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03.06.2009, Ausgabe 23/09

Kommentar

Es braucht eine Schweizer Sezession

Verglichen mit dem Kulturfilz ist die SVP geradezu ein Muster an Vielfalt. Was die Kultur aber nicht nur sie braucht, ist eine schweizerische Sezession.

Von Max Frenkel

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Der kulturelle Mikrokosmos der Schweiz ist wie jeder Kulturkuchen wohl überall auf der Welt ein brodelnder Intrigantenstadel. Jeder stichelt gegen jeden: um Geld, um Beziehungen, um Bedeutung. Nur nach aussen, da hütet man sich, unterschiedliche Weltanschauungen zu verfechten. Es gibt sie ja eigentlich, in der Schweiz jedenfalls, auch gar nicht. Denn alle sind davon überzeugt, dass es die Aufgabe des Staates sei, sie zu ernähren, sie zu ehren und sie vor allem nicht zu kritisieren. Die Weltanschauung ist einfach: Rechts ist faschistoid, links ist liberal, und die SVP ist das Böse an sich. Damit lebt es sich recht gut, denn in all den vielen Kulturkommissionen und -jurys des Landes trifft man immer wieder auf seinesgleichen, und eine Hand wäscht fleissig die andere. Wer das noch nicht begriffen hat, steht draussen, bis ers begreift. Dein Gott sei Pro Helvetia und all die andern Stiftungen, Ämter für Kultur, Kulturdelegierten und so weiter.

Dieser Befund trifft natürlich nicht nur auf die Kultur zu. Auch andere Bereiche zum Beispiel jener der Öffentlichrechtler pflegen eine solche Form des Korporatismus. Doch der Kulturfilz ist der grösste und der arroganteste.

Solches schadet dem Land. Denn nur eine lebendige und auf anspruchsvollem Niveau stehende Auseinandersetzung zwischen weltanschaulich unterschiedlichen Positionen nicht zu verwechseln mit Parteiprogrammen bringt eine Gesellschaft weiter. Das wäre die Rolle der Intellektuellen. Aber diese nehmen sie nicht wahr, und deshalb ist der schweizerische Kulturbetrieb dieser ist nicht zu verwechseln mit individuellen kreativen Leistungen so hoffnungslos provinziell und uninspirierend.


Dürrenmatts Zurückhaltung

Selbst die politischen Parteien würden davon profitieren, wenn endlich wieder Denker mit schöpferischer Fantasie und nicht nur Bürokraten, unbegabte PR-Sprücheklopfer und Darbellays in ihnen tätig wären. In den frühen Stadien des Bundesstaates und bei der Gründung des Kantons Jura war das so. Auch Politik ist Kultur und braucht Kultur. Vielleicht müsste da die Kaste der Politiker ihrerseits den Filz etwas lüften und Kulturschaffende nicht nur als Werbeträger sehen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch die Ikonen der schweizerischen Schriftstellerei. Sie verstanden sich nicht besonders gut. Und weltanschaulich gab es Unterschiede, auch wenn sich Dürrenmatt hier sehr zurückhielt. Doch leider drang das nicht an die Öffentlichkeit. So entstanden auch keine zwei «Schulen». Dürrenmatt war zwar der bedeutendere Autor; aber es war allein Frisch, der die politischen Massstäbe seiner Epigonen prägte. In der Schweiz ist es anders als etwa in Frankreich in neuerer Zeit nie zu grundsätzlichen Richtungsstreitigkeiten der Kulturschaffenden gekommen. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren sie hier übrigens keineswegs die aktiven Antifaschisten, als welche sie sich im heutigen Umfeld gerne hochstilisieren. Sie hielten sich mit Ausnahme etwa der Kabarettisten ziemlich still und sahen die aus Deutschland geflohenen Kollegen eher als Bedrohung denn als Gäste.

Was die Schweiz heute brauchen würde, wäre ein Erdbeben in der Kulturwelt, welches diese von ihren Verfilzungen und Verkrustungen im Technokratenumfeld befreit. Es müsste wieder möglich sein, dass ein «anständiger» Künstler auch Dinge schaffen darf, die nicht nur jenen mit speziell konditioniertem Geschmack gefallen. Dass er als Auftraggeber lieber Individuen als Kommissionen hat.


