Wie definieren Sie den deutschen Nationalcharakter?
Sehen wir davon ab, dass der Nationalcharakter ein in seiner Pauschalität problematischer Begriff ist, lässt es sich nicht übersehen, dass die Deutschen mit gewissen Eigenschaften in Verbindung gebracht werden, die Klischeecharakter haben, aber alle Klischees haben ihr fundamentum in re. Gründlichkeit, Ordnungssinn, Fleiss, Zuverlässigkeit und Einfallsreichtum, Treue gehört auch dazu: Das sind die positiven Klischees, mit denen die Deutschen behaftet werden, und im Vergleich mit andern Völkern sicherlich nicht ganz zu Unrecht.
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Wann hat sich der deutsche Nationalcharakter herausgebildet?
Diese Eigenschaften haben eine sehr, sehr lange Geschichte, und es gibt Leute, die behaupten, dass sich wichtige Stränge seit der Germanenzeit erhalten haben.
Was sind die wichtigsten Eigenschaften der Deutschen aus germanischer Zeit?
Der germanische Eigensinn, die germanische Zwietracht, aber auch die germanische Treue, wobei nicht immer ganz klar ist, zu wem – dies sind die Eigenschaften, die als germanischer Freiheitssinn idealisiert werden. Wenn ich Luther zitieren darf, der sagte, die Schweizer seien die besten Deutschen, dann ist gerade das Freiheitsbewusstsein hervorstechend.
Woher kommt dieser Ur-Drang nach Freiheit?
Der Freiheitsgedanke selbst ist nicht typisch germanisch, sondern typisch für die Nordvölker. Schon Aristoteles hat behauptet, dass die Nordvölker nicht imstande seien, grosse Staaten zu gründen, dass es denen an Disziplin fehle und dass sie eben auch keine Tyrannen und keine Könige dulden würden. Der Freiheitsgedanke wurde vom römischen Historiker Tacitus hoch gelobt, und dies erklärt auch die merkwürdige Position des Tacitus, der den germanischen Legionenbezwinger Arminius, den Sieger der Varusschlacht, nicht als den grossen Verräter und Gegner Roms hinstellt, sondern als Freiheitshelden. Tacitus’ Herz schlug für die alte römische libertas, und er sah in Arminius die Verkörperung dessen, was die Römer in der Kaiserzeit verloren hatten.
Man sagt den Deutschen Obrigkeitsgläubigkeit nach. Die Germanen wären demnach ein klares Gegenbild.
Achtung. Die Obrigkeitstreue ist ableitbar aus dem germanischen Gefolgschaftsgedanken. Die Germanen waren ähnlich wie die Kelten in Gefolgschaften organisiert. Die Treue gegenüber dem Gefolgsherrn war oft stärker als die Treue gegenüber dem Fürsten oder gegenüber dem Kaiser. Anders lässt sich das Fehdewesen im Mittelalter gar nicht erklären. Moderne Begriffe wie «Gemeinschaft» oder «Solidarität» sind urgermanischen Charakters.
Wie stark hat die Geografie die Mentalität der Deutschen geprägt?
Wenn ich an die Griechen denke, die in den unterschiedlichsten Gegenden den gleichen Charakter bewiesen haben, oder wenn ich an deutsche Siedlungen in den USA erinnere, die noch deutscher aussehen als die Siedlungen in der Heimat, dann habe ich Zweifel, was die geografische Prägung angeht. Auch die von Katharina der Grossen in Russland angesiedelten Deutschen lebten in Dörfern, die als deutsche Dörfer erkennbar waren. Die Deutschen haben die Mentalität mitgebracht und bewahrt, unabhängig von der Geografie. Die Bedeutung der Geografie wird überschätzt für die Entstehung und Weiterentwicklung des Volkscharakters.
Der römische Historiker Tacitus war der erste grosse Deuter der Germanen. Was sind seine interessantesten Beobachtungen?
