Tyson Kidd liegt am Boden, reglos, bis auf die Knie, die zucken wie unter Strom. Ein Faustschlag hat ihn auf die Bretter gestreckt. Angefeuert vom Publikum steigt sein Bezwinger Evan Bourne in der Ringecke auf das oberste Seil. Er setzt zum «Finisher» an, dem matchentscheidenden Sprung. Das Publikum weiss, was nun kommt. «Moonsault! Moonsault!», schreit es, Bournes Spezialität, ein Salto rückwärts. Drei Meter wirbelt er durch die Luft und landet mit dumpfem Knall auf dem komatösen Kidd. Das Volk schnellt aus dem Gestühl und rast an die Banden des Ringgrabens, um den Sieger mit Handschlag zu feiern.
Aus der ganzen Schweiz und Frankreich sind sie angereist, die Fans, um ihre Helden in der Genfer Arena zu bewundern. «Wrestlemania» heisst das Spektakel. Seit seiner Gründung vor 25 Jahren gilt es weltweit als das Ereignis der Wrestling-Szene schlechthin. Bis gegen Mitternacht wird gerungen, gesprungen, gewürgt und getreten, dass der Boden kracht. Selbst Frauen steigen in den Ring, die sogenannten Divas. Im Kern ist «Wrestlemania» aber eine Männerbastion. Das Spektrum reicht vom zwergwüchsigen Witzbold bis zum Zweizentnerriesen, bizarr trainierte Muskelkolosse mit geölten Brustkästen, die glänzen wie gebeizte Truthahnbraten. Sie tragen Leggins und Lederstiefel und Fantasienamen wie Triple H, Rey Mysterio oder Hornswoggle.
Solche Happenings lösen bei den meisten Erwachsenen bestenfalls müdes Kopfschütteln aus. Wrestling, so die landläufige Meinung, sei ein primitives Affentheater. Übler Trash aus der kulturellen Müllkippe Amerikas. Die vorwiegend jugendliche Fangemeinde, die in der Schweiz steten Zuwachs verzeichnet, lässt die Kritik kalt. In ihren Augen erfasst die Mehrheit schlicht nicht, worum es beim professionellen Wrestling geht: nicht um olympischen Geist. Wrestling ist eine Mischung aus Sport und Show. Nicht der Wettkampf steht im Mittelpunkt, sondern die perfekt inszenierte Unterhaltung.
Anders als im normalen Sport kann im Wrestling kein Langweiler zum Star werden, nur weil er sportliches Talent hat oder hart trainiert. Dabei sind die physischen Ansprüche enorm. Wer das Geschehen aus der Nähe verfolgt, erkennt, mit welcher Präzision und akrobatischen Geschmeidigkeit die Darsteller ihr Werk verrichten. Die schwierigsten Griffe, Würfe, selbst die waghalsigen Sprünge – gegen 200 Aktionen kennt das Repertoire – werden mit millimetergenauer Präzision ausgeführt. Totale Illusion ist die hohe Kunst. Jeder Schlag, jeder Fusstritt muss möglichst echt aussehen, ohne jedoch zu verletzen.
Dass nicht immer alles glimpflich abläuft, erzählt einer der Giganten kurz vor dem Match. Seit Jahren gehört Matt Hardy, 34, zu den Superstars. «Matt, die Leute draussen sagen, das sei billiges Theater.» – «Ein total ignorantes Statement.» – «Eigentlich ist doch alles inszeniert, eine Art Muskelprotzballett?» – «Nein, harter Kampf. Unser Wrestle schmerzt jede Nacht.» – «Aber ihr schlagt ja gar nicht richtig zu?». – «Wir verrichten Massarbeit, aber leider verfehlt nicht jeder Schlag sein Ziel», sagt er und zeigt auf eine frischgenähte Narbe, 13 Stiche, direkt über der rechten Augenbraue. «Das passiert, wenn man ein paar Hundertstelsekunden zu spät reagiert.»
Im Universum des Wrestlings gibt es zwei Welten: die der Helden (Faces, Kurzform für Babyfaces) und die der Bösewichte (Heels). Wie bei den Göttern auf dem Olymp kommt es selbst unter den Guten zu Neid und Streit, die Anlass zu Schlachten bieten. So ergibt sich ein kompliziertes Geflecht von Helden und Bösewichten, Fehden und Intrigen, bei dem bloss der Fan den Überblick behält. Und selbst der weiss nie, wie das Schicksal seinen Idolen gesinnt ist.
Das wissen bloss die Bookers, die Drehbuchautoren der Wrestler-Saga. Sie stricken die Handlung um die wöchentlich ausgestrahlten TV-Kämpfe. Ähnlich wie bei einer Seifenoper definieren sie Rollen und Ausgang der Kämpfe, lassen Charaktere verschwinden, kreieren andere neu und halten so die Fans in Atem.
«Es ist wie im normalen Leben», sagt Hardy. «Du gehst zur Arbeit und weisst nicht, was dich erwartet. Plötzlich musst du den Boden wischen.» Jahrelang hatte er zusammen mit Bruder Jeff Schurken bekämpft. Um die Spannung zu steigern, haben die Bookers ihn nun zum Bösewicht mutieren lassen und in eine üble Familienfehde verwickelt. Bisheriger Höhepunkt: Matt zündet das Haus seines Bruders Jeff an, dabei verbrennt sogar dessen Hund. Seither fliegen zwischen den Brüdern die Fetzen.
