Herr Eymann, macht es eigentlich noch Spass, Basler Erziehungsdirektor zu sein?
Durchaus, es ist ein sehr schöner Beruf. Und es ist befriedigend, wenn es einem auf dem weiten Feld der Bildung gelingt, das eine oder andere zu bewirken, das künftigen Generationen zugute kommt.
Nun haben Sie Rückschläge einstecken müssen. Mit dem Aargauer Nein zum «Bildungskleeblatt» droht auch der «Bildungsraum Nordwestschweiz» zu scheitern.
Die vier Kantone Aargau, Solothurn, Basel-Landschaft und Basel-Stadt wollen ihre Schulen möglichst vereinheitlichen. Der Aargau war zeitlich voran. Nach diesem Abstimmungsergebnis müssen wir über die Bücher. Wir werten sorgfältig aus, versuchen die Gründe zu finden und sehen dann, was wir an Gemeinsamem haben. Wir können uns in der Schweiz über längere Zeit den Kantönligeist auch bei den Schulen nicht mehr leisten.
Haben sich die Bildungspolitiker vom Volk entfernt?
Das glaube ich nicht. Bei der Schule ist es wie beim Militär und beim Fussball, da verstehen alle etwas davon, da reden alle mit.
Das grossangelegte HarmoS-Projekt wird bestenfalls zu einem Flickenteppich. Einzelne Kantone sind dafür, andere dagegen. Gibt es da überhaupt noch einen Ausweg?
Während des laufenden Verfahrens kann man die Spielregeln sicher nicht mehr ändern. Wenn wir die Lage aus etwas übergeordneter Warte betrachten, ist es doch so: Es gibt in diesem föderalistischen Land starke Tendenzen zur Zentralisierung. Immer weniger kantonale Gesetze sind matchentscheidend, Kantonsgrenzen haben an Bedeutung verloren. Wenn HarmoS in der vorgesehenen Form scheitert, müssen wir halt einen neuen Anlauf nehmen. Das ist allemal gescheiter, als wenn am Schluss der Bund einschreiten muss.
Haben die Erziehungsdirektoren, federführend bei HarmoS, Fehler gemacht?
Es ist uns sicher nicht optimal gelungen, unser Anliegen verständlich zu machen.
Basel-Stadt ist kein einfaches Pflaster für Bildungspolitik. In Tests – Stichworte: Pisa und Prüfungen für Medizinstudenten – hat es schlecht abgeschnitten.
Das ist ein Missverständnis. Bei der Pisa-Erhebung wollten wir gar nicht mitmachen. Wir wollten kein Ranking, das Aufregung generiert. Bei den Medizinstudentenprüfungen sind wir schlecht, das ist richtig. Es klingt vielleicht etwas defensiv: Die Resultate sind nicht repräsentativ für die Leistungsfähigkeit unserer Schulen. Dennoch schleckt es keine Geiss weg: Wir stehen nicht dort, wo wir stehen sollten. Als zweitwichtigster Wirtschaftsstandort des Landes muss Basel sein Schulsystem verbessern.
Was müsste man tun, um die Leistungen der Schulabgänger zu verbessern?
Es ist ganz wichtig, dass man nicht in Hysterie verfällt und zum Beispiel auf die spezielle Zulassungsprüfung zum Medizinstudium hin zu büffeln beginnt. Wir lehren – das tönt jetzt etwas pathetisch – nicht auf Examen hin, sondern als Lebensvorbereitung. Um uns mündig in dieser Welt bewegen zu können.
Ist dieses Ziel erreicht, wenn die Schüler bei der Aufnahme in weiterführende Schulen scheitern und keine Lehrstellen finden?
Selbstverständlich müssen sie auch in der Berufswelt bestehen können. Und da müssen wir uns eingestehen, dass unser Schulsystem bei der jetzigen Zusammensetzung der Bevölkerung nicht das ideale ist. Wir müssen Änderungen vornehmen, die radikal sein werden. Wir haben eines der exotischsten Schulsysteme des Landes.
Was ist denn das Spezielle in Basel?
Wir haben zwei Jahre obligatorischen Kindergarten, vier Jahre Primarschule, drei Jahre Orientierungsstufe und dann noch einmal eine Stufe: die zweijährige Weiterbildungsschule. Diese hat sich nicht bewährt. Das werden wir ändern.
Liegt die Misere darin begründet, dass schwache und starke Schüler im selben Klassenverband unterrichtet werden? Diese bei Bildungstheoretikern beliebte «Integration» verursacht im Alltag Probleme.
Das ist zu einem grossen Teil so. Den Beweis kann ich Ihnen aus der Schulgeschichte von Basel-Stadt liefern. Vor vier Jahren haben wir an der Weiterbildungsschule auf Anregung der Lehrer zwei Leistungszüge eingeführt, weil die Klassen zu heterogen waren. Auf der anderen Seite sehen wir jetzt, dass gesamtschweizerisch bei der HarmoS-Idee «Integration» wieder das Schlagwort ist. Es darf nicht sein, dass der integrative Unterricht zu Lasten der leistungsfähigen Schüler geht.
Studien zeigen aber: Je länger die guten Schüler separat gefördert werden – etwa in Langzeitgymnasien , desto besser sind ihre Leistungen.
Für das Gelingen der Integration ist es entscheidend, dass genügend Ressourcen zur Verfügung stehen. Auch weniger begabte Schüler müssen auf ein gewisses Niveau gebracht werden. Wenn man sie sich selber überlässt, produziert man eine Art No-Future-Generation, wo die einen die andern nach unten ziehen. Ich glaube – und es ist wirklich eine Glaubensfrage, den definitiven Beweis kann ich Ihnen heute nicht bringen , dass das integrative Modell solchen Schülern helfen kann.