Damit Blocher nicht nur Anker sammelt

Die Situation provoziert Assoziationen mit der Berliner, Münchner und vor allem Wiener Sezession (oder Secession) zu Ende des 19. Jahrhunderts. Künstlerbewegungen, die als Protest gegen den damals herrschenden akademischen Kulturbetrieb entstanden und zum Jugendstil führten. Damals waren es die Akademien, die eine kulturbürokratische Wirkung ausübten und bestimmten, was Kunst war und was nicht. Heute sind es die Kulturbürokratien. Sie sind vielleicht ein wenig anders. Sie sagen nicht, etwas sei keine Kunst. Sie sagen einfach, alles sei Kunst, was ein Künstler mache. Und wer nicht zum Zirkel der (Selbst-)Berufenen gehöre, habe kein Recht, eine andere Meinung zu haben. Nur bürgerlich darf der Künstler natürlich nicht sein. Sonst bekommt er, als Kabarettist etwa, im Unterschied zu Franz Hohler keine Auslandreisen spendiert. Die Diskussion 2004 um die von Pro Helvetia finanzierte Installation von Thomas Hirschhorn in Paris war ein gutes Beispiel für diesen einseitigen Förderbetrieb. Und von Künstlern, die den Ansatz Hirschhorns kritisierten, hörte man da nichts.

Wir brauchen eine Sezession auch in der Schweiz. Aber wo sind sie, die schweizerischen Künstler, die sich vom Staatstropf emanzipieren wollen? Die einen Kulturbetrieb aufziehen wollen, der sich auch in öffentlicher Rede und Widerrede profiliert, der sich sogar in der Dialektik von Angebot und Nachfrage bewährt, ja der vielleicht sogar einen Christoph Blocher dazu bewegt, nicht nur Albert Anker zu sammeln, sondern auch Mäzen zeitgenössischer Maler zu werden? Irgendwo, wohl beim Nachwuchs, müssten sie ja sein. Jeder Filz reisst irgendwann einmal.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 23/09
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Kommentare

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Miggu,dasKnechtli     09.06.09 11:53

Neeeeeeeiiiiiiiiinnnnnnn, liebe Jeanna, das von mir erwähnte "formschöne und ansehliche Transportvehikel für Gülle" ist eben gerade keine Metapher!!!!! Das Gerät existiert real und ich will hiermit mit folgendem Bild nur dem gelernten Landwirt Chr. B. eine Freude machen und sonst niemandem!!!!!!

http://www.pe-briner.ch/gallerie/pages/G%FClle%20verschlauchen%20auf%20Wiese.htm

Jeanna     08.06.09 14:02

Cher copin
Du bist einer der so ziemlich Letzten, der sich für seine Ironie (ebenso fälschlicherweise wie gerne verwexelt mit Zynismus) entschuldigen müsste !
Ironie - oder halt auch schon mal Sarkasmus - ist nicht die schlechteste Strategie um der allgegenwärtig schreienden Absurdität zu begegnen wie sie sich exemplarisch (!) und u.a. eben gerade auch in Deinem Beispiel, Deiner Metapher des "formschönen und ansehnlichen Transportgerätes von Sch....."" manifestiert: Sch. ja, lässt sich ja wohl auch schlecht vermeiden, aber wie's dem sogenannten Fortschritt und der sogenannten Zivilisation halt nun mal geschuldet ist, bitte formschön transportiert!
Genau darüber könnte man auf's ebenso Köstlichste wie Endloseste philosophieren und parlieren.
Oder

Miggu,dasKnechtli     08.06.09 11:36

@Jeanna

Grüss Dich, chère copine!

Ja, jeder und jede filtert halt das aus einem Text heraus, was ihm gefällt. Ich gebe ja zu, dass meine Ironie vielleicht nicht immer auf Anhieb zu erkennen ist, aber das ist durchaus gewollt. Und der hier von mir ins Spiel gebrachte Begriff 'Jaucheverschlauchungsgerät' kann man natürlich schon als Metapher sehen, das absurde am Ganzen ist aber, dass er auch wörtlich passt. Es gibt im Netz eine Abbildung eines österreichischen Herstellers, der formschöne und ansehliche Geräte für den Transport einer doch eher unappetltlichen Materie herstellt (wobei: Die Sch... der armen Schweine ist ja eigentlich unsere Sch...). Designer für Autokarosserien ist ein ernsthafter Beruf, ebenso wie z.B. das Kreieren von Schriften.
Du sieh

Manipulierter Propagandakritiker     08.06.09 10:12

Zitat chateau: "Sie als Künstlerversteher"

2. Zitat chateau: "Für mich ging die gegenständliche Kunst mit Picasso zu Ende. Er hat sie mit der ungegenständlichen zusammen beerdigt.
Es ist fertig, einfach fertig und gibt nichts mehr zu sagen. "Bild ohne Titel".

