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19.05.2009, Ausgabe 21/09

Die Deutschen

Rache der Geschichte

Endlich darf über Hitler gelacht werden. Jahrzehntelang hatte die Deutschen der Gedanke geplagt, auf eine Witzfigur reingefallen zu sein.

Von Henryk M. Broder

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Der bekannteste Deutsche aller Zeiten ist zweifellos Adolf Hitler, obwohl er Österreicher war. Bekannter als Goethe, Schiller, Gutenberg, Dürer, Bismarck, Rudolf Diesel, Gottlieb Daimler, Otto Lilienthal, Melitta Bentz, Carl Benz, Wilhelm Conrad Röntgen, Richard Wagner, Max Schmeling und Uwe Seeler zusammen. Warum das so ist, darüber streiten sich die Historiker seit über sechzig Jahren — und kommen dabei zum immer gleichen Ergebnis: Hitler war die Verkörperung des Bösen, der personifizierte Anti-Mensch, Anti-Christ, Anti-Was-immer-Sie-haben-möchten.

Es blieb Charlie Chaplin vorbehalten, Hitler als das zu zeigen, was er wirklich war — und das schon im Jahre 1940: die Verkörperung des Lächerlichen. Statt sich zu fragen, warum sie Hitler gefolgt sind, müssten sich die Deutschen fragen, warum sie nicht vor Lachen ohnmächtig geworden sind, als der Führer seine Reden hielt. Nicht nur rückblickend erscheint Hitler als eine Witzfigur, er war es schon zu seinen Amts- und Lebzeiten.

Und das ist es, womit die Deutschen nicht klarkommen. Sie sind auf einen Lachsack reingefallen, ein impotentes Würstchen mit Blähungen. Das hat noch kein Volk geschafft, weder die Spanier noch die Italiener und schon gar nicht die Russen, deren Oberschurke seine Herrschaft mit Stil zu inszenieren verstand.

Deswegen muss Hitler dämonisiert werden. Denn von einem Dämon verführt zu werden, ist weniger peinlich, als einem drittklassigen Komiker nachzulaufen, der am Ende testamentarisch verfügt, sein Publikum sei es nicht wert gewesen, von ihm verarscht zu werden.

Und deswegen schrecken die Deutschen immer wieder auf, wenn der Versuch unternommen wird, Hitler mit Mitteln der Unterhaltung und der Satire beizukommen. Chaplins «Grosser Diktator» und «Sein oder Nichtsein» von Lubitsch sind inzwischen zwar Klassiker, werden aber immer noch mit kommentierenden Fussnoten versehen, damit sie nicht missverstanden werden. Art Spiegelmans KZ-Comic «Maus» hatte einen schweren Start in Deutschland, bei dem einige jüdische Kultur-Hebammen nachhelfen mussten. Der deutsch-schweizerische Regisseur Dani Levy traute sich zwar, die «wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler» mit dem Komiker Helge Schneider in der Hauptrolle zu drehen, änderte dann aber die Rahmenhandlung, um den Zuschauern «Gewissenssicherheit zu geben», soll heissen, er nahm seinem eigenen Film den Biss. Und um ganz sicherzugehen, liess er sich vom Zentralrat der Juden das Okay geben.

Ab sofort könnten solche Vorsichtsmassnahmen der Vergangenheit angehören. Letzten Sonntag hatte im Berliner Admiralspalast das Mel-Brooks-Musical «The Producers – Frühling für Hitler» seine Deutschlandpremiere, die schönste, gemeinste, radikalste und schwulste Satire auf Hitler und das Dritte Reich, die je geschrieben und produziert wurde. Und diesmal war alles anders: Kein Bedenkenträger meldete sich zu Wort, niemand fand, für eine solche Vorstellung wäre es «noch zu früh», es gab keine Besserwisser in den Feuilletons, die vom Besuch des Stückes abrieten. Mit einer Ausnahme: Der Deutsche Werberat bat höflich um einen Verzicht auf die Werbebanner, auf denen statt eines Hakenkreuzes eine Brezel im weissen Kreis auf rotem Feld gezeigt wurde, gab dann aber auf, nachdem er belehrt wurde, dass es sich um eine «ikonografische» Anspielung handeln würde. Und eine Reporterin der ARD wollte vor der Vorstellung wissen, ob es angemessen wäre, so ein Stück an einem Ort aufzuführen, den schon Operettenfreund Hitler besucht hatte. Aber auch diese Frage war wohl nicht ganz ernst gemeint.

Das Publikum jedenfalls war begeistert, es tobte schon während der Vorstellung und rastete danach vollkommen aus. Zu Recht, denn die Schauspieler hatten Onkel Adi und seine Gang an die Wand gespielt.

Sechsundsiebzig Jahre nach dem Beginn des Dritten Reiches und vierundsechzig Jahre nach dessen Ende darf also über Hitler gelacht werden. Es ist kein therapeutisches Lachen, das die Deutschen mit ihrer Geschichte versöhnt, es ist das Gelächter, das seit 1933 darauf wartet, sich zu artikulieren, die späte Rache der Geschichte.

