-A  A  A+
22.04.2009, Ausgabe 17/09

Editorial

Rassismus

Die Genfer Konferenz ist ein Instrument der Kriegführung. Die Schweiz wird durch ihre falsche Aussenpolitik in fremde Konflikte hineingezogen.

Von Roger Köppel

Anzeige

Die Aufregung ist gross, die Medien sind entsetzt. Der ungeschickte Auftritt des Schweizer Bundespräsidenten Merz mit dem iranischen Holocaust-Leugner Machmud Achmadinedschad hat in Israel Verstörung ausgelöst. Amtskollegin Calmy-Rey bemühte sich, die Wogen zu glätten, doch die Bilder bleiben: In Genf hetzt der iranische Mullahpolitiker gegen den Judenstaat. Mehrere Diplomaten verlassen den Saal, die Schweizer Delegation verharrt auf ihren Sitzen. Wenn Politik auch die Kunst ist, Signale zu vermeiden, die man nicht aussenden will, dann hat sich die Berner Diplomatie ins Abseits manövriert. Es verfestigt sich der Eindruck, dass die Eidgenossenschaft eine seltsame, eine verwirrende, auf jeden Fall eine mit der langjährigen Neutralität und Zurückhaltung des Landes unvereinbare Position einnimmt.

Calmy-Rey glaubt, Konflikte liessen sich an Konferenzen und runden Tischen wirksam entschärfen. Vor allem dank ihrem Engagement ist der Uno-Menschenrechtsrat geschaffen worden, und man kann davon ausgehen, dass die geistig eng mit dem Rat verwandte Genfer Rassismustagung von unserer Aussenministerin als wichtige Bühne zur Befriedung der Welt empfunden wird. Es ist fast rührend, mit welchem Nachdruck sich Calmy-Rey der Illusion hingibt, dass sich Drittwelt-Potentaten und Fundamentalisten durch Zureden und Erklärungen zivilisieren lassen. Die Realität in Genf war eine ganz andere.

Der Auftritt des iranischen Präsidenten machte einmal mehr und wenig überraschend deutlich, dass die Menschenrechtskonferenzen der Uno nicht Plattformen der Völkerverständigung und des Dialogs sind, sondern Instrumente der Kriegsführung zwischen verfeindeten Staaten. Dankbar und geschickt nützte Achmadinedschad das ihm dargebotene Forum zur Anprangerung und moralischen Herabsetzung seines Erzgegners Israel. Die Rassismuskonferenz war die Fortsetzung des iranischen Propagandakriegs mit den Mitteln der Massenkommunikation und dem Heiligenschein der Uno.

Journalisten, die an den Sinn solcher Tagungen glauben, bezichtigten den Mullahpolitiker des Missbrauchs einer an sich segensreichen Einrichtung. Die Einschätzung ist falsch. Es liegt in der Natur der Sache, dass Rassismuskonferenzen dazu benützt werden, die jeweils andere Seite des Rassismus zu beschuldigen. Die Iraner verfluchen die Israelis. Die Israelis kritisieren die Iraner. Die Palästinenser klagen die Israelis an, von denen sie ihrerseits aufs schärfste angeprangert werden. Vor allem der Nahostkonflikt ist eine unerschöpfliche Quelle wechselseitiger Verunglimpfungen, die dank einer Rassismus- oder Menschenrechtskonferenz wie mit einem Megafon in die Welt verbreitet werden können.

Nichts, aber auch gar nichts an einer Rassismustagung dient der Bekämpfung des Rassismus, was immer man darunter verstehen will. Die Iraner sind nicht mit dem Motiv nach Genf gereist, sich über die Steinigung untreuer Ehefrauen, antisemitische Karikaturen oder die religiös motivierte Ermordung Homosexueller zu unterhalten. Sie kamen mit der Absicht, antiisraelische Attacken zu entfesseln und die Stimmung anzuheizen. Wenn afrikanische Staaten im Uno-Menschenrechtsrat auftreten, geht es weniger um Klitorisbeschneidungen als um Reparationszahlungen der USA. Indem sich die Uno für solche Rituale hergibt, verschärft sie die Konflikte, die sie eigentlich beenden will.

Menschenrechtsräte und Rassismuskonferenzen sind nicht harmlos. Als Schlachtfeldersatz bilden sie hochpolitische Gefechtsräume, die einen Kleinstaat wie die Schweiz enormen Risiken aussetzen. Einst galt der eidgenössische Leitsatz: Mischt euch nicht in fremde Händel ein. Neutralität hiess die kluge Strategie, sich nie an Konflikten Dritter zu beteiligen, aber auch im Frieden auf Distanz zu bleiben gegenüber andern Mächten. Das gab der Schweiz Freiräume in den Aussenbeziehungen, aber auch Respekt. Gerade weil sie sich draussen hielt, war die Schweiz gefragt als Vermittlerin zwischen den Fronten. Die oft zitierten guten Dienste waren immer auch das Resultat einer anspruchsvoll interpretierten Neutralitätspolitik, die den Politikern Diskretion und den Mut zum Abseitsstehen abverlangte.

