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13.05.2009, Ausgabe 20/09

Literatur

Vorsicht, gute Menschen von links

Jan Fleischhauer wuchs «unter Linken» auf und wurde aus Versehen konservativ. Davon handelt sein Buch.

Von Henryk M. Broder

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Verdammt, warum habe ich das Buch nicht geschrieben? Warum musste es Jan Fleischhauer sein? Nicht, dass ich es ihm nicht gönnen würde, aber ein wenig neidisch bin ich schon. So wie ein älterer Zirkusartist bei allem Respekt auf einen jüngeren Kollegen neidisch ist, der scheinbar mühelos eine grandiose Vorstellung hinlegt. Fleischhauers Buch ist grandios, es kommt in meine VIB-Ecke, neben die Bücher von Wilhelm Reich, Alice Miller und Götz Aly.

Bevor ich Ihnen sage, warum Sie Fleischhauers Buch unbedingt lesen sollten, auch wenn Sie glauben, über die Linke und die Linken Bescheid zu wissen, erlauben Sie mir eine kurze Rückblende.

Anfang der sechziger Jahre kam in der von Adenauers Politik geprägten Bundesrepublik ein kleines Buch auf den Markt, dessen Titel den damaligen Zeitgeist auf den Kopf stellte: «Vorsicht, gute Menschen von links». Denn es gab damals keine «Linken» in der Bonner Republik, von ein paar in der Illegalität verharrenden Kommunisten abgesehen. Der Autor hiess Rudolf Krämer-Badoni, war der Sohn eines rheinischen Postbeamten, katholisch, konservativ und ein radikaler Einzelgänger, der, wenn er es für nötig hielt, sich auch mit seiner Kirche und dem politischen Establishment anlegte. «Vorsicht, gute Menschen von links» war eine Polemik gegen einen Trend, der vor allem in der Literatur Gestalt annahm, lange bevor sich Linkssein und Gutsein zu einem soziokulturellen Programm vereinigt hatten.

Krämer-Badonis Buch fiel mir mit grosser Verspätung in die Hand. Ich las es und war erst einmal empört. Wie ein Messdiener, der zufällig über Voltaire stolpert. Und dann dauerte es noch ein paar Jahre, bis mir selber einiges klar wurde. Das Ergebnis war ein Buch im Jahre 1976 mit dem Titel «Linke Tabus». Auf 110 Seiten beschrieb ich Phänomene wie linken Kitsch, linken Opportunismus und linken Antisemitismus. Damit, glaubte ich, wäre das Thema umfassend und abschliessend abgehandelt.

Blick zurück ohne Zorn

Und nun kommt Jan Fleischhauer, Jahrgang 1962, und bilanziert, was seitdem passiert ist. Es ist kein Blick zurück im Zorn, keine Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit, wie sie bei den 68ern gerade en vogue ist, es ist eine Momentaufnahme: wie die Linke zum «juste milieu» derjenigen werden konnte, «die über unsere Kultur bestimmen», die in dem Bewusstsein leben, nicht nur «im Recht zu sein», sondern «einfach immer recht zu haben».

Dabei geht es nicht nur um die Trittbrettfahrer der Geschichte, die aus jedem Unglück ihren persönlichen Gewinn zu ziehen verstehen, nicht um die blinden Passagiere, die das Kommando an Bord übernehmen wollen, sobald das Schiff den Hafen verlassen hat, wie die Erben der DDR-Diktatur, die in der Bundesrepublik längst mitreden und mitregieren, es geht um eine Form der kulturellen Hegemonie, die sich flächendeckend breitgemacht hat, ein Perpetuum mobile, das seine Energie aus der Wechselwirkung von Grössenwahn und Impotenz bezieht. Denn die Linke ist grössenwahnsinnig und impotent zugleich. Sie will die ganze Welt verändern, wird aber mit ein paar Migranten mit Kriminalitätshintergrund vor der eigenen Tür nicht fertig. Sie möchte alle Ressourcen gerecht verteilen, achtet dabei vor allem darauf, dass sie bei der Umverteilung nicht zu kurz kommt. Sie nimmt sich gerne der vielen Opfer des Kapitalismus an, die sie zum eigenen Vorteil noch einmal viktimisiert.

