Das Wichtigste, was seine Eltern ihm beigebracht haben, ist «Anstand, Freundlichkeit und ein respektvoller Umgang mit Menschen». Er ist «freundlich, aufgestellt und boden- ständig» und nennt als Schwächen: «Ich bin pingelig und habe einen ausgeprägten Ordnungssinn.» Zum Glück fehlt dem Glarner Zimmermann «nichts», und er kann sich an niemanden erinnern, dem er lieber nicht begegnet wäre. Und seine Mutter . . . , natürlich, man freut sich auf diese Aussage bereits wie auf einen Schlagerrefrain, seine Mutter nennt ihn «Rehli». Der schönen Augen wegen. Könn-ten wir etwas Musik haben?
Die Schweiz hat gewählt und sich 2009 für André Reithebuch, den beruhigenden Heimatfilm mit einem Schuss Richard Gere und «Deine Welt sind die Berge» im Programm, als offiziell schönsten Mann der Eidgenossenschaft entschieden. Im Finale gegen die bewegende Geschichte von Vize-Mister-Schweiz Gomes de Barros, dessen Vater vor acht Jahren an ei-ner Krankheit starb und welcher Mutter und Schwester bei einem Familiendrama verlor. Er war angetreten, «um den Jungen zu zeigen, dass man seine Ziele trotz einer schweren Jugend erreichen kann». In einem Casting sind in solchen Momenten Hammer-Argumente gefragt. Man hat ja schliesslich ein Herz. Time for a chance, er hat sie verdient. In solchen Zeiten verteilt man gerne wohlwollend ein paar gute Karten. Manch einer rechnete bereits mit dem Susan-Boyle- oder Paul-Potts-Effekt.
Ach, der Paul Potts, der singt ja in diesem Handy-Spot auch immer so schön. Jury-Mitglieder sagen in solch magischen Augenblicken: «Du hast meine Seele berührt.» Oder auch: «That was the biggest wake-up call ever!», wie «Britain’s Got Talent»-Jurorin Amanda Holden den Auftritt der 48-jährigen Arbeitslosen Boyle in einem der meistangeklickten Youtube-Filmchen aller Zeiten kommentierte. Die ungeküsste Jungfrau mit der Erscheinung ei-nes Zaunpfahls sang «I Dreamed a Dream», und man wollte wieder an das Gute glauben. Klicken Sie es ruhig nochmals an, Ihr Arbeitgeber wird es begrüssen, denn selten haben 7:07 Minuten so viel Hoffnung und so viel Glauben an den kleinen Mann zurückgegeben. Das ist internationaler Honig. Das ist ganz grosses Kino. Doch zurück in heimische Gefilde.
Bündnerisches Donnergrollen
Wir schalten um und senden wieder «direkt aus dem Centro Esposizioni in Lugano». «Centro Esposizioni» klingt nach einem Ort, wo einem der Zahnschmelz gerinnt, wenn Christa Rigozzi als Folienkartoffel die Bühne betritt. Und natürlich wird bei dieser Wahl auch nicht gesungen, es wird nach dem schönsten Mann des Landes gesucht. Und dazu zog André Reithebuch im Finale gegen Gomes de Barros das Hammer-Argument, das nur einem Sieger gebührt, das Hammer-Argument in seiner ursprünglichsten Form: «Wenn ich Mister Schweiz würde, wäre das der Hammer!»
Jetzt tun wir mal nicht so enttäuscht. Es war schliesslich Samstagabend. Da war Gomes de Barros etwas viel Realität, etwas sehr Montagmorgen. Und sind die Berichte nicht schön, wie die Seniorinnen in Linthal nun für den André Socken stricken, weil der Bub ja Schuhgrösse 48 hat, und der OK-Präsident in Sachen Empfang vor lauter Aufregung kaum sprechen kann und dabei betont, dass er nun gar nicht mehr aufgeregt sei, «weil er sich jetzt einfach freut»? So viel Material, so schön Finanzkrisen-, Schweinegrippe- und Peer-Steinbrück-frei. So schön Postkartenschweiz.
Doch nun lässt Renzo Blumenthal, ehemals alleiniger Herrscher dieser Idylle, ein Donnergrollen fahren. Natürlich, als hätten wir es nicht gewusst, der Film vom Zimmermann und Gentleman ist etwas arg bunt koloriert und professionell retuschiert, da ist Marketing im Spiel, das hatten wir vorher aber noch nicht! Platzhirsch Blumenthal spricht nun angriffslustig vom «Mister Gekauft» und schmollt: «Nur weil wir ähnlich sind, bedeutet das für André noch lange nicht, dass er Erfolg haben wird. Er sollte mich ja nicht als Massstab nehmen. Zwischen Graubünden und dem Glar-nerland liegen immer noch viele Berge.» Das sass.
Die erste Runde ist damit eröffnet. Schliesslich gilt es, natürlich ganz im sportlichen Sinn, Renzos Rekordmarke vom Amtsjahr 2005 von über 450 000 Franken zu verteidigen. Und wenn Mister-Schweiz-Chef Urs Brülisauer berichtet: «Wir werden für André sämtliche damaligen Sponsoren von Renzo anfragen», da könnten wir doch verstehen, dass es dem Renzo schaurig schlecht passt, wenn da ein «Rehli» daherstakst und ihm das Image streitig macht. Ein Zickenkrieg zwischen einem Bio-Bauern und einem Zimmermann? Das hatten wir noch nicht. Letztes Jahr beschäftigte uns in der Zeit kurz nach Stephan Weilers Amtsantritt ein Phänomen namens «Blitz-Gebissoperation».
Eben, die aktuelle Konstellation scheint gar nicht so unspannend zu sind. Jetzt seien wir doch mal ein bisschen dankbar.
Aber ehrlich, eigentlich interessiert Sie das alles überhaupt nicht. Also wirklich, es gibt doch Wichtigeres auf dieser Welt.













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