Dieses anspruchsvolle Denken hat sich in den Amtsperioden der Bundesräte Cotti und Calmy-Rey weitgehend verflüchtigt. Unter dem Label «aktive Neutralität» soll die Schweiz kamerasüchtig auf der Weltbühne inszeniert werden. Der neue Aktivismus schadete der Glaubwürdigkeit massiv. Unberechenbarkeit kam auf. Den völkerrechtswidrigen Angriff auf das Kosovo begrüsste der Bundesrat, der völkerrechtswidrige Angriff auf den Irak wurde einhellig verdammt. Warum? Unbedarfte Nahostinitiativen verstimmten Israel und die USA. Auf einmal gab die Berner Kollegialbehörde Kommentare und moralische Zensuren zum Weltgeschehen ab. Der Moralismus fällt auf die Schweiz zurück. Wer global den Gutmenschen spielen will, darf seine Diplomaten nicht im Saal sitzen lassen, wenn ein Holocaust-Verneiner gegen Israel vom Leder zieht.

Auf den moralisierenden Menschenrechts- und Rassismusplattformen der Uno verstrickt sich die Schweiz unnötig in fremde Händel. Es stimmt zwar, dass die Konferenzen keine rechtlichen Verpflichtungen mit sich bringen, aber sie zwingen ihre Teilnehmer zu politischen Stellungnahmen. In hochumstrittenen Auseinandersetzungen kann jedes Wort, jede Geste, aber auch jede Unterlassung als Parteinahme, als Bruch der Neutralität interpretiert werden. Warum sollte sich die Schweiz das antun?

Nehmen wir nur das aktuelle Beispiel: Natürlich darf die Schweiz als Mandatsträgerin den iranischen Präsidenten empfangen. Vor dem Hintergrund einer Rassismuskonferenz allerdings, die Teheran als Waffe eines Propagandakriegs benützt, wirkte das Zusammentreffen der Staatsoberhäupter wie ein informeller Beistandspakt.

Weit davon entfernt, einen Beitrag zur Friedenssicherung zu leisten, bringt die aktivistische Menschenrechts- und Antirassismusagenda unserer Aussenministerin die Schweiz in die Gefahrenzonen der Weltpolitik. Ein Kleinstaat kann es sich nicht leisten, seine Spielräume durch einen falschen aussenpolitischen Eifer einzuengen. Moralische Autorität entsteht nicht durch Teilnahme an Konferenzen, die den Krieg mit anderen Mitteln fortsetzen. Wer sich nicht einmischt, lebt sicherer und freier. Es gibt keinen Grund, diese uralte aussenpolitische Weisheit über Bord zu werfen.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 17/09
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Registrierung

turik     03.05.09 23:24

"Der Iran hat erstmals mit einer konkreten Zielnennung die Zerstörung Israels angekündigt. Das israelische Fernsehen zeigte ein Interview mit dem iranischen Generalstabschef Attalah Salihi. Er kündigte eine "Zerstörung Israels innerhalb von elf Tagen" an.

Der Arabienexperte Oded Granot erklärte dazu: "Noch nie haben wir eine so klare und offene Ankündigung des Iran gehört." Zwar habe Präsiden Mahmoud Ahmadinedschad die Vernichtung Israels immer wieder "in großen Zügen und als politisches Ziel" angekündigt, doch noch nie so konkret und mit Zeitangabe, wie es Salihi getan habe."
- - - - - -
Das ist von heute 3. Mai 09 in n-tv.
Jetzt müssen Calmy-Merz rasch nach Teheran und einen Krieg verhindern. Die können das, ga

Eleonora     29.04.09 22:26

Sali Chateau

1/2

"Anderseits würde ich verstehen dass diese Länder von den Westlern einheimische Kleidung ...verlangen könnten."

Du siehst das richtig. Es ist jedoch meilenweit von den Tatsachen entfernt. Wir Westler verlangen, dass wir uns in jedem Land, wo wir uns gerade aufhalten, so kleiden koennen, wir wir das wollen.

Um bei unseren ewigen Zankapfel zu bleiben: die islamischen Laender muessen akzeptieren, dass die Frauen halb- bis dreiviertelnackt rumlaufen, am Strand und am Pool den Busen zeigen und sich die Paare in der Oeffentlichkeit kuessen und begrapschen.

