Replik

Kollateralschäden der Liebe

Paare sollten das Schlafzimmer nicht teilen, stand kürzlich in diesem Blatt zu lesen. Das ist gefühlloser Unsinn.

Von Philipp Gut

Den Reaktionen nach zu schliessen, muss die Dunkelziffer hoch sein. Als die Weltwoche vor vierzehn Tagen ein Plädoyer für getrennte Betten publizierte, waren die Stossseufzer der Erleichterung unüberhörbar. All die heimlichen Getrenntschläfer, die mit Gewissensbissen ihrem nächtlichen (Nichts-)Tun nachgehen, fühlten sich endlich verstanden und akzeptiert.

Im Nachhinein wusste ich auch die Mimik eines Kollegen zu deuten, als ich an der Redaktionssitzung den geplanten Artikel mit dem Ausruf kommentierte: «Getrennte Betten, das ist doch höchstens etwas für Pensionierte!» Der Kollege, Mitte vierzig, konnte das Gesicht mit letzter Anstrengung zur Andeutung eines verkniffenen Lächelns verziehen. Später kam aus, dass er schon längst von seiner Gattin getrennt schläft.

Schmallippige Argumente

Man staunt über die Gründe, welche die of-fenbar im Trend liegenden Getrenntschläfer vorbringen.

Entertainer Jürgen von der Lippe nächtigt seit 27 Jahren auf Distanz zu seiner Ehefrau, «weil jeder Psychologe getrennte Schlafzimmer empfiehlt». Ein eher schmallip-piges Argument. Hat man je geliebt und gelebt, indem man den Ratschlägen psychologischer Literatur folgte? Klingt eher wie eine nachgereichte Rechtfertigung.

Ähnlich steril argumentiert Neil Stanley, Schlafforscher am Norfolk and Norwich University Hospital. Der Professor meint: «Das geteilte Bett ist lediglich eine kulturelle Norm, von keiner Wissenschaft gestützt. Feine Leute haben ihr Bett nie geteilt.»

Mr Stanley, es tut mir leid, dass ich mich nicht auf die Wissenschaft stütze, wenn ich mit und bei meiner Frau schlafe! Möge mir der heilige Geist der Wissenschaft vergeben, dass ich mich zu derart unakademischem Verhalten hinreissen lasse. Hier liege ich, ich kann nicht anders. Martin Luther hätte mir vielleicht den Segen gegeben.

Was Ihr zweites Argument betrifft, Mr Stanley, muss ich meinerseits zu einem kulturwis-senschaftlichen Exkurs ausholen. «Feine Leute haben ihr Bett nie geteilt.» Feine Leute haben auch nie aus Liebe geheiratet. Die Liebesheirat ist eine bürgerliche Erfindung, romantische Gefühle waren in adeligen Bio- grafien nicht vorgesehen. Ist es verwunderlich, wenn Zwangsverheiratete das Bett nicht teilen wollen?

Alles Glück der Welt

Ganz anders im Fall der wahren Liebe. Wer je das Gefühl in seiner Brust spürte, weiss es: Verliebte sind eine verschworene Gemeinschaft, eine Welt in der Welt. Sie möchten nur eines: beieinander sein, allein sein, weil sie sich selbst genügen. Das hat durchaus einen asozialen Zug, notfalls würde man selbst Katastrophen hinnehmen, Opfer und Tod der andern, wenn sie einen nur mit der einen und Einzigen zusammenbrächten.

Das gemeinsame Bett ist der Inbegriff weltabgeschiedener Zweisamkeit, die alles Glück der Welt enthält. Leute, ob feine oder nicht, die getrennt schlafen, mögen noch so viele «wissenschaftliche» Erklärungen bemühen – sie bezeugen mit ihrer einzelschläferischen Existenz, dass sie sich vom Ur-Impuls liebender Paare entfernt haben.

Wer getrennt schläft, hat weniger Sex

Den «Wunsch nach getrennten Schlafzimmern», hiess es in diesem Blatt, verschwiegen viele, «aus Angst vor der Reaktion» der Partnerin oder des Partners. Recht so. Was wäre das denn auch für ein Partner, der den Rückzug aus dem Universum unter der Decke mit Zustimmung quittierte? Es gibt da nur zwei Mög-lichkeiten: entweder Kränkung, wenn noch Restbestände der Liebe zucken. Oder Zu- stimmung, wenn die Lava erloschen ist.

Damit komme ich zum Punkt aller Punkte. Im Lob auf die getrennten Betten stand, es gebe «eine Reihe von handfesten Gründen, die für den Schlaf im eigenen Bett sprechen, und keiner von ihnen hat mit getrübter Liebe oder schlaff gewordenen Trieben zu tun». An anderer Stelle war zu lesen, «dass getrennte Schlafzimmer nur besseren Schlaf und keinesfalls selteneren Sex bedeuten».

Wirklich? Mit einem kleinen Gedankenexperiment möge jeder den Realitätsgehalt der Behauptungen prüfen. Haben Sie, als Sie in Ihrer Jugend mit Ihrer Liebe zusammenzogen, von Anfang an getrennt geschlafen? Vermutlich nicht. Haben Sie damals mehr Sex gehabt als heute? Vermutlich schon. Also.

Zum Schluss noch ein paar persönliche Bemerkungen.

Aufgrund nächtlicher Selbstversuche lässt sich feststellen, dass Männer und Frauen sehr wohl auf engem Raum zusammen schlafen können – wenn sie zusammen schlafen wollen. Notfalls reichen neunzig Zentimeter.

Und: Gemeinsam mit der Frau im Bett zu schlafen, kommt auch für Männer, die sich im Beruf, auf Fussballplätzen und Autobahnen hart und cool geben, einer emotionalen Frischzellenkur gleich. Es gibt individuell ausgeprägte Rituale des Einnistens und Einhakens, des Anschmiegens und Anmachens. Sie verleihen eine Kraft und Lebensfreude, die weder Eiweisspräparate noch Vitamintabletten ersetzen können.

Warum sollen Männer und Frauen das Bett teilen? Das letzte Wort soll meine Frau haben, die trotz aller notorischen Kollateralschäden wie Schnarchen und Einwicklen dem gemeinsamen Nächtigen huldigt. «Weil man sonst etwas verpassen könnte.» Sagt meine Frau.

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