Tacitus beschreibt mit Bewunderung den germanischen Familiensinn, das Prinzip Grossfamilie, das bis ins 20. Jahrhundert hinein wirksam blieb: Die Frau versorgte Haus und Kinder. Der Mann war für den Aussendienst zuständig. Er musste das Haus bauen, das Handwerk üben, die Ernährung sicherstellen. Auch der Kinderreichtum der Germanen wurde registriert. Das war bemerkenswert. Tacitus rühmt an den Germanen, dass es nicht üblich sei, die Kinderzahl künstlich zu begrenzen. Die Römer haben das zweite oder dritte Kind ausgesetzt oder verkauft oder Empfängnisverhütung betrieben. Daraus ergab sich für die Römer auch ein militärisches Problem. Man konnte die Germanen mehrfach besiegen, aber die nächste Generation stand schon auf der Matte.
Wie sahen die Germanen ihre Frauen?
Tacitus lobt an den Germanen den Respekt, den sie gegenüber ihren Frauen hatten. Die Frauen waren den Göttern näher. Die Seherinnen waren geheiligte Figuren, die auch in der Politik eine grosse Rolle spielen konnten. Bei den Römern gab es das nicht. Das hochgelobte Frauenbild erlebte mehrfach ein Comeback, etwa bei den Minnesängern oder im galanten 18. Jahrhundert. Schliesslich im Feminismus von Alice Schwarzer, da ist nicht viel Neues dran.
In Ihrem Buch über die Deutschen nennen Sie auch die Freude am dörflichen Leben als ein germanisches Merkmal, das bis in die grüne Gegenwart überdauerte.
Eindeutig. Die Germanen empfanden Städte als Gefängnisse, sie fühlten sich dort wie in Gräbern eingeschlossen. Sie mussten den blauen Himmel über sich haben und liebten das Leben mit der Natur, was man in der Stadt so nicht haben kann. Die Germanen brauchten den Wald, sie brauchten die Wiese und den Garten. Das pflanzte sich fort, wenn man so will, bis in die Schrebergartenbewegung.
Vielleicht waren die Germanen nicht in der Lage, schöne Städte zu bauen, und machten daher aus der Unfähigkeit eine Tugend.
Dem widerspricht die Tatsache, dass die römischen Städte, die von den Germanen erobert wurden, von den Germanen nicht besiedelt wurden. Die haben alles rausgeräumt, was sie brauchen konnten, und sind in ihre Dörfer zurückgegangen.
Grosse Teile Deutschlands sind nie romanisiert worden. Wie hat sich dies auf den Volkscharakter ausgewirkt?
In den von den Römern beherrschten Teilen Deutschlands gab es Städte, die im Mittelalter wieder reaktiviert wurden. Die wuchsen dann auch. Christianisierung und Zivilisierung gehen eindeutig vom römisch besetzten Teil Germaniens aus. Interessanterweise hat aber Karl der Grosse manche germanische Gebräuche in die römisch-zivilisierte Sphäre hinübergerettet.
Welche Mentalitäten entwickelten sich in den nicht romanisierten Teilen Deutschlands?
Die nicht romanisierten Teile haben für die Ausbildung des Nationalcharakters eine grössere Rolle gespielt, weil sie mehr oder weniger unverfälscht in die Geschichte eingeflossen sind. Das Leben in Norddeutschland war viel härter als im Süden. Die Heidebauern und Nordseefischer hatten ein sehr viel kargeres Leben und mussten sich behaupten, sehr ähnlich wie die Alemannen in den Alpen. Daher sind der Durchhaltewille und die Durchhaltekraft wie auch der typisch germanische Trotz in diesen Gegenden stärker ausgeprägt.
Bis heute ist der Süden, abgesehen von den nördlichen Küstenstädten, geschäftstüchtiger als der Norden. Ist das eine Spätfolge der römischen Eroberung?
Alles, was mit dem Phänomen Stadt zusammenhängt, dazu gehören die Wirtschaft und die Wissenschaft, hatte in den ehemals römischen Gebieten eine weit bessere Ausgangslage.
Die Germanen haben in späteren Jahrhunderten Rom erobert. Hat sich daraus das deutsche Grossmachtstreben entwickelt?