Für all das liefert Fleischhauer eine Fülle von Beispielen. Sie liegen sozusagen auf der Strasse, er hat sich nur die Mühe gemacht, sich nach ihnen zu bücken. Eine ebenso einfache wie effektive Methode des Chronisten, der sicher sein kann, dass sich seine Leser nicht einmal an das erinnern können, was sie gestern in der «Tagesschau» gehört haben. Geschweige denn an das, worüber vor 40 Jahren geredet wurde. Fleischhauer zitiert aus einem im Oktober 1967 im «Kursbuch» abgedruckten Gespräch unter vier hauptberuflichen Revolutionären, die im Begriffe waren, den Garten Eden auf Erden zu errichten und damit «die phantastische Erfüllung eines uralten Traums der Menschheit» zu verwirklichen. Jeder verstockte Atheist, der dieses Protokoll gelesen hat, wird dem Allmächtigen dafür danken, dass Er diese totalitäre Utopie verhindert hat.

Derselbe Grusel stellt sich beim Leser ein, wenn Fleischhauer seine Eindrücke von einer Sitzung der Deutschen Islamkonferenz wiedergibt, deren Teilnehmer sich gegenseitig vorjammern, wie sehr sie in Deutschland benachteiligt werden. Der Vertreter der repressiven Mehrheitsgesellschaft kann da nur zur Kenntnis nehmen, «welche Zumutung er und die anderen 75 Millionen Deutschen für die Fremden in ihrer Mitte bedeuten». Auch Fleischhauers Buch ist eine Zumutung – für alle, die an der fixen Idee festhalten, dass man die Natur des Menschen «par ordre de mufti» ändern könne, vorausgesetzt, der Mufti ist ein Gutmensch, der sich in sein benachteiligtes Gegenüber einfühlen kann.

Es ist ein Genuss, Fleischhauer zu lesen, so viel kluge Bosheit kommt selten so leichtfüssig daher. Er schreibt so, wie Jackie Chan kämpft. Auch dessen Gegner merken erst, dass sie getroffen wurden, wenn sie am Boden liegen. Das hätte sogar Rudolf Krämer-Badoni gut gefallen.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 20/09
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Kommentare

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Jeanna     18.05.09 19:28    

Und noch ein kleines Schmankerl in Form einer wahren Begebenheit:

Es war einmal ein Professor in Altphilologie. Der wollte nur das sogenannte Beste für seinen Sohn. Eines seiner "probaten" pädagogischen Mittel war, seinem Sohn in seinem Zimmer und selbst auf der Toilette Plakate hinzuhängen mit lateinischen und altgriechischen Vokabeln, Sätzen und Zitaten ... selbstverständlich nicht ohne eindringliche Ermahnung, sich mit diesen - buchstäblich und wo immer möglich - zu befassen und zu lernen, zu lernen, zu lernen !

Der bedauernswerte (!) Sohn hat's einigermassen überlebt und entschloss sich nach etwelchen gröberen Zerwürfnissen, Forstwart zu werden ... bildete sich später weiter zum Forstingenieur. Es wurde ein zufriedener, glücklicher Mensch und is

Jeanna     18.05.09 19:02    

Trifft z.T. auch zu ... hast Du natürlich völlig recht, knechtli.
Ich wollte einfach ganz bewusst einen- sagen wir mal - Kontrapunkt setzen. DENN: es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie, wie Broder abfährt auf Fleischhauers Befund. Da "erübrigt " sich dann halt auch die Frage nicht ganz, wovon sich dieser Fleischhauer "auf die alten Tage hin" eigentlich endlich und so vehement, nun ja, "quasi" emanzipiert: Von einer dominanten, ideologisch doktrinär "wegweisenden" Mutter, würd' ich mal vermuten !
Da hat dann wohl und möglicherweise "die Emanzipation" mehr mit dem Ausschlagen eines Pendels in halt mal die andere Richtung zu tun.