Sie fordern mehr Geld und Personal. Ist das realistisch?
Es ist ein Fakt, besonders im städtischen Raum, dass die Unterstützung der Schüler durch die Eltern nachgelassen hat. Die Schule muss hier Abhilfe schaffen. Wir haben sehr viele Kinder aus bildungsfernen Schichten, die wir nicht sich selbst überlassen dürfen. Sonst entsteht eine Parallelgesellschaft.
Die Schule als eine Art Reparaturwerkstatt der Gesellschaft?
Sie hat heute viel mehr Aufgaben zu übernehmen. Wie ernst die Lage ist, sehen wir in Basel: Wir haben eine Gesetzesänderung beschlossen, wonach Eltern, die ihre Kinder in schulischen Belangen nicht ausreichend unterstützen, gebüsst werden können.
Als liberaler Politiker schrecken Sie nicht zurück vor etatistischen Zwangsmassnahmen?
Diesen Widerspruch muss ich immer wieder erklären. Die Frage muss sein, was dem Wohl des Kindes dient. Wir haben auch ein Problem mit fremdsprachigen Schülern, die nur mangelhaft Deutsch sprechen. Viele holen dieses Manko nicht mehr auf. Darum sehen wir ein selektives Obligatorium vor: Fremdsprachige Schüler sollen schon vor dem Kindergarten zwangsweise zwei Stunden pro Woche spielerisch Deutsch lernen.
Das deutet auf dramatische Zustände.
Die Situation ist tatsächlich sehr dramatisch und erfordert neue staatliche Instrumente. Es gibt Familien, wo der Vater sagt: «Meine Tochter muss gar nichts lernen in der Schule, sie wird später heiraten, und ein Mann wird für sie sorgen.» Wenn wir so einen Vater mit Zwang – auch finanziell, so dass vielleicht die Leasing-Rate für seinen BMW in Frage gestellt wird – zur Räson bringen, dann haben wir schon etwas gewonnen.
Können Sie weitere Beispiele nennen?
Es gibt Kinder, die ohne Frühstück in die Klasse kommen und um zehn einen derartigen Hungerast erleiden, dass sie zusammenbrechen. Es gibt Kinder, die dem Lehrer vom Fernsehprogramm zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens erzählen. Hier möchten wir einschreiten. Oder wenn es Leute gibt, die sagen: «Wir wollen gar nicht Deutsch lernen, wir haben unseren türkischen oder albanischen Heimatverein.» Diese Leute irren sich, das lassen wir nicht zu. Gute Worte, Bitten und in siebzehn Sprachen übersetzte Briefe reichen da nicht mehr.
Siebzehn Sprachen?
Ohne Übersetzer in verschiedene Sprachen geht es heute nicht mehr. Wir haben pro Jahrgang etwa zwanzig Kindergartenklassen mit null bis zwei Deutschsprechenden. Basel-Stadt hat europaweit die höchste Heterogenität in den Schulen.
Welche Schwierigkeiten beobachten Sie?
Die Schulbildung hat nicht in allen Herkunftsländern dieselbe Bedeutung wie bei uns. Oft müssen wir Eltern darauf hinweisen, dass ihre Kinder eine Lehrstelle haben oder eine weiterführende Schulbildung anstreben sollten. Manche Kinder haben schlicht keine Gelegenheit, an einen Tisch zu sitzen und die Hausaufgaben zu machen.
Nicht einmal ein Fünftel der Basler Schulabgänger fängt eine Lehre an – obwohl es weit mehr offene Stellen hätte.
Die Beobachtung ist richtig. Es sind tatsächlich weniger als zwanzig Prozent der Volksschulabgänger, die direkt nach der Schule an eine Lehrstelle wechseln. Das ist keine gute Performance, da sind wir am Schwanz der Schweizer Kantone. Die Gründe liegen nur zum Teil in der Sprache. Viele Schüler haben ganz falsche Vorstellungen davon, was sie wirklich können. Es ist traurig, wenn Sie Kinder sehen, die vielleicht knapp eine Anlehre machen könnten und die Ihnen sagen, sie wollten Tierarzt werden. Dann gibt es eine gewisse Stigmatisierung von Ausländern. Und manche Eltern sehen nur die Matura als tauglichen Bildungsweg an.
Aus Gewerbekreisen hört man, dass Ausbildner Lehrlinge aus dem Kanton Basel-Landschaft bevorzugen.
Mancher Lehrmeister hat lieber Lehrlinge aus ländlichen Gebieten. Diese präsentieren sich oft schon ganz anders. Wenn ein junger Mensch an ein Vorstellungsgespräch kommt und die Füsse auf den Tisch legt, dann ist das nicht gut. Fehlt auch noch das schulische Wissen, gibt es grosse Schwierigkeiten.
Wir haben viel über Basler Problemlagen gesprochen. Was ist eigentlich das Schöne an dieser Stadt?
Sie ist offen, sie hat einen kulturellen Reichtum, eine sehr spannend zusammengesetzte Bevölkerung. Und sie liegt an einem sehr wichtigen Ort der Schweiz, in unmittelbarem Austausch mit unseren zwei wichtigsten Nachbarländern. Es ist fantastisch, in Basel wohnen, leben, arbeiten zu dürfen.













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