-A  A  A+
29.04.2009, Ausgabe 18/09

Schweizer Design

Die Schweizer Macher

Das Chalet, der Sparschäler, die Bahnhofsuhr: Schweizer Designer haben sie erfunden und damit die Welt erobert. Heute sorgen die Enkel von Le Corbusier & Co. mit minimalistischen Möbeln für Furore. Schweizer Design hat seine Wurzeln in der Mentalität des Bergvolks.

Von Daniele Muscionico

Bilder: (1) Museum für Gestaltung Zürich, Designsammlung ZHdK, (2) Luc Swen, (3) Westermann, (4) Tiger Swiss, (5) Zena, (6) Wogg, (7) Thut Möbel, (8) Röthlisberger Kollektion.

Anzeige

Kennen Sie das Gefühl, nicht Herr Ihrer Möbel zu sein? Manche haben einen eigenen Willen: Der Teppich duldet nicht irgendein Sofa, der Tisch nicht einen beliebigen Stuhl, und das Regal würde am liebsten sofort in eine passendere Wohnung umziehen.

Wer Ähnliches erlebt und Hilfe sucht, findet sie an der internationalen Möbelmesse in Mailand, der weltweit grössten und wichtigsten ihrer Art. Die Van-Gogh-Ausstellung in Basel soll während fünf Monaten 500 000 Menschen erreichen. Die 24 Hallen in Mailand auf dem futuristischen Messegelände ausserhalb der Stadt standen letzte Woche sechs Tage offen – und wurden von über 400 000 Menschen gestürmt. Design boomt, Design ist die neue Religion. Vor allem in Asien, wo die Gründung eines Designmuseums zum Standortmarketing jeder Stadt gehört. Heute spielt Design eine ähnliche Rolle wie Kunst in den neunziger Jahren; Privatsammler wie François Pinault und Bernard Arnault haben Design längst in ihre Kollektionen integriert. Krise? Von welchem Designer gibt’s die schrillste Interpretation davon, war in Mailand die lauteste Frage.

Gewiss nicht von einem Schweizer Gestalter. Schweizer Design steht für das Gegenteil: für einfache, dabei raffinierte und effiziente Konstruktionen, gepaart mit einer hohen Qualität in Bezug auf Handwerk und Materialien. Swiss Design setzte in den 1930ern, dann in den 1950ern internationale Massstäbe, erlebt heute eine Renaissance und gehört zum Klassiker-Kanon. In der Designsammlung des MoMA in New York findet man sie alle, die Schweizer Gestalter oder Schweizer Hersteller, die Designgeschichte geschrieben haben: Le Corbusier mit seinen Sesseln und der Liege; Verner Panton und sein gleichnamiger Kunststoffstuhl; Max Bills Armbanduhren und die Bahnhofsuhr von Hans Hilfiker mit der charakteristischen roten Kelle am Ende des Sekundenzeigers.

Damit kein Missverständnis entsteht: Ohne Accessoire-Firmen, die sich dem Trend verschreiben, Alessi in Italien, Authentics in Deutschland, Wireworks in England, fehlt in der Schweiz die Voraussetzung für den Kult um Stardesigner. Erst Swatch gab uns in den achtziger Jahren zu verstehen, welche Wirkung extravertierte Inszenierung, Gestaltung und offensives Marketing haben. Doch allgemein gilt die ortsübliche Zurückhaltung noch immer. Denn Schweizer Design hat seine Wurzeln in der Schweizer Mentalität: Es geht auf den leisen Sohlen der Schweizer Tigerfinken (1938, Abb. 4), hat die Aura von Fleiss und Zuverlässigkeit, Lebensdauer und Zweckrationalismus. Zumindest gilt das für die Gralshüter Le Corbusier, Max Bill oder Willy Guhl.

Nur ein Schweizer, wenn auch mit amerikanisch-böhmischen Wurzeln, Alfred Neweczerzal, konnte einen so belanglosen Sparschäler erfinden, der noch immer millionenfach um die Welt geht, «Rex» (1947, Abb. 5); nur einem Schweizer Familienunternehmen, der ursprünglich als Uhrenfirma gegründeten Paillard & Cie, glückte eine so reduzierte Schreibmaschine, sechs Zentimeter hoch, 3,6 Kilogramm leicht, die «Hermes Baby» (1935, Abb. 1). Ein Ernest Hemingway wäre ohne seine «Baby» genauso hilflos gewesen wie John Steinbeck und Schriftstellergenerationen nach ihnen. Und dass die «Helvetica» eine raumsparende Erfindung eines Schweizer Typografen ist, von Max Miedinger (1957), mag im Grunde niemanden verblüffen. Die «Helvetica» ist die erste und einzige Schrift, welcher das MoMA je eine Ausstellung gewidmet hat.