Nun, wer gibt sich hier als "Künstlerversteher"? Sie nehmen sogar für sich in Anspruch, zu wissen, dass die gesamte Kunst mit Picasso gestorben ist. Da haben wir es also mit einem Kenner zu tun... Ok, das ist Ihre Meinung. Unsere Generation hat also keinerlei Form von Kunst? Wie traurig...

Jeanna     07.06.09 21:44

Ja-ja, die "Assoziationen" halt, da ist manchmal mehr Gülle drin als in der Wirklichkeit ... wo sie ja auch nicht zu knapp vorkommt

http://www.youtube.com/watch?v=jvcpYxT5bfw

Christine     07.06.09 21:33

Ja, da war was mit der Güllenverschlauchung damals, Knechtli. War das im Zusammenhang mit den vielen Muslimen in der Innerschweiz, wo man es von jedem Hügel "....... ALLLAAAHH " runterrufen hört?

(Das ist der Witz über die Güllenausbringer in der Innerschweiz, wo der eine mit dem Güllenschlauch den Hügel hinauf rennt und dann zum Güllenwagenfuhrmann runter ruft: "Chasch-ne-jetz ALLLAAAHH")

(-:
.. seineszeichens das Smiley eines Linkshänders, der leider nicht mehr schreibt hier.

Christine     07.06.09 21:19

.. Du bist halt nur Falstaff..

Schön :-)

Christine     07.06.09 21:16

Oskar Freysinger kenne ich zwar nicht, aber "Fäkalkünstler"? Er hat zwar ein schlüpfriges Reim-Gedicht verfasst z.Hd. NR Bortoluzzi, wurde dafür auch getadelt, aber zu einem solchen Titel reicht das m.E. nicht. Gut, ich hab mich auch nicht intensiv damit beschäftigt.

Tönt anonsten nicht schlecht, was man über ihn liest http://www.svp.ch/print.html?page_id=3674
Als erstaunlich gilt seine Mitgliedschaft beim Serbischen Schriftstellerverband, was man einem xenophoben SVPler wohl nicht zutraut. Allerdings wollten sie ihn zuerst im Club Autoren der Schweiz AdS nicht, worauf er dann den Serben beitrat, die ihn als Schriftsteller recht mögen, wie man lesen k

SirFalstaff     07.06.09 20:58

Hallo liberalmind,

Den Post bringen Sie schon zum zweiten Mal. Dafür ersparen Sie sich eine Antwort auf meine Replik. Wenn Sie nichts zu melden haben, dürfen Sie auch schweigen. Niemand ist Ihnen böse. Es ist wirklich ein Jammer, dass die alte Generation nicht gelernt hat, dass "Copy & Paste" heutzutage zur Ablehnung einer Doktorarbeit/Semesterarbeit/Abschlussarbeit führt.
Also - als Gratis-Update für das Jahr 2009: "Copy & Paste" wird im wissenschaftlichen Betrieb nicht toleriert. Das sollten Sie als studierte Geistesgrösse wissen. Meine Elektroinstallateuren und Elektronikern wissen es ab dem 2. Lehrjahr...

liberalmind     07.06.09 20:16

Von Kultur zu sprechen und Analogien mit der SVP herzustellen, ist schon eine Perversion an sich! Genau die Protagonisten dieser Partei sind es doch, die alles was mit Kultur zu tun hat, seit Jahren in den Dreck ziehen und verhöhnen! Ihr Obervorsitzende Blocher macht es ja vor, was allein unterstützungswürdig ist; nur erstarrte, saubere vaterländische Ikonen, wie Anker, Hodler und Gotthelf. Zeitgenössisches Kulturschaffen wird aus dieser politischen Ecke regelmässig als "entartet" und "schweizfeindlich" betitelt!

An welche Epoche das erinnert, sollte speziell einem jüdischen Autor wie Frenkel noch bestens präsent sein!!! Die gleichen politischen "Patrioten" fordern seit Jahren vehement die Abschaffung des Antirassismusparagraphen. An vorderster

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