Ernesto Moeri

Der Klimafreund

Sparlampen und kleine Autos sind gut und recht. Aber wenn wirklich etwas für das Klima getan werden soll, dann muss der Amazonas geschützt werden. Das sagt der schweizerisch-brasilianische Geschäftsmann Ernesto Moeri.

Von Ruedi Leuthold

Ernesto Moeri besitzt noch eine Wohnung in seiner Heimatstadt Bern, wo er vor vielen Jahren Geologie studierte. Er hütet auch ein Stück Wald am Amazonas, fast so gross wie der Kanton Obwalden. Aber jetzt sitzt er in seinem Büro im 21. Stock eines Hochhauses in São Paulo, wo er zum Unternehmer geworden ist. Durch die breiten Fenster sieht er die Türme des Geschäftszentrums der Stadt, er sieht den Fluss Pinheiros, von vielspurigen Schnellstrassen umströmt. Hier sagt er den Satz, der ihm so ungeheuerlich vorkommt, dass er ihn lange nicht für wahr halten wollte: «Der Mensch ist zu einem geologischen Faktor geworden. Veränderungen, die sich über Jahrmillionen hinzogen, passieren in einem historisch überblickbaren Zeitrahmen. Dass man sich darauf vorbereiten muss, ist etwas ganz Neues.»

Nicht der unaufhörliche Verkehrsstrom unten gibt ihm Anlass zu dieser Feststellung. Es ist die dunkle Regenwand, die sich über São Paulo aufbaut, die ihn das Schlimmste denken lässt. «Wasser», sagt er, «das über dem Amazonas verdunstet, befeuchtet den Süden Brasiliens. Wenn das Klima kippt, verwüstet das Amazonasgebiet, und im Süden bleibt eine der fruchtbarsten Regionen der Welt ohne Regen.»

Der Amazonas liegt 4000 Kilometer nördlich von São Paulo. Moeris Heimatstadt Bern ist 9600 Kilometer entfernt. Aber die zukünftigen Wetteraussichten bringen den Amazonas und die Schweiz einander viel näher, als es sich die meisten Menschen vorstellen. Das möchte Ernesto Moeri beweisen. Dass sich das Klima menschenbedingt verändert, ist ihm keine Frage mehr. Es kann jetzt nur noch darum gehen, mit allen Mitteln die Klimaerwärmung zu verlangsamen.

Ernesto Moeri ist Präsident von Ecogeo, einer Holding von verschiedenen brasilianischen Unternehmen, die im Bereich der Umweltberatung und Umwelttechnologie tätig sind. Seine Leute arbeiten für die Ölindustrie und das Umweltministerium, sie sanieren Böden, machen Schlachtabfälle zu Biodiesel und Haushaltsmüll zu Strom. Sie profitieren von Erfahrungen und Technologien, die in der Schweiz entwickelt wurden, wo das Bewusstsein für einen verantwortlichen Umgang mit der Natur viel weiter entwickelt ist als im verschwenderischen Riesenland Brasilien.

Manchmal ist Ernesto Moeri stolz auf seine alte Heimat. Und manchmal regt er sich darüber auf. Etwa jetzt, wo die Politiker um die Klimapolitik für die nächsten Jahre streiten. Ein Gesetzesentwurf sieht vor, die Emissionen bis zum Jahr 2020 um zwanzig Prozent zu senken, fünfzehn Prozent davon zwingend im Inland.

«Als ob es», spottet er, «in fast religiösem Sinn darum ginge, sich selber zu kasteien, Busse zu tun für das eigene Dasein als umweltsündiges Volk.» Grade so, wie der Handel mit CO2-Zertifikaten als billiger Ablass verdammt werde – lieber Sparlampen brauchen, als sich eine Lizenz zum Klimakillen einzuhandeln.

Manchmal würde sich Ernesto Moeri wünschen, dass man in der kleinen Schweiz nicht aufhörte, in globalen Zusammenhängen zu denken. «Jede Anstrengung ist willkommen», meint er, «aber wenn man mehr tun will, als das eigene Gewissen zu beruhigen, gibt es Wirkungsvolleres.» Dann verkündet er die Botschaft, die ihn schon fast zum Prediger macht. «Man soll das Gute dort tun, wo es am meisten hilft. Das effizienteste und kurzfristig billigste Mittel ist der Schutz der Regenwälder. Ihr Abbrennen verursacht jährlich gegen zwanzig Prozent aller CO2-Emissionen, gleich viel wie der weltweite Transport, alle Autofahrten, Flüge, der ganze Schiffsverkehr eingerechnet.» CO2-Emissionen sind eine der Hauptquellen der schädlichen Treibhausgase, welche weltweit die Temperaturen anheizen.» Fern der Schweiz, die er vor über dreissig Jahren verlassen hat, erinnert sich Ernesto Moeri seiner 68er Wurzeln. Der Kraft der Aufklärung. Der Freude an visionären Entwürfen.