Jeder weiss, dass die Story erfunden ist, aber irgendwie fiebert man trotzdem mit. Die Mischung aus comicartigem Melodram und testosteronschwangerer Akrobatik ist ein clever vermarktetes Gesamtprodukt mit weltweiter Fernsehübertragung, Merchandising und Videogames. Branchenführerin ist die World Wrestling Entertainment (WWE), die «Wrestlemania» promotet; ein börsenkotiertes Unternehmen mit einem Jahresumsatz von bis 400 Millionen Dollar.
Begonnen hat das Phänomen im 19. Jahrhundert in den engen Manegen der Jahrmärkte. Zur Volksbelustigung präsentierten sich dort Muskelmänner mit gezwirbelten Schnäuzen, gewandet in Tigerfelle oder Turneranzüge. Besucher wurden aufgefordert, für ein Preisgeld die Herkulesse herauszufordern; eine Versuchung, der sich lokale Kraftmeier und Wichtigtuer ohne Gesichtsverlust kaum entziehen konnten.
Sympathie für den Totengräber
Daraus entwickelten sich bald inszenierte Schaukämpfe. In den 1950er Jahren begann das Fernsehen die Matches zu übertragen und sorgte für flächendeckende Popularität. In den achtziger Jahren konnten talentierte Wrestler erstmals viel Geld verdienen. Aus dieser Zeit stammt die erste Wrestling-Ikone von globaler Strahlkraft: Hulk Hogan – Markenzeichen: solariumgegerbte Lederhaut, Kopftuch und blondierter Seehundschnauz.
Die meisten schaffen es nie bis an die Spitze. Misserfolg und Schulden trieben viele immer tiefer ins Verderben. Mickey Rourke hat den Gefallenen im Film «The Wrestler» ein Denkmal gesetzt. Als Randy «The Ram» Robinson Ramzinski tingelt er durch drittklassige Hallen. Einsam, alt und krank. Die schlechtbezahlten Auftritte reichen nicht einmal, um die Stellplatzmiete für ein Wohnmobil zu zahlen, so dass er schliesslich als Lagerist in einem Supermarkt anheuern muss.
Es sei ein grossartiger Film, meint Matt Hardy. «Er zeigt die Gefahren des Business.» Wer Erfolg habe, werde leichtsinnig und verprasse das Geld. Plötzlich verletze man sich und stehe da ohne nichts. Im Wrestling müsse man auf alles gefasst sein. «Jeder Tag kann dein letzter sein. Du kannst dir einen Arm brechen oder das Genick.» In den letzten zehn Jahren verstarben gemäss einer Aufstellung der Zeitung USA Today 65 Wrestler, die noch keine 45 Jahre alt waren. 25 von ihnen erlitten einen Herzinfarkt, verursacht durch den Missbrauch von Schmerz- und Muskelaufbaumitteln.
Medikamente und Drogen sind die Schattenseiten, über die man ungern spricht. Man zelebriert den Tod als Parodie. Den ganzen Abend haben ihm die Fans in schauriger Erwartung entgegengefiebert. Als es plötzlich dunkel wird in der Arena und zwei Glockenschläge ertönen, wissen sie, jetzt ist er nah. Aus einer Trockeneisschwade schält sich gemessenen Schrittes ein Hüne, schwarzer Mantel, leichenblasses Gesicht, die Augen im Schatten eines breitkrempigen Hutes versteckt: «The Undertaker!», ruft das Publikum, der Totengräber.
Derzeit gibt es wohl keine grössere Legende im Wrestling-Universum als diese Schauergestalt. Als Mark Calaway, ein Zweimetermann aus Texas, vor 19 Jahren erstmals in der Rolle des «Undertaker» den Ring betrat, gefror seinen Gegnern das Blut in den Adern. Nach vollendetem Kampf schleppte er die Besiegten im Leichensack raus. Kleine Kinder weinten, als seine Totenglocke ertönte.
Über die Jahre geschah Sonderbares. Statt den Bösewicht auszubuhen, begannen die Zuschauer den Totengräber anzufeuern. Die Bookers nahmen die Metamorphose in ihr Skript auf, und so verwandelte sich die Ausgeburt des Bösen langsam zum Guten. Ohne dass der «Undertaker» freilich nur ein Quäntchen von seinem Schrecken preisgegeben hätte.
So treibt er auch an diesem Abend seine beiden Widersacher wie aufgescheuchte Hühner durch den Ring, zerpflückt zuerst den einen, bodigt den andern und stampft zur Kür: dem Tombstone, seinem legendären Finisher. Kopfüber hält er seinen Gegner und «rammt» ihm den Schädel wie einen Grabstein in den Boden. Benommen torkeln die Fans aus der Arena. Für die Erwachsenen war es illustre Unterhaltung. Kinder und Jugendliche hingegen sind endgültig vom Wrestling-Virus infiziert. Beseelt vom Wunsch, selbst einmal in den Wrestler-Olymp aufzusteigen, fahren sie nach Hause, zurück in die Gärten, Hinter- und Pausenhöfe, wo sie weiter ihre Idole nachahmen.
Auch Matt Hardy hat so angefangen. Als «Backyard Wrestler» auf einem Trampolin hinter dem Elternhaus. Auf die Frage eines zehnjährigen Fans, ob der Wrestling-Held ihm einen Tipp wisse, wie er zum Superstar werden könne, sagt der Profi: «Du musst hart trainieren, nie aufgeben und immer an deinen Traum glauben, dann kommst du eines Tages nach Florida in einen Wrestling-Kurs.» Als er sieht, wie ihn der Junge verzückt anschaut, fährt er in väterlichem Ton fort: «Aber zuerst musst du die Schule abschliessen. Man weiss ja nie, was das Schicksal so alles mit einem vorhat.»













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