismus vor. Man wittert hinter der gepflegten Benutzeroberfläche des besonnenen, höflichen, stets um Ausgleich aller Kräfte und Tendenzen bemühten Berners das Kalkül des auf Stimmenfang codierten Mittepolitikers. Einwände dieser Art wischt Schneider-Ammann im Verlauf des Gesprächs mehrfach beiseite wie eine lästige Fliege. Er könne den Vorwurf des Populismus nicht mehr hören. So würden nur Leute reden, die ausserhalb der Arena sitzen und zuschauen. Lieber hält er sich an einen Leitsatz des Ökonomen Keynes, wonach man eben seine Meinung nicht nur ändern dürfe, sondern geradezu müsse, wenn sich die Fakten ändern. Dass der erfolgreiche Maschinenhersteller kein Anhänger der reinen liberalen Lehre ist, weiss man seit den Debatten über die darniederliegende Swissair, die Schneider-Ammann mit Steuergeldern wieder flottmachen wollte, weil er sie «für einen Teil der Verkaufsinfrastruktur der schweizerischen Exportindustrie» hielt. Er selber investierte Millionen. Ungeachtet dessen findet er es heute falsch, wenn die Deutschen Opel mit Staatsgeld sanieren. Auf den Widerspruch hingewiesen, kontert Schneider-Ammann mit einem wissenden Lächeln: «Es mag ja sein, dass man es etwas anders sieht, wenn Firmen mit dem Schweizer Kreuz betroffen sind.»
Das sind ungewohnte Worte für einen der führenden Vertreter der Schweizer Wirtschaft. Schneider-Ammann übernahm vor 25 Jahren den Betrieb seines freisinnigen Schwiegervaters Ulrich Ammann, einen Baumaschinenhersteller, der stark im Export tätig ist und zu den bedeutendsten Unternehmen des Kantons Bern gehört. Der ausgebildete ETH-Ingenieur mit MBA-Abschluss sitzt seit 1999 für den Freisinn im Nationalrat. Sein eigener Vater war Tierarzt und musste sich entsprechend ohne Krankenkassen auf dem freien Markt behaupten, was den Sohn nach eigenem Bekunden stark prägte.
Seit zehn Jahren ist Schneider-Ammann Präsident des einflussreichen Industrieverbands Swissmem, und in dieser Funktion machte er sich kürzlich unbeliebt, als er die Schaffung eines staatlich verbürgten Garantiefonds für Industriekredite forderte. Der delikate Vorschlag zielt ins Herz des Wirtschaftsfreisinns: Der Vorzeigeunternehmer aus Langenthal wurde plötzlich als Etatist beschimpft, weil er es angesichts der Konjunktur für geboten hält, die Kreditversorgung der Exportfirmen notfalls durch staatliche Bürgschaften aufrechtzuerhalten. Feuerschutz erhielt der Vielkritisierte am Wochenende von unerwarteter Seite.
Hans Kaufmann, der bärbeissige Chefökonom der SVP, sonst gar kein Freund staatlicher Annäherungsversuche an die Privatwirtschaft, liess über die Medien ausrichten, dass er die Idee für vernünftig halte. Da andere Länder ihre Unternehmen längst staatlich versorgen, drohe, so Kaufmann, die Schweiz in einen systemischen Engpass zu geraten. «Blanker Unsinn», quittierten Parteifreunde aus bei-den Lagern. Wirtschaftsministerin Leuthard gab sich in ersten Verlautbarungen klar ablehnend.
Sterben in ordnungspolitischer Schönheit
Müssen die von der Konjunktur hart getroffenen Schweizer Exportunternehmen durch ein Sicherheitsnetz staatlicher Bürgschaften im Kreditbereich gestützt werden? Oder wäre es nicht viel besser, sie ungeschützt im Stahlbad zu belassen, auf dass die Starken überleben und die Schwachen sterben oder stärker werden? Schneider-Ammann betont vehement und glaubhaft, dass er keine Industriepolitik à la Frankreich im Sinn habe. Es gehe nicht darum, schlecht geführten Firmen Staatsgelder oder billige Kredite zuführen. Aber man müsse doch einfach sehen: Die Schweizer Industrie beschäftige eine Drittelmillion Angestellte, erwirtschafte zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts und werde jetzt von Markteinbrüchen heimgesucht, die gesunde Firmen mit gesunden Produkten ruinieren können: «Wir dürfen nicht zusehen, wie im Ausland geholfen wird, während wir in ordnungspolitischer Schönheit sterben.» Er hoffe, dass die staatlichen Kreditgarantien gar nicht gebraucht würden, höchstens als imaginäre Gehhilfe, als Stützstrumpf für den äussersten Notfall. Überhaupt, schiebt Schneider-Ammann eine weitere Schneider-Ammann-Formel nach, rede er nicht von einem Garantiefonds, sondern von einem «Überbrückungsfonds», einer Art Pflegestation auf Zeit. Als ob er die Umsetzungsschwierigkeiten beim Reden ahnt, gibt er unumwunden zu: «Ich tue mich wirklich schwer, darüber zu sprechen, es ist eine Gratwanderung, und die Anwendung ist sehr anspruchsvoll. Da suche ich noch.» Hat er Fundamentalzweifel an der Marktwirtschaft bekommen? «Auf keinen Fall, die soziale Marktwirtschaft ist für mich das beste aller schlechten Systeme.»