Die Germanen selber hatten nie erfolgreiche Versuche unternommen, ein Grossreich zu bilden. Überhaupt nicht. Typisch für die Germanen ist die Stammesstruktur, kleine, überschaubare Einheiten. Die Versuche, grosse Verbände zusammenzufassen, sind in der Regel gescheitert. Das Typische dafür ist ja das Entstehen der Franken, der Sachsen und der Alemannen im 3. Jahrhundert nach Christus. Sie entstanden als Stämme im Kampf gegen Rom, aber sie wurden nie zentral organisiert. Nach dem Sieg, aber erst recht nach einer Niederlage, fielen die Koalitionen wieder auseinander.
So ist dem deutschen Wesen seit Anbeginn eine gewisse Abneigung gegen zentralistisch geordnete Verbände eigen, eine Art Kantönligeist?
Ganz deutlich. Der Partikularismus ist mit der germanischen Zwietracht geburtsursprünglich. Es war ein endloser Prozess, wie Chlodwig das Frankenreich zusammenbekommen hat. Er zwang jede Provinz einzeln, sich ihm zu unterwerfen, und nach seinem Tod fiel alles wieder auseinander, weil jeder Sohn seinen Anteil bekam.
Im Mittelalter kommt das Nibelungenlied in die deutsche Geschichte, das traurig-tragische Epos um Heldenmut, Verrat und Untergang. Warum haben sich die Deutschen eine so depressive Nationalsage zugelegt?
Es sind wahrscheinlich Urgegebenheiten des germanischen Nationalcharakters: Der heroische Untergang spielte eine grosse Rolle. Bei einigen Völkern in der Antike ist Ähnliches zu beobachten; Städte, die sich selber ansteckten, bevor sie vom Feind erobert wurden, etwa Karthago. Durch die Barden wurden solche schmerzvollen Ereignisse heroisiert, ein Untergang war nicht vergessen, sondern er wurde gefeiert.
Die Schweizer haben mit dem Tell ein Nationalepos mit happy ending. Warum heroisieren die Deutschen den Untergang?
Man muss aufpassen mit dem Begriff «Nationalepos». Das Nibelungenlied war im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit vergessen. Nicht wie Homer, der durchgehend Katechismus war. Das Nibelungenlied wurde in der Romantik reaktiviert und zum Nationalepos erklärt, weil man den anderen Nationen etwas Ebenbürtiges entgegenhalten wollte. Die literarische Qualität war da wohl wichtiger als das Untergangsmotiv. Die anderen Epen waren zu einfach gestrickt, Parsival war zu französisch geprägt, Artus zu keltisch. Es blieben die Nibelungen.
Wie hat der Reformator Luther die Deutschen geprägt? Warum wurde und wird er so verehrt?
Luther war Protestant. Genauer: Er ist zum Protestanten geworden. Er hatte die Fähigkeit zu protestieren, die Welt herauszufordern, die Weltmacht des Kaisers, des Papstes, als kleiner Sohn eines Bergmanns. Dies hat Carl Friedrich von Weizsäcker einmal verbunden mit dem Begriff des deutschen «Titanismus», der Selbstüberschätzung, manchmal erfolgreich, meistens erfolglos. Dieses trotzige Aufbegehren, sich nichts sagen zu lassen, keine Abhängigkeiten zu akzeptieren und die Fremden rauszuhalten: Das sind Dinge, die mit Luther beginnen, aber auch von den Humanisten weitergetragen werden. Es sind Keimzellen eines übersteigerten Nationalismus.
Interessanterweise widerspricht auch Luther dem Klischee des obrigkeitstreuen, geduckten Deutschen.
Die Obrigkeitsgläubigkeit wird gespeist durch das Tyrannen-Klischee. Nur wenn der Herrscher ein Tyrann ist, ist es ein Verdienst, nicht obrigkeitsgläubig zu sein. Die deutschen Fürsten aber waren in der Regel eben keine Tyrannen. Sie waren im Gegenteil mit ihren Untertanen so verbunden, dass es keinen Sinn ergab, eine Revolution zu entfesseln. Immer kurz bevor es so weit war, haben die Fürsten nachgegeben. Daher ist die Obrigkeitstreue keine Untugend und nicht als Kritikpunkt zu werten. Die Obrigkeit hat eben so regiert, dass eine Revolte nicht nötig war. Das spricht für die Obrigkeit, nicht gegen die Untertanen.
