In seinem ausgezeichneten Buch «A Mighty Fortress» geht der amerikanische Harvard-Historiker Steven Ozment der Frage nach, warum die Deutschen in ihrer Geschichte den Wert der Ordnung und der Disziplin immer höher eingestuft haben als die Freiheit. Was den Deutschen oft als Charakterfehler ausgelegt wird, deutet der Geschichtsforscher als das Ergebnis einer geografisch und damit geopolitisch schwierigen Mittellage des Landes im Zentrum Europas. Die deutschen Gebiete waren über Jahrhunderte Durchmarschzonen fremder Armeen und Beutejäger. Anders als die Insel England oder die vom Alpenriegel geschützte Schweiz, eine Art Ballenberg-Republik mit Hanglage, war Deutschland an mehreren Grenzen offen, verwundbar und nie abschliessend definiert, ein prekäres, instabiles, von aussen belauertes Gebilde. Die Deutschen haben gemäss Ozment das Prinzip der individuellen Freiheit nicht abgelehnt, aber aufgrund ihrer Geschichte fürchteten sie sich eher vor Anarchie als vor Tyrannei. Sie mussten schmerzhaft erfahren, dass nicht die Freiheit an sich, sondern unter gewissen Umständen eben Disziplin und eine sorgfältig aufrechterhaltene Ordnung einem Land und seinen Bürgern die Freiheit sichern.
Die Schweizer schauen mit einer Mischung aus Hochmut und Minderwertigkeitsgefühl auf ihren Nachbarn im Norden. In letzter Zeit verstärkten sich die Irritationen. Es begann mit einer anschwellenden Zuwanderung und einer immer merkbarer werdenden Präsenz von Deutschen im Land. Auf einmal ertappten sich auch die gebildeten Stände bei Überfremdungsängsten und Skepsis gegenüber Ausländern. Hinter vorgehaltener Hand gaben Mediziner, Anwälte, Manager und Geisteswissenschaftler, ja sogar Schriftsteller zu bedenken, dass sie für die neue leistungsfähige und oft für einen geringeren Lohn arbeitende Konkurrenz aus Deutschland nicht nur bedingungslose Liebe empfinden. Die Ressentiments zum Kochen brachten schliesslich die Interventionen des deutschen Finanzministers Steinbrück und seines Kollegen Müntefering, der die Schweiz am liebsten mit einer Eingreiftruppe beglückt hätte. Es ist verständlich, dass man sich im Kleinstaat über solche Einlassungen aufregte, dennoch war das auch vom Bundesrat geschürte Geheul im Grunde ein Ablenkungsmanöver. Im Steuerkonflikt Deutschland – Schweiz sind, wenn schon, nicht die deutschen Forderungen das Problem, sondern die vorauseilenden Kapitulationen der Schweizer Regierung.
In diesem Mai feiert die Bundesrepublik Deutschland ihr 60-jähriges Bestehen. Auf den Trümmern des Hitlerregimes, in einer apokalyptischen Ruinenlandschaft, deren Bilder noch heute eine kranke Faszinationskraft ausstrahlen, wurde eine stabile und erfolgreiche Demokratie errichtet. Ihre neue Verfassung, die sie provisorisch «Grundgesetz» nannten, gaben sich die Deutschen in einer Abstimmung des Parlamentarischen Rates am 8. Mai 1949 um 23 Uhr 55 mit 53 zu 12 Stimmen. Es war die Geburtsstunde einer Republik, an deren Dauerhaftigkeit nicht einmal die Verfassungsväter glauben mochten. Der halbierte Schrumpfstaat, der aus Not auf Prachtentfaltung verzichtete, erwies sich als Erfolgsmodell. Mit einer beeindruckenden Energie und mit bemerkenswerter Leidensfähigkeit schufteten und krampften sich die Deutschen zurück an die Weltspitze. Anfang der sechziger Jahre überholten sie mit ihrem Bruttosozialprodukt die Engländer. Mitte der siebziger Jahre konnten sie sich bereits wieder den Luxus eines aus dem Ruder laufenden Sozialstaats leisten. Dass die BRD nebenher auch noch die EU fast im Alleingang finanzierte und seit bald zwanzig Jahren die Kosten der Wiedervereinigung schultert, verstärkt den Respekt, den man als vom Krieg verschonter Schweizer den Deutschen entgegenbringen muss.
Die Bundesrepublik kann stolz auf ihre Geschichte zurückblicken. Die «verspätete Nation» (Helmuth Plessner) hat ihren Rückstand eindrücklich wettgemacht. Zwei grosse Herausforderungen sind zu bestehen. Innenpolitisch haben sogar die Sozialdemokraten erkannt, dass ihr Wohlfahrtsstaat nicht mehr finanzierbar ist. Der drohende Kollaps, der mit Abgabenerhöhungen hinausgeschoben wird, bedeutet eine enorme Belastung für den privaten Sektor. Es ist kein Zufall und für die Merkel-Regierung an sich ein Alarmzeichen, wenn jährlich noch immer bis zu 30 000 gut bis hervorragend qualifizierte Deutsche in die liberaler organisierte Schweiz abwandern.
Das Problem liegt darin, dass sich niemand an den Umbau herantraut. Als einer der wenigen unversehrten Traditionsbestände hat der deutsche Sozialstaat zwei Weltkriege und die Wiedervereinigung überlebt. Er ist, ähnlich wie die direkte Demokratie in der Schweiz, ein hochempfindlicher Strang der nationalen Identität. Reformen können, wenn überhaupt, nur mit grösster Behutsamkeit vorangebracht werden. Möglicherweise hat sich die CDU-Kanzlerin vor allem deshalb so stark nach links bewegt, um sich später mit mehr Rückendeckung den unvermeidlichen Sozialreformen zuzuwenden.
Aussenpolitisch entdeckt sich Deutschland neu als Mittelmacht. Noch immer stark verwurzelt im westlichen Bündnis, beginnt sich die BRD seit Schröder etwas freier zwischen den Blöcken zu bewegen. Obschon im bürgerlichen Lager heftig kritisiert, ist diese Strategie eigentlich gar nicht schlecht. Deutschland ist aufgrund seiner geografischen Lage geradezu prädestiniert, eine vermittelnde Rolle zwischen den Grossmächten einzunehmen. Mit Russland verbinden die Deutschen jahrhundertealte Beziehungen. Sie sind es sich als Kosmopoliten gewohnt, möglichst weitgefächerte Aussenbeziehungen zu unterhalten. DerAlarmismus der Amerikaner ist unberechtigt, wenn sich ihre deutschen Freunde ein paar Millimeter aus der Umarmung lösen.
Als Schweizer möchte man den Deutschen zum Geburtstag zurufen, sie sollten sich in Zukunft eher mehr als weniger an dem für ihre Finanzpolitiker so irritierenden Nachbarn im Süden orientieren. Nach ihrer grössten militärischen Niederlage, 1515 in Marignano, gaben die Eidgenossen alle aussenpolitischen Ambitionen auf und konzentrierten sich auf die Pflege ihres Wohlstands und ihres Staates. Es war die Stunde null der europäischen Grossmacht Schweiz und der Anfang des Kleinstaats in den Alpen, der sich mit Geschick zu einem der attraktivsten Standorte der Welt entwickelte. Deutschland als eine Art Magna Helvetia, liberal, stark in Wirtschaft und Wissenschaft, zurückhaltend bis abstinent, was das politische Eigengewicht in der Welt betrifft? Berlin sollte darüber nachdenken.













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