Tief im Amazonasgebiet, drei Tagesreisen mit dem Schiff von Manaus entfernt, am Jufarifluss, soll ein Forschungszentrum entstehen, das die klimatischen Dienstleistungen des Regenwaldes messen und in Franken und Rappen umrechnen soll. Und dann soll die Welt dafür bezahlen, dass der Amazonas, grösster zusammenhängender Regenwald der Welt, nicht weiterhin abgeholzt wird. Nicht aus Erbarmen. Sondern als einzige realistische Möglichkeit, den CO2-Anteil in der Atmosphäre so zu reduzieren, dass folgende Generationen nicht dramatisch unter den Folgen der Erderwärmung zu leiden haben.

Geld statt Religion

Ernst Moeri gehörte zu den 68ern, die sich, um die Welt zu verbessern, den Marsch durch die Institutionen auferlegten. Der brachte ihm immerhin den Rang eines Leutnants der Schweizer Armee ein. Als Geologe wollte er dann nichts wie weg von zu Hause – hier gab es wenig zu explorieren. Moeri arbeitete in Grönland und Bolivien, und als die Welt Angst bekam, die Rohstoffe würden zur Neige gehen, suchte er in Brasilien nach Gold und anderen Erzen. Er nahm die brasilianische Staatsbürgerschaft an, übernahm die Firma seiner deutschen Auftraggeber, baute sie zu einer führenden Adresse im Umweltbereich aus, die ihr Geld heute damit verdient, dass sie in den Böden Altlasten erkundet und saniert.

Irgendwann liess sich Moeri von den Daten der Wissenschaft überzeugen, dass in den letzten hundert Jahren grössere Veränderungen stattfanden als zuvor in Tausenden von Jahren und dass der Grund bei den von den Menschen verursachten Emissionen liegt.

«Wenn man jetzt», doziert er, «die CO2-Konzentration in der Atmosphäre stabilisieren und damit den schlimmsten Folgen des Klimawandels vorbeugen will, gibt es nichts anderes, als die Regenwälder zu schützen.»

Eine Hektare bewaldetes Land am Amazonas kostet zwischen 30 und 70 Franken, gerodet zwischen 150 und 700 Franken. Wo er dicht wächst, bunkert der Regenwald pro Hektare 250 bis 300 Tonnen Kohlenstoff, die bei der Verbrennung als Kohlenstoffdioxid die Luft verschmutzen. Zerstört wird der Wald zum grössten Teil von Holzfällern und kleinen Viehzüchtern, die sich damit das Überleben sichern. Ihnen muss man eine wirtschaftliche Alternative anbieten. Das ist möglich, wenn man der Welt die eingesparten Emissionen des stehenden Regenwaldes in Rechnung stellt. «Schliesslich», redet sich Moeri in Eifer, «kommt auch der Nutzen dem globalen Klima zugute – die lokale Bevölkerung hat wenig davon, wenn sie den Wald stehenlässt.»

Aber wie viel Kohlenstoff entzieht der stehende Wald der Luft? Wie viel davon bunkert er nicht nur in der Vegetation, sondern auch im Wurzelwerk? Wie viel davon könnte man im Handel mit Emissionsrechten letztlich in Rechnung stellen? Ein Forschungsprojekt am Amazonas soll verlässliche Daten erbringen zur Bedeutung des Regenwaldes als Kohlenstoffspeicher. Wissenschaftler aus der Schweiz und Brasilien werden die Grundlagen erarbeiten für seine monetäre Bewertung.