Luther als deutscher Protest-Titan, aber er war auch der grosse Bibelübersetzer.
Luther gilt als der Schöpfer der deutschen Hochsprache, seine Bibelübersetzung war der Erfolgsschlager in der Büchergeschichte schlechthin. Luther hat eine Bewegung losgetreten, die einfach in der Luft lag. Als er zum Reichstag nach Worms zitiert wurde, 1521, in die Höhle des Löwen, die Spanier wollten ihn auf den Scheiterhaufen stellen, war es ein Triumphzug durch Deutschland. Die Bürgermeister sind ihm entgegengekommen, haben ihn bewirtet, ihm goldene Kränze geflochten, endlich mal ein Mann, der aufsteht gegen diese Misswirtschaft der Kirche. Selbst die Rom-treuen Fürsten sagten, im Grunde habe Luther recht. Luther wusste, dass er die Leute auf seiner Seite hatte, aber er ging das Risiko ein zu scheitern. Interessanterweise schätzte Luther den Germanen Arminius, der wie er alles riskiert und alles gewonnen hatte. Wie der Germane gegen die römischen Kaiser lehnte sich Luther gegen die römischen Päpste auf. Der Kampf gegen Rom war nicht nur in Deutschland die Wurzel des Nationalismus. Der Widerstand gegen das Imperium ist ein wesentliches Movens für die Entstehung des Nationalbewusstseins in ganz Europa.
Ein entscheidendes Ereignis, das die deutsche Mentalität beeinflusste, muss der Dreissigjährige Krieg gewesen sein, der unendliches Leid und Zerstörung brachte.
Der Dreissigjährige Krieg ist einer der grössten Irrtümer der Weltgeschichte. Was 1648 beim Frieden festgeschrieben wurde, war das Gleiche, was 1618, bei Ausbruch des Krieges, schon feststand. Cuius regio, eius religio, wer herrscht, soll die Religion bestimmen dürfen. Auch die territorialen Verschiebungen waren unbedeutend. Der Krieg war völlig überflüssig. Er hat aber weniger die Mentalitäten verändert als vielmehr das politische Geschehen in Deutschland. Es wuchs, gegen die uralten partikularistischen Instinkte, das Bedürfnis nach einer starken Zentralmacht. Dieses Bedürfnis war eine Voraussetzung für die späteren Erfolge der Preussen. Die preussische Geschichte selber ist ein Produkt des Dreissigjährigen Krieges, also der Wunsch nach einer Ordnungsmacht, die die anarchischen Zustände ein für alle Mal beendet und die Fremdmächte aus Deutschland hinauswirft. Dieses Bewusstsein hat sich in Brandenburg, wo Preussen entstand, gleichsam fokussiert und dann über das ganze Land ausgebreitet. Auf geistiger Ebene war der Pietismus vielleicht eine Folge des Krieges, die Neigung, das Heil im Jenseits zu suchen.
Die Leistungen Preussens erscheinen im Rückblick monumental. Aus wenig fruchtbaren Sandböden, das eigene Fürstentum territorial verzettelt, wurde innert kürzester Zeit eine Weltmacht gestampft. Wie erklären Sie sich diesen Vorgang?
Es gibt den Menschenschlag, den wir in diesen unwirtlichen Gegenden haben, und es gibt das protestantische Erbe. Die Preussen orientierten sich an den Vorbildern Frankreich und Österreich, doch es gelang ihnen etwas ganz Eigenes. Als preussische Tugenden gelten Pflichterfüllung, Verantwortungsbewusstsein, Durchhaltevermögen und unbedingte, unbestechliche Korrektheit. Das militärische Element darin ist unbestreitbar, aber die Ehre stand über dem Gehorsam. Als Christoph von Saldern 1761 von Friedrich dem Grossen den Befehl erhielt, in Hubertusburg die Kunstsammlung des sächsischen Königs zu verkaufen, nachdem dieser Charlottenburg verwüstet hatte, da meldete der General: «Euer Majestät halten zu Gnaden, das ist gegen meine Ehre und meinen Eid.» Er wurde entlassen.