Wir haben in saemtlichen reinmuslimischen Laender durchgesetzt, dass wir Kirchen (mit Tuerme) ueberall hinstellen wollen und koennen, obscho

Eleonora     29.04.09 22:25

2/2
Das alles geht unter Religionsfreiheit, Freiheit der Selbstbestimmung, Demokratie, Kulturaustausch, Toleranz und Moderne bestenfalls ... und was der schoenen Dinge mehr sind.

Aber wir sind nebst den Schuhen und raufen uns die Haare und schreien nach Verboten, wenn die islamischen Frauen – und ausschliesslich die – eines der Gebote ihrer Religion, namentlich das Kopftuchtragen, befolgen wollen.

Dann ist ploetzlich nichts mehr mit der hochgelobten und eingeforderten Religionsfreiheit, Freiheit der Selbstbestimmung, Demokratie, Kulturaustausch, Toleranz und Moderne – aber auch solche Verbote gelten natuerlich nur fuer die Muslims. Die Sikhs, Juden, Christen, Buddhisten et al … die duerfen sich natuerlich weiterhin so kleiden, wie sie wollen.

Christine     29.04.09 22:17

Noch ursprünglicher war dieses Zitat von C. Sandburg: ""Sometime they'll give a war and nobody will come." - Carl Sandburg,

der hier ein gesellschaftsbeobachtendes Stimmungsbild spricht über die Zeit der Grossen Depression im Amerika der 30er:

http://www.youtube.com/watch?v=woAtxjlA2ZE

Eleonora     29.04.09 21:58

@Ikarus

Lies meinen Beitrag nochmals, u.a. sage ich da: "Und bis wir von den Mutawwa (sogen. "Religionspolizei") nicht mehr angepoebelt werden, muessen wir das halt verstecken." Ich dachte, das wuessten heute alle, dass Saudi (nebst Iran, das sehr loker geworden ist) als einziges islamisches Land noch Kleidungsvorschriften fuer Frauen aufrecht erhaelt. Scheint noch nicht bis Hintertupfingen vorgedrungen zu sein.

@Henry

Da du als nichtmuslimischer, maennlicher Westler ganz genau aus eigener Erfahrung weisst, lassen wir das ... "Korrekte Antwort: Erniedrigt." ... mal so stehen, weil es so schoen logisch ist und Sinn macht.

In einem moechte ich dir aber widersprechen, wenn ich darf: "religioeser F

chateau     29.04.09 19:08

HenryVIII und Eleonora:
Ich möchte die Sache ja nicht weiter zuspitzen. Ich bin klar gegen das Tragen all dieser Kopftextilien bei uns.Ich bin da für Anpassung wg. der schieren Menge von Zuwanderern aus diesen Ländern.
Anderseits würde ich verstehen dass diese Länder von den Westlern einheimische Kleidung, also nicht Hosen und Tschopen, sondern diese Nachthemdartigen Kleidungsstücke, verlangen könnten.
Das wäre nur korrekt.

HenryVIII     29.04.09 16:37

@ ikarus:

Wir sollten Eleonora jetzt nicht weiter bedrängen.
Vor lauter Widersprüchen, Ungereimtheiten und religiösem Fanatismus, weiss die Arme gar nicht mehr wo ihr Kopf steht.

HenryVIII     29.04.09 16:34

@ Eleonora:

"wie sich jene zu fuehlen haben unter dem Kopftuch, dem Tschador, der Abayya, der Burka ..."

Korrekte Antwort: Erniedrigt.

Also Schluss mit der Diskussion. Tatbeweis ist angesagt.
Weg mit dem Kohlesack und dem Kopftuch.

ikarus     29.04.09 16:34

@Eleonora
Wenn Kopftuch, Tschador, Abayya und Burka von den Musliminnen freiwillig und gerne getragen werden, warum entledigen sie sich denn dieser Kleidung sobald sie sich an Bord eines Flugzeug befinden?

Eleonora     29.04.09 16:15

@werni

"Es gibt kein christliches Kopftuch. Und die Nonnen haben eine Uniform und kommen aus unserem Kulturkreis. Sie tragen es nicht, weil der Papst es vorschreibt, sondern sie es wollen."

Na, dann nennen wir es halt das un-christliche Tuch, welches sich jede Frau im Vatikan ueberziehen muss - ist mir auch recht.

Moechte mal sehen, wie lange eine Nonne im Konvent bleiben duerfte, sollte sie sich weigern, die "heiligen" Kleider zu tragen. Na?

Interessant aber ist dies: "Sie tragen es nicht, weil der Papst es vorschreibt, sondern sie es wollen."

Sagen Sie. Und diese Aussage muss man einfach glauben... tu' ich auch.

Genau dieselbe Aussage in Bezug auf Musliminnen wird von d

Schnellzugriff  

Weitere Themen aus dem Dossier

Zur Dossier Übersicht

Meist ...

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist kommentiert

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist gelesen

Weitere Autoren

alle Autoren

Stöbern

Ausgaben