Allzuviel zu "feiern" gibt's da dann meiner Meinung nach nicht ... gan

Miggu,dasKnechtli     18.05.09 17:57    

Danke für den Link zur "Berliner Zeitung", Jeanna. Dein Jung-Zitat: "Das, womit wir uns nicht auseinandersetzen, begegnet uns als Schicksal" trifft natürlich auch auf jene 'Toskana-Fraktion' im Restaurant Adnan in Berlin-Charlottenburg zu, die sich anlässlich der Vorstellung von Fleischhauers Buch die Ehre gab.

Küsschen
Miggu

Jeanna     15.05.09 15:47    

Das sind - auch empirisch belegte (!) - ganz normale, gesinnungsmässige Pendelbewegungen. Aus Frust. Mit irgendeiner emanzipatorischen Weiterentwicklung hat das noch längst nichts zu tun. Aber alles mit einer Verhaftetheit in der Abgedroschenheit von "Links-Rechts"-Schemata. Alles Weitere folgt daraus ... wie u.a. Prechters "Historys Hidden Engine" eindrücklich aufzeigt.

HenryVIII     15.05.09 15:45    

Den Nagel VOLL auf den Kopf getroffen, Rudenz.

Rudenz     15.05.09 15:34    

Ich war auch mal links. Meine Linke hätte die beiden Controllerinnen von Sozialamt Zürich noch durch alle Böden gegen das "Schweinesystem" (Ja so haben wir geredet) verteidigt. Heute sind die Linksgrünen die Lordsiegelbewahrer des "Schweinesystems". Heute sind die Kämpfer gegen das Staatssystem rechts von der Mitte. Heute sind die Verfechter der bedingungslosen Meinungsfreiheit rechts von der Mitte. Heute sind die Kämpfer gegen übermächtige Grosssysteme und gegen undemokratische Funktionärsdiktaturen rechts von der Mitte. Heute bin auch ich rechts von der Mitte. Meine Einstellungen haben sich allerdings nicht verändert. Die Linke hat sich verändert. Die Linken (und die Anbiederer links der Mitte) sind heute die Bünzlis, die Amtlinge, die Funktionäre, die Moralapostel, d

Jeanna     15.05.09 14:34    

Zur Nachdenklichkeit noch eine grundlegende Erkenntnis von C.G. Jung:
“““Das, womit wir uns nicht auseinander setzen, begegnet uns als Schicksal.“““

Gemeint damit ist das antrainierte Kultivieren und Zelebrieren dessen, was Verdrängungskunst genannt wird. Diese "Kunst" beinhaltet das "Auslagernmüssen" (!) des Eigenen auf Andere ... um es dann dort umso vehementer und fanatisch zu "bekämpfen"

Jeanna     15.05.09 14:22    

Und hier halt noch eine etwas andere – psychologisch nicht ganz, sagen wir gelinde mal, uninteressante – Betrachtung zu Fleischhauers „Coming out“.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0513/feuilleton/0045/index.html

Während die umtriebigen „Volksaufklärer“ vom Schlage eines Broders (Mitbegründer der „Achse der Guten“ ... sic !) oder vom Schlage eines Ulfkottes sich in ihrem selbstgegebenen „Auftrag“ suhlen, darf sich jede/r Zurechnungsfähige einer gewissen Nachdenklichkeit hingeben, so er/sie denn können wollen kann.

Jeanna     14.05.09 20:54    

Weisst Du Coubert, man hat schon Viele/s erlebt und gesehen, aber diese exemplarische, Broder'sche Inkarnation an ebenso neurotischer wie chronisch prozessierfreudiger Eitelkeit einerseits und einschlägig einäugig fixiertem (!) ätzendem Hasspredigertum ist für mich kaum zu ertragen. (Weisst Du per Zufall, ob die Zuckerschnute Avigdor in's Broder'sche Säurebad geraten ist? Wohl kaum. )

Ein bemitleidenswertes Geschöpf, letztlich, dieser obendreinige Börne-Preis-Abholer. DEN sah anlässlich dessen ja leider keiner in seinem Grab rotieren.

Coubert     14.05.09 20:26    

@Jeanna

Ja, der Broder. Er sieht sich noch von Havelaar-Kaffe und Nicaragua-Bananen bedrängt. Und er weiss, dass man diese infamen Linkspropaganda-Meldungen einfach ignorieren muss:

"Je jünger, desto eher wird rechts gewählt"
http://derstandard.at/?url=/?id=1242273662952

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