Jubiläum

Formel der Schönheit

L’Oréal wird hundert Jahre alt. Der grösste Kosmetikkonzern der Welt ist so jung geblieben, dass ihm eine blendende Zukunft sicher scheint. 

Von René Lüchinger

«Weil ich es mir wert bin»: Auch der Werbeslogan ist ein Klassiker. Bild: Mark Segall für L'Oreal

Die Geschichte mit dem gefärbten Haar ist so alt, wie es Frauen gibt. Von den Ägypterinnen weiss man, dass sie schon vor 4000 Jahren ihr Haar zu bedeutenden Anlässen färbten, die Griechinnen pflegten es mit Safran aufzuhellen. Die Römerinnen schlenderten als Blondinen durch die Ewige Stadt – möglich machte dies ein schäumendes Waschmittel aus Ziegenfett und Birkenasche. Heute färbt sich in der industrialisierten Welt jede dritte Frau und inzwischen auch jeder zehnte Mann regelmässig das Haupthaar. Jener Pariser Apotheker, der noch vor über hundert Jahren behauptete, Haare färben sei «ein Markt mit wenig Zukunft», lag also gründlich daneben. Hätte es noch eines Beweises bedurft – der Apothekergehilfe, der ihm ebendieses vorgeschlagen hatte, steht noch heute mit seinem Namen synonym für Haar- und Körperpflege.

Er hiess Eugène Schueller. Der Chemiker baute das Fundament für ein Unternehmen, das heute weltweit über 63 000 Mitarbeiter beschäftigt, über 15 Milliarden Euro umsetzt und seine Beauty-Produkte in 130 Staaten dieser Welt vertreibt. L’Oréal ist an der Schwelle zum zweiten Jahrhundert seiner Geschichte so etwas wie der globale Standard der weiblichen Schönheit, in jedem Falle aber der weltweit grösste Kosmetikkonzern. Dass es so weit kommen und L’Oréal Paris zum Versprechen für die Makellosigkeit von Haut und Haar werden konnte, ist der Besessenheit des Naturwissenschaftlers zu verdanken: Im Paris der Belle Epoque, in einer kleinen Wohnung an der Seine, tüftelte Eugène Schueller an Formeln für die Schönheit der Frau im 20. Jahrhundert. Die Küche diente ihm als Labor, das Wohnzimmer als Schauraum, und als seine Experimente Erfolge zeitigten, gelang ihm 1907 ein unerhörter Wurf: ein erstes Haarfärbemittel, das die Pariser Damenwelt ohne Angst vor Nebenwirkungen für die Haarpracht auflegen konnte. Er nannte es «L’Auréale», was so viel heisst wie Glorienschein, und als er Jahre später für sein Unternehmen einen Namen suchte, erinnerte sich Eugène Schueller wohl an diesen Klang der Verführung und taufte dieses L’Oréal.

Wissenschaft und Werbung, auf diesen beiden Prinzipien baute Schueller seine Firma. Fast so, als wäre weibliche Attraktivität ohne wissenschaftliche Präzision genauso wenig denkbar wie die schöne Verführung ohne werblichen Verstärker. So gesehen ist L’Oréal heute noch, gut fünf Jahrzehnte nach dem 1957 verstorbenen Gründer, ein Forschungslabor mit angeschlossenem Kosmetikkonzern. Was in einer Küche begann, hat mit den Jahren globale Dimensionen erreicht: Mittlerweile sind es 3268 Wissenschaftler in dreissig Disziplinen, Chemiker, Physiker, Biologen, Psychologen oder auch Völkerkundler und Soziologen, die in einer Art ganzheitlichem Ansatz für den Fortschritt der Forschung im Hause L’Oréal besorgt sind.

Als wärs Alchemie

Sie forschen in Europa, den USA, Asien oder Südamerika in insgesamt 18 Forschungszentren, und für diese Wissenschaftler ist Haar nicht gleich Haar. Während in den USA, diesem Schmelztiegel der Rassen und Nationen, im Research Centre in Chicago die Experten den biologischen Unterschieden von Haut und Haar bei ethnischen Gruppen auf der Spur sind, wird im Research Centre im chinesischen Pudong das asiatische Haar analysiert. Aus dieser wissenschaftlichen Potenz resultieren Jahr für Jahr Hunderte von neuen Patenten, 628 waren es im Jahr 2008. Als wär’s Alchemie, zaubern die Hexenmeister immer Neues aus dem Hut. Ambre Solaire etwa, die erste Sonnenschutzlotion, das erste seifenfreie Shampoo, die erste Kaltdauerwelle oder Anti-Aging-Gesichtscremen. Und der Werbeslogan «Weil ich es mir wert bin» ist mittlerweile ein Klassiker des Genres.

Mit den Jahren ist das Unternehmen angeschwollen, kein Preis ist zu hoch, wenn es darum geht, sich neue Luxusmarken einzuverleiben. Lancôme, Helena Rubinstein, Yves Saint Laurent, alle landeten bei L’Oréal, über zwei Dutzend Marken insgesamt. Eine schöne Bescherung, haben doch rührige Marktanalytiker festgestellt, dass zwar praktisch jede Frau auf der Welt Haarpflegeprodukte benutzt, aber erst jede zehnte Anti-Aging-Kosmetik im Badezimmerschrank stehen hat. Die restlichen neun auch noch von den Segnungen der modernen Kosmetik zu überzeugen, dieser Herausforderung stellt sich das Unternehmen. L’Oréal Paris, so viel scheint klar, hat auch nach hundert Jahren eine blendende Zukunft vor sich.

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