Der kulturelle Mikrokosmos der Schweiz ist wie jeder Kulturkuchen wohl überall auf der Welt ein brodelnder Intrigantenstadel. Jeder stichelt gegen jeden: um Geld, um Beziehungen, um Bedeutung. Nur nach aussen, da hütet man sich, unterschiedliche Weltanschauungen zu verfechten. Es gibt sie ja eigentlich, in der Schweiz jedenfalls, auch gar nicht. Denn alle sind davon überzeugt, dass es die Aufgabe des Staates sei, sie zu ernähren, sie zu ehren und sie vor allem nicht zu kritisieren. Die Weltanschauung ist einfach: Rechts ist faschistoid, links ist liberal, und die SVP ist das Böse an sich. Damit lebt es sich recht gut, denn in all den vielen Kulturkommissionen und -jurys des Landes trifft man immer wieder auf seinesgleichen, und eine Hand wäscht fleissig die andere. Wer das noch nicht begriffen hat, steht draussen, bis ers begreift. Dein Gott sei Pro Helvetia und all die andern Stiftungen, Ämter für Kultur, Kulturdelegierten und so weiter.
Dieser Befund trifft natürlich nicht nur auf die Kultur zu. Auch andere Bereiche zum Beispiel jener der Öffentlichrechtler pflegen eine solche Form des Korporatismus. Doch der Kulturfilz ist der grösste und der arroganteste.
Solches schadet dem Land. Denn nur eine lebendige und auf anspruchsvollem Niveau stehende Auseinandersetzung zwischen weltanschaulich unterschiedlichen Positionen nicht zu verwechseln mit Parteiprogrammen bringt eine Gesellschaft weiter. Das wäre die Rolle der Intellektuellen. Aber diese nehmen sie nicht wahr, und deshalb ist der schweizerische Kulturbetrieb dieser ist nicht zu verwechseln mit individuellen kreativen Leistungen so hoffnungslos provinziell und uninspirierend.
Dürrenmatts Zurückhaltung
Selbst die politischen Parteien würden davon profitieren, wenn endlich wieder Denker mit schöpferischer Fantasie und nicht nur Bürokraten, unbegabte PR-Sprücheklopfer und Darbellays in ihnen tätig wären. In den frühen Stadien des Bundesstaates und bei der Gründung des Kantons Jura war das so. Auch Politik ist Kultur und braucht Kultur. Vielleicht müsste da die Kaste der Politiker ihrerseits den Filz etwas lüften und Kulturschaffende nicht nur als Werbeträger sehen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch die Ikonen der schweizerischen Schriftstellerei. Sie verstanden sich nicht besonders gut. Und weltanschaulich gab es Unterschiede, auch wenn sich Dürrenmatt hier sehr zurückhielt. Doch leider drang das nicht an die Öffentlichkeit. So entstanden auch keine zwei «Schulen». Dürrenmatt war zwar der bedeutendere Autor; aber es war allein Frisch, der die politischen Massstäbe seiner Epigonen prägte. In der Schweiz ist es anders als etwa in Frankreich in neuerer Zeit nie zu grundsätzlichen Richtungsstreitigkeiten der Kulturschaffenden gekommen. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren sie hier übrigens keineswegs die aktiven Antifaschisten, als welche sie sich im heutigen Umfeld gerne hochstilisieren. Sie hielten sich mit Ausnahme etwa der Kabarettisten ziemlich still und sahen die aus Deutschland geflohenen Kollegen eher als Bedrohung denn als Gäste.
Was die Schweiz heute brauchen würde, wäre ein Erdbeben in der Kulturwelt, welches diese von ihren Verfilzungen und Verkrustungen im Technokratenumfeld befreit. Es müsste wieder möglich sein, dass ein «anständiger» Künstler auch Dinge schaffen darf, die nicht nur jenen mit speziell konditioniertem Geschmack gefallen. Dass er als Auftraggeber lieber Individuen als Kommissionen hat.
Damit Blocher nicht nur Anker sammelt
Die Situation provoziert Assoziationen mit der Berliner, Münchner und vor allem Wiener Sezession (oder Secession) zu Ende des 19. Jahrhunderts. Künstlerbewegungen, die als Protest gegen den damals herrschenden akademischen Kulturbetrieb entstanden und zum Jugendstil führten. Damals waren es die Akademien, die eine kulturbürokratische Wirkung ausübten und bestimmten, was Kunst war und was nicht. Heute sind es die Kulturbürokratien. Sie sind vielleicht ein wenig anders. Sie sagen nicht, etwas sei keine Kunst. Sie sagen einfach, alles sei Kunst, was ein Künstler mache. Und wer nicht zum Zirkel der (Selbst-)Berufenen gehöre, habe kein Recht, eine andere Meinung zu haben. Nur bürgerlich darf der Künstler natürlich nicht sein. Sonst bekommt er, als Kabarettist etwa, im Unterschied zu Franz Hohler keine Auslandreisen spendiert. Die Diskussion 2004 um die von Pro Helvetia finanzierte Installation von Thomas Hirschhorn in Paris war ein gutes Beispiel für diesen einseitigen Förderbetrieb. Und von Künstlern, die den Ansatz Hirschhorns kritisierten, hörte man da nichts.
Wir brauchen eine Sezession auch in der Schweiz. Aber wo sind sie, die schweizerischen Künstler, die sich vom Staatstropf emanzipieren wollen? Die einen Kulturbetrieb aufziehen wollen, der sich auch in öffentlicher Rede und Widerrede profiliert, der sich sogar in der Dialektik von Angebot und Nachfrage bewährt, ja der vielleicht sogar einen Christoph Blocher dazu bewegt, nicht nur Albert Anker zu sammeln, sondern auch Mäzen zeitgenössischer Maler zu werden? Irgendwo, wohl beim Nachwuchs, müssten sie ja sein. Jeder Filz reisst irgendwann einmal.

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