Wurde Deutschland eigentlich je von der Aufklärung voll erfasst, oder blieb man in der Romantik stecken?
Die Aufklärung ist ein universaler Prozess, der noch nirgendwo voll durchgedrungen ist, zu meinem grossen Bedauern! Der Einfluss der Engländer auf die deutsche Aufklärung ist allerdings eindeutig zu erkennen. Ohne den Schotten Hume wäre Kant nicht vorstellbar.
Den Sprung zum Liberalismus eines Adam Smith schaffte Kant allerdings nicht.
Nein, aber interessanterweise schlug die Aufklärung in die Politik durch. Friedrich der Grosse verbot an seinem ersten Amtstag die Folter. Die Aufklärung setzte sich durch, wurde aber konterkariert durch die Romantik.
Was war das spezifisch Deutsche an der deutschen Aufklärung?
Die deutsche Aufklärung ist nicht so pathetisch wie die französische und nicht so praktisch wie die englische. Die Deutschen waren immer eher theoretisch veranlagt, spekulativ, wenn man so sagen will, aber eben auch kritisch.
Der deutsche Philosoph Hegel hat im 18. Jahrhundert eine Weltformel vorgelegt. Er war das lebende Denkmal des deutschen Idealismus. Warum haben die Deutschen diesen Weltanschauungsfimmel?
Der Versuch, die Welt zu erklären, die ganz grosse Systematik aufzubauen, ist eine typisch deutsche Aufklärungstradition. Das ist die geistige Variante des politischen Titanismus. Wenn man die Weltordnung, anders als ein Napoleon, schon nicht gestalten kann, will man sie wenigstens verstehen.
Eine Art Weltherrschaft des Geistes.
Sicherlich. Der Protestantismus hat sich als Universalreligion verstanden. Aber dann er- gab sich bei Schiller das Weltbürgerliche, bei Kant auch. Man will die Nationalstaaten nicht auflösen, aber in einen grossen Verbund eingliedern, der dann letzten Endes in das Weltbürgertum mündet. Dass man über die eigenen Grenzen hinauswill, ein Ungenügen empfindet am Hier und Jetzt, ist ein Urmotiv. Hegel war schon ein philosophischer Napoleon.
Wie hat der Wald die Deutschen geprägt?
Der Wald ist als Naturphänomen in Germanien schon von den Römern bestaunt worden. Der ältere Plinius sagt, die deutschen Eichen seien das grösste Naturwunder, das es je gegeben hat. Der Wald spielte in Deutschland immer eine kolossale Rolle. Schon Arminius hätte im offenen Feld die Römer nie schlagen können, also war der germanische Sieg nur mit Hilfe der Bäume möglich und natürlich des Wetters. Das Holz war der entscheidende Faktor in der germanischen Wirtschaft. Der alte indogermanische Baumkult hat sich sehr lange gehalten. Manche Bäume wurden Heiligen gewidmet, der Wald ist also gleichsam christianisiert worden. Die Märchen und Sagen dürfen nicht vergessen werden.
Was waren die Wirkungen auf den Volkscharakter?
Der Schriftsteller Elias Canetti hat gesagt, Wald sei ein militaristisches Symbol, so wie die Bäume nebeneinanderstehen, stehen die Soldaten nebeneinander. Das Bild ist an den Haaren herbeigezogen, denn Ordnung im Walde kam erst mit der neuzeitlichen Forstwirtschaft auf, die Urwälder waren wild, ungeordnet, undurchdringlich.
Stimmt es, dass sich die Deutschen der Eiche verwandt fühlen, sich in diesem Baum wiedererkennen?
Sicher. Die Eiche heisst auf Griechisch «drys». Das hängt mit dem englischen Wort «tree» zusammen. Die Eiche als Ur-Baum, als Baum schlechthin, denn jeder Baum ist eine Variante der Eiche. Die Eiche hat das härteste Holz. Das Wort Treue kommt von «tree», die Festigkeit, das Zusammenhalten, da steckt eine grosse Symbolik drin. Die Linde ist geschmeidiger, weicher, schattenspendend; sie riecht gut mit ihren Blüten. Im Nibelungenlied spielt die Linde eine gewaltige Rolle, Siegfried erhält das Lindenblatt auf die Schulter, was ihn verwundbar macht; schliesslich stirbt er unter einer Linde.