Debatte über die gute Form

Heute sind die Enkel von Hilfiker und Hans Coray, dem Gestalter des längst Legende ge-wordenen Aluminium-Stuhles (Abb. 3) für die Landesausstellung 1939, auf einem ganz bestimmten Feld international erfolgreich: mit minimalistischem Mobiliar. Der Jüngste in Mailand nennt sein Label Luc Swen, ist Absolvent der Kunsthochschule ECAL in Lausanne und verblüfft mit puristischen Sofalandschaften und Kandelabern (Abb. 2). Die Älteren und bereits international Erfolgreichen heissen Alfredo Häberli, Jörg Boner, Atelier Oï, Frédéric Dedelley, Christophe Marchand, Martin Lotti (er arbeitet als Einziger dieser Reihe nicht in der Schweiz, sondern entwirft für Nike, zum Beispiel die «Air Max»-Serie) – und Hannes Wettstein, der 2007 verstorben ist. Wettstein war der Erste, der nach einer Baisse des Swiss Design Ende der siebziger Jahre unser Land mit seinen Entwürfen wieder in die übernationale Debatte über die gute Form brachte.

Und dort ist es nun wieder und verdient erste Preise, zum Beispiel dank Gestaltern wie Jörg Boner. An der Möbelmesse in Mailand holte er sich Applaus für einen Stuhl, an dem er vier Jahre getüftelt hatte, weich wie ein Turnschuh ist er geworden, ein Stuhl-Sneaker: «Wogg 42» (Abb. 6). Nur Mario Botta glaubt, dass ein schöner Stuhl überall dort weh tun muss, wo wir ohnehin nicht gerne hindenken.

Wogg steht für die Firma, die Boner während der Entwicklungszeit massgeblich unterstützt hat: Wogg aus den Initialen von Willi und Otto Glaeser, zwei Cousins, die ihre Schreinerei 1981 in Wogg umbenannten, um eine eigene, industriell gefertigte Möbelkollektion herzustellen. Heute arbeitet man hauptsächlich mit den Gestaltern Boner, Christophe Marchand und den interdisziplinären Newcomern des Atelier Oï; von der Arteplage Neuenburg für die Expo 02 über Schränke für Wogg bis zum Zeitungsständer für Ikea, alles kann für die Troika Aurel Aebi, Patrick Reymond und Armand Louis Thema sein.

Das Revolutionäre an Boners neuem Stuhl ist die Gestaltung und Verarbeitung des Textilbezugs, der ohne weiteres vom Holzgestell trennbar ist. Dafür hat der Designer eine neue Verarbeitungstechnik entwickelt, in «Wogg 42» trifft Handwerk auf Hightech, konkret: auf neueste Technologie aus dem Muotatal. Denn wo Swiss Design draufsteht, soll auch Swissness drinstecken. Und zwar traditionell von der innovativsten Art.

Es sind kleine, hochspezialisierte Firmen, die seit je die Zusammenarbeit mit Designern suchen: Lehni zum Beispiel, ursprünglich eine Spenglerei, bleibt ihrem Aluminium-Programm treu und bis zu seinem Tod dem Hausdesigner Andreas Christen verbunden, der die Produktepalette über Jahrzehnte um minimalistische Stücke erweitert hat. Oder die Schreinerei Röthlisberger, seit rund dreissig Jahren mit eigenen Kollektionen präsent: Wenn Röthlisberger in Mailand ausstellt, stehen dort die Entwürfe des Ateliers Oï im Zentrum, preisgekrönte Tische und Stühle auf filigranstem Holzgebein (Abb. 8).

Und wie präsentierte sich die Firma Thut in Mailand? Thut gestaltet das Schweizer Design seit bald einem halben Jahrhundert mit, und Benjamin Thut, Sohn des Gründers Kurt, stand höchstpersönlich zur Stelle, um die längst zum Klassiker gewordenen Möbel dem Publikum zu erklären. Nicht, dass für die Alu-Container und -Schränke, die Scheren-Betten (Abb. 7) oder -Tische eine Gebrauchsanweisung vonnöten wäre. Erklärungsbedarf herrscht nur in einer Hinsicht: Die Entwürfe sind nicht von 2009, sondern stammen teilweise schon aus den achtziger Jahren. Wenn Zeit keine Rolle mehr spielt, dann ist Schweizer Design am besten.

 

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 18/09
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Login mit Facebook        Registrierung

Schlagworte

design schweiz

Weitere Autoren

alle Autoren
Ausgaben