Traumrest Natur

Dschungel der Grossstadt: Fotografie aus Bangkok von Peter Bialobrzeski. Bild: Peter Bialobrzeski

Es war einmal. Ein kleines Dorf in einem Pflaumenhain, wenige Hütten an einem breiten Strom, ein schöner Strom, ein fischreicher Strom, die Menschen, die an dem Wasser lebten, hiessen es Chao Phraya. Die Pflaumen waren süss, die Fische im Strom viele, und das Dorf wuchs an, wuchs zu einer Stadt. Das Wappen der Stadt, die blüht, wo einmal Bäume blühten, zeigt Indra, den König der Götter, der Gott des Sturms und des Regens, Indra, wie er auf Erawan sitzt, dem Elefanten mit den drei Köpfen.

In seiner Hand hält Indra einen Blitz. Es ist der Blitz, der dieses Bild erleuchtet hat, diese Fotografie hier aus Bangkok.

Ist es Tag, ist es Nacht? Die Stadt liegt in einer Amnesie. Die Stadt ist eine Alzheimerkranke. Egal, welche Uhrzeit die Zeiger behaupten: Die Stadt schläft nachts mit offenen Augen und hat auch tagsüber die Lider nur halb geöffnet. Mit jedem Lidschlag verliert sie die Erinnerung an ihre Vergangenheit, mit jedem Moment, der die Iris verdunkelt, mit jedem Bild, das auf die Netzhaut trifft. Und dort von ihr abfällt im Nu ins Vergessen. Es ist schwül und hell, es gibt zu keiner Stunde Gnade für niemanden, nicht für den Stein und nicht für den Baum. Hinter dem Vorhang seiner Lider träumt Bangkok von Pflaumen, von Fischen und von Elefanten, die drei Köpfe haben.
Ein fahles Mischlicht liegt über dem Traumrest Natur, den der Fotograf Peter Bialobrzeski aus Asien mitgebracht hat. Das Sonnenlicht in der Stadt als letztes grosses Anderes, Exotisches. Die Lichter der Grossstadt folgen im Unterschied zur Sonne keiner Richtung; die künstliche Sonne aus Natriumdampflampen, Autoscheinwerfern und angestrahlten Wolkenkratzern sind das eingeborene Licht von Bangkok.

Im Dschungel der Grossstadt hat Peter Bialobrzeski dieses Bild gemacht. Die Wolkenkratzer sind die grelle Urwaldlichtung; die Bäume sind die Schutzsuchenden, eingekreist, eingekesselt von der frenetischen Gefrässigkeit des Steins. Bialobrzeski fotografierte zur Abenddämmerung. Der Tag hängt noch erschöpft am Himmel, doch die Lampen brennen schon Löcher ins Zwielicht.

Das Paradies, natürlich, ist menschenleer. Adam und Eva haben vom Baum der Erkenntnis gegessen und sind dann in eine Wohnung umgezogen, die dem Paradies gegenüberliegt. Die Häuser strahlen wie flüssiges Licht. Dort haben sie einen Blick auf die Natur, wenn sie wollen. Wenn sie nicht wollen, ziehen sie den Vorhang und schalten den Fernseher ein.

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