Wü¨¨rden Sie die Deutschen als rationalistisch oder irrationalistisch bezeichnen ?
Aus französischer Sicht sind sie gemütvolle Irrationalisten, aus russischer Sicht dagegen gefühlsarme Rationalisten. Eiskalte Berechnung aber ist gewiss kein deutscher Charakterzug.
Die Deutschen hatten immer wieder hervorragende Heerführer, ausgezeichnete Truppen. Um ein Haar hätten sie zwei Weltkriege gewonnen. Gibt es eine Erklärung für das kriegerische Talent?
Das wehrhafte Element prägt die Geschichte des deutschen und des germanischen Adels. Die Griechen haben schon im 5. Jahrhundert vor Christus die Waffen in der Öffentlichkeit abgelegt. In Deutschland waren die Waffen bis ins 19. Jahrhundert allgegenwärtig. Der freie Mann trägt eine Waffe. Der germanische Adel war ein Schwertadel. Ganz anders bei den Römern, da hat die Oberschicht der Senatoren schon unter Augustus keine Waffen mehr getragen, die waren voll zivilisiert, in Deutschland hielt sich das viel länger. Bei den Germanen war jeder Mann ein Krieger.
Warum eigentlich haben die Deutschen in der Musik bedeutendere Werke hervorgebracht als in der Malerei oder in der bildenden Kunst?
Angenommen, das stimme, so könnte man eine etwas simple Erklärung bemühen: Die visuellen Künste verlangen Optik, und die Optik verlangt die Sonne. In Deutschland ist das Wetter schlecht, daher dominiert das Musikalische. Die Liebe zur Musik ist seit Urzeiten bekannt. Wir haben Gräber aus dem sechsten Jahrhundert gefunden mit Leiern. Die Orgel war ein antikes Instrument, aber erst in der Karolingerzeit wurde sie zur Kirchenmusik eingesetzt. Im Spätmittelalter bezog Italien die Tasteninstrumente aus Deutschland. Wo wurde so viel gesungen wie in Deutschland? Die Sängerbewegung in Deutschland kam aus dem Kanton Appenzell. Der Zürcher Hans Georg Nägeli gründete ab 1810 die ersten Gesangsvereine.
Sie beschreiben die Germanen als technisch rückständig. Die mittelalterlichen Deutschen hatten ein weniger gut entwickeltes Städtewesen. Dennoch wurden die Deutschen zu einer führenden Industrienation mit den besten Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Was war der Grund?
Der Philosoph Helmuth Plessner hat die Deutschen zur verspäteten Nation erklärt, was im Verhältnis zu den Italienern, Franzosen und Engländern sicher stimmt. Hier spielt das römische Erbe eine Rolle. Die technischen Leistungen der Deutschen aber kamen schon sehr früh. Die Uhrenherstellung wurde in Deutschland im 16. Jahrhundert in Nürnberg und in Augsburg zu einer Industrie entwickelt, was sich auf andere technische Bereiche übertrug. Die Uhr war nach der Mühle das Urbild der Maschine. Im 17. und 18. Jahrhundert übernahmen die Engländer die Führung, dann kamen wieder die Deutschen.
Es bleibt rätselhaft. Wie konnte die Agrarnation, die das dörfliche Leben liebte, zum führenden Industriestandort werden?
Die industriellen Leistungen sind in Deutschland verbunden mit den barocken Fürstenhöfen in Konkurrenz zu den Reichsstädten. Das Interesse fürs Technische war an den Höfen gewaltig, auch die Alchemie wurde von den Fürsten forciert, ihre Häuser wurden zu Zentren des technisch-zivilisatorischen Fortschritts.
Warum hat es in Deutschland nie eine liberale Revolution gegeben?