Es hat lange gedauert, und es war nicht immer einfach. Ab sofort kann der Prozess der Entnazifizierung als erfolgreich abgeschlossen gelten.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 21/09
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Kommentare

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chateau     24.05.09 21:10

Hitler war die Verkörperung des Bösen. Das ist falsch. Hitler war die Verkörperung der Versuchung. Und die Versuchung und das nachgeben und das eingehen auf die Versuchung führte geradewegs zur Vernichtung Deutschlands, über den Umweg Europa, Russland, Nordafrika.
Wäre Hitler von Anfang an das Böse gewesen hätten dies auch einfältige Geist er erkennen können, müssen. Und da war doch eine gebildete Elite, die Heine zitieren konnte, die Schopenhauer kannte, die den Kant'schen Imperativ kannte.
Wir dürfen die deutsche Gebildetenelite nicht auf so simple Weise entlasten. WW, da ist weit mehr dahinter. Siegfried, die Nibelungen?

chateau     24.05.09 15:28

Die Restaurierung des Germanentums. Es ist wieder soweit. Spiegel, Fernsehen (auch in F) sind daran am kaputten und für die Ewigkeit beschädigten Image des Deutschtums zu flicken. Die Varusschlacht, bei der römische Armeen wie Fliegen von den Germanen vertilgt wurden, wird in eine geschichtsentscheidende Schlacht umgemünzt.
Mit ihrem total kaputten Image müssen die Deutschen etwas tun, das ist klar. Leider ähneln ihre heutigen Bemühungen doch sehr der Imagepflege von vor 1939. Das deutsche Heldentum, ihre Unbesiegbarkeit, ihre
angebliche Lauterkeit soll gefeiert und geschichtsfälschend verankert werden.
DABEI
waren sie doch seit Jahrhunderten nur Störenfriede (auch jetzt wieder) und haben sich nie damit abgefunden, dass sie die Vorherrschaft in Europa mit and

Christine     23.05.09 09:02

Vertrauen bedingt, dass man den Menschen als gut ansieht. Beim Kind funktioniert das, muss es funktionieren, bis es selbständig ist und seine Persönlichkeit hat bilden können. Danach kommt die subjektive Einsicht, dass der Mensch nicht gut ist, weil die eigenen Ansichten und Wahrheiten nicht eins zu eins auf einen anderen Menschen übertragbar sind: Es wächst das Misstrauen. Wieso sonst hätten wir den "Eid", die "Unterschrift", durch die erst wir einem Vertrag, einer Abmachung, glauben, wieso das Gebot "Du sollst nicht lügen (..falsch Zeugnis..)", als wenn nicht dadurch, dass dem Wort des Menschen nicht zu trauen ist?

So ist er nun mal: Anders, als man selber. Und vielleicht gerade deswegen vertraut man ihm immer wieder. Und das Schöne ist, dass

chateau     22.05.09 22:37

Hitler wurde und wird unterschätzt. Mit all den Informationen, die heute über ihn und über das damalige deutsche Volk zur Verfügung stehen,kann man schon sagen, dass sie ihn verehrt und geliebt haben.Weiteste Kreise der Bevölkerung haben ihn angehimmelt, im Wissen, dass er kriminell war.
Es ist doch geradezu absurd zu behaupten, die Deutschen hätten "nichts gewusst", wo doch laufend Leute abgeholt wurden und verschwanden.
Es ist doch lächerlich und unglaubwürdig zu behaupten, die Deutschen hätten nicht gesehen, wie mit Juden verfahren wurde. Noch heute finden sich in zehntausenden deutschen Haushalten Diebesgut aus Judenbesitz.
Die "Transaktionen", mit denen Judenbesitz an deutsche Bewohner gingen sind ordentlich dokumentiert worden, auch für die Em

Christine     21.05.09 10:17

".. warum sie nicht vor Lachen ohnmächtig geworden sind [...] .. ob diesem impotenten Würstchen .. "

Weil die Ohnmächtigkeit ob seines Durchsetzungswillens jegliches Lachen abwürgte und weil seine zwei klaren Hauptziele: "Die Vernichtung der Juden und die Eroberung von weiterem Lebensraum für Deutsche" eine Gefolgschaft fanden in der Bevölkerung. Goebbels war ein guter Propagandaminister. Mit dem Verbot von Parteien und Gewerkschaften verschwanden legale Gegnerschaften, Gesetze wurden erlassen (Auflösung von Presse- und Versammlungsfreiheit) und die Bürger bis ins Privateste hinein überwacht. Eine Machinerie kam in Gang, der man so oder so ausgeliefert war: Entweder man machte mit oder ging unter. Wie ungeheuer gross die Anstrengungen schlussends zu sein

chateau     20.05.09 20:35

In Zusammenhang mit dem Fall Demjanjuk habe ich im Spiegel gelesen, dass von den 200'000 schweren Fällen von Naziverbrechern lediglich deren ca. 6000 überhaupt vor Gericht kamen.
Der neueste Spiegel hat nun eine Statistik ( äusserst interessant) für jedes Land mit der Anzahl und dem Prozentsatz der "vernichteten" Juden.


Der grösste "Tubel" für die Tendenz den Hitler zum Humoristen zu machen bzw. seine Rolle zur verniedlichen, zu vermenschlichen war der Bruno Ganz. Der hat gar nicht gemerkt, was die Deutschen mit ihm machten. Diese Scheissrolle des Hitlers haben sie einem naiven Schweizer untergeschoben, weil es keine Deutscher machen wollte/konnte/durfte.
Und der Ganz ist noch stolz darauf. Dabei war das für Hitler- Kenner lächerlic

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