Das Land am Jufari, einem Nebenfluss des Rio Negro, 300 Kilometer nordöstlich von Manaus, wurde zuerst vom schweizerisch-brasilianischen Geschäftsmann Walo Leuzinger gekauft, um es vor der Zerstörung zu bewahren. Moeri verwaltet es jetzt mit seinem von ihm gegründeten Institut Ekos. Es sind 40 000 Hektaren, die nach bisherigen Schätzungen in Zukunft für «vermiedene Entwaldung» mindestens fünf Dollar pro Hektare einbringen werden. Das Fernziel ist, das Gebiet unter Naturschutz zu stellen und — als Pilotprojekt für Amazonien — der Bevölkerung nachhaltige Überlebenschancen anzubieten. «Die ist nicht nur eine Ursache für die drohende Klimaerwärmung», sagt Moeri, «sondern auch ihr Opfer, wenn das Klima kippt.»

Es regnet jetzt in São Paulo. Ist es nicht verständlich, Ernesto Moeri, dass die Schweiz zuerst vor der eigenen Haustüre wischt und zu Hause in den Klimaschutz investiert?

«Ja, und es ist auch für jedes andere Land schwierig zu verstehen, dass es sich bei der Klimaerwärmung um ein globales Phänomen handelt, das man nur zu Hause eben nicht lösen kann.» Dem Klima ist es egal, wo das CO2 eingespart wird.

Müssten aber nicht Schwellenländer wie Brasilien aus eigenem Antrieb mehr tun für ein besseres Klima? «Die Industrieländer sind für den grössten Teil der historischen Zunahme der Treibstoffgase verantwortlich. Die Schwellenländer fühlen sich rasch in der eigenen Entwicklung behindert, wenn es um strengere Klimaziele geht.»

Verletzt es nicht den Idealismus des Alt-68ers, dieses Problem mit Geld zu lösen?

«Wir haben damals gegen die Konsumgesellschaft gewettert. Die gegenwärtige Krise könnte wieder eine Gelegenheit sein, um über Verzicht nachzudenken. Aber solange es keine neue Religion gibt, die uns dazu anhält, ist das Geld wohl die wirkungsvollste Methode.»

Kommentare

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  • chateau
  • 24.05.09 | 15:32 Uhr

Mein Beitrag wurde kassiert.

  • werni425
  • 24.05.09 | 12:34 Uhr

Roni,
Guter Ansatz. Nur zeigt sich Ihr Wissen als ungenügend. Schon der mit den Kohlekraftwerken in Asien und der Hand nicht mehr sehen, sagt viel aus.
Werni

  • kurtkoblet
  • 22.05.09 | 11:34 Uhr

ansatz von weltrettern ist immer gut; leider endet er immer beim staat, welcher psychologisch dann halt helfen" muss"!
gemacht wird wie immer wenig bis nix, bis auf nachtragsfinanzierungsantrag ausfüllen.
auf halbem weg, ist dann immer die atomlobby schuldig, welche rentiert, darum muss "um"finanziert werden. nach 20 jahre umweltbewusstsein sollte jetzt mal rechnung gemacht werden : dem eigenen staat 1.) die eigene ideologie 2.) der mensch selbst hinterfragt werden.
nix , weiter klagen und geld verlangen - wenn's doch super ist (wie marxismus) wieso macht's dann keiner: weil's eben nicht "menschlich" ist (dem menschen entspricht, seiner urmoral).

  • Roni
  • 22.05.09 | 08:12 Uhr

Guter Artikel mit guten Seelen, welche durch die ehrliche Studie und daher Erkennung der Probleme in der Umwelt auch mit hoffnungsvollen Bestreben sich engagieren um die Welt vor dem Absturz zu bewahren. Daher keine Probleme mit dem Artikle oder Ernesto Moeri. Ich allerdings bin total davon ueberzogen, dass die Menscheit verlaesslich wie immer weiter grosse, arrogant mit Stolz und falschem Patriotismus weitere grobe und umweltzerstoerende Fehler machen wird. Daher werde ich zwar alles unternehmen um einen "sustainable" Lebenstil zu begehen, also mehr als Loesung , den als Problem. Leider bin aber da radikaler in der Meinung was es fuer Loesungen gibt, auch bedenkend was die effizienteste waere. Also, es gibt drei Hauptmoeglichkeiten: 1) Man stopped die bloede Massenvermehrung weltweit oder 2) Man stirbt in einem Krieg um die letzten Rohstoffe und Trinkwasser oder 3) Entweder die Natur oder Wissenschaft hilft uns die Erde via pandemische Epidemie von dem hartnaeckigen Parasiten, den Menschen, zu reduzieren oder zu befreien. Bitte waehlen Sie schnell ! Dies bevor man mit all den neuen Kohlenkraftwerken im asiatischen Raum die Hand vor dem Gesicht nicht mehr sehen kann.

 
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