«Fotos lügen nie»

Es ist kaum möglich, irgendwo auf der Welt eine Zeitschrift aufzuschlagen, ohne darin seine Arbeit zu entdecken: Pascal Dangin, 38, retuschiert Bilder. In seinem Beruf ist er so etwas wie Karajan und Michelangelo in Personalunion.

Von Lars Jensen

«Man muss wissen, dass jedes Bild manipuliert wurde»: Pascal Dangin, Louis-Vuitton-Werbung mit Francis Ford und Sofia Coppola, Ausstellung von Patrick Demarchelier, Fotografie von Philip-Lorca diCorcia (im Uhrzeigersinn). Bilder: Boxstudios, Louis Vuitton, Boxstudios, Philip-Lorca diCorcia.

Es gibt Fotografen und Artdirectors, die behaupten, niemand habe in den vergangenen Jahren die Fotografie stärker beeinflusst als Dangin. Die Prominenten-Porträtistin Annie Leibovitz sagt über ihn: «Allein die Tatsache, dass Pascal mit mir arbeitet, gibt mir die Gewissheit, gut zu sein.» In Ausgaben von Vanity Fair, Vogue, Harper’s Bazaar und anderen Magazinen hat Dangin – inklusive Werbung – oft mehr als die Hälfte der Bilder bearbeitet. Seine Firma Box Studios beschäftigt hundert Mitarbeiter im New Yorker Meatpacking District. Wir treffen uns im Konferenzzim- mer. Ein untersetzter, lockenköpfiger Mann in dunkelblauer Strickweste und Jeans betritt den Raum und sagt mit französischem Akzent: «Wir haben leider nicht viel Zeit, mein Freund.» Der Fotoflüsterer raucht Kette.

 

Herr Dangin, wenn Sie ein Foto betrachten: Was sehen Sie?

Jedes Foto ist neu für mich. Jedes Bild bietet andere Herausforderungen. Bei einer Autowerbung gibt es ganz andere Probleme bei einem Porträt einer alten Frau. Aber es geht immer um ein Gefühl. Ich muss die ästhetische Balance finden.

Fällt Ihnen das schwer?

Manchmal bin ich bei der Produktion der Bilder dabei und bespreche die Komposition mit dem Fotografen. Da ist die Bearbeitung einfacher, als wenn ich fertige Arbeiten auf den Tisch bekomme.

Sie werden «Fotoflüsterer» genannt, weil Sie die Seele eines Bildes erspüren können.

Ich habe in Paris mit vierzehn Jahren begonnen, Haare zu schneiden. Dort lernte ich, innerhalb von Sekunden den Charakter des Kunden zu erkennen: verheiratet oder nicht? Glücklich oder unglücklich? Eigentlich tue ich jetzt nichts anderes – nur analysiere ich statt Menschen Bilder.

Ist es schwierig, die Qualität zu halten?

Meine Mitarbeiter sind studierte Künstler, andere sind ehemalige Models. Wenn sie hier anfangen, gehen sie durch eine harte Lehre. Lernen erst monatelang Zeichnen und klassische Anatomie. Die Computertechnik begreift jeder in ein paar Tagen. Aber das Gespür für die perfekte Komposition lernen manche nie.

Wie sah Ihr Pensum für heute aus?

Ich habe die meiste Zeit mit einem Projekt für meinen Verlag Steidldangin verbracht: ein Buch über Guy Bourdin.

Was gibt es an einem Foto eines klassischen Fotografen wie Bourdin zu verbessern?

Ich rede nie von verbessern. So vermessen bin ich nicht. Ich arbeite mit dem Fotografen und nicht gegen ihn. Ich unterstütze, verfeinere, erkenne den Kern des Bildes. Bei Bourdin übertragen wir analoge Fotos ins Digitale und wollen die Atmosphäre nicht verändern. Manchmal ist es auch nötig, die Strukturen einiger Oberflächen anzupassen.Nichts spricht dagegen, ein Knie zu verkleinern, wenn es dem Sinn des Bildes nachhilft. Oder eine Ledercouch so abzubilden, dass man das Leder förmlich riecht.

Der Laie stellt sich die Arbeit des Retuscheurs relativ schlicht vor: Pickel verschwinden lassen und Brüste vergrössern.