Es hat eine Revolution in Deutschland gegeben, wenn auch keine liberale: den Bauernkrieg, der revolutionär war sowohl in den Mitteln als auch in den Zielen. Aber er drang nicht durch, weil er nicht genügend Anklang fand. Dass der Bauernkrieg scheiterte, lag an den Ausschreitungen der Bauern und an den Fürsten, die sich milder und zuvorkommender verhalten haben als die Fürsten in anderen europäischen Gebieten, wo Revolutionen stattfanden. Schauen Sie sich die Verhältnisse im Ancien Régime Frankreichs an, oder schauen Sie sich an, wie sich Nikolaus II. in Russland verhielt gegenüber der Unterschicht. Das sind aus heutiger Sicht empörende Formen der Regierung, die es in Deutschland so nicht gegeben hat. Wenn die Fürsten Missstände bemerkten, liessen sie es durch Nachgeben nicht zu Gewaltausbrüchen kommen. Der Neid bei unseren Intellektuellen auf die Franzosen und ihre Revolution ist für mich schwer nachvollziehbar. Die Guillotine war schrecklich. Dass man bis heute die Französische Revolution verherrlicht, halte ich für pathologisch.
Waren die Deutschen auch deshalb weniger revolutionsbereit, weil sie durch ihre offenen Grenzen so verwundbar waren?
Die äussere Bedrohung war immer ein Schraubstock für den inneren Zusammenhalt.
Haben Sie als Historiker eine Erklärung dafür gefunden, welcher Zug in der deutschen Mentalität ausschlaggebend dafür war, dass man dem Diktator Hitler verfiel?
Die Rede von «Mentalität» steht einem Historiker schlecht an. Der Begriff ist ein luftiges Gebilde. Der Erfolg Hitlers beruhte auf sehr viel handfesteren Faktoren. Niemand hat so laut wie er eine Revision des Versailler Vertrages gefordert, der rechts wie links abgelehnt wurde. Niemand hat so entschieden wie er gegen den Kommunismus gekämpft, den das Bürgertum fürchtete. Niemand so eindrücklich wie er den starken Mann gespielt, den man als Retter ersehnte, als die Wirtschaft zusammenbrach. Hitler hat alle Register des Nationalstolzes gezogen, hat die militärischen Traditionen mobilisiert, mit glühender Rhetorik Ordnung und Aufbau versprochen und das Weimarer «System» verteufelt, wo, wie es hiess, sich die Abgeordneten mit Tintenfässern bewarfen. Er ist ein Produkt des Chaos.
Deutschland überlebte zwei verheerende Kriegsniederlagen, einen moralischen Bankrott. Heute steht man als erfolgreiche und geachtete Nation da. Andere Völker hätten sich vielleicht aufgelöst. Warum schafften die Deutschen diesen Wiederaufstieg?
Der deutsche Aufbauwille ist gross. Ich erinnere mich an einen peruanischen Studenten in Marburg, der mir sagte: «Es ist unvorstellbar, wenn man sich Deutschland ansieht, was da alles zerstört worden ist und wie es heute aussieht. Bei uns ist nie etwas zerstört worden, und doch ist alles kaputt.» Der Wille, alles wieder aufzubauen, liegt im deutschen Wesen. Es ist eben anders als bei vielen Südländern, die sich hinsetzen und Karten spielen. Wozu arbeiten, wenn man den Feierabend geniessen kann? Die Deutschen «schaffen» einfach. Die harte Arbeit sitzt den Deutschen im Blut.
Hat es Sie aus historischer Sicht überrascht, dass die Deutschen nach Jahrhunderten autoritärer Regime gleichsam über Nacht eine funktionsfähige Demokratie zustande brachten?
Nein, überhaupt nicht. Die Demokratie hat bei uns eine lange Vorgeschichte. Die Städte, also die eigentlichen Kulturträger, waren bei uns immer auf die eine oder andere Weise demokratisch organisiert. Die Leute, die das verhindern wollten, waren die Bischöfe der letzte übrigens war der Bischof von Basel. Die sind von den Bürgern immer wieder ausgetrickst worden. Die Emanzipation des Bürgertums fand frühzeitig statt, die adeligen Landstände waren aufmüpfig. Die Mitsprache von unten, allerdings der sozialen Ordnung angepasst, war möglich, nicht jeder konnte mitreden, aber zumindest die Honoratioren, die Stände konnten es. Die Demokratie ist den Deutschen nicht über Nacht eingeimpft worden.