Der Journalist droht schwach zu werden. Er möchte dem freundlichen Politiker, der sich so viel Mühe gibt, seinen Plan widerspruchsfrei und selbstkritisch auszubreiten, gerne recht geben. Er fühlt das ehrliche Verlangen, den geschilderten Ideen zuzustimmen, ein Wetterleuchten am finsteren Horizont, denn auch er teilt mit dem Industriellen, der deswegen über schlaflose Nächte klagt, die Sorge, dass in einer Konjunkturbaisse, wie wir sie jetzt erleben, selbst gutgeführte, mit hervorragender Technik bestückte, bisher stolz an der Spitze des Fortschritts segelnde Schweizer Unternehmen von der Krise zermalmt werden können.
Doch gleichzeitig spürt der Reporter die Nachwehen ungezählter Lektürestunden, die Klassiker des freien Marktes, David Hume, Adam Smith, Friedrich August von Hayek, Milton Friedman, Wilhelm Röpke, das Wissen um die ewige Vergeblichkeit gutgemeinter Staatseingriffe, Swiss-Debakel, amerikanischer Immobilienmarkt, halbverstaatlichte Konzernruinen in der Autobranche, schliesslich die Realität ungezählter «Überbrückungen» auf Zeit, die seit Ewigkeiten bestehen. Mahnend hallen die Worte des Basler Ökonomen Silvio Borner aus einem unveröffentlichten Vortrag nach: «Die Krise ist immer wieder die Stunde der Wahrheit für diejenigen, die sich überschätzt und überschuldet haben.» Und weiter: «Staatliche Kredithilfen in irgendeiner Form sind gleichbedeutend mit staatlicher Investitionslenkung. Und diese trifft die freie Marktwirtschaft ins Mark.» Leider wahr.
Das Pyramidengleichnis
Schneider-Ammann lässt sich nicht beirren. Er zeichnet mit den Fingern eine Pyramide in die Luft. Sie ist sein Gleichnis für den Aufbau der Gesellschaft. Er könne die Skepsis verstehen, er verstehe auch die vorsichtigen Banken, die angesichts der Lage ihre Kredite überprüfen. Aber es wäre dramatisch, wenn man das untere Segment der Pyramide einfach wegbrechen, einen markanten Anstieg der Arbeitslosigkeit geschehen lasse. Die Auftragsbestände in der Industrie gehen weiter zurück. Im letzten Jahr machte der von seinem Verband vertretene Sektor einen Gesamtumsatz von 100 Milliarden Franken. Im ersten Quartal 2009 betrug der Rückgang 42 Prozent. Schneider-Ammann ist nicht allein mit der Feststellung, dass sich die Arbeitslosenzahlen schon im nächsten Herbst verschärfen werden, obwohl er im Gespräch jeden Alarmismus vermeidet. Der Unternehmer spricht ruhig, er sieht und erörtert die Widersprüche, trotzdem bleibt er bei seinen Forderungen: «Gesellschaftspolitische Überlegungen müssen jetzt den Vorrang haben vor ideologischen. Wir sind von einem Tsunami erfasst worden, und ich glaube nicht, dass es der Bundesrat einfach achselzuckend hinnimmt, wenn die Arbeitslosenzahlen steigen, was ich nicht hoffe.» Um die Dringlichkeit zu unterstreichen, legt er nach: «Wir müssen kurzfristig helfen, um langfristig industrielle Substanz zu erhalten.»
Politik ist auch die Kunst, den flüchtigen eigenen Meinungen den Anschein der Durchdachtheit zu vermitteln. Der frühere deutsche Aussenminister Joschka Fischer besass die Fähigkeit, das von ihm jeweils situativ für richtig Gehaltene mit der Ergriffenheit eines Predigers zu verkünden, der sich von seinen ewigen Wahrheiten innerhalb von 48 Stunden ohne jede Mühe wieder lösen kann. Schneider-Ammann gehört nicht zu diesem Typus. Er gibt sich nicht als Gesinnungspolitiker, sondern steuert bewusst zwischen Unschärfen und Kompromissen; die undichten Stellen in seiner Argumentation sind ihm bekannt. Man nimmt es ihm ab, dass ihn ehrliche Sorge um die von ihm präsidierte Industrie bewegt. Den bösen Verdacht, er zeige sich vor allem deshalb besonders aufgeschlossen gegenüber staatlichen Rettungsplänen, weil er sich damit gewisse Sympathien der Linken für die nächste, eigene Bundesratswahl erkaufe, wehrt Schneider-Ammann mit einer routinierten Bewegung ab, die leise Empörung und vor allem Erschöpfung verrät. Offensichtlich wurde er das schon häufiger gefragt.
Während sich draussen die Hektik des Parlamentsbetriebs legt, sinniert der Unternehmer auf entsprechende Fragen über die letzten Dinge. Selbstvertrauen definiert er als die Summe aller überwundenen Selbstzweifel, von denen er selber einige habe meistern müssen. An seiner Partei ärgert ihn nichts, und falls es so wäre, würde er sich vor Journalisten dazu nicht äussern. Interessant ist seine Bemerkung, auf dem Nachttisch habe er ein Buch über Gelassenheit liegen, was man bei einem so nervositätsfrei wirkenden Menschen wie ihm nicht erwartet hätte. Was ist der Satz, die Einsicht, der Philosophenspruch, der ihn am meisten beschäftigt? Noch einmal denkt Schneider-Ammann nach, und man kann es ihm nicht übelnehmen, dass auch diese Antwort perfekt zu einem Politiker passt, der einen sechsten Sinn dafür zu haben scheint, immer die konsenstaugliche Mitte anzusteuern: «Wer zu stark über die Vergangenheit nachdenkt und sich vor der Zukunft fürchtet, verpasst die Gegenwart.» Der Anspruch, alles mit allem in Einklang zu bringen, bleibt sein höchstes Ideal.













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