Damit hat meine Arbeit nichts zu tun. Wenn ein Model einen Pickel auf dem Po hat, machen wir den weg, klar. Aber unsere Aufgabe ist viel komplexer. Es geht nicht um Brustvergrösserung. Manchmal unterstützen wir einen natürlichen Makel sogar, wenn er zum Gleichgewicht des Bildes beiträgt.

Was tun Sie, wenn der Kunde eine Brustvergrösserung verlangt, die Ihrem Gefühl fürs Bild widerspricht?

Wir sind Dienstleister und keine Künstler. Ich erfülle meistens die Wünsche des Kunden.

Von den Madonna-Porträts in Vanity Fair hiess es, die Arme würden Ihnen nicht gefallen, weil die Muskeln viel zu weich wirkten.

Ich hätte mir eine Spur mehr Wahrhaftigkeit gewünscht, aber sie wollte nicht zu hart wirken. Madonna war happy, das Magazin auch. Dann ist alles in Ordnung.

Im letzten Sommer gab es einen Skandal, als herauskam, dass Sie die Dove-Werbung bearbeitet haben. Die Firma hatte auf Natürlichkeit gebaut und impliziert, dass sie die Frauen auf den Bildern unverfälscht zeigt.

Kein Kommentar.

Lügt heutzutage jedes Foto?

Nein. Fotos lügen nie. Aber man muss wissen, dass jedes Bild, das wir in den Medien sehen, manipuliert wurde. Ich kenne keine Ausnahme.

Finden Sie das gut?

Weder gut noch schlecht. Haben François Boucher oder Jean Auguste Dominique Ingres die Realität naturgetreu abgebildet? Der Fotograf sucht sich eine Perspektive und ein Motiv, wählt die besten Bilder aus, und schliesslich gleiche ich die Farben ab und helfe ihm bei der endgültigen Komposition. Füge ein paar Haare am Arm hinzu oder entferne ein Muttermal auf der Stirn. Ein Bild entsteht durch eine Reihe subjektiver Entscheidungen.

Es gibt auch Fotografen wie Juergen Teller, der selbst für die Marc-Jacobs-Kampagne keinen Pixel an seinen Fotos ändert.

Das ist in Ordnung. Ich mag Juergens Arbeit. Aber wir sollten nicht so tun, als sei Bildbearbeitung ein neues Phänomen. Retuschiert wird, seit es die Fotografie gibt.

Wann haben Sie Ihre Obsession fürs Bilderbearbeiten entdeckt?

Das französische Militär entliess mich nach drei Monaten, weil es nichts mit mir anfangen konnte. Ein paar Wochen danach zog ich nach New York. Es war der Neujahrstag 1989. Zuerst arbeitete ich als Friseur auf Fotoproduktionen. Damals begannen wir, Personal Computer bei der Arbeit zu benutzen. Mich hatte Technik immer fasziniert, also lieh ich mir nach Feierabend den PC eines Freundes. Tagsüber stylte ich Haare, und nachts brachte ich mir das Programmieren bei. Bald kamen die frühen Versionen von Photoshop und ähnlichen Programmen auf den Markt, und ich spielte mit ihnen, bis ich die Möglichkeiten ausgeschöpft hatte, bis ich alle Tricks beherrschte.

Arbeiten Sie mit handelsüblicher Software?

Für die meisten Jobs ist die Version von Photoshop ausreichend, die auf jedem Apple-Computer vorhanden ist. Es kommt ja weniger auf die Technik an als auf den Verstand und das Gespür der Person, die sie anwendet. Wir beschäftigen ein halbes Dutzend Informatiker, die uns helfen, für spezielle Fälle die passenden Lösungen zu haben. Unsere neueste Erfindung ist ein Programm namens Photoshoot.

Was kann das?

Es fügt dem Bild eine Dimension hinzu, die durch die Digitalisierung verlorenging: eine Art Patina, die die verschiedenen Filmfabrikate dem Foto verliehen haben. Digitale Fotografie ist toll, aber sie wirkt auch als der grosse Gleichmacher.

Die Fotobranche steht vor einer epochalen Krise. Machen Sie sich Sorgen?

Die Bilder werden in Zukunft vielleicht mit weniger Aufwand produziert, aber an der Bearbeitung sparen die Auftraggeber nicht. Wenn Sie zusammenrechnen, was Agentu-ren, Models, Fotografen verdienen, ist mein Honorar doch ein Taschengeld.

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