Erstaunlich aber bleibt doch die Staatsgläubigkeit der Deutschen.
Ja, das ist nicht von der Hand zu weisen. Warum das so ist? Die Fürsten waren die Kulturträger, die haben in höherem Mass als anderswo für Wohlstand, für Bildung und für Kultur gesorgt. Nicht alles, was von oben kam, war in der deutschen Geschichte schlecht, daher hat sich die Obrigkeit auch nicht als Feindbild verfestigt. Diese Tradition hat sich in die Demokratie fortgesetzt, so dass wir die Anweisungen der Behörden zuvorkommender ausführen, als sie es eigentlich verdienen.
Stehen die Deutschen genetisch links?
Politische Meinungen sind nie genetisch festgelegt. Der soziale Gedanke war in Deutschland immer populär. Er wurde von allen politischen Parteien und Konfessionen vertreten. Nicht zufällig waren Marx und Engels Deutsche. Sie haben auf die Spitze getrieben, was die meisten empfanden: dass Fürsorge Menschenpflicht ist. Wie Preussentum und Sozialismus zusammenhängen, hat Bismarck mit seiner Sozialpolitik gezeigt. Sie wurde in Europa vorbildlich.
Was unterscheidet die Deutschen nach 1945 fundamental von den Deutschen vor 1945?
Das Volk ist dasselbe. Es gibt zahlreiche Traditionen, die diesen Bruch überdauert haben. Aber nach 1945 haben die Deutschen, wie ich meine, endgültig, Abschied genommen von grösseren politischen Ambitionen.
Ist es berechtigt, den Deutschen so etwas wie Grössenwahnsinn vorzuwerfen?
Ich halte solche Thesen für wenig hilfreich. Wenn Sie sich spanische Bauwerke, etwa den Escorial, anschauen oder Versailles in Frankreich, könnten Sie mit Blick auf diese Völker zu ähnlichen Schlüssen kommen. Es gab bei den Deutschen immer den Widerspruch zwischen Kleinräumigkeit, Heimatgefühl und dem Wunsch nach der umfassendsten geistigen Ebene. Politisch wurde das nie umgesetzt. Es wäre auch unsinnig gewesen, das Römische Reich wieder zu errichten oder die proletarische Weltrevolution anzustreben.
Es gab Historiker, welche die Deutschen als «nervöses Volk» kritisierten. Zu Recht?
Nein. Die Deutschen stehen zwischen den temperamentvollen Franzosen und den eher phlegmatischen Slawen vielleicht in der Mitte, aber die Mitte ist nicht der schlechteste Platz, wie schon Aristoteles bemerkte.
Welche germanischen Merkmale haben alle Zeiten und Brüche überstanden?
Das Aktionsbedürfnis, das Schaffenwollen, die Lernbereitschaft, die grundtrotzige Haltung, sich durchsetzen zu wollen, sich zu behaupten, man kämpft um jedes Tor im Sport, das steckt den Deutschen im Blut.
Haben wir einen wichtigen Aspekt des deutschen Nationalcharakters vergessen?
Ja! Die Liebe zum Sport. Die Faszination reicht bis in die kleinsten Dörfer. Es ist ja nicht zufällig, dass der Deutsche Sportbund zum grössten Verein der Welt avancierte. Die körperliche Ertüchtigung spielt eine gewaltige Rolle. Das geht schon auf Tacitus zurück. Sport war eng verbunden mit dem Kriegswesen. Zum deutschen Volkscharakter gehört die Liebe zur Bewegung. Die sportliche Leistung wiederum korrespondiert mit der geistigen Anstrengung. Bei den Engländern ist das auch so – da haben Sie das germanische Wesen.
Was ist die Summe aus all Ihren Studien zu den Germanen und den Deutschen?
Meine Haupterkenntnis ist, dass die Historie seit Ranke vielleicht einen falschen Akzent gesetzt hat. Wir haben den militärischen Teil der Geschichte immer für den interessantesten gehalten. Das Interesse an der Politik aber muss nicht dominieren. Auf dem Gebiet der Kultur haben die Deutschen viel mehr geleistet, und auf diesem Gebiet sollten sie weitermachen.

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